Cities of translators Kyjiw Streifzug mit Übersetzerin:
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Streifzug mit Übersetzerin:

„Eine Wirklichkeit, in der die Kinder ganz natürlich Teil des Lebens und Teil der Arbeit sind, gefällt mir sehr.“

Olena Sheremet übersetzt aus dem Polnischen, sie gehört zu den renommiertesten Übersetzerinnen polnischer Literaturreportagen ins Ukrainische. Sie hat Bücher von Wojciech Górecki, Wojciech Jagielski, Aneta Prymaka-Oniszk, Mirosław Wlekły, Paweł Smoleński und anderen übersetzt. Olena Sheremet ist nicht nur als Übersetzerin erfolgreich, sondern dolmetscht auch, seit kurzem unterrichtet sie auch wieder Polnisch.

Wir haben uns Ende Oktober getroffen, an einem warmen, sonnigen Tag, wir konnten noch draußen Kaffee trinken, ohne zu frieren, ehe wir zu einem kleinen Spaziergang durch die Altstadt von Kyiv aufgebrochen sind, die Route hatte Olena zusammengestellt: Wir sind vom Yaroslaviv Val durch die Prorizna-Straße gelaufen, weiter durch Innenhöfe, vorbei am Molodyj-Theater, über die Repin-Straße und die Tereshchenkivska-Straße, dann haben wir den Shevchenko-Park gestreift, sind durch den alten Botanischen Garten gelaufen, bis wir schließlich an der Tarasivska-Straße waren, wo Olena seit kurzem mit ihrem siebenjährigen Sohn Ostap wohnt.

©Iryna Stasiuk

Auf diesem Spaziergang haben wir über das Übersetzen gesprochen, nicht nur über die Erfolge und Probleme, obwohl das natürlich auch thematisiert wurde, sondern auch über den Raumaspekt, oder besser gesagt über die verschiedenen räumlichen Aspekte: über die Stadt, in der man lebt, und die Plätze, die es gibt und die man sich aneignet. Über die Überlagerung verschiedener Karten, über besondere und miteinander verbundene Plätze und auch darüber, wie Orte, an denen man sich aufhält, sich auf die Arbeit auswirken, wie sich die Arbeitsgewohnheiten ändern, wenn plötzlich ein Kind da ist und Quarantäne verordnet wird und wie Übersetzungen Widerhall im persönlichen Leben finden.

Wir sind jetzt im Café Yaroslava, in der Altstadt. Das Café kennen alle Kyiver∙innen, es ist berühmt für seine Piroggen, viele halten sie für die besten in der ganzen Stadt. Dem Café haftet der Hauch des Unvergänglichen an, obwohl die alteingesessenen Bewohner∙innen der Stadt anmerken, dass die Zeit nicht stillsteht. Früher hieß das Café Yaroslavna, jetzt heißt es Yaroslava. Du hast dir diesen Ort ausgesucht, als ich dir vorgeschlagen habe, dass wir uns an einem Ort treffen, der für dich in Kyiv eine besondere Bedeutung hat. Erzähl uns doch bitte wieso.

Den wichtigsten Grund hast du eigentlich schon genannt. Ich könnte nicht unbedingt behaupten, dass ich sehr oft hier bin oder hier arbeite. Ich arbeite zwar tatsächlich manchmal im Café, aber nicht in diesem hier. Aber ich habe mir diesen Ort ausgesucht, weil er für mich eine Insel der Stabilität ist in diesem wogenden Meer an Veränderungen in der Stadt. Ich bin ein Mensch, der eine feste Verankerung braucht, etwas Stabiles, einen Ort, an den man immer wieder zurückkommen kann. Yaroslava ist so ein Platz. Selbst wenn ich drei Jahre nicht hier war, weiß ich, dass da dieser Ort ist, an dem es die besonderen Piroggen, die heiße Milch und noch ein paar andere eher ungewöhnliche Dinge gibt.

Ich glaube, Kyiv ist eine ziemlich chaotische Stadt, in der sich alles sehr schnell ändert. Vielleicht ist das in allen Hauptstädten so. Ich kann mich leider gar nicht daran gewöhnen, dass Jahr für Jahr unzählige neue Häuser entstehen und genauso viele verschwinden. Kaum habe ich einen Friseursalon gefunden, ist er auch schon nicht mehr da. Kaum habe ich ein Geschäft, in dem ich sagen wir mal meine Milch kaufe, ist es auch schon wieder geschlossen. Viele dieser Gebäude, viele kleine Kioske und Kleinbauten sind auch in architektonischer Hinsicht eher fragile Konstruktionen: sie sind mit Plastik oder anderem billigem Material verkleidet. Ihr temporärer Charakter zeigt sich schon in ihrer Bauweise.

©Dina Artemenko

Deswegen gibt es für mich in Kyiv nur sehr wenige Plätze, an die ich immer wieder zurückkehre. Das Café Yaroslava ist einer davon. Zwar verbinde ich mit dem Ort keine bestimmten persönlichen Erinnerungen, aber er bietet mir Kontinuität.

Vor unserem Treffen habe ich darüber nachgedacht, ob es einen Ort gibt, an dem ich mit meinen Eltern immer gegangen bin und an den ich jetzt mit meinem Sohn gehen könnte. Da ist mir kaum etwas eingefallen. Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich an die Theater- und Opernbesuche. Aber das waren ja keine Alltagserlebnisse. Was die alltäglichen Dinge angeht, so kann ich mich noch erinnern, dass es in den 1990ern an der Metrostation Lva Tolstoho einen Eisstand gab, an dem man viele verschiedene Sorten Kugeleis kaufen konnte. Heute ist das für uns nichts Besonderes mehr, aber damals war das etwas ganz Unglaubliches! Als Kind wollte ich immer an diese Metrostation fahren, um dort Eis zu essen. Jetzt wohnen wir ganz in der Nähe, mein Sohn geht hier zur Schule, aber ich weiß nicht mehr, wo der Stand war. Ich war zu klein, um mir das zu merken, und heute gibt es ihn nicht mehr.

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Cities of translators Kyiv: Streifzug mit Olena Sheremet I

Du hast über die Metrostation Lva Tolstoho gesprochen und dass du jetzt hier ganz in der Nähe wohnst. Vorher hast du am linken Dnipro-Ufer gewohnt, im Stadtteil Darnytsia. In Bezug auf die Architektur und auch auf die Atmosphäre, sind das Zentrum der Stadt und Darnytsia nicht einfach zwei verschiedene Stadtteile oder Stadtgebiete, sondern die Viertel unterscheiden sich wirklich sehr. Nimmst du die Stadt nach deinem Umzug anders wahr? Oder hat das für dich als Kyiverin keine Bedeutung, weil die Stadt für dich immer in Veränderung begriffen ist?

Natürlich unterscheiden sich die linke und die rechte Dnipro-Seite in Kyiv sehr stark. Aber ich habe ja schon als Kind auf dem rechten Dnipro-Ufer gewohnt, in Holosiyivo, erst als ich 16 war, bin ich mit meinen Eltern auf das linke Ufer gezogen.

Ich habe versucht, mich an meine ersten Eindrücke von der Stadt zu erinnern, aber es ist mir nicht gelungen. Denn meine Kindheit war im Wesentlichen ländlich geprägt. Meine Eltern kommen aus einem Dorf im Gebiet Chernihiv, und als Kind habe ich dort sehr viel Zeit verbracht. Deswegen sind meine schönen Erinnerungen aus der Kindheit hauptsächlich mit dem Dorf dort verbunden. In Kyiv hatte ich keine Hofclique, ich hatte kaum Freunde. Die Schule war weit von unserer Wohnung entfernt, ich musste eine halbe Stunde zu Fuß gehen. Kyiv wurde für mich größer, je älter ich wurde. Die Perspektive erweiterte sich allmählich.

Ich kann mich noch sehr gut an unser Haus und an unser Viertel erinnern. Wir haben in der Nähe vom Demiyivska-Platz gewohnt, früher hieß er Moskauer Platz. Das Viertel sieht heute ganz anders aus. Es sind viele Hochhäuser gebaut worden, ganze neue Straßenzüge sind entstanden. Auch die Verkehrsführung hat sich geändert. Wenn ich heute dort entlangfahre, erkenne ich das Haus nicht mehr, in dem ich gewohnt habe, da es von Neubauten verdeckt wird. Trotzdem fühle ich mich dem Stadtteil noch immer emotional verbunden.

Du hast mir schon einmal erzählt, dass du dein Wohnviertel eigentlich erst seit der Geburt deines Sohnes genauer erkundest, weil du mit dem Kind jeden Tag rausgehen musstest. Ist für dich Kyiv eher eine Vielzahl von Punkten, zwischen denen du unterwegs bist, um anzukommen? Hast du überhaupt ein Gefühl für die Stadt als Ganzes?

Kyiv ist so groß, dass man die Stadt eigentlich nicht als Ganzes wahrnehmen kann. Es gibt zum Beispiel ganze Stadtviertel, in denen ich noch nie gewesen bin, obwohl ich schon mein ganzes Leben hier lebe. Und ich glaube auch nicht, dass sich das grundlegend ändern wird. Den Stadtteil, in dem wir jetzt leben, empfinde ich tatsächlich als eine Einheit. Wenn du am selben Ort lebst und arbeitest, entwickelt sich zwangsläufig eine Infrastruktur: da gehst du hin, um dir zu Mittag ein Sandwich zu holen, dort druckst du deine Dateien aus, da ist dein Friseursalon. Es entsteht ein Netz von verschiedenen Punkten. Das gibt dir ein Gefühl von Zuhause. Früher war das Zentrum für mich der Teil der Stadt, den man aufsucht, wenn man zu einer Kulturveranstaltung geht. Oder der Bezirk, in dem man arbeitet. Das hat sich jetzt grundlegend gewandelt: Jetzt gibt es für mich hier auch den kleinen Laden und den Ort, wo ich was ausdrucken kann. Verschiedene Karten legen sich übereinander. Und dieses große Dreieck zwischen der Reytarska-Straße, der Metrostration Lva Tolstoho und der Metrostation Universität ist zu „meinem“ Raum geworden.

Wo wir gerade beim Sich-Überlagern von Karten sind … Als ich hier gerade eingezogen war, habe ich die Wohnung geputzt und wollte Müll rausbringen. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern: wie ich in meinen alten Jeans mit dem Mülleimer in der Hand an einem teuren Restaurant vorbeigehe, in dem gut gekleidete Gäste sitzen. Ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst, denn früher war dieser Stadtteil für mich das Zentrum, da wäre ich nie in einem ausgeleierten Pullover hingegangen.

Es kommt mir alles immer noch ein bisschen merkwürdig vor, aber ich finde es schön.

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Cities of translators Kyiv: Streifzug mit Olena Sheremet II

Du hast hier ganz in der Nähe studiert, an der Shevchenko-Universität. Dort hast du auch mit dem Übersetzen begonnen. Erzähl uns dich ein bisschen davon.

Angefangen hat alles damit, dass mich meine damalige Dozentin Tetiana Dovzhok über Nacht zum Dolmetschen gebracht hat. Ich studierte damals im dritten Semester Polonistik, und sie hat mir angeboten, die Übersetzung eines Theaterstücks vorzutragen. Ich konnte damals noch nicht besonders gut Polnisch. Ich war zu dem Zeitpunkt auch noch nie in Polen gewesen. Es fehlte mir also nicht nur an Erfahrung im Übersetzen, sondern auch an Sprachpraxis. Aber die Aufgabe an sich schien mir machbar, denn es ging eigentlich nur darum, die Übersetzung des klassischen Stückes „Die Moral der Frau Dulska“ von Gabriela Zapolska, die bereits vor längerer Zeit angefertigt worden war, laut vorzutragen.

Dann passierte aber etwas Unerwartetes: Erstens änderte der Regisseur das Stück und fügte ein paar Szenen ein, das erfuhren wir aber kurz vor Beginn der Aufführung. Deswegen musste ich einige Fragmente aus dem Stehgreif übersetzen, was mich in Panik versetzte. Außerdem musste ich ohne Vorankündigung die Pressekonferenz vor der Aufführung dolmetschen. Wahrscheinlich dachten die Organisatoren, sie hätten eine ausgebildete Dolmetscherin vor sich und nicht eine Studentin im dritten Semester. Ich sagte ihnen, wie sich die Sache verhielt, aber es nützte nichts, es war ja niemand anders da, also ging ich hin und dolmetschte.

Das war doch sicher unglaublich stressig?

Natürlich. Ich kann mich noch erinnern, dass ich meine Dozentin angerufen habe und den Tränen nahe war, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte. Ich habe fast alles vergessen, was an diesem Tag passiert ist.

Das hat dich aber nicht abgeschreckt?

Nein, ich bin dem Übersetzen und Dolmetschen treu geblieben.

Da fällt mir übrigens ein, dass es mit dem Simultandolmetschen ähnlich war. Eigentlich sollte konsekutiv gedolmetscht werden, das kannte ich und das hatte ich auch schon gemacht. Aber eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung rief mich die Organisatorin an und teilte mir ganz aufgeregt mit, dass Dolmetschkabinen angeliefert worden seien und dass es auf Simultandolmetschen hinausliefe. Natürlich hätte ich mich weigern können. Aber da hat sich dann mein Verantwortungsgefühl geregt, mir war klar, dass die Veranstalter in der Kürze der Zeit keinen anderen Dolmetscher auftreiben würden. Also habe ich mich darauf eingelassen, obwohl ich keinerlei Übung hatte.

Das war, wie man sich vorstellen kann, nicht gerade eine einfache Erfahrung. Aber wenn man so ins kalte Wasser geworfen wird, lernt man auch, dass Fehler dazu gehören. Ich bin also immer traurig, wenn ich Fehler mache. Und natürlich habe ich Angst, dass ich, wenn ich Fehler gemacht habe, nicht mehr angefragt werde und dann keine Aufträge mehr habe. Das kommt aber in der Praxis nicht vor. Fehler bleiben aber trotzdem nicht aus.

Außerdem habe ich durch die eigenen Fehler auch eine große Empathie zu meinen Kolleg∙innen entwickelt. Ich kann es nämlich überhaupt nicht leiden, wenn andere Leute über die Fehler von Übersetzern herziehen oder wenn jemand versucht, den Übersetzern die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben. Übersetzer sind keine elektronischen Datenbanken, die auf Knopfdruck jedes beliebige Wissen ausspucken. Übersetzen ist immer ein Prozess, dabei kann auch immer wieder Unvorhergesehenes passieren.

©Dina Artemenko

Könntest du uns noch etwas zu deinem Austausch mit deinen Kollegen erzählen? Fühlst du dich zu einem größeren Netzwerk an Übersetzer∙innen zugehörig? Oder hast du eher nur einzelne Kontakte?

Das ist wirklich ein wichtiger Aspekt in der Arbeit, wenn du nämlich lange Zeit allein arbeitest und dein einziger täglicher Gefährte und Begleiter der Text ist, entsteht manchmal so ein Gefühl der Verlorenheit, der Wunsch, sich auf eine starke Schulter zu stützen oder die Verantwortung zu teilen. Von unschätzbarem Wert ist daher die Zusammenarbeit mit dem Lektor, der Lektorin, die dir dieses Gefühl der starken Schulter vermittelt. Aber auch die Unterstützung der Kolleginnen ist außerordentlich wichtig. Leider sehen wir uns ziemlich selten, obwohl mir manchmal schon der Gedanke kommt, dass es gut wäre, so etwas wie einen Stammtisch in einer vertrauten Runde zu haben, damit man sich austauschen kann, denn keiner versteht das Gefühl von Verlusten im Übersetzen so gut wie die Kolleginnen. Manchmal möchte ich mich mit jemandem beraten, und ich bin den befreundeten Kolleginnen sehr dankbar, denn sie reagieren immer auf meine Fragen. Befreundete Kolleginnen ist hier wörtlich gemeint, denn zu vielen Übersetzerinnen habe ich eine enge persönliche Beziehung aufgebaut, obwohl ich manchmal auch ganz fremde Leute anschreibe, wenn ich etwas Spezielles wissen möchte. Außerdem habe ich das Bedürfnis, mich auch über eher banale Dinge mit anderen auszutauschen, z.B. über Honorare, Abgabefristen oder den Arbeitsstil einzelner Verlage, damit ich mich allgemein besser zurechtfinde. Im Moment treffen wir uns nur virtuell, aber auch diese Gespräche auf Abstand sind sehr wertvoll.

Das Ukrainische unterscheidet sprachlich nicht zwischen Dolmetscher und Übersetzer. Aber dass wir für beide Tätigkeiten ein und dasselbe Wort verwenden, ändert nichts daran, dass sich die Tätigkeiten in mancher Hinsicht diametral unterscheiden bzw. ganz unterschiedliche Fähigkeiten erfordern. Du verbindest beides: du übersetzt – unter anderem – literarische Reportagen und arbeitest außerdem als Simultan- und Konsekutivdolmetscherin. Wie du das schaffst, ist mir ein Rätsel. Erzähl uns doch bitte, welcher dieser beiden Bereiche dir mehr Kick gibt und welchen Bereich du als leichter empfindest.

Tatsächlich fällt mir das Dolmetschen leichter. Das hat was mit der erforderlichen Ausdauer beim Übersetzen zu tun. Es fällt mir manchmal wirklich schwer, mich an den Schreibtisch zu setzen, dort kontinuierlich zu arbeiten und mich nicht ablenken zu lassen.

Das Dolmetschen findet immer jetzt und hier statt. Du bist eingebunden in einen Fluss und kannst nicht weg… In gewisser Weise ist das natürlich eine große intellektuelle Anspannung. Und das hält man auch nur für eine sehr begrenzte Zeit durch. Ich musste zum Beispiel einmal fünf Stunden am Stück simultan dolmetschen, da habe ich irgendwann festgestellt, dass ich nicht mehr Herrin meiner Gedanken bin. Ich hatte immer wieder Aussetzer, habe zwar weitergesprochen, aber eigentlich nicht mehr gewusst, was ich sage, selbst wenn es richtig gewesen sein mag. Deswegen ist ein Vorteil dieser Tätigkeit, dass die Zeitdauer der Konzentration begrenzt ist.

Und was gefällt dir am Übersetzen?

Übersetzen ist das, was ich schon als Studentin gern machen wollte. Ich habe mit dem Dolmetschen begonnen, aber immer davon geträumt, irgendwann mal Bücher zu übersetzen. Deswegen freue ich mich auch heute immer noch sehr, wenn mir ein neues Buch zur Übersetzung angeboten wird, und ich lehne praktisch nie ein Angebot ab. Denn das ist ein Genre, das mir schrecklich gefällt und mit dem ich seit langem zu tun habe: die literarische Reportage. Ich bin jedes Mal ganz euphorisch, wenn ich mich an ein neues Buch setze. Außerdem habe ich mit Themen zu tun, die mich interessieren. Ich erfahre immer etwas Neues, lerne etwas dazu. Das ist so eine basale Art der Selbstentfaltung, die man unbedingt braucht. Und auch die Tatsache, dass du an einem Buch arbeitest, das du für wichtig hältst, erhöht die Motivation.

Außerdem gibt es etwas, das mich trägt: Die Arbeit gibt mir Stabilität. Wenn ich ein Buch habe, weiß ich, dass ich jetzt die nächsten vier Monate an dem Buch arbeiten werden. Und das hat etwas Solides, etwas, worauf ich mich verlassen kann.

Das größte Problem in dieser Tätigkeit besteht darin, dass das Übersetzen von Büchern eine große Ausdauer erfordert. Manchmal sitze ich einen halben Tag über einem Satz, und ich gehe nicht weiter, ehe ich eine Lösung gefunden habe. Dabei muss ich ja immer eine Abgabefrist einhalten. Satz hin oder her, meine Aufgabe ist es, das ganze Buch zu übersetzen und nicht nur den einen Satz. Und das darf ich nicht aus dem Blick verlieren.

Im Übersetzen gibt es tatsächlich viele Momente, die Genuss bereiten. Manchmal findet man eine wirklich gute Lösung. Oder man freut sich, wenn die Arbeit abgeschlossen ist. Oder wenn man lange und gewinnbringend gearbeitet hat.

Die Quälerei und die Lust liegen in dieser Arbeit eng beieinander.

Und dann gibt es da noch so ein Wort, an das ich im Zusammenhang mit dem Übersetzen auch oft denke: Dreistigkeit. Das bezieht sich auf die Eingriffe in den Text, darauf, dass man zum Beispiel die Syntax ändert. Das kann man machen, aber in gewissem Sinne ist das dreist, sogar frech. Dennoch: man macht es und sieht sofort: Das tut dem Text gut! Es bleibt also immer ein Abwägen.

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Cities of translators Kyiv: Streifzug mit Olena Sheremet III

Danke, dass ich trotz der unruhigen Quarantäne-Zeit mit zu dir nach Hause kommen darf und dass du dich bereit erklärt hast, uns diesen ruhigen Ort, an dem du lebst und arbeitest, zu zeigen.

Du wohnst noch gar nicht so lange hier. Erzähl uns doch bitte, wo und wie du arbeitest. Hast du einen dauerhaften Platz oder viele? Und was brauchst du unbedingt zum Übersetzen?

Das Wichtigste ich für mich, dass es still ist. Dass es einen Ort gibt, an dem ich ein bisschen Platz habe, an dem nicht so viele Menschen sind und an dem ich nicht abgelenkt werde.

Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, zu Hause zu arbeiten. Alltag und Arbeit sind miteinander verflochten, dem kann ich mich nicht entziehen. Aber ich habe mittlerweile gelernt, mich über einen bestimmten Zeitraum hinweg unter keinen Umständen ablenken zu lassen.

Ich habe nicht den einen Platz, an dem ich immer arbeite, obwohl es in der Wohnung einen Schreibtisch gibt, an dem ich hin und wieder auch sitze. Aber dort türmen sich noch Bücher, die nicht mehr in die Regale gepasst haben. Sie behindern mich nicht beim Arbeiten, im Gegenteil, sie geben dem Platz ein gewisses Bildungsflair, das ist eher so eine Art Rahmung, keine Bücher, mit denen ich hantiere.

Ich kann aber auch in der Küche, am Küchentisch arbeiten. Am häufigsten arbeite ich an dem Platz, auf dem du gerade sitzt. Jetzt ist Herbst, und der Platz ist nah an der Heizung, da ist es warm. Meistens sitze ich auf dem einen Stuhl, wenn ich esse, und auf dem anderen, wenn ich arbeite. Der Raum ist also geteilt. Manchmal liegen auch Lehrbücher und Notizhefte auf dem Stuhl, weil ich ja auch online unterrichte. Es kommt auch vor, dass Ostap und ich hier frühstücken oder Abendbrot essen, und die Sachen liegen noch hier oder irgendwo hier in der Nähe.

Als es noch warm war, habe ich auch noch eine Zeitlang draußen auf dem Balkon übersetzt. Dort steht ein kleiner Tisch, und es ist sehr ruhig, aber jetzt ist es dafür schon zu kalt. Wenn ich müde bin und eine Ortsveränderung brauche, setze ich mich auch mal aufs Sofa im Wohnzimmer und arbeite dort.

In meiner letzten Wohnung hatte ich einen Sessel, von dem ich lange geträumt hatte und den ich mir dann irgendwann gekauft habe. Dort gab es keinen Schreibtisch, aber da war eben dieser Sessel mein ultimatives Arbeitsutensil. Genau genommen brauche ich zum Arbeiten nur meinen Computer, deswegen kann ich eigentlich überall arbeiten.

Und nicht nur das. Es gab auch Zeiten, da bin ich mit Ostap im Tragetuch spazieren gegangen und habe meine Übersetzung ins Telefon getippt. Das hatte ich mir aber nicht selbst so ausgesucht, es ging einfach nicht anders. Der Spaziergang war die einzige Zeit, in der Ostap tagsüber geschlafen hat. Ich hatte also in der einen Hand das E-Book, in der anderen das Telefon, in das ich die Übersetzung getippt habe. Das war natürlich extrem. Die Übersetzung musste ja anschließend trotzdem noch überarbeitet werden. Ich musste Fakten überprüfen, etwas im Wörterbuch nachschlagen. Ich benutze übrigens immer noch gedruckte Wörterbücher, manchmal hole ich mir auch bei Experten Rat. Ich musste einfach maximal flexibel sein, ich hatte keine Wahl. Aber das würde ich nicht so gern wiederholen.

Eigentlich arbeite ich am liebsten in Ruhe. Für mich ist dabei besonders wichtig, dass ich mentalen Freiraum habe, dass ich also weiß, dass ich an nichts anderes denken muss als an die Übersetzung. Wir finden den Alltag und die organisatorischen Aufgaben, die wir erledigen müssen, immer irgendwie lästig, sie scheinen uns nur vom Wesentlichen abzuhalten. Aber sie fallen immer an.

©Olha Buriachenko

Seit du das Kind hast, sind sicher noch etliche dieser Alltagsaufgaben dazu gekommen. Bist du mit Ostap flexibler geworden, nicht nur in Ausnahmesituationen, sondern tagtäglich?

Es heißt ja oft, dass man sich besser zu organisieren lernt, wenn man ein Kind hat. Aber auf mich trifft das nicht zu.

Natürlich ändern sich der Lebensrhythmus und der Alltag mit einem Kind vollkommen. Man muss sich an neue Umstände anpassen. Ich bin eigentlich überhaupt nicht spontan, und ich mag es, wenn alles mehr oder weniger nach Plan verläuft, ohne plötzliche und unvorhergesehene Veränderungen. Mit einem Kind ist genau das natürlich völlig unmöglich, denn es kann jeden Moment irgendetwas Überraschendes passieren. Und wenn es dann tatsächlich so kommt, wirft mich das immer völlig aus der Bahn, ich bin frustriert. Wenn mein Sohn zum Beispiel krank wird und ich kann einen Auftrag absagen, dann mache ich das auch. Aber die Art und Weise, wie ich arbeite, hat sich durch das Kind nicht geändert, denn nach wie vor brauche ich für meine Tätigkeit Konzentration. Arbeit und Kind unter einen Hut zu bringen, hat für mich am Anfang bedeutet, dass ich mich zuerst 100 Prozent um meinen Sohn gekümmert und dann 100 Prozent gearbeitet habe, nachts zum Beispiel.

Ich kann mich noch gut an ein Video erinnern, das schon kursierte, ehe der Lockdown kam, in dem Video sprangen Kinder den Eltern in einer Videokonferenz durchs Bild. Ich kannte diese Verschmelzung von Arbeits- und Privatleben schon vor Corona. Und ich glaube, dass das auch unsere Arbeitswirklichkeit bleiben wird. Denn Frauen werden immer aktiver, sie sind immer häufiger beruflich tätig und verbinden Erwerbsarbeit und Mutterschaft.

Es ist ja auch durchaus so, dass nicht alle Arbeit und Familie trennen wollen oder können. Wir leben in einem Land, in dem sich nicht alle einen Babysitter leisten können. Und auch nicht alle haben Eltern, die sie unterstützen. Als ich Kind war – so zumindest erinnern meine Freunde und ich uns – war es üblich, die Kinder bei den Großeltern zu lassen, zum Beispiel während der Sommermonate. Unter meinen Freunden ist diese Praxis heute kaum noch verbreitet. Und ich selbst kann mir auch nicht vorstellen, Ostap für längere Zeit wegzugeben. Ich praktiziere dann eher eine andere Methode: Wenn ich über einen bestimmten Zeitraum hinweg viel und lange arbeiten muss, ziehe ich zu meinen Eltern. Dann nehmen sie mir das Kind pro Tag ein paar Stunden ab. Denn selbst aus der Perspektive einer Erwachsenen kommt mir eine längere Trennung von meinem Kind als inhuman vor, ich möchte meinen Sohn um mich haben, ich würde ihn vermissen. Unsere Mütter hatten da leider keine Wahl. Deswegen gefällt mir diese neue Wirklichkeit, in der die Kinder ganz natürlich Teil des Lebens und Teil der Arbeit sind, sehr.

©Dina Artemenko

Du hast den Lockdown schon kurz erwähnt, der für viele zu einer beinahe schockierenden Erfahrung geworden ist, weil sich auf einmal alles – Arbeit und das übrige Leben – ausschließlich in den eigenen vier Wänden abgespielt hat. Hat sich in diesem Zusammenhang für dich etwas Grundlegendes verändert? Es kursierte ja in den sozialen Medien der Spruch, dass das Leben der Übersetzer∙innen weiter läuft wie vorher: Sie sitzen immer noch an dem Schreibtisch, an dem sie auch schon vorher gesessen haben.

Im Frühjahr war Ostap zweieinhalb Monate zu Hause, wie alle anderen auch. Und das hat die Situation natürlich verändert, denn ich konnte praktisch überhaupt nicht arbeiten. Man kann einfach nicht auf die Dauer die Nächte durcharbeiten. Ansonsten hat er den Kindergarten besucht, im September ist er in die Schule gekommen. Jetzt geht es schon besser.

Ein großes Problem der ukrainischen Übersetzer∙innen besteht darin, dass wir überlastet sind. Zumindest nehme ich das bei meinen Kolleginnen so wahr. Wir verfolgen immer mehrere Sachen gleichzeitig, machen Projekte, wir sind oft übermüdet. Das wirkt sich natürlich manchmal auch auf die Qualität aus, es schleichen sich Fehler ein. Manchmal sind das sogar lustige Fehler. Ich habe einmal zum Beispiel in einem Zustand der Übermüdung statt „Ostsee“ (im Ukrainischen „Baltijs’ke more“) „Balkanmeer“ (im Ukrainischen „Balkans‘ke more“) übersetzt. Und in einem Text über die mittelalterliche Kunst in Europa ist mir mal „Malerei aus Zhytomyr“ reingerutscht, völlig unlogisch, da war ja gar keine Malschule. Es ist schon interessant, woher das Gehirn solche Formulierungen nimmt, wenn man mit den Gedanken schon woanders ist und die Finger noch irgendetwas zu Ende tippen.

Bei den Reportagen braucht es unbedingt eine inhaltliche Überprüfung, manchmal findet man sachliche Fehler. Wenn der Autor zum Beispiel eine Jahreszahl falsch angegeben hat. Das kann zum Beispiel sehr wichtig sein, wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, da ist jedes Jahr wichtig. Diese Fehler findet man natürlich nur, wenn man frisch und ganz bei der Sache ist.

Ehe du ein Stück aus deiner Übersetzung vorliest, möchte ich dich noch bitten, noch ein bisschen über die Besonderheiten der Übersetzung literarischer Reportagen zu sprechen. Du hast zwar auch Belletristik übersetzt, konzentrierst dich aber in erster Linie auf Reportagen. Und du hast zu diesem Genre auch geforscht.

Ja, ich habe eine Doktorarbeit zu diesem Thema begonnen, allerdings leider nicht beendet. Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen, war schon eine große Herausforderung, die Dissertation ist dabei leider auf der Strecke geblieben. Ich bin froh, dass ich mit dem Genre jetzt in anderer Form weiterarbeiten kann, denn ich mag dokumentarische Literatur sehr.

Ich glaube nicht, dass sich das Übersetzen von Reportagen wesentlich vom Übersetzen anderer Textsorten unterscheidet. Wie auch bei der Übersetzung von Belletristik muss man sehr viel nachschlagen, viel im Internet recherchieren. Viel hängt vom Text selbst ab: wie groß der Umfang an Terminologie und Informationen ist.

Natürlich sind Stil und Lakonie bei der Reportage wichtig. Das Polnische ist von sich aus eine eher kompakte Sprache. Die Autor∙innen verwenden gern komprimierte Ausdrücke, sie fassen Gedanken zusammen und lassen gedankliche Schritte aus, es entsteht der Eindruck eines (unmotivierten) Gedankensprungs. Sie empfinden diese Darstellung von Gedanken normal, uns stört es.

Früher habe ich manchmal Sätze erweitert, etwas eingefügt, damit man dem Gedankengang besser folgen kann. Adam Pomorski hat mich irgendwann darauf aufmerksam gemacht, und jetzt gehe ich mit diesem Phänomen sensibler um. In Reportagen ist der Text generell knapp und konzentriert, man muss die Wörter sehr genau auswählen.

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Cities of translators Kyiv: Streifzug mit Olena Sheremet IV

Erzähl uns doch bitte zum Schluss noch ein bisschen etwas von dem Buch, das du jetzt ausgewählt hast. Wenn ich es recht sehe, kommen wir mit dem Buch und dem Ausschnitt, den du vorträgst noch mal zu einem der Themen zurück, die wir heute besprochen haben.

Ja, das stimmt.

Die Reportage, die ich ausgewählt habe, heißt Flucht 2015. Die vergessenen Vertriebenen von Aneta Prymaka-Oniszk. Es ist für mich ein sehr wichtiges Buch. Wir haben heute nicht über Flucht gesprochen und davon, wie es ist, wenn man alles zurücklassen muss, und ins völlig Ungewisse aufbricht, obwohl wir das natürlich von den ukrainischen Binnenflüchtlingen zu Beginn des Krieges im Donbass auch ein bisschen kennen. Aber obwohl hier ein historisches Thema behandelt wird, geht es in erster Linie um Alltagserfahrungen. Und darin können wir einen Bezug zu unserem heutigen Gespräch sehen.

Lass uns noch mal kurz zu der Dreistigkeit und den Eingriffen des Übersetzers in den Text zurückkehren: Im Original heißen die Protagonisten uchodźcy, im Belarussischen auch ўцекачы. Ich habe das nicht mit „Flüchtlinge“, sondern mit „Vertriebene“ übersetzt. Meiner Meinung nach drängt sich das Wort direkt auf, wenn man den Text liest, denn die Personen sind nicht freiwillig geflohen, es wurde ihnen suggeriert, dass ihr Leben in Gefahr ist, der Krieg hat sie fortgetrieben. Sie waren nicht auf der Suche nach Wohlstand, sie wollten einfach ihr Leben retten. Deswegen sind sie bei mir „Vertriebene“.

Die Autorin hat angemerkt, dass die Zeitzeugen, die sie befragt hat, Personen also, die 1915 noch Kinder waren und sich an die Ereignisse eher aus den Erzählungen der Älteren erinnerten, ihr oft historische Ereignisse geschildert haben. Sie haben ihr erzählt, wie sie im Jahr 1915 vor den Deutschen geflohen sind, als die Front sich verschob. Und wie sie dann plötzlich im Russischen Reich waren und von der Oktoberrevolution 1917 ereilt wurden. Natürlich haben diese historischen Ereignisse ihr Leben beeinflusst, aber sie waren nicht unmittelbar daran beteiligt.

Die Autorin hat ihre Aufmerksamkeit dann von den historischen Ereignissen weg hin zu Alltagsdingen gelenkt und nach ganz banalen Dingen gefragt: Wie haben Sie überlebt? Woher haben Sie Ihr Essen bekommen? Wo haben Sie übernachtet? Also all die Dinge, über die zunächst einmal wenig gesprochen wird. Vielleicht untersuchen Historiker, die sich mit bestimmten Epochen befassen, auch die sozialen Aspekte. Aber die Geschichte, die in den Schulen gelehrt wird, ist in erster Linie Ereignisgeschichte: Kriege, Schlachten, Helden. Die Flucht von 1915 ist bis vor kurzem überhaupt noch nirgends erwähnt worden. Aneta Prymaka-Oniszk setzt sich hier mit dem polnischen Heldendiskurs auseinander.

Unser Alltag ist heute nicht weniger marginalisiert. Wir sind der Meinung, dass der Alltag unauffällig sein sollte, und das betrifft, da müssen wir uns nichts vormachen, vor allem Frauen, die im Übrigen ja auch sofort zu „langweiligen Glucken“ werden, wenn sie sich nur um Heim und Herd kümmern. Es ist also besser, wenn das niemand sieht und niemand darüber spricht – das interessiert doch ohnehin niemanden. Und das ist natürlich eine große Manipulation. Denn der Alltag ist in Wirklichkeit das, ohne das ein Leben gar nicht funktionieren kann.

Und genau darum geht es in dieser Reportage. Darum, wie ganz normale Menschen – vor allem Frauen – den Vertriebenen das Überleben gesichert haben, die irgendwo hingeraten waren und keinerlei Mittel hatten, um zu überleben. Mehrere Monate lang sind sie einfach mit ihren Trecks Richtung Osten gezogen. Erst später wurden sich auf verschiedene Gebiete des Russischen Reiches verteilt. Deswegen waren es gerade die Frauen, die es geschafft haben, dass die Vertriebenen, vor allem die Kinder, aber auch alle anderen, überleben konnten.

Und dieses große Ungleichgewicht gibt es heute immer noch – zwischen denen, die die unbemerkte tägliche Care-Arbeit verrichten, die garantiert, dass unser Leben in geregelten Bahnen verläuft, wenn es auch heute nicht mehr um das unmittelbare Überleben geht, und dem, wie das bewertet wird, denn diejenigen, die die Sorge-Arbeit leisten, müssen sich auch noch den Vorwurf gefallen lassen, dass sie sich mit Alltagsdingen aufhalten, und besonders gerüffelt werden diejenigen, die die Überlastung von Frauen durch Haushaltsarbeit öffentlich thematisieren. Die Reportage von Prymaka-Oniszk setzt sich zwar mit einem historischen Ereignis auseinander, aber das Thema ist in vielerlei Hinsicht auch für uns relevant.

LESEPROBE: Streifzug mit Übersetzerin: Olena Sheremet (Kyiv)

04:45

 

Gespräch - Roksolana Sviato

Übersetzung - Claudia Dathe

Fotos - Dina Artemenko, Olha Buriachenko

Ton - Anna Vynnychenko

Zeichnung - Iryna Stasiuk

Dieser Text erschien im Rahmen von Cities of Translators Kiew
Titelfoto: Iryna Stasiuk

Mai 2021

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