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Spannungsverhältnisse

„Die Kunst ist immer eine Überreaktion. Celan dichtete mitten in der Welt der Mehrsprachigkeit. Ich finde, er hat nicht nur übersetzt, sondern in seinen Übersetzungen gesungen. Im Rumänischen, Russischen, Französischen, Hebräischen und Englischen hat er gesungen, bis er keine Stimme mehr hatte. Das war der Ausgangspunkt für seine späte Dichtung. Es begann mit einer Stimmlosigkeit.“

Yoko Tawada, Paul Celan und der chinesische Engel

 

Denk ich an die Sprachen der Ukraine, fallen mir ein:

Das Deutsch von Paul Celan, ja, und von Joseph Roth.

Das Polnisch von Bruno Schulz.

Das Jiddisch von Scholem Alejchem.

Das Hebräisch von Aharon Appelfeld.

Das Russisch von Nikolai Gogol und Isaak Babel. Von Andrej Kurkow.

Das Ukrainisch von Juri Andruchowytsch, Oksana Sabuschko, Serhij Zhadan.

Für mich beginnt die ukrainischsprachige Literatur also in der Gegenwart – dank Sabine Stöhr, Juri Durkot, Claudia Dathe, Alexander Kratochvil, die diese Stimmen ins Deutsche übertragen. Stimmen, die so unterschiedlich sind, dass sie allein bereits einen Eindruck von der Vielfalt in diesem großen Land vermitteln, in literarischer, landschaftlicher, geschichtlicher, sozialer Hinsicht. Doch spielen historische Verwerfungen und ihre Auswirkungen auf die heutige Ukraine im Werk aller eine wesentliche Rolle.

Ein Thema, das mich während unserer virtuellen TOLEDO-Expedition nach Kiew besonders bewegte, war das Verhältnis von Ukrainisch – Landessprache und einzige Amtssprache –  und Russisch – Sprache des einstigen Imperiums –, und ich habe viele Fragen gestellt, die unsere ukrainischen Reiseführerinnen und -gefährtinnen sicher befremdet haben. Zum Beispiel, wie eng verwandt beide Sprachen sind? Ob es möglich ist, sich gegenseitig zu verstehen, selbst wenn man nur eine der beiden spricht? Ob Sprache, erst recht die Sprache eines Aggressors, schuldig ist oder unschuldig sein kann? Und schon kam eine lebhafte Diskussion in Gang, unter den Ukrainerinnen, die zwar alle in Kiew leben, aber nicht alle aus Kiew stammen und von denen manche Russisch als Muttersprache haben (was auf etwa ein Drittel der Bevölkerung zutrifft). Die Sprache einer Macht, die sich gerade wieder als feindlich erweist, durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim wie durch den unerklärten Krieg im Osten des Landes, dem inzwischen Zehntausende zum Opfer gefallen sind. Bei der Frage, wer wen wie versteht, war von russischer Arroganz die Rede, aber auch davon, dass das Russische im Land einfacher wird. Wir erfuhren von einer mündlichen Mischform aus Ukrainisch und Russisch, dem Surschyk. Und von Mark Belorusez, dem großen Übersetzer aus dem Deutschen (Celan) und Ukrainischen ins Russische, hörten wir, dass die Ukraine selbstverständlich mehrsprachig sei. Die Ukrainisierung nehme stetig zu, doch die Sprache entwickle sich nicht weiter. Mark Belorusez forderte, Ukrainisch müsse noch schöner, „raffinierter“ werden – und ich stelle mir vor, dass gerade Übersetzungen dazu beitragen. Wie sie es schon immer getan haben.

So oder so ist der historische Streit, ob Ukrainisch eine eigenständige Sprache sei, längst beigelegt: Die Sprache ist so eigenständig wie das Land unabhängig. Die Literatursprache hat auch hier ihren Ursprung in der Übersetzung sakraler Texte. Die Kiewer Sophienkathedrale (in ihrer Urform eine Übertragung der Sophienkathedrale in Konstantinopel) beherbergte einst eine Schule des Übersetzens. Im Lauf der Zeit, insbesondere ab dem 18. Jahrhundert, wurde die ukrainische Volkssprache literaturfähig – und bereicherten Übersetzungen den Wortschatz fortlaufend durch Neologismen und Lehnwörter. Mit der Übertragung von Weltliteratur wurde ganz bewusst Sprachentfaltung betrieben und auch hier die übersetzungstheoretische Ballade von Einbürgerung versus Verfremdung angestimmt.

So weit, so vertraut – aber wer von uns (auf der deutschen/westlichen Seite) hätte geahnt, dass Übersetzen als Schutz vor Indoktrination betrieben werden kann, wie es hier in den 1930er Jahre der Fall war? Und wem diese Form der inneren Emigration später versagt blieb, während der zweiten Repressionswelle in den 1970er und 80er Jahren, übersetzte im Gulag Rilke, „um Mensch zu bleiben“. Es galt aber auch, sich gegen die aktive Russifizierung, die rein imperialistische Verfremdung des Ukrainischen zu wehren.

Daneben existiert eine hellere Tradition der wechselseitigen Befruchtung beider Sprachen – so war das Russisch von Gogol reich an Ukrainismen. Nach der Unabhängigkeit war Übersetzen ein Weg, die „Trägheit der postsowjetischen Ära“ zu überwinden. Die Konkurrenz zum Russischen bleibt für Übersetzer und Übersetzerinnen ins Ukrainische ein Ansporn, stets noch bessere Arbeit zu leisten, weil gute Übersetzungen nicht nur die Ausdruckskraft, sondern auch die Beliebtheit der Sprache steigern. Übersetzen ist in der traditionell mehrsprachigen, unendlich vielstimmigen Ukraine nach wie vor ein politisches Unterfangen, das ästhetische Maßstäbe setzt.

Dieser Text erschien im Rahmen von Cities of translators Kiew
Titelfoto: Mila Hryhorenko

Mai 2021

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Patricia Klobusiczky (*1968) wuchs zweisprachig in Deutschland und Frankreich auf. Studierte literarisches Übersetzen in Düsseldorf und arbeitet nach ihrer Tätigkeit als Lektorin für den Rowohlt Verlag als literarische Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen. Sie hat unter anderem Marguerite Andersen, Lina Ben Mhenni, Marie Darrieussecq, Louise de Vilmorin und William Bord ins Deutsche übersetzt.

Regelmäßig ist sie als Mentorin bei der Berliner Übersetzerwerkstatt tätig. 2017-2021 war sie 1. Vorsitzende des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ). Sie arbeitet in verschiedenen Jurys mit, u.a. für den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis, für den Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis und für den Deutschen Verlagspreis.

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