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Nahaufnahmen

Eine Übersetzung ist in Belarus nicht einfach nur eine Übersetzung. Wenn von literarischen Übersetzungen ins Belarussische die Rede ist, wirkt diese Feststellung nicht übertrieben. Darüber habe ich mir sowohl alleine, als auch mit anderen Übersetzern Gedanken gemacht, die sich in den 2000er und 2010er Jahren hauptsächlich in der Übersetzerwerkstatt des Belarussischen Kollegiums in Minsk trafen. Ziel davon war es, zu beleuchten, wie diese These heute, in einem bahnbrechenden Moment des Umschwungs für die gesamte belarussische Kultur, verstanden wird.

Die Online-Zeitschrift “PrajdziSvet” für Literaturübersetzungen, die Buchreihen PostScriptum und “Poeten des Planeten” (bel. “Paety planety”) des Herausgebers Zmitr Kolas, die unabhängige Buchreihe “Amerykanka”, der Almanach “Misker Schule” - das sind die wesentlichen, unmittelbar mit dem Übersetzen verbundenen Initiativen, die wir hier vorstellen möchten.

Gesondert zu betrachten ist der Monolog des belarussischen Übersetzer-Klassikers Vasil Siomucha - Teil eines schriftlichen Interviews, das ich 2010 mit “Onkel Vasil”, wie wir ihn nannten, durchführte, als ich für die Tageszeitung “Novy Čas” Materialien über die Kinder der Okkupation zusammengestellte. Diese Antwort auf eine damals noch nicht gestellte Frage halte ich für die wertvollste in dieser Stimmensammlung.

 


 

 


 

Übersetzen als Trauma

Paval Kasciukievič im Gespräch mit Maryja Martysievič

 

Erzähl mal wie eine, die Lyrik und Prosa übersetzt, zur Herausgeberin und Promoterin für Übersetzungen wird.

Zusammen mit anderen englischsprachigen Übersetzern habe ich 2010 die Buchreihe “Amerykanka” ins Leben gerufen, 2017 erschien dann das erste Buch - “Einer flog über das Kuckucksnest” von Ken Kesey, übersetzt von Aleksej Znatkievich. Sieben Jahre haben wir damit verbracht, finanzielle Mittel für die Herausgabe aufzutreiben. Im Belarus der 2010er Jahre war das unmöglich. Während Übersetzungen aus Kontinentaleuropa dann von Kulturstiftungen unterstützt wurden, kam Literatur aus England und den USA in solchen Programmen nicht vor. Und das ist wirklich paradox, denn die beliebteste Fremdsprache in Belarus ist Englisch. Viele Literaten übersetzen einfach “für sich” bekannte Bücher als “ihre eigenen”. Die Reihe “Amerykanka” (so nennt man bei uns eine Amerikanerin, eine Billard-Variante und das KGB-Gefängnis in Minsk) setzt sich aus Werken zusammen, die in unseren Augen durch die Themen Freiheit und Menschenwürde miteinander verbunden sind.

Als Crowdfunding-Plattformen 2015 in Belarus anliefen, sah ich darin eine Chance für unsere Übersetzungen. Die erste Sammelaktion habe ich lange geplant, groß aufgezogen und dann ziemlich verbockt.

Doch nicht mit Absicht?

Fast. Ich habe gleich verkündet, dass ich vier Bücher herausgeben möchte und dafür eine, für belarussische Verhältnisse, stattliche Summe aufgestellt: über 10.000 Euro. Ich habe von Journalisten und Lesern dann unentwegt dieselbe Frage beantwortet: Warum so viel? Das hat mir widerum dabei geholfen, die breite Masse mit den Problemen unseres Buchmarktes zu erreichen. Abgesehen davon wollte ich die Skala verdeutlichen. Dass es sich bei der Reihe um ein ernsthaftes Projekt handelt und nicht bloß um eine Solidaritätsaktion.

Die belarussische Kultur befand sich damals in einem solchen Zustand, dass die Unterstützung von Buchveröffentlichungen der von Schwerkranken oder Opfern einer Katastrophe gleichkam - und mit derselben Intonation baten wir auch um Spenden. Ich beschloss, etwas positives mit einzubringen. Unsere Initiative nannte sich “Sommer mit “Amerykanka””: drei Monate gaben wir Filmvorstellungen und kostenlosen Englischunterricht, um Geld zu sammeln. Und auch wenn das Ziel der Aktion nicht erreicht wurde, gewannen wir doch die Aufmerksamkeit von Mäzen und bis 2019 kamen, eins nach dem anderen, fünf Bücher von Autoren aus den USA und Kanada heraus. Die haben wir dann auch durchaus kreativ präsentiert.  Zum Beispiel wurde die Autogrammstunde zu “Fight Club” zur Gruppentherapie in einer verlassenen Fabrikhalle, in der Wasser von der Decke tropfte. Der Übersetzer Siarzh Miadzvedzeu stellte “Rezepte” aus. Ich musste mir für die Performance einen Schwesternkittel besorgen. Später wiederholten wir unsere Show auf einigen Literaturveranstaltungen.

Ist es wahr, dass ihr Seife gesiedet habt, um auf das Buch aufmerksam zu machen?

Nicht mein Verdienst! Den Einfall hatte ein Übersetzer. Alle Mitwirkenden konnten sich komplett frei entfalten. “Amerykanka” ist ein Kreativlabor für sich. Bei unseren Aktionen treffen sich Übersetzer, Verleger und Leser, um über die amerikanische Literatur zu reden und ihre Ideen und Erwartungen auszutauschen. Anfänger haben bei uns die Möglichkeit, erste Schritte als Literaturübersetzer zu wagen. Übersetzer, Redakteure und Künstler können mit Sprache, Stil und Einbanddesigns experimentieren. 

Hattest du irgendwelche Vorkenntnisse in Sachen Buchvertrieb?

Dank der Tatsache, dass unsere Leser die ersten Exemplare via Crowdfunding gekauft hatten, konnte sich unser Kreis von Anhängern beständig erweitern. Bis dato hatte man geglaubt, dass es für Bücher in belarussischer Übersetzung kein Publikum gebe. Ich hatte darauf bestanden, dass man sie nur “auskämmen” musste, “wie Flöhe aus dem Fell eines Hundes”. Offenbar hat dieser Vergleich unserer Autoren stilistisch niemanden beleidigt. Danach lief alles wie immer. Ich habe kein Auto, die Auflagen transportierte ich in Einkaufsnetzen von Kinderwagen in die Buchhandlungen - erst mit meinem ersten, dann mit meinem zweiten Sohn. Ein ambivalentes Gefühl. Auf der einen Seite die Euphorie darüber, dass du deinen Weg gehst, dass das der Anfang von etwas Großem ist; auf der anderen - Besorgnis. Werde ich etwa mein Leben lang Bücher zu Fuß rumschleppen? Werden es wohl immer so wenige sein? Erst im Kinderwagen, dann im in einer alten Einkaufstasche, für den Marktbesuch?

Moralische Unterstützung bekam ich 2019 von Virginie Symaniec. Sie ist Direktorin eines kleinen Verlages in Frankreich, der “Le Ver à Soie” heißt und slawische Literatur auf Französisch verlegt. Virginie hat belarussische Wurzeln. Sie erzählte mir, dass sie gerne mit ihren Büchern auf einen Bauernmarkt bei Paris fährt und sie dort neben Fleisch oder Gemüse verkauft. Weil es wichtig ist, Klischees zu brechen. Ich freute mich, denn dasselbe versuchte ich auch in Belarus. Nur dass es bei uns nicht so einfach ist, Bücher einfach irgendwo zu verkaufen - das ist meistens verboten. Aber ich habe an Trödelmärkten teilgenommen, wo Menschen ihre alten Sachen verkaufen. Habe meine Bücher mitgenommen und gehandelt. Übersetzen und verlegen fiel mir leichter, als dort mit der Ware zu stehen, die ich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Meine Scham zu überwinden war gar nicht leicht.

Was ist das merkwürdigste, was du je für die belarussische Übersetzung getan hast?

Für mich war das meine Lobbybeteiligung. 2017 bat mich der Literat Anton Bryl, sein Projekt auf einem Kongress von PEN International vorzustellen. Er wollte Organisationen aus aller Welt dazu auffordern, die Abschaffung des Urheberrechts für Buchübersetzungen in Sprachen zu initiieren, die laut UNESCO als gefährdet klassifiziert sind. Aktuelle Werke der Weltliteratur erscheinen oft nicht auf “kleinen” Sprachen, aus Bequemlichkeit der Literaturagenturen. Jedenfalls erhalten die Verlage keine Antworten auf ihre Anfragen. Auch, wenn einige belarussische Übersetzer nicht nur unbezahlt arbeiten, sondern den Verlegern sogar Geld anbieten, um Rechte zu erwerben.

Bryl’s Vorschlag bestand darin, so etwas wie ein “grünes Label” zu entwickeln. Mit der Platzierung dieses Etiketts auf einem übersetzten Buch bekämen  Muttersprachlern kleiner Sprachen die Möglichkeit, neue Bestseller, Klassiker des 20. Jahrhunderts, legal und zu einem günstigen Preis zu lesen.

Nachdem ich die Idee vorgestellt hatte, hagelte es Kritik von der Vertreterin eines anderen slawischen Landes. Sie sagte, dass zwar nicht viele Menschen ihre Sprache sprechen würden, sie aber nicht als bedroht gelte und daher bei den Ermäßigungen nicht berücksichtigt werden würde, wenn auch mit dem Erwerb von Urheberrechten ähnliche Schwierigkeiten herrschten. Aber richtig unangenehm wurde es erst danach. Nach mir präsentierte eine Vertreterin aus Indien, die die Rechte der tamilischen Sprache verteidigte. Sie erklärte, dass sich übersetzte Bücher auf Tamil - mit an die 70 Millionen Muttersprachlern - sehr gut verkaufen würden. Doch das Jahr war für die tamilische Kultur durch Ermordungen von Bloggern und Journalisten überschattet worden. Und da drehte sich die Vorsitzende der Sektion zu mir um und sagte: “Sehen Sie, bei Ihnen in Belarus wird man wenigstens nicht erschossen”.

Hat unsere “Liberalisierung” von 2011-2020 internationalen Unterstützungen im Weg gestanden?

Eine Liberalisierung war diese Zeit nicht. Was literarische Angelegenheiten, die Herausgabe von Übersetzungen, angeht, konnte nur dank des Zusammenhalts der Zivilgesellschaft und entgegen der staatlichen Kulturpolitik etwas geschehen. Laut Verlegern und Übersetzern könnte der Staat in mindestens drei Punkten behilflich sein, wenn er denn wollte. Einmal bei der Senkung oder Abschaffung der Mehrwertsteuer für Bücher (in Belarus beträgt diese Steuer heute 20%). Zweitens die Erteilung einer Erlaubnis für Bibliotheken, nach der sie aus ihren Finanzmitteln beliebige Bücher anschaffen dürfen (zur Zeit sind sie verpflichtet, Bücher aus staatlichen Verlagen zu bestellen und erst danach von privaten - wenn noch Mittel übrig sind). Und dann ist Belarus zwar Mitglied der Östlichen Partnerschaft, kann aber nicht an Förderprojekten von „Creative Europe“ teilnehmen. Im Rahmen dieses Programms wurden 2021 beispielsweise 5 Millionen Euro für literarische Übersetzungen bereitgestellt. Für die Teilnahme müsste das Kulturministerium bestimmte Dokumente ratifizieren und die belarussischen Behörden müssten dafür die Situation der Meinungsfreiheit verbessern. Seit 1996 werden Menschenrechte schwer verletzt und Druck auf NGOs und Medien ausgeübt. Mich hat der Kommentar übers "erschossen werden” traurig gemacht, weil mir scheint, als gäbe es in der Welt eine große Toleranz für Ungerechtigkeit, in der nur Blut und Gewalt beeindrucken können.

Im Angesicht aller Dinge, über die wir gesprochen haben: Warum übersetzt du?

Auf die Frage würde ich für jedes Buch anders antworten.

Erzähl doch zum Beispiel, wie es zu den Entwurf-Fotos gekommen ist.

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Das sind Gedichte von Antoni Edward Odyniec, übersetzt aus dem Polnischen ins Belarussische. In eineinhalb Jahren habe ich tausende Verse nachgedichtet, die er in seinen Memoiren zitiert. Ich habe in der Entbindungsklinik daran gearbeitet und dann mit Baby im Arm - deswegen habe ich Fotos gemacht, damit von den Papieren nichts verloren geht. Das war eine moralisch und technisch sehr schwere Übersetzung, aber ich habe das in Kauf genommen.  Der Initiator dieser Herausgabe, Aleksandr Feduta, hat sich in den Kopf gesetzt, dem Belarussischen Leser die Memoiren von Odyniec zugänglich zu machen - einer der wichtigsten Quellen, anhand derer wir heute in der Lage sind, die intellektuelle belarussische Geschichte des 19. Jahrhunderts zu studieren. Ich stimmte zu, nachdem zwei andere Übersetzer Feduta abgesagt hatten. Spezialisten für solche Texte gibt es bei uns nur sehr wenige. Als ich von Feduta erfuhr, warum er das Buch herausgeben wollte, habe ich mich entschieden, die Gedichte zu übersetzen.

Und was war der Grund?

In den 90er Jahren war Feduta bekanntes Mitglied des Komitees von Alexander Lukashenko und unterstützte ihn so beim Wahlsieg. Das sieht er als seinen größten Fehler. Feduta schreibt und übersetzt Bücher über die Geschichte der Gesellschaft der Philomaten und Philaretten, und “begleicht so seine Schuld”. Das ist das Einzige, so sagt er, was er für das belarussische historische Gedächtnis als Literaturwissenschaftler tun kann. Veröffentlicht und präsentiert hat Feduta das Buch von Odyniec 2020. Seit Oktober 2021 befindet er sich in Haft, als Staatsfeind unter schweren Anschuldigungen.

Kommt es dir nicht auch so vor, als hättest du fast zu viele traumatische Geschichten erzählt?

Aber in Belarus Literatur zu übersetzen ist einfach nur traumatisch. Hast du das etwa noch nicht verstanden?

 

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Maryja Martysievič (privat)

Maryja Martysievič ist Lyrikerin, Übersetzerin, Publizistin, Veranstalterin von Kulturprojekten. Geboren 1982 in Minsk. Sie übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Englischen, Polnischen, Russischen, Ukrainischen und Tschechischen ins Belarussische, ist Koordinatorin vielseitiger Kulturprojekte und Organisatorin von Literaturveranstaltungen. Seit 2017 ist sie Redakteurin der Buchreihe “Amerykanka”und, seit 2020, der Serie “Gradus” im Zimitr Kolas Verlag. Von ihr erschienen zahlreiche übersetzte und vier eigene Bücher. Für ihr Buch “Samartyja” erhielt sie 2019 zwei Literaturpreise. Sie lebt in Minsk.