Cities of translators Kyjiw Kyiv. Eine Antiführung
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Kyiv. Eine Antiführung

Bild aus unserer ersten Online-Sitzung.

Nelia Vakhovska: Als wir mit dem Projekt begonnen haben, kam gerade die zweite Corona-Welle, von der ersten hatten wir uns gerade ein bisschen erholt und sahen nun dem entgegen, was da kommen würde. Unsere Aufgabe erinnerte ein wenig an die Renaissance: Wir sollten eine Gruppe zusammenstellen und durch das ihnen unbekannte Kyiv führen, eine Stadt, mit der mich seit nunmehr zwanzig Jahren eine Beziehung verbindet, die sich wohl am besten mit “Odi et amo” beschreiben lässt. Leute durch die Kreise der osteuropäischen Hölle führen und hoffen, das Paradies nicht zu verpassen? Ich glaube, wir haben uns beide nicht als Vergil gesehen, diesen körperlosen boshaften Alten mit Kontrollzwang. Die Entscheidung war also eindeutig: Dialog statt Exkursion, Boccaccio und nicht Dante. Und wenn auch das Bankett nur virtuell stattfinden konnte, Geschichten erzählen konnten wir uns allemal.

Claudia Dathe: Gereizt hat mich an dem Projekt die Faszination, die von Städten ausgeht. Sie sind scheinbar offen und freizügig, lebendig und dynamisch, sie leben von der Bewegung, und doch verbergen sie vieles, was sie dann im passenden Moment – womöglich ungewollt – preisgeben. Genauso ein Text: Je nach Lebenssituation und Erfahrung kann er ungeahnte Zusammenhänge eröffnen und im Prozess des Übersetzens eine faszinierende Tiefe entfalten, die man beim bloßen Lesen nicht erreichen würde.

Zu Anfang habe ich mich gefragt, wie wir uns gemeinsam der Stadt nähern würden, ohne vor Ort zu sein. Ich habe selbst fünf Jahre in Kyiv gelebt. Mein Erfahrungshorizont reicht von der täglichen Arbeit mit den Studierenden über die Alltagsbeobachtungen in der U-Bahn und auf den hektischen Straßen bis zur Orangen Revolution mit fahnenschwenkenden Protestierenden und lauten Sprechchören. Ich hatte Herzklopfen, musste ich doch befürchten, dass eine Annäherung nur über Fotos, Texte und Zoom-Gespräche oberflächlich bleiben würde, zumal Kyiv keine Stadt ist, die in Deutschland in aller Munde ist, die man „gesehen haben muss“.

N.V.: Ausgehend von der Überzeugung, dass Übersetzen zuallererst Kommunikation ist, haben wir vier Übersetzer∙innen  aus Deutschland und der Ukraine eingeladen: Bettina Bach, Mark Belorusets, Sandra Hetzl, Claudia Sinnig, Olesja Kamyshknykova, Ija Kiva, Patricia Klobusiczky und Roksolana Sviato. Verständigt haben wir uns mit Hilfe unserer beiden Simultandolmetscherinnen Sofija Onufriv und Ludmila Shnyr.

Die Fotografinnen Dina Artemenko und Mila Hryhorenko haben für uns ein paar hundert Fotos von der Stadt gemacht. So nahm Kyiv im Lauf von fünf Zoom-Treffen in Gesprächen über unsere Erfahrung, über den Blick durch die Kameraobjektive,  die Vorträge eingeladener Expertinnen, den Streifzug mit der Übersetzerin Olena Sheremet und den Austausch von Fotos und Episoden über unsere Arbeitsplätze Gestalt an. Wenn wir uns persönlich getroffen hätten, hätten wir die Stadt natürlich anders erlebt, aber vielleicht ist sie gerade dank der technischen Beschränkungen zu einem Intertext geworden, der vielstimmig, kontrastreich und persönlich zugleich ist.

So sind wir uns im Zoom zum ersten Mal begegnet.

C.D.: Wir hatten uns vorgenommen, die ukrainische Sprache vorzustellen, sie aus dem Schatten zu heben und Lust an ihrer Literatur zu wecken. Plötzlich jedoch tauchten bei den deutschen Teilnehmerinnen viele Fragen auf, die sich aus dem Halbwissen speisten, das in Deutschland über die Ukraine kursiert. Lange diskutierten wir das Verhältnis von Russisch und Ukrainisch, Fragen von Identität, Diskriminierung, Instrumentalisierung, Suche nach Umgang in postkolonialer Zeit. Was wir zu hören bekamen, waren – jenseits objektiver Zäsuren – ganz individuelle Geschichten von Annäherung, Verletzung, Ideologisierung und Ausgrenzung. Wir überzogen den gesetzten Zeitrahmen und wussten nach jeder weiteren Episode, dass auch sie nur eine Facette war und wir noch viel mehr Geschichten würden hören müssen, um einem differenzierten Bild auf die Spur zu kommen.

N.V.: Für mich überraschend hat die digitale Annäherung, der Effekt der fehlenden Präsenz viele Anstöße zu Reflexionen geliefert. So nimmt uns Mark Byelorusets in seinem Essay “Das Haus an der Ecke Volodymyrska/Prorizna” mit in das dissidentische Leben der Kyjiver Intelligenzija in den 1970ern, Ija Kiva zieht feine Parallelen zwischen dem Leben als Übergesiedelte und dem Übersetzen, Olesja Kamyshnykova lässt die Leser∙innen in die Metapher des Textes als Stadt eintauchen, Patricia Klobusiczky zieht ein fundiertes poetisches Fazit unserer Treffen.  In ihrem Essay “Kyiv als meine Übersetzungsstadt” merkt Roksolana Sviato an, es gäbe in dieser Stadt so gut wie keine “Orte des Übersetzens” - weder spezialisierte Kultureinrichtungen noch informelle Orte für Zusammenkünfte, noch Artefakte der Erinnerung. Wir leben hier und ertappen uns häufig bei dem Gefühl, dass uns die Stadt als Ort der Verwurzelung, als Text verloren zu gehen droht. Das intensive Durchleben der Stadt in unseren Gesprächen, Texten, Fotos und Videos hat meinem Kyjiv wieder neu Substanz verliehen, hat die Stadt für mich wieder diachron und damit auch wieder übersetzbar gemacht. Denn was ist Übersetzung anderes als ein Prozess des Eintauchens und Verstehens? Und wenn Kyjiv auch keine Stadt ist, die Übersetzer∙innen mit offenen Armen empfängt, so ist es für mich doch zu einer Stadt des Übersetzens geworden.

C.D.: Patriсia hat in ihrem Text mehrfach das Gekachelte unseres Erlebens angesprochen, ich habe es beinahe schon ein bisschen vergessen. Wahrscheinlich weil es unser dominierender Alltag im Moment ist. Wahrscheinlich würde ich die digitale Begrenzung schlimmer empfinden, wenn wir das Projekt analog begonnen hätten. Durch unsere digitalen Begegnungen mit der Stadt hat sich unsere Phantasie beflügelt, wir können sie als großes Narrativ wahrnehmen, das wir beliebig ausschmücken, verändern, uns anverwandeln können.

К.Д./НВ. Zum Schluss möchten wir uns bei jenen bedanken, die nicht mit eigenen Texten oder Vorträgen im Vordergrund stehen, ohne die aber unser Projekt nicht gelungen wäre: Dina Artemenko und Mila Hryhorenko für ihre Fotografien und Aufnahmen der Videos, Sofia Onufriv und Ljusja Shnyr für das Dolmetschen, Sofija Onufriv und Susanne Macht für die Übersetzungen, Dina Artemenko für den Schnitt und die Untertitelung der Videos, Iryna Stasiuk für die Zeichnungen, Roksolana Sviato und Olena Sheremet für den Streifzug mit der Übersetzerin, Bohdan Lohvynovsky für graphische Gestaltung der Videos, Anna Vynnychenko für den Ton und die originelle Musik zu den Videos. Unser Dank gilt ebenso den Expertinnen Tanja Rodionova, Polina Horodyska, Natalka Lebedyntseva, die mit ihren Vorträgen unseren Blick geweitet haben. Last but not least bedanken wir uns auch bei Aurélie Maurin und Kathrin Bach von TOLEDO für die Inspiration, den Austausch und die technische Unterstützung. Danke an unsere acht tollen Übersetzer∙innen und ihre Bereitschaft, ihre Erfahrungen und Reflexionen mit uns zu teilen.

Am Eingang zur Kyiver U-Bahn-Station. © Dina Artemenko

Dieser Text erschien im Rahmen von Cities of Translators Kiew

Mai 2021

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