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Kiewer Mosaik

Die schweren Schriftwaben schimmern

im Gold, aus dem die Sprache gewirkt ist.1

(c) Dina Artemenko und Mila Hryhorenko

      

Eine Expedition im digitalen Raum.

Nicht über Luftwege gelangen wir nach Kiew,

City of Translation 2020, Courtesy of Toledo 2.0,

sondern über Kommunikation und Imagination -

im Doppelsinn.

 

Fotografinnen haben für uns ihre Stadt erkundet

und dabei selbst Neues entdeckt, Altes noch

kurz vor dem Verschwinden konserviert.

 

Sie, die Fotografinnen, und unsere Führerinnen

durch Stadt, Geschichte, Sprache und Kultur –

stets auch Übersetzungskultur,

unsere Dolmetscherinnen:

Sie alle treten kachelweise in Erscheinung.

 

Talking Heads, die vor unseren Augen eine ganze

Stadt erstehen,

eine lange, vielfach geschichtete Geschichte

lebendig werden lassen.

 

Kacheln auf unserem Bildschirm,

die Einblicke in Arbeitszimmer in Jena, Berlin,

Kiew gewähren

und uns so in die Welt hinausgeleiten, die wir

zur Zeit nicht betreten dürfen.

 

Kachelweise erscheinen auch die Bilder

vom schier mythischen Chreschtschatyk

(Stalins Zuckerbäckerstil, eine direkte Verbindung

zur Berliner Karl-Marx-Allee, Geschichte überschreitet Grenzen)

von märchenhaft anmutenden bunten Holzhäuschen

von Plattenbauten und Zwiebeltürmen: Sophienkathedrale,

Byzanz' Abglanz, unser aller Erbe.

 

Kacheln wie Mosaiksteine,

führen tief in den Kiewer Untergrund, den Metrobauch

zu Tempeln des Glaubens und der Wissenschaft

zu Stätten des Vergnügens – Kino und Konsorten.

Führen ins Grüne, ans Wasser. Ins Niemandsland.

Erschließen Freiräume.

 

Mosaiksteine führen

von byzantinischer Kultur bulgarischer Prägung,

Verherrlichung Gottes und aller, alles Heiligen,

zur barocken Prachtentfaltung sozialistischer Macht,

Verherrlichung aller Werktätigen.

 

Und während die bunten Relikte der SU draußen

verwittern und verlorengehen – weil kein Interesse mehr besteht

an dieser Schicht der Historie

(wie mich das an Berlin nach der Wende erinnert, als Marx, Engels, Lenin
über Nacht aus der Mitte verschwanden. Der Palast der Republik ist längst
einem Re-Konstrukt gewichen, einem Potemkinschen Schloss) –

werden sie noch rasch von Kameras eingefangen, finden Eingang

in Erinnerung, Sprache, Literatur.

 

Der Weg vom Totalitären zur Emanzipation

führt durch die Sprache.

Die Sprachen.

Aber das ist ein Kapitel für sich.

 

Erstaunlich, wie viel wir uns bewegt haben,

ohne uns vom Bildschirm zu rühren.

Hinter tausend Kacheln ganze Welten.

Geliehene Bilder für eine imaginäre Reise

durch Zeit und Raum.

Ein Mosaik, an dem seit Ewigkeiten

so viele mitwirken.

Egal, wie viele Steine verlorengehen,

es werden immer neue hinzukommen.

 

Und was in der realen Welt verlorengeht,

bewahrt die Erinnerung, vergoldet sie in Sprache.

Vor unseren Augen, in allen Farben des historischen

und gegenwärtigen Spektrums,

flimmert Kiew. Schillert und schimmert.

Dieser Text erschien im Rahmen von Cities of Translators Kiew

Mai 2021

Fußnoten
1
PDF

Patricia Klobusiczky (*1968) wuchs zweisprachig in Deutschland und Frankreich auf. Studierte literarisches Übersetzen in Düsseldorf und arbeitet nach ihrer Tätigkeit als Lektorin für den Rowohlt Verlag als literarische Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen. Sie hat unter anderem Marguerite Andersen, Lina Ben Mhenni, Marie Darrieussecq, Louise de Vilmorin und William Bord ins Deutsche übersetzt.

Regelmäßig ist sie als Mentorin bei der Berliner Übersetzerwerkstatt tätig. 2017-2021 war sie 1. Vorsitzende des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ). Sie arbeitet in verschiedenen Jurys mit, u.a. für den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis, für den Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis und für den Deutschen Verlagspreis.

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