Cities of translators Polyphone Komposition — Die Übersetzungen von vertraut und fremd in den Strömen der urbanen Kommunikation
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Polyphone Komposition — Die Übersetzungen von vertraut und fremd in den Strömen der urbanen Kommunikation

Als ich das erste Mal nach São Paulo kam – 1984 –, hatte gerade der Karneval angefangen. Ich kannte niemanden, und die beiden einzigen Personen, deren Telefonnummern ich hatte, waren nicht in der Stadt. Alle Banken waren geschlossen und würden (es war ein Donnerstag) erst in der folgenden Woche wieder öffnen. Im Italienischen Kulturinstitut in der Rua Frei Caneca händigte man mir den Schlüssel einer kleinen Privatwohnung in derselben Straße aus. Ich wusste nichts von der Möglichkeit des Geldwechsels mit Dollar auf dem Schwarzmarkt, und daher befand ich mich in finanziellen Schwierigkeiten, da ich keine Cruzeiros bekommen konnte. Die Angestellte des Italienischen Kulturinstituts, wohin ich kurz darauf zurückkehrte, um mir Geld zu leihen, erbarmte sich meiner, verwechselte mich allerdings mit dem üblichen Touristen in Geldnöten – wie sie mir später gestand, nachdem sie zu ihrer Überraschung mein Foto in der Folha de S. Paulo gesehen hatte. Mit diesen wenigen Cruzeiros, die mich in einer für mich neuen Situation retteten, konnte ich lediglich, nicht ohne etliche Schwierigkeiten, „überleben“.

 

Die Einsamkeit in einer großen Metropole kann als mehr oder weniger erträglich empfunden werden, je nachdem, wie sensibel man ist; doch wenn diese Metropole von jener karnevalesken Erregung erfasst wird, die Brasilien charakterisiert, ist die Erfahrung des Ausschlusses einfach nur schmerzhaft. Das Erste, was ich mir kaufte – und bis heute aufbewahrt habe –, war ein Stadtplan. Doch anstatt mir zu helfen, machte er meine Verwirrung nur noch größer; ich hätte nie gedacht, dass São Paulo so riesig und zugleich so behäbig ist. Jeder Stadtplan bildet „seine“ Metropole ab, aber diese war und ist eine so große Stadt, die Stile und Bezugspunkte in derart übersteigerter Weise übereinanderschichtet und mischt, dass einem „Fremden“ wie mir mit zur damaligen Zeit äußerst dürftigen Portugiesischkenntnissen gar nichts anderes übrigblieb, als (abgesehen davon, dass er zur Bewegungslosigkeit verurteilt ist), verwirrt zu sein. Denn der Stadtplan war so riesig, dass es ebenso unmöglich wie sinnlos war, ihn auf der Straße ganz auseinanderzufalten. Es war, als würde die Karte mit dem Gebiet zusammenfallen, anstatt eine symbolische Rekonstruktion zu sein, was mich zur Verzweiflung brachte oder eben verwirrte. Und ebendiese Verwirrtheit war weniger eine Entscheidung, sondern führte dazu, dass ich mich völlig dem Strom der Gefühle überließ.

 

Sich in einer Stadt zu verlaufen ist mit Sicherheit nicht schwer, aber in São Paulo ist es einfach nur schwindelerregend. Meine Stadt – Rom – gewohnt, die man am besten kennenlernt, indem man sie zu Fuß durchstreift, beschloss ich, die gleiche „Sprache“ auch hier zu benutzen, und machte mich zu Fuß auf den Weg; und so versuchte ich, auf die falsche Karte setzend, das Gebiet von São Paulo in den Griff zu bekommen. Auf die falsche Karte setzend, weil São Paulo – wie ich später begriff – nicht nur zu groß ist, sondern sich nicht nur über den öffentlichen Raum, sondern mindestens ebenso sehr auch in seinem privaten Raum erschließt; und in den, vor allem nächtlichen, Streifzügen mit dem Auto über die „internen Autobahnen“. Öffentlich, privat, Bewegung sind Quellen gegensätzlicher kognitiver Wahrnehmungen. Ich lernte sehr schnell, dass diese „Großstadt“ sich erschließt, indem man drei Rhythmen des Verhaltens und der raum-zeitlichen Kontrolle miteinander abwechselt: die sonntägliche Bewegungslosigkeit, die nächtliche Hypergeschwindigkeit und die Langsamkeit des einsamen Spaziergangs. Jede dieser drei Dimensionen entwickelt eigene Beobachtungsweisen, deren Endergebnis das Netz ist, durch das sich der großstädtische Strom darstellen lässt.

 

Und doch war langfristig gesehen das Durchstreifen der Stadt mit der Karte in der Hand ein nützlicher Fehler, denn im Unterschied zu Rio de Janeiro ist das soziale Leben auf der Straße wenig aussagekräftig – insofern es sich vorwiegend zwischen Privathäusern, Shopping Centern, Szenelokalen und Kulturzentren abspielt. Daher fing ich an zu beobachten, wie die Stadt mit ihren Gebäuden, Straßen, Ladenschildern, Geschäften und dem Chaos eines maßlosen Verkehrs kommuniziert. Bereits aus diesen Beobachtungen zeichnet sich das Bild einer Stadt ab, die mit unterschiedlichen Stimmen kommuniziert, die alle gleichzeitig präsent sind: eine Stadt mit einem polyphonen Chor, in dem unterschiedliche musikalische Wege, Klangmaterialien oder zudringliche Geräusche sich kreuzen, aufeinanderprallen und verschmelzen, mit dissonanten Fluchtlinien.

 

Die Unmöglichkeit, zu Fuß riesige Teile des Stadtgebiets zu durchstreifen, veranlasste mich, ein paar Areale unter einem auf das Staunen gegründeten qualitativen Blickwinkel auszuwählen. Auf diese ausgewählten Orte konzentrierte ich Blicke und Spaziergänge, um die ersten Arbeitshypothesen, die Auswahl der Indikatoren und sogar eine spezifische Methode für die Darstellung der Stadt zu entwickeln, während vor meinen Augen die charakteristischen Codes von Straßen, Gebäuden oder ganzen Vierteln allmählich immer klarer hervortraten. Ich bin überzeugt, dass es nur unter einer Bedingung möglich ist, eine mehr oder weniger präzise Methode der Untersuchung der urbanen Kommunikation zu entwickeln: wenn man sich verlaufen will, wenn man es genießt, sich zu verirren, wenn man akzeptiert, fremd, entwurzelt und isoliert zu sein, bevor man sich eine neue großstädtische Identität re-konstruieren kann (Benjamin). Entwurzelung und Entfremdung sind grundlegende Momente, die – mehr auf sich genommen als vorherbestimmt – erlauben, sich auf die unvorhersehbaren und zufälligen Mischungen von rationalen, perzeptiven und emotiven Ebenen einzulassen, wie nur die Stadt-Gestalt sie zu verbinden weiß. Mit dem eigenen Blick die Kontraste zwischen dem Fremden und dem Vertrauten zu erfahren kann die spontane und staunende Kunst der urbanen Übersetzung, ihrer Codes fördern, die eine vorgebliche Normalität austricksen, die sich als ungeeignet erweist. Die Übersetzung als Transit zwischen Vertrautem und Fremdem, aber die Kunst, sich zu entfremden, ermöglicht es, das Andersartige zu verstehen.

 

Häufig bietet der entwurzelte Blick des Fremden die Möglichkeit, die Unterschiede zu erfassen, die der gezähmte Blick nicht sieht, weil er zu inwendig, zu festgefahren durch ein Übermaß an Vertrautheit ist. Gerade die Unterschiede sind ein außergewöhnliches Informationsinstrument, da sie, ausgewählt, gegliedert und wahrgenommen nach einem bestimmten Kriterium, dazu beitragen können, eine andere Art von Stadtplan zu zeichnen, mit dem sich die Verhaltensweisen der Metropole beschreiben lassen. Die Stadt im Allgemeinen und die urbane Kommunikation im Besonderen sind vergleichbar mit einem Chor, der mit einer Vielzahl selbständiger Stimmen singt, die sich kreuzen, in Beziehung zueinander treten, sich überlagern, sich isolieren oder miteinander streiten; folglich besteht die Methode der Wahl darin, „vielen Stimmen eine Stimme zu geben“ und eine polyphone Annäherung zu erproben, durch die sich ein und derselbe Gegenstand darstellen lässt: eben die urbane Kommunikation.

 

Die Polyphonie steckt im Gegenstand und in der Methode.

 

Und daher erweist sich der vermeintliche Gegenstand als zusammengesetzt aus zahlreichen urbanen Subjekten. Die Avenida Paulista gleicht einer Person, die durchdrungen ist von zahlreichen Identitäten. Sie wurde ein Teil von mir, wie ihre mythische Kreuzung mit der Rua Augusta, für mich die Königin aller Straßen. Ich liebte sie von Anfang an sehr, durchstreifte sie zu jeder Uhrzeit zu Fuß und erlebte sie mit dem Staunen des Fremden und der Liebe des Einheimischen. Sie, meine Augusta, ist eine für paulistanische Verhältnisse ziemlich schmale Straße; sie beginnt im reichsten Viertel, Jardins, wo es noch die Gärten gibt, die man früher in der ganzen Stadt antraf. Von dort aus führt sie hinunter und öffnet sich seitlich auf Geschäfte, Kinos, Banken, Restaurants, mit denen die Unterschiede beginnen. Wenn man an die magische Kreuzung mit der Paulista kommt, erreicht dieser Stil den höchsten Punkt und beginnt zugleich seinen Abstieg. Denn die Avenida Paulista gleitet über eine espigão, den höchsten, flachen Punkt der Stadt, eine hochmoderne und attraktive Linie, die diesen Teil der Stadt teilt, um ihre Macht zu feiern. Die Augusta überquert sie mit Mühe, um den Abstieg zum traditionellen volkstümlichen Zentrum zu beginnen; und hier erreicht sie den Höhepunkt ihrer faszinierenden Kontraste. Alles teilt sich mit seinem Gegenteil ihre Bürgersteige, auf denen ständig Leute unterwegs sind, die es eilig haben, irgendwohin zu kommen. Leben in der Nacht und Leben am Tag, private und öffentliche Universitäten, Prostitution und Evangelikale, sogar ein Elektrizitätswerk, avantgardistische und volkstümliche Lokale. Es wimmelt nur so von unzähligen Codes, die zu verstehen abenteuerlich ist. Die Rua Augusta atmet alle paulistanischen Miasmen und übersetzt sie in prächtigen Glanz.

 

Monopoly-Plan der Rua Augusta

 

Charakteristisch für die Stadt ist die Überlagerung von Melodien und Harmonien, Geräuschen und Klängen, Regeln und Improvisationen, deren Partitur den vorübergehenden Fluss der Oper mitteilt. Durch die Vervielfältigung der Annäherungen – die „Blicke“ oder die „Stimmen“ – an dasselbe Thema lässt sich die Darstellung des Gegentands/Subjekts der Forschung erreichen.  Das ist die Polyphonie: eine Erzählung mit ganz unterschiedlichen interpretativen Instrumenten, die jedoch alle auf ein unruhiges Paradigma zulaufen. Eine Erzählung, die zwischen urbanen Abstraktionen und verwirrten Gefühlen schwankt, zwischen Fotografien brutalistischer Gebäude, übereinander geschichteter Straßen und merkwürdiger Reklamen.

 

Die „polyphone“ Sprache war das wichtigste Ergebnis meiner empirischen Forschung: eine urbane Anthropologie gegründet auf die ethnographische Methode in São Paulo. Hier habe ich gelernt, Feldforschung zu betreiben, eine Mischung aus Fremdem und Vertrautem zu leben, jedes Detail mit mikrologischer Sensibilität zu betrachten, Verallgemeinerungen und Stereotypen zurückzuweisen, meine gefühlsmäßigen Reaktionen als Teil der Forschung wahrzunehmen, das Gefühl der Einsamkeit zu empfinden, während man sich in den Strömen der Metropole verliert. Allein sein in der Menge ist eine Kunst, die leidvoll, erregend und anödend ist. Reflexivität und Dialog drängen einem sanft ihre Methode auf; der Forscher tritt in einen Dialog mit seinen verschiedenen, häufig widerstreitenden inneren Ichs, deren Identitäten unkontrolliert die Feldarbeit beeinflussen, und denkt über sie nach.

 

Der Einsatz des Fotoapparats wurde zu einem wesentlichen Multiplikator von Sprachen; ich musste lernen, ihn nach Kriterien zu benutzen, die eher von der Praxis als von den Lehrbüchern vorgegeben wurden. Den Bildausschnitt wählen, den Blick schärfen, Blick werden, Auge-das-sieht und sich-sieht, jeden winzigen Unterschied erfassen; sich niemals Notizen vor Ort machen, sich die Überlegungen merken, um sie später zu Hause oder im Bus aufzuschreiben. Um Überfälle zu vermeiden, steckte ich den Fotoapparat in eine Plastiktüte, wählte den Bildausschnitt, holte ihn rasch heraus, machte das Foto und steckte ihn wieder zurück. Auf diese Weise lernte ich, indem ich schaute, auswählte und fotografierte, mit den zahlreichen Stimmen in Dialog zu treten, in denen Gebäude, Straßen, Schilder, Bäume und Dinge zu mir sprachen. Ich bin gegen das soziologische Interview, und das Durchstreifen der Stadt ließ mich erkennen, dass auch Gebäude, Straßen, Bäume Personen waren; daher gründet mein ethnographischer Dialog auf dem Erfinden von Gesprächen zwischen zwei Subjektivitäten durch das Erfassen der visuellen Codes.


McDonald’s in der Rua Henrique Schaumann

 

Es war eine befremdende und aufregende Erfahrung, mit der Pyramide der Macht an der Avenida Paulista zu diskutieren, in der die FIESP (Federação das Indústrias do Estado de São Paulo) die Finanzpolitik ganz Brasiliens mittels eines autoritären Architekturmodells und eines dichten Metallgitters an den Mauern verwaltet, das jeden Blick nach innen unmöglich macht; staunend vor einem McDonald’s in Gestalt einer mittelalterlichen Kirche zu stehen, mit einem kreisförmigen Eingang in Form eines Hamburgers und daneben einem echten Glockenturm mit dem klassischen „M“ an der Stelle der Glocken, um in das mistica-mastica initiiert zu werden, eine rhythmische Assonanz als Einladung zu visionären Veränderungen der Ernährung; das MASP (Museu de Arte de São Paulo) von Lina Bo Bardi zu bewundern, das sich vom Boden der Avenida Paulista erhebt zusammen mit den Körpern, die sich für die Kunst begeistern.

 

FIESP oder die Pyramide der Macht

 

Avenida Paulista

 

Mein fremder Blick schärfte sich mit dem Staunen, das Methode wurde: das methodologische Staunen. Staunen lernen bedeutet, dass mein ganzer Körper in einen Zustand der Durchlässigkeit versetzt wird, offen für das Unbekannte, um für überraschende Codes empfänglich zu werden, die meinen Erfahrungen vollkommen fremd und daher erwünscht sind. Ohne dass ich es während dieser Forschungsarbeit definiert hätte, beginnt das methodologische Staunen Teil meiner „Techniken“ der Selbstbeobachtung zu werden. Ich gebe zu, dass ich die Beobachtungsgabe immer schon für eine meiner besten Fähigkeiten gehalten habe. Und doch forderte der andere Kontext meine, zumindest eingebildete, „Kunst“ heraus. Mich zu beobachten, während ich beobachtete, wurde daher ein weiterer Spiegeleffekt, in dem ich mich treiben lassen musste, ohne die klassische, objektive und monologische Perspektive dieser Disziplin einnehmen zu können. Eine undisziplinierte Unruhe trieb mich, Standpunkte, darstellende Künste und urbanistische Fragestellungen, Literatur und Film, Werbung und Design miteinander zu vermischen. In diesem empirischen Prozess schälte sich der unerwartete Begriff der Forschung heraus: Polyphonie.

 

Rua Augusta

 

Rua Augusta

 

Polyphon ist das entscheidende Adjektiv, das die Forschung charakterisiert, die nicht mehr mit einer einzigen Stimme, einem einzigen Stil, einer sprachlichen Monologizität erzählt. Die Symmetrie (nicht Identität!) der vielfältigen Codes, die die Kommunikation inszeniert, die unterschiedlichen, häufig gegensätzlichen und noch chaotischeren Stimmen geltend machen, das ist die narrative Komposition, die mir die liebste ist. Wenn der empirische Kontext der Forschung polyphone Dissonanzen ausdrückt, muss man eine Klangkonstellation entwickeln, die ebenfalls polyphon und dissonant ist.

 

Der Übergang von der Industriestadt zur kommunikativen Metropole gründet sich auf den Wechsel zu einem neuartigen Modell urbanen Lebens, das eine kosmopolitische Bewegung über den existierenden Staat hinaus erzeugen könnte. Kosmopolitisch sein bedeutet, gleichzeitig in verschiedenen Städten zu leben dank der digitalen Allgegenwart, insofern die immaterielle Dimension der Kommunikation ubiquitäre Identitäten und transitive Staatsbürgerschaften hervorbringt, die nicht auf das Staatsgebiet beschränkt sind.

 

Michail Bachtin – sowjetischer Essayist gegen seinen Willen – schrieb einen Essay, der einen Teil der Anthropologen seit den 1980er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beeinflusste. Ihm zufolge etabliert sich die polyphone Erzählweise mit Dostojewski, insofern seine Romane ein anderes Kompositionsmodell entwickeln: Der Held ist nicht mehr eine Projektion des Autors, und die Nebenfiguren sind keine weiteren Entwicklungen des gleichen Sprachmodells; im Gegenteil, jede Person hat eine präzise Sprache, eine unabhängige horizontale Psychologie, eine eigene stilistische Subjektivität. Auf diese Weise etabliert die Polyphonie eine Komposition aus unterschiedlichen Stimmen, von denen jede ihre eigene radikale Subjektivität hat. Der Erfolg der Polyphonie bei einem Teil der Anthropologen ist nicht verwunderlich; auch die klassischen Texte der Disziplin haben eine solistische Stimme (der Anthropologe, der schreibt), während die Stimmen der anderen, Informanten und Einheimische, abwesend sind. Die akademischen Texte sind voller weißer Seiten, von denen die Stimmen, die Emotionen, die Intonationen, die Dialekte oder die Sprachen, ja sogar die Präsenz des anderen verschwunden sind. Der Autor und der Held haben sich in der Person des Anthropologen vereinigt. Er ist der Erzähler seiner selbst und der Held seiner Geschichte. Eine solche hierarchische Struktur des Schreibens muss zerbrechen. Und Bachtin hat all dies begünstigt, indem er die Stimmen des Romans des 19. Jahrhunderts analysiert hat.

 

Ich wähle die Fakultät für Architektur der Universität von São Paulo (USP) – erbaut von João Batista Vilanova Artigas – als extremes Beispiel für ein polyphones, libertäres, kosmopolitisches Modell, in dem und außerhalb dessen man sich undisziplinierte und innovative großstädtische Szenarien vorstellen kann. Die Bauweise und das Zusammenspiel von Wänden, Ebenen, Treppen und Hörsälen öffnet der Fantasie alle Möglichkeiten, das noch nicht Dagewesene zu entwerfen.

 

Innerhalb der Anthropologie und ihrer Methode – der Ethnographie – ist es möglich, narrative Formen zu erproben, die konzeptuelle Paradigmen, empirische Methoden und narrative Stile miteinander kreuzen. Die Polyphonie steckt in der Vervielfältigung der solistischen Stimmen, die vor Ort präsent sind, auf dem Geruch des Betons und auf der Konstruktion des Textes; sie nimmt Symmetrien zwischen heiseren Vokalismen, visuellen Exzessen, Kreuzungen zwischen analog und digital und verdrehten Schriften vorweg. Insofern finden sich Anthropologie und Architektur in einem unersättlichen Duett auf dem Weg zu einer genauen Vorstellungskraft, die Metropole kommuniziert.

 

Um die Polyphonie São Paulos zu sehen und zu hören, bin ich unzählige Male allein durch den Parque da Água Branca gestreift. Hier öffnen sich ständig unerwartete Blicke auf tropische Wunder. Denn hier erinnert sich die Stadt, dass sie tropisch ist. Majestätische seringueiras, Kautschukbäume, erheben sich zwischen Ästen und Lianen, die sie zu lieben scheinen; radschlagende Pfauen ziehen unvermutet die Aufmerksamkeit von Kindern und Erwachsenen auf sich; Hühner sitzen im Sonnenuntergang schlafend auf den Bäumen, als wären sie Früchte; modisch gekleidete Mädchen galoppieren über die Rennbahn; in Ballsälen tanzen Frauen und Männer zu herzzerreißenden Rhythmen ihre Jugend; eine Bibliothek im Freien bietet Räume für spielerische und pädagogische Aktivitäten; Lebensmittelmessen, japanisch-paulistanische Feste, Picknickbereiche, Modezentren, Paubrasiliabäume, die der Nation ihren Namen gegeben haben. Und unermüdliche Jogger, feiernde Familien, flirtende Paare, dribbelnde Junge, alte Leute, die in Erinnerungen schwelgen, Kinder, die Fangen spielen. In diesem Park tanzt die Polyphonie unzählige Geschichten einer Vitalität, die ihre Natur pulsieren lässt, eine tropische Kultur-Natur, die vor dem Verkehr, der sie bedrängt, beschützt werden muss.

         

Parque da Água Branca: Ausstellung über den Tod    

 

Parque da Água Branca: der Schlaf der Hühner

 

Parque da Água Branca: Straßenkunst

 

Bibliographie

 

Bachtin, Michail, Autor und Held in der ästhetischen Tätigkkeit, herausgegeben von Rainer Grübel, Edward Kowalski und Ulrich Schmid, aus dem Russischen von Hans-

 

Günther Hilbert, Rainer Grübel, Alexander Haard und Ulrich Schmid, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008 (bereits 1979 in Kunst du Literatur Heft 6 und 7 erschienen)

 

Benjamin, Walter, „Paris, Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ in Das Passagenwerk, herausgegeben von Rolf Tiedemann, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1882, S. 45-59 (französische Version S. 61-77)

 

Canevacci, Massimo, A Cidade Polifônica. Ensaio sobre a antropologia da comunicação urbana, São Paulo: Studio Nobel 2013; La città polifonica. Saggio sulla antropologia della communicazione urbana, Rom: Rogas 2018.

 


 

 

Massimo Canevacci ist Professor für Kulturanthropologie und für Digitale Kunst und Kultur an der Fakultät für Kommunikationswissenschaft der Universität La Sapienza, Rom. Seit 1984 lehrt und forscht er auch in Brasilien. Er war Gastprofessor an verschiedenen europäischen Universitäten, in Tokio und in Nanking. Seit 2010 unterrichtet er auch als Gastdozent in verschiedenen brasilianischen Städten wie Florianópolis (UFSC), Rio de Janeiro (UERJ) und São Paulo (ECA – IEA/USP - IED). Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen: Antropologia da comunicação visual (São Paulo, 2019; Milão, 2017); Lusophone Hip Hop. Urban Culture and Belonging (hrsg. R. Martins & M. Canevacci, Canon Pyon / Reino Unido, 2018); La città polifonica (Rom, 2018; 3.ed. São Paulo, 2013); The Line of Dust. The Bororo Culture between Tradition, Mutation and Self-representation (Canon Pyon, 2013); Fetichismos Visuales (Barcelona, 2018; 2.ed. São Paulo, 2013).

 

 

Michael von Killisch-Horn wurde 1954 in Bremen geboren. Von 1974 bis 1982 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität Romanistik, Germanistik und Deutsch als Fremdsprache. Er lebt als freier Übersetzer aus dem Französischen und Italienischen in München. Von 1988 bis 1996 war er Mitherausgeber der Zeitschrift Sirene. Von 1997 bis 2001 gab er zusammen mit Jost. G. Blum die Zeitschrift für Literatur und Übertragung metaphorá heraus. Im P. Kirchheim Verlag betreute er, zusammen mit Angelika Baader, als Herausgeber und Übersetzer eine Ausgabe der gesamten Lyrik Giuseppe Ungarettis (italienisch/französisch-deutsch) (1991-1993). 2012 erhielt er das Übersetzungsstipendium des Freistaates Bayern für die erstmals vollständige Neuübersetzung des Romans En route von Joris-Karl Huysmans. Seit 2013 regelmäßige Aufenthalte in Québec (Montréal, Gatineau, teilweise mit Stipendien). Im Herbst 2020 erschien ein von ihm zusammengestelltes Heft der Literaturzeitschrift die horen mit aktueller Literatur (Erzählungen, Lyrik, Essays) aus Québec.

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