Cities of translators Am Schreibtisch
de uk

Am Schreibtisch

Schreibtisch von Mark Byelorusets

Mark Byelorusets

Mein Gesicht ist nicht zu sehen. Aber es hat mit meinen Übersetzungen auch nichts zu tun. Aber der Tisch ist zu sehen, an dem ich arbeite, und die wichtigsten Instrumente, mit denen ich arbeite - der Bildschirm und die Tastatur, der Bleistift und der Radiergummi. Zum Glück ist der benachbarte Tisch nicht im Bild, auf dem sich Wörterbücher, Nachschlagewerke und Bücher, die ich gern einmal lesen möchte, türmen. Ich arbeite so: Ich mache mir Notizen mit dem Bleistift, schreibe zum Beispiel einen übersetzten Satz. Noch im Prozess des Schreibens kommt mir eine alternative Übersetzung zu einem Wort oder Ausdruck in den Sinn. Das notiere ich gleich darüber, dann kommt die dritte Idee, für die kein Platz mehr ist, also radiere ich die erste aus und ersetze sie durch die dritte − und so immer weiter.

Die Fotos an der Wand sind kaum zu sehen. Man sieht aber etwas anderes, was wichtig ist − den Anfang von Alefbet − dem jüdischen Alphabet, das ich mir wieder neu aneignen möchte. Ich habe früher mal ich Jiddisch gelernt, habe aber alles vergessen. Es gibt hier irgendwo ein Foto von Mandelstam, gemacht wurde es am Anfang des Ersten Weltkrieges. Mandelstams Foto hängt neben den Fotos von Annenskiy und Kornej Tschukowski. Für mich sind Mandelstam und Celan sehr wichtig. Sie sind meine Flügel, die ich seit Jahren aufschlage, um abzuheben.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

 

Schreibtisch von Claudia Dathe

Claudia Dathe

Übersetzen findet bei mir in meinem Arbeitszimmer statt. Dort stehen mein Schreibtisch mit einem Computer und die Regale mit Wörterbüchern und Nachschlagewerken. Mein Vater hat mir einen extra Tisch auf Rollen gebaut, den ich mit den Büchern hin und her bewegen und hinter dem ich mich – wenn nötig – auch mal verschanzen kann. Um in jeder Hinsicht ungestört arbeiten zu können.

Wenn ich von der Tastatur aufsehe, schaue ich aus dem Fenster. Mein Blick geht in den Garten, einen Stadtgarten, ähnlich wie bei den Schillers, nur etwas kleiner. Wenn ich meine Gedanken während des Übersetzens sammeln will, schaue ich nach den Vögeln, nach den Blättern der Bäume, dem Wachsen des Schattens an der gegenüberliegenden Hauswand.

 

Schreibtisch von Olesia Kamyshnykova

Olesia Kamyshnykova

Es gibt immer Dinge, die man unbedingt braucht: Das kann eine Tasse Tee oder Kaffee sein, um sich hin und wieder ein bisschen zu entspannen. Oder ein Fenster - ohne Fenster kann man nicht arbeiten, man muss den Blick schweifen lassen können. Das Fenster hilft, die Perspektive zu ändern und zu begreifen, dass es jenseits der Übersetzung im Computer noch ein anderes Leben gibt und dass es größer und vielleicht interessanter ist.

Bei mir sorgt mein Kater für das Minimum an Komfort und Gemütlichkeit, würde ich sagen. Er gibt mir ein Gefühl von Stabilität, Gemütlichkeit, Ruhe, Wärme und Komfort, besonders in der kalten Jahreszeit. Mein Kater mag das Sofa lieber als meinen Schreibtisch und schmiegt sich gerne an mich, wenn ich auf dem Sofa sitze. Dieses Verhalten von ihm erinnert mich daran, dass ich meinen “Stammplatz” wechseln und mir einen anderen zum Arbeiten einrichten soll.

Aus dem Ukrainischen von Sofia Onufriv

 

Schreibtisch von Iya Kiva

Iya Kiva

Ich fühle mich wohl, wenn der Raum einer Rumpelkammer ähnelt und es vor allem Bücher sind, die ihn füllen. Sie sind meine Mauer und meine Kraft, sie geben mir das Gefühl für den Kontext und die Teilhabe an der großen Bibliothek der Menschen. Das Fenster wird zu einer Metapher der Perspektive: Wenn du ein Stück Übersetzung geschafft hast, gehst du weiter und weiter.

Meine Arbeitsbedingungen sind alles andere als ideal. Außerdem bin ich sehr geräuschempfindlich. Ich empfinde Geräusche viel lauter als normale Menschen. Das ist ein großes Problem in einem Altbau mit dünnen Wänden. So gebe ich mir Mühe, mich auf die Stimme des Autors zu konzentrieren, den ich gerade übersetze.

Aus dem Ukrainischen von Sofia Onufriv

 

Schreibtisch von Patricia Klobusіczky

Patricia Klobusіczky

Eigentlich kann ich nur an diesem meinen Schreibtisch vernünftig arbeiten. Den habe ich seit meiner Studienzeit, an die 30 Jahre, und er wurde von einem Freund angefertigt, der Schreiner ist. Mein Schreibtisch im Verlagsbüro sah auch immer so aus. Einmal sagte eine Kollegin: „Der ist ja schrecklich vollgestellt, da kann man doch keinen klaren Gedanken fassen”. Mich stört das überhaupt nicht. Wenn ich übersetze, sehe ich nichts außer dem Text.

An der Wand hängen Postkarten von Menschen, die mir sehr nahe stehen, und Motive, die ich sehr liebe. Da haben wir den jungen Brecht, den jungen Gerhart Hauptmann und hier ist Paul Celan. Die habe ich alle zugeschickt bekommen und mich jedes Mal sehr gefreut. Ich weiß nicht, ob Hauptmann und Celan miteinander ein Dialog führen. Wenn ja, ist er sicher sehr interessant.

 

Schreibtisch von Roksolana Sviato

Roksolana Sviato

Das ist mein Arbeitsplatz - mein Schreibtisch. Letztes Jahr hat das Festival Translatorium zum Hieronymus-Tag einen Flashmob gestartet: Lekto∙rinnen und Übersetzer∙innen haben Fotos von ihren Arbeitsplätzen veröffentlicht und so ihren Beruf sichtbarer gemacht, um Klischeevorstellungen zu ändern. Neben diesem positiven Aspekt gibt es noch einen anderen, der einen gewissen Mut voraussetzt. Die Fotograf∙in kommt zu dir nach Hause, du zeigst ihm deinen Arbeitsplatz, wie er ist - du öffnest dich, lässt andere an deinem privaten Raum teilhaben. Mich hat das eine gewisse Überwindung gekostet, so als ob ich der Welt eine schmutzige Kaffeetasse zeige und somit meine Verletzlichkeit.

Allerdings hat sich meine Haltung in dem Corona-Jahr geändert. Mit den Fotos unserer Arbeitsplätze, mit Zoom-Konferenzen und Skype-Gesprächen machen wir in Wirklichkeit einen ähnlichen Schritt − wir gewähren anderen Einlass in unsere privaten Räume, und ich glaube, ich mag das inzwischen sogar. Wenn ich schon in diesen vier Wänden ausharren muss und nicht rauskommen kann, dann will ich meinen privaten Raum auch mit anderen teilen, um mit ihnen Austausch zu haben.

Aus dem Ukrainischen von Sofia Onufriv

 

©Kostiantyn Strilets

Nelia Vakhovska

Seitdem ich mein Leben nicht mehr mit Übersetzungen finanziere, ist mein Arbeitsplatz mobil geworden. Ich übersetze in der Küche, auf der Couch, im Sessel, auf dem Balkon, im Zug und sogar manchmal in der Hängematte (die letzte ist eher ein Mittel, um in den anderen Modus umzuschalten, für die richtige Arbeit ist sie schlecht geeignet). Ich habe zwar einen ordentlichen Schreibtisch mit einem Monitor und einem Haufen Bücher, wenn ich allerdings am Wochenende oder an den Feiertagen übersetze, mag ich mich im Raum bewegen - näher an die Pflanzen, ans Informelle, einen Kontrast zum Hauptjob schaffen. Eine Sache, die für mich beim Übersetzen ganz wichtig ist und auf dem Foto nicht abgebildet werden kann, ist die Stille. Ich muss meine Gedanken hören können. Im einem mehrstöckigen Haus ist es aber manchmal kompliziert, daher ist das Schnaufen einer schlafenden Katze in der Nähe oft das Heilmittel gegen meine Gereiztheit.

 

PDF
Verwandte Artikel
„Du nimmst, was du kriegst“
Zu Besuch bei Márgara Averbach
„Ich schlage immer nach, sogar die Wörter, die ich eigentlich kenne“
Zu Besuch bei Inés Garland
Streifzug mit Übersetzerin:
Translators in Action
TRANSLATORIUM