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Stadt, Übersetzen und Übersiedeln als Erfahrung

Ich bin eine zwangsweise Übergesiedelte. Aus Donezk. Ich und andere Übergesiedelte werden oft gefragt, ob Kyiv unsere Stadt ist. Das veranlasst mich jedes Mal, darüber nachzudenken, wann genau sich die wundersame Verwandlung vom Kürbis zur Kutsche, vom verstaubten, geplagten Aschenputtel zur Prinzessin vollzieht. Oder so: Wann verwandelt sich die Stadt aus einer Rohübersetzung in eine Arbeitsversion und von dieser in eine redigierte Übersetzung, in der du jeden Winkel, jeden dunklen Torbogen, jede Straßenlaterne erklären kannst.

Wenn dir auf einmal klar wird, dass du Kyiv als riesigen Text vor dir hast, den du erfassen und erklären musst, dann merkst du, dass du dir von der Stadt kaum mehr angeeignet hast als den Grundwortschatz: Khreshchatyk, Podil, Lavra, Dnipro, Sophien-Kathedrale … Aber aus diesen einzelnen Wörtern lassen sich keine Sätze, Wendungen und Absätze bilden. Als Übergesiedelte findest du dich also in der Situation einer Anfängerin im Übersetzen wieder, die ständig mit ihrer Unsicherheit zu kämpfen hat und ins Wörterbuch schauen muss. Aber das reicht nicht, denn du musst den Text durchleben, ihm ein Stück Ich mitgeben und ihn in die eigene Erfahrung, Biografie integrieren, in ein Buch des Lebens, das jetzt ein neues Kapitel zu Kyiv enthält.

Und in diesem Kapitel kommen Stellen mit Gefühlen und Stellen mit Handlung vor, an deiner Wand hängt also nicht einfach nur eine abstrakte Karte von der Stadt, sondern ein vielfach unterstrichener und mit Farben versehener Übersetzungstext. Irgendwann stellt sich heraus, dass du manche Orte nicht schlechter kennst als die alteingesessenen Kyiver und sogar Führungen dorthin anbieten kannst. Wenn du einen Text übersetzt, vergisst du irgendwann, dass das Verstehen ein Prozess ist, und wenn du den letzten Punkt setzt, stellst du verwundert fest, wie lang und interessant der Weg war, den du zurückgelegt hast.

Die Übersetzung der Stadt als Text hat keineswegs nur eine pragmatische Seite, etwa wenn du die Geschichte eines wichtigen historischen Bauwerks erklären oder die Bedeutung einer Redewendung, die nur die Einheimischen verstehen, herausfinden willst. Manchmal kannst du nicht anders, als einen schönen Baum oder eine Stelle zu zeigen, von der aus du den Sonnenuntergang über dem Hügel beobachten kannst. Auch die Übersetzung eines konkreten Werkes beschränkt sich nicht auf die Dimension des Ergebnisses, das Verleger∙innen und Leser∙innen zur Verfügung steht, sondern es gibt auch jede Menge Details, die für immer deinen persönlichen Raum füllen – zwischen Übersetzer∙in und Text.

In gewisser Hinsicht ist jede∙r Übersetzer∙in ein∙e zwangsweise Übergesiedelte∙r, denn in der Übersetzung, in der Notwendigkeit, sich einen Text als Welt und Raum anzueignen, findet der Übersetzer eine Behausung, die immer temporär bleibt. Einerseits baut die Übersetzerin tagtäglich Wort für Wort ein neues Haus, andererseits muss sie, kaum hat sie ihr Werk vollendet, ihre Sachen einsammeln, ihr Werkzeug und ihre Wörterbücher in den Koffer packen und wieder aufbrechen, um die nächste flüchtige Bleibe zu finden.

(с) Dina Artemenko

 

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Ija Kiva (*1984) ist Lyrikerin, Übersetzerin und Mitglied des ukrainischen PEN. Sie hat die beiden Gedichtbände “Ein Stück weiter weg vom Paradies” (2018) und “Die erste Seite des Winters” (2018) veröffentlicht und schreibt auf Russisch und Ukrainisch. Sie übersetzt ukrainische, polnische und belarussische Gedichte und Essays ins Russische und Ukrainische. Sie ist mit internationalen und ukrainischen Preisen sowie auf Festivals und Wettbewerben vielfach ausgezeichnet worden, u.a. auf dem internationalen Lyrikfestival “Emigrantenlaute” (2016), auf dem internationalen Lyrikwettbewerb “Hajvoronnja” (2019), mit dem Juri-Kaplan-Preis (2013), mit dem Preis des Verlags Smoloskyp (2018) sowie mit dem Übersetzerpreis Metaphora (2020). Sie war Preisträgerin im Zweiten Nestor-Litopysets-Turnier für Lyrik (2019). Ihr Band “Die erste Seite des Winters” wurde mit dem Förderpreis des Litakzent-Preises ausgezeichnet (2019).

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