Cities of translators Budapest Wie kommt János nach Paris? | Drei Raben
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Wie kommt János nach Paris? | Drei Raben

Für die Tätigkeit, die die mir bekannten europäischen Sprachen durch Verben mit der wörtlichen Bedeutung übersetzen, überführen oder übertragen bezeichnen, wie zum Beispiel traduire, tradurre, prevesti, przełożyć, translate, wird in meiner Sprache, dem Ungarischen, seit dem 16. Jahrhundert die Bezeichnung fordítani (umdrehen) verwendet. Die Sprache irrt sich nur selten: Es muss einen Grund für diesen Unterschied geben. Es kann kein Zufall sein, dass während die meisten europäischen Sprachen das Moment der Übertragung (Transfer) bei diesem Vorgang hervorheben, das Ungarische dagegen auf die Umwandlung (Transformation) verweist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die ungarische Sprache sich zu sehr von allen anderen europäischen Sprachen unterscheidet, demzufolge stehen zu wenig analoge Bedeutungsfelder und Strukturen zur Verfügung, dass sich absehen ließe von dem – eigentlich immer bestehenden – Umstand, dass der Übersetzer hier und dort umformt, also sich vom ursprünglichen Bedeutungsfeld oder von der Struktur entfernt, um am Ende einen Text hervorbringen zu können, der dem ursprünglichen gleichwertig ist. Um nur die wichtigsten Unterschiede hervorzuheben: Statt der Deklination der Substantive arbeiten wir im Satz mit Suffixen, von denen es mehrere Dutzend gibt; das Zeitverständnis der Verben ist anders, daher verwenden wir nur eine Vergangenheit und eine Gegenwart, mit denen und mit den Zeitverhältnisse verändernden Präfixen können wir die Schattierungen ausdrücken, die andere Sprachen mit dem Plusquamperfekt und dem Futur II, oder zum Beispiel das Italienische mit seinen noch zahlreicheren Verbformen erreichen. Das sind die wesentlichen Unterschiede, die unsere Sprache von allen anderen europäischen Sprachen unterscheiden, obwohl ein Linguist bestimmt noch viele andere aufzählen könnte.

Ungarisch Sprechende lernen auch deshalb schwerer fremde Sprachen, und sie spüren zu Recht, dass sie auf der einen Seite nicht verstanden werden, auf der anderen ist für sie alles nur schwer verständlich, was außerhalb ihrer Sprache liegt. Dazu noch haben sich die germanischen, die romanischen und slawischen Sprachen im Laufe der Geschichte nicht voneinander isoliert, sondern ein Dialektkontinuum gebildet: Sie haben den Sprachgebrauch auf gewaltigen Gebieten von Dorf zu Dorf nur geringfügig verändert. Die Herausbildung von Nationalstaaten hat diese Sprachen natürlich homogenisiert und dadurch voneinander entfernt, die Verwandtschaft der Nachbarn aber blieb erhalten. Ein Ungar kann sich nicht einmal vorstellen, was es für ein Gefühl ist, im Fremden das Eigene zu erkennen.

Diese sprachliche Insellage hatte spätestens seit dem Ende des 17. Jahrhunderts gewichtige Konsequenzen. Viele Ungarn fühlten und fühlen, dass sie von einer feindlichen Außenwelt umgeben sind; dass ihre Gefühle, ihre Gewohnheiten, ihre gesamte Kultur für die Außenwelt unnahbar und unverständlich sind. Teilweise aus Kompensation, teilweise wegen der fehlenden Vergleichbarkeit sind die Ungarn überzeugt davon, dass ihre Kultur unvergleichlich und alleinstehend sei, alle anderen Kulturen übertreffe; dass sie von den Fremden nichts, diese jedoch von ihnen sehr wohl lernen könnten, aber nicht wollten. Ein Wunder wie die ungarische Dichtung − oder eben die ungarische Volksmusik, die sogenannte Zigeunermusik oder die ungarische Volkskunst − habe es in Europa nicht gegeben. Ich brauche nicht auszuführen, was das für eine gefährliche Munition für die Politik ist und wie stark das die Integration der Ungarn in die europäische und globale kulturelle Kommunikation bzw. Modernisierungsprozesse belastet.

Demgegenüber sind allein schon die Existenz des literarischen Übersetzens und seine alltägliche Praxis ein Beweis dafür, dass eine Vermittlung unserer Kultur, ein Vergleich mit anderen Kulturen möglich ist; dass ihre Eigenart messbar ist und sich bewähren kann; dass sie bei Aufrechterhaltung ihrer Eigenart fähig ist, fremde Einflüsse in sich aufzunehmen. Sie hilft dabei, sich mit dem Fremden anzufreunden und die Isolationsängste aufzulösen. Über all das hinaus, von dem hier die Rede sein wird,

hat die literarische Übersetzung in Ungarn eine therapeutische Funktion und ein daraus entstehendes Pathos, eine moralische Bedeutung.

Das kann die Erklärung dafür sein, dass unter den besten ungarischen Schriftstellern und Dichtern sich derartig viele mit dem Übersetzen von Literatur beschäftigt haben.

Kommen wir zurück auf die weiter oben erwähnte Transformation. Schauen wir uns im Detail an, wie es in der Praxis funktioniert. Nehmen wir dazu einen Beispielsatz auf Französisch:

 

Il a traversé la rivière à la nage.

 

Diesen Satz habe ich aus einem Buch von Georges Mounin genommen, aber er wurde auch schon von anderen verwendet.

Setzen wir die ungarische Übersetzung des Satzes daneben:

 

Átúszta a folyót.   ([Er] durchschwamm den Fluss.)

 

Übersetzen – wie einfach das klingt! Was aber haben wir getan? Wir haben einen ungarischen Satz erzeugt, der – nach unserer Meinung und den Möglichkeiten gemäß – das Gleiche aussagt wie der französische. Das war nur so möglich, dass wir aus dem französischen Satz etwas herausgezogen und destilliert haben, aus dem wir dann eine ungarische Sprachstruktur generierten. Joseph Brodsky gebrauchte dafür die Metapher, dass beim Übersetzen über die Sprache der Engel vermittelt wird: Zuerst übersetzen wir den ursprünglichen Text in ihre Sprache, dann aus ihrer Sprache in die Zielsprache. Das Problem mit dieser schönen Metapher ist, dass das, was dazwischen liegt, nicht sprachlicher Natur sein kann. Denn wäre es das, würde sich wieder die Frage stellen: Was überträgt die ursprüngliche Sprache in die der Engel, und was die Sprache der Engel in die Zielsprache? Und immer so weiter, bis ins Unendliche. Es mag wohl eher eine immaterielle und nicht entfaltete (inkonsistente und implizite) Struktur sein, ein leuchtender Nebel, ein wirbelndes Nichts. Der Geist des Textes – diese Metapher habe ich dafür gefunden. (Ich hoffe, es ist klar, dass ich diesem Wort keinerlei philosophische Tiefe zuteile, dass ich es streng nur als Metapher verwende, mangels einer besseren Lösung.)

Der Geist des Textes ist kein stabiles Gebilde – es existiert nur für einen Moment und allein in unserer Vorstellung. Wenn wir mit der Absicht auf einen Satz schauen, um ihn zu übersetzen, dann schwebt er schon über dem Körper des Textes. Und er entschwindet, sobald es gelingt, dem Satz einen Körper in der Struktur der Zielsprache zu geben.

Wie also wurde der obige ungarische Satz geboren? Der Geist des Wortes rivière hat im homologen (oder doch zumindest analogen) ungarischen Ausdruck folyó (Fluss) einen Körper gefunden. Doch zu traverser à la nage gibt es kein Analogon. Diese Handlung drückt die ungarische Sprache mit einer fundamental anderen Struktur aus. Im Französischen enthält das Verb (traverser) die Richtung der Bewegung, die daran angeschlossene Phrase (à la nage) drückt die Art der Bewegung aus. Im Ungarischen ist es genau umgekehrt: Das Verb (úszni oder schwimmen) bestimmt die Art der Bewegung; um auch die Richtung zu bestimmen, müssen wir das Präfix át- bzw. durch- davorstellen. Dabei gehören im Französischen zum Verb insgesamt drei Wörter (il a traversé), wo das Subjekt der Handlung und das Tempus getrennt gekennzeichnet werden. Das Suffix, was im Ungarischen dem Verb anheftet, macht die Kennzeichnung des Subjektes überflüssig, auch das Tempus ist in diesem Suffix gekennzeichnet. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass das Französische auch das Geschlecht des Agierenden bezeichnet (il Maskulinum), was das Ungarische auch dann nicht tun würde, wenn es gezwungen wäre, ein Personalpronomen zu gebrauchen. Denn die ungarische Sprache unterscheidet die Geschlechter nicht. Sie markiert allerdings mit einer objektbezogenen Konjugation, dass die Handlung sich auf ein bestimmtes Objekt bezieht. Hier eigentlich überflüssig, denn das Objekt steht dort im Satz – dennoch ist es unmöglich, darauf zu verzichten.

Dieses Moment des Übersetzens – wenn der Geist des Textes in einer heterologen Struktur der Zielsprache Gestalt annimmt – habe ich oben Umwandlung oder Transformation genannt.

Wenn wir den französischen Beispielsatz in andere europäische Sprachen übersetzen würden, kämen wir wahrscheinlich mit viel weniger Transformationen aus, doch es ist geradezu unmöglich, dass wir keinerlei Transformation gebrauchen müssten. Daher nenne ich die Transformation das Moment des übersetzerischen Vorgangs.

In unserem Beispiel handelt es sich um einen alltäglichen Fall der Transformation, bei dem einer bewährten Struktur der Ausgangssprache eine anders aufgebaute Struktur der Zielsprache entspricht. Es gehört aber zum Wesen der literarischen Sprache, dass sie häufig mit ungewöhnlichen, individuell hervorgebrachten syntaktischen Lösungen, rhetorischen Figuren, Metaphern usw. operiert. Wir können auch sagen, dass der Autor eines literarischen Werkes – auch der kreative Philosoph oder Wissenschaftler – über den Status einer sprachlichen Quelle verfügt (Sprachkompetenz). Wenn der Übersetzer die individuellen, nicht bewährten Strukturen der Ausgangssprache mit bewährten, gewöhnlichen Strukturen wiedergibt, dann begeht er einen Fehler. Der literarische Übersetzer muss demnach wie auch der philosophische und wissenschaftliche über sprachliche Quellenkompetenz verfügen. Darauf gehen wir später noch mehr ein.

Jetzt aber geben wir dem Subjekt in unserem Beispielsatz einen Namen:

 

Jean a traversé la rivière à la nage.

  

 Dann übersetzen wir. Hier können wir zwischen zwei Möglichkeiten wählen:

 

(1) János átúszta a folyót. (János durchschwamm den Fluss; deutsche Entsprechung: Hans durchschwamm den Fluss.)

 

Wir haben die Transformation des Namens vollzogen. Der Text ist dadurch beruhigend heimatlich geworden. Als wäre das keine Übersetzung. Ist es auch nicht. Das ist ein neuer Satz, Ungarisch. Am Ufer des französischen Flusses ist bestimmt kein János oder Hans aus dem Wasser gestiegen. Das war Jean, und wir müssen im ungarischen Text, wenn dieser eine Übersetzung sein will, von seinen Begebenheiten berichten. Noch dazu müssen wir im beschriebenen Universum der Ausgangssprache mit zahlreichen Dingen rechnen, die keinerlei Entsprechung im Universum der Zielsprache haben. Es ist noch zu verkraften, wenn der Name Jean auftaucht, den wir mit János bzw. Hans übersetzt haben. Doch was machen wir, wenn auch der Fluss einen Namen bekommt (Loire), oder wenn dreihundert Seiten später dieser Jean nach Paris reist? Wie kommt János oder Hans nach Paris? Sollen wir den Fluss statt Loire vielleicht Theiß nennen und statt Paris Debrecen übersetzen? Das ist ganz offensichtlich ein absurder Gedanke, allerdings, wie wir noch sehen werden, nicht beispiellos in der Geschichte des Übersetzens.

Wir tun besser daran, wenn wir bei der anderen Lösung bleiben:

 

(2) Jean átúszta a folyót. (Jean durchschwamm den Fluss.)

 

Jetzt ist allerdings geschehen, dass wir in das Universum unserer Sprache etwas übertragen haben, was nicht darin enthalten war, was eigentlich in das Universum der anderen Sprache gehört. Wir haben unsere Sprache bereichert, genauer gesagt, unsere durch die Sprache umschriebene Welt. Wir haben einen Einblick geschaffen in das Universum einer anderen Sprache. Dabei haben wir das Zeichen Babels in unserem Text platziert. Wir haben einen Transfer vollbracht.

Meine Beispiele sind natürlich zu vereinfacht und modellhaft. In der Praxis des Übersetzens haben wir es meistens mit komplexeren Fällen von Transformation und Transfer zu tun. In extremen Fällen, die allerdings bei literarischen, philosophischen und wissenschaftlichen Übersetzungen nicht so selten sind, wenn nämlich in der Zielsprache ein Wort, ein Ausdruck oder eine Wendung fehlt, können wir den Mangel nur durch Transformation oder Transfer ersetzen.

Im obigen Fall bringen wir durch Neuverwendung (Rekontextualisierung) oder Worterneuerung (Neologismus) in unserer Sprache ein Analogon zustande, in dem der Geist des Textes Gestalt gewinnen kann. Der Neuverwendung ist eine Grenze gesetzt, denn der neu verwendete Ausdruck verliert seine ursprüngliche Bedeutung nicht − das Unterdrückte kehrt unablässig zurück. Dabei ist das Schicksal der Neuverwendungen und Worterneuerungen unberechenbar, sie sind der Launenhaftigkeit der Rezeption ausgesetzt. Wer kann schon erklären, warum sich die ungarischen Wörter für Spray (permet) und Grapefruit (citrancs) nicht durchgesetzt haben, und warum es dagegen dem Wort merevlemez (Hard disk bzw. Festplatte) gelungen ist? An dieser Stelle kann ich auch von einem persönlichen Fiasko berichten: Das Wort discours aus der französischen Sprachphilosophie habe ich versucht, mit der Neuverwendung des alten und verblichenen Wortes beszély ungarisch wiederzugeben. Die Fachwelt aber favorisierte das aus dem Lateinischen stammende Wort diskurzus, das auf Ungarisch beszélgetés (Gespräch) bedeutet.

Der Triumph der ungarisch gewordenen Wörter spré, grépfrút und diskurzus macht deutlich, dass auch der Transfer dazu geeignet ist, fehlende Elemente in unserem sprachlichen Universum zu ersetzen. Doch selbst dem sind Grenzen gesetzt. Da gibt es einerseits die phonologischen Eigentümlichkeiten der ungarischen Sprache – die Vokalharmonie und die Verbindungslaute –, die das Einfließen fremdsprachiger Ausdrücke in den Satz erschweren; der Ersatz für im Ungarischen nicht existierende Laute bleibt bis heute oft unentschieden (Zum Beispiel Curry, ungarisch karri oder körri?). Dazu noch haben wir alle schon solche philosophischen Texte gesehen, bei denen achtzig Prozent der Fachausdrücke aus dem Lateinischen oder Englischen übernommen sind. Ein solcher Text kann kaum als Übersetzung gelten, in der italienischen Renaissance hat man so etwas maccherone genannt. Der große Nachteil eines solchen Fachmakkaroni ist, dass in den Fremdwörtern deren Etymologie nicht durchscheint, sie werden nicht von einer Aura der Konnotation umschwebt, so können sie der Fantasie keine Hilfestellung leisten. Ohne die aber ist kreatives Denken nicht möglich, da gibt es dann nur papageienhaftes Wiederholen.

Die Ungarn sind spät nach Europa gekommen, sie gelangten in eine frühmittelalterliche Zivilisation, die sich unter vielfältigen Einflüssen herausgebildet hatte und das ganze Leben prägte. Da gab es hunderte, tausende Phänomene, die gelernt und in der eigenen Sprache benannt werden mussten. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass die ersten sechs Jahrhunderte der ungarischen Anwesenheit in Europa von diesem Lernen erfüllt waren. Die Übersetzung, avant la lettre, bestand zum Großteil darin, fehlende Worte zu ersetzen. Die zu übersetzenden, fremden Texte ergaben sich zum Großteil aus der Übernahme des Christentums, die fiel bei uns auf das 11. Jahrhundert. Weil die Nachbarvölker schon einige Jahrhunderte christlich gewesen waren, stammten die übernommenen Wörter hauptsächlich von ihnen, oder aber – wie etwa das griechische Wort angelos, das ungarisch hírnök (Bote) bedeutet – solche Worte kamen über ihre Vermittlung in die ungarische Sprache. So auch das Wort karácsony (Weihnachten), ursprünglich ein slawisches Wort zur Bezeichnung der Sonnenwende, das hier neu verwendet wird. Wie bereits erwähnt, kehrt aber bei der Neuverwendung häufig Unterdrücktes zurück − in diesem Fall das heidnische Fest der Wintersonnenwende in der ungarischen Bezeichnung für Weihnachten. Dementsprechend wird das christliche Fest in Ungarn von zahlreichen, zu unschuldigem Volksbrauchtum gemilderten, heidnischen Kulten umlagert. Auch das ungarische húsvét für Ostern ist als Spiegelübersetzung ein slawischer Ausdruck, der ursprünglich húsvétel (Fleischaufnahme) bedeutet hat, es ist somit eine Spracherneuerung. Im Gegensatz zu angyal (Engel) ist das Wort ördög (Teufel) wahrscheinlich die Neuverwendung eines Begriffes aus der heidnischen Glaubenswelt der Magyaren – mit allen Konsequenzen einer Wiederkehr unterdrückter Bedeutungen.

Das Wort keresztény (christlich) hat vielleicht das merkwürdigste Schicksal: Es war wohl das erste Leiterjakob, das erste radikale übersetzerische Missverständnis. (Ein Journalist verstand 1863 das Wort Jakobsleiter als Eigenname und übersetzte: Jakob Leiter.) Das ungarische Wort keresztény war ursprünglich ein aus dem Slawischen übernommenes Wort mit der Bedeutung Anhänger Christi, zunächst so geschrieben: kresztyén. Weil es aber sehr dem ungarischen Wort für Kreuz (kereszt) ähnelte, wurde sehr schnell keresztény daraus, und es verbreitete sich in dieser Form. So ist das Ungarische meines Wissens nach die einzige Sprache, in der sich die Bezeichnung der Christen nicht aus dem Namen Christi, sondern dem Wort für sein Hinrichtungsinstrument ableitet. Die fehlerhafte Etymologie spiegelt aber die Akzentverschiebung des zur Staatsreligion gewordenen Christentums treffend wider: Betont wird damit nicht die Person, sondern die Institution, nicht die Lehre, sondern der Kult (Kirchen als Orte des Kultes wurden mit dem Kreuz gekennzeichnet). Die Protestanten entfernten das Kreuz von den Kirchtürmen, zur Bezeichnung ihres Glaubens kehrten sie zu dem archaischen Wort keresztyén zurück, in dem die Ähnlichkeit zu dem ungarischen Wort für das Kreuz (kereszt) nur mehr blass durchscheint.

Die größte Masse der zu übersetzenden Texte stellten natürlich das Alte und das Neue Testament, und diese Aufgabe wurde wie überall aktuell mit der Verbreitung des Protestantismus. Auch nach der Herausgabe der ersten vollständigen ungarischen Bibelübersetzung von Gáspár Károli 1590 ging die Arbeit noch gute hundert Jahre weiter, vor allem wegen der unzureichenden Entwicklung des Ungarischen und der Verzweigung der Sprache in zahlreiche Dialekte sowie des Mangels an festen Regeln. In dieser Zeit konnten in Ungarn auch die Ausdrucksformen und Attitüden der weltlichen, höfischen Dichtung durch Vermittlung der Troubadourtradition Fuß fassen, was dem größten ungarischen Dichter der Renaissance, Bálint Balassi (1554−1594), der acht Sprachen beherrschte (das Lateinische, Italienische, Deutsche, Polnische, Türkische, Slowakische, Kroatische und Rumänische), zu verdanken war.

Die größte Gestalt des ungarischen Barock war der zweisprachige Miklós Zrínyi, mit kroatischem Namen Nikola Šubić Zrinski (1620-1664), der schrieb noch hundert Jahre später: “Ich mischte türkische, kroatische und lateinische Wörter in meine Gedichte, weil ich diese so schöner fand; auch, weil die ungarische Sprache so arm ist. Wer Geschichte schreibt, der glaubt mein Wort.“ Es lohnt sich darauf zu achten, dass Miklós Zrínyi − dessen Bruder Petar ein kroatischer Dichter war, sie haben sich gegenseitig übersetzt − sich nicht nur auf die Armut der Sprache beruft. Die Übernahme hat seiner Meinung nach auch einen ästhetischen Mehrwert.

Die Aufarbeitung einiger lateinischer Klassiker, Vergil und Horaz, war auch früher schon eine Übung als schulisches Kompendium, doch die literarisch anspruchsvolle Übertragung ihrer Werke begann erst im sechzehnten Jahrhundert. Péter Huszti erzählt in seiner Aeneis (1569, im Druck erst 1582) die Vorgeschichte Trojas auf der Basis unterschiedlicher mittelalterlicher Kompilationen und lateinischer Autoren, und das Werk ist daher eher ein sich auf antike Quellen stützendes históriás ének ('historisches Lied‘, eine Art ungarisches Versepos), von dem es damals mehrere gab. Später aber folgt er dem Text von Vergil getreu, manchmal sogar mit überraschender Genauigkeit, das ist dann wohl schon eine literarische Übersetzung. Heute müssen wir bereits – vielleicht gerade deshalb – darüber lachen. Suchen wir den Grund für die komische Wirkung, dann können wir die markanten Grenzen der Umwandlung auf frischer Tat ertappen: Huszti gibt die Hexameter Vergils mit den in altertümlichen ungarischen Texten eigentümlichen 6/6 und 6/5 Silben pro Zeile wieder, das antike Gallien wird Frankreich, Pannonien formt er zu Ungarn um usw. In solchen Fällen würden wir heute Übernahmen benutzen. Warum das in seiner Zeit keine komischen Wirkungen ausgelöst hat? Und warum würden wir heute eher Übernahmen bevorzugen? Weil wir mehr vom Universum der lateinischen Antike wissen und die Ungarisierungen von Huszti bei unserem Vorwissen eine kognitive Dissonanz auslösen. Das ist wie in unserem Beispiel von Paris und Jean, wir haben ein mehr oder weniger ausgeprägtes Wissen, das es uns verbietet, Paris durch Debrecen zu ersetzen.

Das Wissen, das sich auf das von der Ausgangssprache umrissene Universum bezieht, verhindert durch die kognitive Dissonanz, das Fehlende durch Vorhandenes zu ersetzen, und erzwingt eine den Vorkenntnissen entsprechende Übernahme.

Je mehr wir also von dem durch die Ausgangssprache umschriebenen Universum wissen, desto stärker sind wir zu einem Transfer statt zu einer Transformation gezwungen. Unser Wissen weitet sich dadurch immer mehr aus – und das geht so weiter, Kreis für Kreis.

Je mehr sich die Ungarn in die europäische Zivilisation eingliederten, desto deutlicher empfand man einen Bedarf danach, die Verhältnisse der Außenwelt nicht auf die eigenen Verhältnisse zu übersetzen, sondern zu versuchen, die sprachlichen Grenzen des eigenen Universums zu erweitern. Am Ende des 18. Jahrhunderts brachte dieser Prozess eine radikale Wende. So radikal, dass die Periode von 1770 bis etwa 1820 in der ungarischen Kulturgeschichte als Periode der Spracherneuerung bezeichnet wird. Um die Neugier nach dem Anderen, dem Fremden zu erlernen, setzte eine beispiellose Zeit der Entfaltung sprachlicher Kreativität ein, nämlich mit dem Erscheinen der sogenannten Leibwächter-Schriftsteller. Diese waren junge Adelige im Dienste der Wiener Leibgarde von Maria Theresia, die die französische Aufklärung in ihren Bann gezogen hatte. Die Initiative ist das Verdienst von György Bessenyei (1747−1811), der natürlich unter dem Einfluss früherer Epochen auch deren Behinderungen nicht vollständig ausklammern konnte – denken wir nur an unseren Jean und János bzw. Hans: Cristoforo Colombo nannte er auf Ungarisch Kristóf Galamb (galamb heißt Taube auf Ungarisch), und Michelangelo wurde bei ihm zu Mihály Angyal (angyal bedeutet Engel, wie weiter oben schon besprochen). Die Leibwächter-Schriftsteller bildeten eine rational-französische Strömung der Spracherneuerung, welche die Ideen, den Geist und die Sprechweise der Aufklärung ins Ungarische zu übertragen versuchte, indem zum Beispiel Werke französischer Autoren der Zeit ins Ungarische übersetzt wurden, was bereits auch mit der Übertragung westlicher Versformen einherging. Eine zweite, lateinisierende Strömung bemühte sich hingegen darum, die Metrik der griechisch-lateinischen Klassik zu übertragen. Hier war eine erste bedeutende Figur Dávid Baróti Szabó (1739−1819), dem die Ausarbeitung des ungarischen Hexameters zu verdanken ist: Zuerst übersetzte er formtreu die Eklogen von Vergil, später den ganzen Text der Aeneis. Vorsicht, die „formtreue“ Übersetzung bedeutete nicht einfach die Auffüllung einer bislang nicht gebräuchlichen Metrik mit ungarischen Wörtern! Es gibt unzählbare Freiheiten in der Wortfolge, grammatische Vereinfachungen, Verdichtungsverfahren, die die ungarische Sprache dazu befähigten, die metrische Form anzuwenden, um später erst in der literarischen Sprache, dann auch in der Umgangssprache bis zum heutigen Tag anwendbare Möglichkeiten zu bilden. Über fast ein Jahrhundert hinweg haben die Ungarn die Werke von Vergil in der Sprache von Baróti Szabó gelesen. Natürlich hatte auch die Übertragung westlicher Versformen und Reimtechniken weitreichende Folgen, welche sich bis auf die heutige Umgangssprache auswirkten, und zwar nicht nur in der rational-französischen Strömung, sondern auch im Falle der dritten, sentimentalisch-deutschen Strömung. Der einflussreichste Vertreter dieser Strömung war Ferenc Kazinczy (1759−1831), der dank seiner umfassenden und unermüdlichen theoretischen und kritischen Arbeit bald zur Leitfigur der Sprcherneuerung wurde. Ähnlich wie Bessenyei war anfangs auch er nicht frei von der Praxis früherer Epochen: In seiner Übertragung von Goethes Die Leiden des jungen Werthers haben die Figuren ungarische Namen, und sie leben in einer ungarischen Umgebung, d. h. er formt um, statt zu übertragen. Kazinczy entfernt sich später von dieser eigenen Übersetzung und befürwortet die originalgetreue Übertragung.

Ungefähr 10.000 Worterfindungen durch die Bewegung der Spracherneuerung haben sich in der ungarischen Sprache verankert, und mindestens genauso viele haben die Probe der Rezeption nicht bestanden. Mein Favorit ist die Zusammenfügung von rovátkolt barom (animal insecta, Kerbtier) zu rovar, ein Kunstgriff zweier Ärzte, József Pólya (1802−1873) und Pál Bugát (1793−1865). Hätte ich zu dieser Zeit gelebt, wäre ich bereit gewesen, größere Summen darauf zu wetten, dass diese wilde Idee die Probe der Rezeption nicht überstehen wird − und ich hätte die Wette verloren, denn heute ist dieser Begriff Teil der Gemeinsprache. Die Spracherneuerung bedeutete auch die Aufhebung der dialektalen Fragmentiertheit, die Regelung der Sprache: Der Dialekt der nordöstlichen Regionen, zu denen auch die Region der Hauptstadt gehört, wurde zur sprachlichen Norm. Dies führte natürlich zur Einengung des Wortschatzes, die auch durch die Spracherneuerung zu beheben war. Eine gängige Methode dazu war die Wiederverwendung dialektsprachlicher Ausdrücke oder alter Worte. Es wurden auch massenhaft fremdsprachige Begriffe übernommen, größtenteils angepasst an die ungarische Lautfolge und Artikulationsbasis. Kazinczy vertrat in dieser Hinsicht einen radikalen Standpunkt und stimmte auch zwei Jahrhunderte später Zrínyi zu: „Der Schriftsteller nutzt die fremde Sprache nicht nur aus Not, sondern auch, um sich durch den Reiz des Neuen gefällig zu machen.“ Er spricht vom Schriftsteller, aber es ist für ihn gar keine Frage, dass diese Aussage auch für die Literaturübersetzung gilt, schließlich werden von Literaturübersetzern Texte von Schriftstellern übersetzt. „Eine Übersetzung ist umso besser, je mehr sie getreu ist, auch wenn dies manchmal ohne ein wenig Gewalt nicht umzusetzen ist.“

Mit der Festigung der nationalen Reformbewegung und der Unabhängigkeitsbestrebungen ab den 1820er Jahren verstummt diese radikale Stimme. Die Orientierung am Deutschen wird durch das Englische abgelöst, wobei neben dem Widerwillen gegen die Sprache der repressiven Macht auch Englands Stellung als das Musterland der Entwicklung des Bürgertums eine wichtige Rolle spielt, da in Ungarn zu dieser Zeit der Ausbau einer bürgerlichen Gesellschaft auf der Tagesordnung steht. Dabei ist die bevorzugte Kunstform des städtischen Bürgertums das Theater, es ist also kein Zufall, dass die drei größten Lyriker dieser Epoche, Mihály Vörösmarty (1800−1855), János Arany (1817−1882) und Sándor Petőfi (1823−1849) ihre Kräfte zusammengetan haben, um eine ungarische Shakespeare-Ausgabe zu verwirklichen. 1847 teilten sie das Dramenwerk Shakespeares untereinander auf und machten sich an die Arbeit. Im nächsten Jahr erschien die Coriolanus-Übersetzung von Petőfi – dann kam die Revolution und der niedergeschlagene Freiheitskampf mit den darauffolgenden Repressalien. Petőfi ist auf dem Schlachtfeld gestorben, Vörösmarty war gezwungen, sich verborgen zu halten. Als später János Arany Direktor der einflussreichsten literarischen Gesellschaft der Zeit (Kisfaludy Társaság) wurde, kam er auf den ehemaligen Plan zurück und initiierte eine Shakespeare-Gesamtausgabe. Hier erschienen König Lear und Julius Caesar in der Übersetzung von Vörösmarty (1864 und 1865) und bereits früher angefangene Übersetzungen von János Arany, wie König Johann und Ein St. Johannis Nachts-Traum, sowie die für diese Reihe ausgearbeitete Übersetzung von Hamlet.

Aus der Triade der Romantiker suchte die starke Persönlichkeit von Petőfi die Bestätigung seines eigenen Geschmacks im Fremden, er begeisterte sich für Heinrich Heine und für den vergleichsweise unbedeutenden Pierre-Jean de Béranger, übersetzte allerdings nur wenig. Mit Vörösmarty ist auch ein Übersetzungsskandal und ein bis heute ungeklärtes Mysterium verbunden. Zwischen 1829 und 1836 erschien in 18 Heften die ungarische Übersetzung von Tausendundeine Nacht. Die Übersetzung baut auf die von Christian Maximilian Habicht und dem Tunesier Murad Al-Najjar erstellte, 1825 in Breslau herausgegebene deutsche Übersetzung, der ungarische Verlag markierte den ungarischen Übersetzer nur mit den Buchstaben V. M. In dem Monogramm erkannten die Leser Mihály Vörösmarty, der sich auch nicht bemühte, seine Urheberschaft abzulehnen, nachdem er von dem Verlag ein Honorar erhalten hatte. Bis heute ist nicht klar, ob es sich dabei um einen Werbetrick des Verlags handelte, auf den sich Vörösmarty eingelassen hat, oder ob es tatsächlich seine Übersetzung war. Jedenfalls ist dieser Fall ein erstes Anzeichen für die Kommerzialisierung, für die Anfänge einer groß angelegten Buchindustrie. Über ein umfangreiches Lebenswerk als Literaturübersetzer verfügt auch János Arany nicht, und im Verhältnis dazu, dass er Zeitgenosse von Baudelaire war, gilt seine Orientierung in der Weltliteratur als veraltet.

Das Befangenheit im eigenen Universum bekam nach ihm eine noch gewichtigere Form. Die Dominanz des nationalen Ideals im ungarischen Geistesleben führte zu einer endlosen Wiederholung sattsam bekannter Themen und zur Dominanz des Epigonistischen, zumindest in der Literatur. Denn gleichzeitig – dank der Fortschritte in der Entwicklung des Bürgertums und des städtischen Lebens – zeigte sich auch ein Bedürfnis nach Philosophie. Philosophie wurde jedoch nicht als ungarische Wissenschaft betrachtet, nach allgemeiner Überzeugung bekommen die Ungarn beim Studieren von Hegel und Kant Kopfschmerzen. Um die ungarische Philosophie musste sich das Bürgertum mit jüdischen und deutschen Wurzeln kümmern.

Bernát Alexander (1850−1927) hatte bereits bei seinen Auslandsstudien bitter feststellen müssen, dass sich die Philosophie in Ungarn in einer unwürdigen Lage befindet und besonders der Zustand unserer philosophischen Sprache erbärmlich ist. Werke bedeutender Philosophen wurden nicht ins Ungarische übersetzt, dadurch können ihre Gedanken gar nicht erst zu einer breiteren Leserschaft gelangen. Deshalb initiierte er zusammen mit József Bánóczi (1849−1926) die Reihe Filozófiai Írók Tára (Sammlung philosophischer Autoren), in der sie zwischen 1881 und 1919 mit einer minimalen Unterstützung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und später, 1925 bis 1927, ohne diese Unterstützung Werke klassischer Autoren der Philosophiegeschichte in ungarischer Übersetzung veröffentlichten. Keine Frage, dass dies ohne die massenhafte Übernahme philosophischer Begriffe und Kategorien sowie die Bildung ihrer ungarischen Entsprechungen gar nicht möglich gewesen wäre. Bánóczi, der zusammen mit Alexander die Kritik der reinen Vernunft übersetzte, haben wir als Ergebnis einer Worterneuerung die ungarische Entsprechung für Kants Ding an sich zu verdanken; wobei Begriffe wie Transzendenz und Immanenz – ähnlich wie in anderen europäischen Sprachen – aus dem Lateinischen entlehnt wurden (ung. transzcendencia und immanencia). Ihre Arbeit wurde durch einen Studenten von Alexander, Samu Szemere (1881−1978), mit der Übersetzung zahlreicher grundlegender Werke von Hegel und mit der Pflege der neuen Ausgaben in der Sammlung philosophischer Autoren fortgesetzt. Bei den Übersetzungen von Alexander und Bánóczi, aber auch von Szemere ist die unzureichende Entwicklung der ungarischen argumentierenden Prosa, ihre Unausgefeiltheit und Undifferenziertheit festzustellen: In erster Linie ist die Syntax ihrer Exaktheit anstrebenden Sätze schwerfällig, ihre Wortfolge fremdartig. Zugegeben, die von ihnen übersetzten Autoren Hegel und Kant gelten auch nicht als leicht zu bewältigende Meister des deutschen Stils.  

Als Bruch mit der angestaubten nationalen Abgrenzung wurde 1908 – größtenteils durch die Unterstützung Großindustrieller jüdischer Herkunft – die Zeitschrift Nyugat (Westen) gegründet. Die Dichter, die den Kern der Autorengarde bildeten, Mihály Babits (1883−1941), Árpád Tóth (1886−1928), Dezső Kosztolányi (1885−1936) und der um eine Generation jüngere Lőrinc Szabó (1900−1957) haben in der Literaturübersetzung ein außerordentlich bedeutendes Lebenswerk zustande gebracht. Größtenteils übersetzten sie Lyriker des französischen Symbolismus und der frühen Moderne, um die ausgebliebene Rezeption dieser Strömungen nachzuholen. Zentraler Gegenstand ihrer Lyrik und ihres Interesses an der Literaturübersetzung war die Lage des modernen Individuums in einer sich ausbildenden, geld- und interessengesteuerten, atomisierenden kapitalistischen Gesellschaft. Das gemeinsame Unternehmen von Babits, Tóth und Szabó, nämlich die Übersetzung von Die Blumen des Bösen, gilt bis heute als Richtschnur in der Literaturübersetzung, obgleich es dem von Kazinczy definierten Ideal der straffen Übersetzung fern und auch im Vergleich zur heutigen Übersetzungspraxis viel zu freizügig ist; die individuelle Stimme und Empfindlichkeit der Autoren wird viel zu sehr in den Vordergrund gestellt (am wenigsten gilt dies für die Übersetzungen von Lőrinc Szabó). Wenn wir uns allerdings überlegen, warum eine Übersetzung von Baudelaire – und zum Beispiel von Verlaine oder Gérardy – ihnen notwendig und erstrebenswert erschien, werden wir die Übersetzungen mit mehr Verständnis bewerten: Das Ziel war die Aneignung der sentimentalisch-ästhetischen, persönlich-individuellen Weltanschauung und des Lebensgefühls von Baudelaire − und den anderen −, diese konnte aber, um leblose Nachahmung zu vermeiden, nur im freien Spiel des eigenen, individuellen Zugriffs verwirklicht werden.  

Von den Vieren war Kosztolányi geradezu ein Allesfresser: Er hat aus fast allen Epochen und allen Gattungen übersetzt. Seine Übersetzungen klangen jedoch oft eher wie seine eigene Stimme, nicht wie die des übersetzten Autors. Ein Lyriker und Literaturübersetzer vom Format eines Proteus, der sich dem Kult des Individuums – als Folge der Wirkung von Schopenhauer und der östlichen Philosophien – programmatisch entgegensetzte, zeigte sich erst zwei Generationen später, in der Gestalt von Sándor Weöres (1913−1989).

Gleichzeitig – ungefähr ab dem Anfang der zwanziger Jahre – boomte bereits die Buchindustrie in Ungarn mit voller Wucht. Die Herausgabe von Büchern wurde zu einem lukrativen Geschäftszweig, die großen Verlage versuchten, der Gunst des Publikums nachzugehen, sich dessen Geschmack anzupassen und zugleich auch die Kosten gering zu halten, um immer größere Gewinne zu erzielen. Diese Lage hatte aus mehrerer Hinsicht eine gewaltige Auswirkung auf die Literaturübersetzung. Nicht nur, dass viele minderwertige, nach dem Gebrauch wegwerfbare Werke übersetzt wurden. Die Verlage haben auch bei der Herausgabe anspruchsvoller Werke möglichst günstige Übersetzer beauftragt, und günstig waren die unerfahrenen oder talentlosen Übersetzer.  Dadurch wurde der Markt massenweise von minderwertigen, fehlerhaften Übersetzungen überflutet, der Nachschub geht bis heute nicht zurück. Die Verlage waren der Meinung, dass sie, um das Behagen ihres Publikums zu befriedigen, mit geläufigen, leicht verdaulichen Texten dienen müssen. Deshalb bemühten sie sich, höchst transparente Formulierungen darzubieten, wobei gerade literarische Texte nie so sind. Die originalen, individuellen Stileigentümlichkeiten der Klassiker wurden abgehobelt, um alles mit einer allgemeinen Generalsoße „des schönen Stils“ zuzuschütten. Lange Sätze wurden aufgesplittet, anaphorische Wiederholungen mit Synonymen „abwechslungsreich gemacht“, Paradoxe aufgelöst, weil sie angeblich „die ungarische Sprache nicht vertragen kann“. Es waren immer mehr Sätze in Gebrauch, die mit „die ungarische Sprache verträgt keine…“ begonnen haben. Diese haben leider auch die Übersetzer übernommen und verwendet. Als Folge der Übermacht der Verlage war die Lage der Übersetzer erschüttert, sie haben ihre Position als sprachliche Quelle verloren. Denken wir da an Kazinczy! Für ihn stellte sich keine Frage: Wenn es dem Schriftsteller erlaubt ist, die vorgeschriebenen sprachlichen Normen zu brechen, damit eine Formulierung noch genauer und ausdrucksreicher wird, dann muss es dem Literaturübersetzer auch erlaubt sein, in der Zielsprache bei der Formung des Textes Normen zu brechen. Dies war in der ungarischen Verlagspraxis im 20. Jahrhundert immer weniger beziehungsweise nur in Ausnahmefällen – welche die Regel bestätigten – möglich, in denen der Normbruch laut und unumgänglich ins Zentrum des Stils des literarischen Werks gestellt wurde, wie im Ulysses von Joyce oder Tristram Shandy von Sterne. Die Übersetzer wiederholten – und wiederholen heute noch – ganz brav die Sätze, die mit „die ungarische Sprache verträgt keine“ beginnen.  

Was die Zusammensetzung der Übersetzungen nach Quellsprachen betrifft, wurde der frühere Vorrang der deutschen Sprache in der Zwischenkriegszeit durch die englische Sprache auf den zweiten Platz zurückgedrängt, an dritter Stelle stand das Französische. In nennenswertem Maße wurde noch aus dem Italienischen übersetzt − durch die Annäherung (Faschisierung) der ungarischen und italienischen Politik ab den 20er Jahren angetrieben. Die politische Wirkung war aber damals noch kein Resultat direkter oder indirekter staatlicher Einflüsse, sondern zeigte sich in dem spontanen Interesse des durch Medienpropaganda beeinflussten Leserkreises. Ein Großteil der aus dem Englischen übersetzten Werke setzte sich natürlich aus leichter Literatur und anderen unterhaltenden Büchern zusammen, aber das Übergewicht des Englischen war, wenn auch in kleinerem Ausmaß, deutlich wahrzunehmen.

Der 1948 erfolgte politische Wandel hat den institutionellen Rahmen der literarischen Übersetzung von Grund auf verändert. Die Herausgabe von Büchern und Zeitschriften wurde zum staatlichen Monopol und der direkten, engen politischen Kontrolle und Zensur unterworfen. Der Einfluss des Marktes wurde auf das Minimum reduziert, die Verlage mussten nicht mit Umsätzen, sondern mit dem staatlichen Budget wirtschaften. Traurigerweise wurde das Abhobeln der Texte dennoch fortgesetzt, nun nicht mehr angesichts der Kunden, sondern der vermeintlichen Ansprüche des „arbeitenden Volkes“. Das Misstrauen gegen die Moderne und die Stigmatisierung der Avantgarde hat die literarische Orientierung um ein Jahrhundert zurückgeworfen. Die Zusammensetzung der Übersetzungen nach Quellsprachen hat sich verändert, es wurde größtenteils aus dem Russischen übersetzt, einschließlich der Werke anderer Völker der Sowjetunion, die auch über die russische Sprache ins Ungarische vermittelt wurden. Gleichzeitig erschien die Literatur der benachbarten Länder, die bis dahin fast komplett fehlte. Der Anspruch an den Universitäten auf die Rezeption osteuropäischer Kulturen hat das Lehren dieser Sprachen erzwungen. So standen ab etwa Mitte der sechziger Jahre nach der anfänglichen Niveaulosigkeit und dem Amateurismus Literaturübersetzer und Redakteure zur Verfügung, die in der Lage waren, diese Literaturen auf entsprechendem Niveau zu vermitteln. Die gleichzeitige Lockerung der Zensur – vor allem, nachdem György Aczél, der eine tolerantere Politik vertrat, 1967 zum Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei gewählt und zur allgemeinen Kontrolle des kulturellen Lebens beauftragt wurde – ermöglichte, dass die Quote der obligaten russischen und osteuropäischen Werke mit immer wertvolleren literarischen Werken aufgefüllt wurde. Neben den großen Klassikern – Tolstoi, Dostojewski, Der stille Don von Scholochow, Sienkiewicz, W. S. Reymont, Čapek usw. – konnte man auch die bedeutendsten zeitgenössischen Autoren in ungarischer Sprache lesen. Bis zum Ende der sechziger Jahre bildete sich dank Kundera, Hrabal, Páral und natürlich dem tschechischen Film sogar ein kleiner Trend zur tschechischen Literatur heraus. Die Kulturpolitik von Aczél war von den sogenannten „drei T“ geprägt: Neben dem Verbot (ung. tiltás) der Werke, die als ideologisch feindselig betrachtet wurden, und der Unterstützung (ung. támogatás) kommunistischer oder zumindest als in der kommunistischen Propaganda verwertbarer Werke gab es eine dritte Kategorie, nämlich die der Duldung (ung. tűrés). Neben den französischen Existentialisten und den früher verbotenen bürgerlichen Autoren kamen wieder die aus dem Englischen übersetzten Texte ins Übergewicht, einschließlich der leichten Lektüren, Kriminalromane und anderer unterhaltenden Werke. Der weltweite Vormarsch lateinamerikanischer Literatur am Anfang der siebziger Jahre ist auch den ungarischen Verlagen nicht entgangen. Was die Quellsprachen und die Epochen betrifft, zeigte die in ungarischer Sprache zugängliche Weltliteratur bis zum Ende dieser Periode im Vergleich zu früher ein ausgewogeneres Bild.

Anders als in anderen postsozialistischen Ländern war nach 1989 in Ungarn relativ wenig Korrektur notwendig. Einige verbotene Werke mussten übersetzt und ehemalige Samisdatausgaben legal auf dem Markt eingeführt werden (Orwell, Koestler, Solschenizyn usw.). Die zensurbasierten Textverstümmelungen früherer Ausgaben mussten richtiggestellt werden (was, seien wir ehrlich, kein gutes Licht auf die Moral der Herausgeber geworfen hat). Auf die Behebung einiger länger bestehenden Mängel (z. B. das komplette Werk von Montaigne und Proust, Gravity’s Rainbow von Thomas Pynchon, das Nibelungenlied) mussten wir bis zum 21. Jahrhundert warten, und zu dieser Zeit begann mit der Neuübersetzung zahlreicher klassischer Werke (Ulysses von Joyce, die Shakespeare-Übersetzungen von Ádám Nádasdy, die Anna Karenina-Übersetzung von László Gy. Horváth, oder die Kleist-Übersetzungen von László Márton usw.) auch die stille Revision ehemalig gängiger Theorien und Regeln.  

Die Befreiung der Verlagsarbeit nach 1989 bedeutete natürlich, dass sie wieder vom Markt kontrolliert wurde. Dies machte die Verlage auf erfreuliche Weise unabhängig von der Politik, und führte zu einer beispiellosen Blütezeit der Romanübersetzungen. Andere Gattungen kamen jedoch in eine schwierigere Lage als in der zweiten, toleranteren Periode des Sozialismus. Ähnlich schaut es aus mit der Zusammensetzung der Ausgangssprachen der Übersetzungen: Der Markt hat die Herausgabe englischsprachiger Literatur erfolgreich katalysiert, während andere Sprachen – in diesem Fall sogar auch das Deutsche – im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren noch weiter benachteiligt wurden. Die einzige Erneuerung in diesem Bereich scheint die Stärkung der Position der skandinavischen Prosa zu sein.

Die ungarischen Literaturübersetzer stehen vor der Aufgabe, den Status der sprachlichen Quelle zurückzuerlangen. Dieser Prozess hat bereits begonnen, erste Resultate sind sichtbar.  

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© Pierre-Jerome Adjadj

Gábor Csordás (1950) Dichter, Übersetzer, Lektor, Kritiker. Er war Chefredakteur der Zeitschrift Jelenkor sowie Gründer des Jelenkor Verlags in Pécs, Ungarn. Er veröffentlichte drei Gedichtbände. Er übersetzt Lyrik, Prosa, philosophische Texte und Essays aus mehreren europäischen Sprachen. Neben vielen anderen Autoren hat er die Lyrik von Wisława Szymborska, die Prosa von Nedjeljko Fabrio, Friederike Mayröcker und Miljenko Jergović sowie die Essays von Michel de Montaigne, Richard Rorty und Jacques Derrida übersetzt. Er lebt in Budapest und Arles.

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