Cities of translators Budapest Bequeme Ferne: Was lässt sich mit dem Denken der ungarischen Mehrheit über die Kultur der Roma anfangen? | Roma-Dossier
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Bequeme Ferne: Was lässt sich mit dem Denken der ungarischen Mehrheit über die Kultur der Roma anfangen? | Roma-Dossier

An einem durchschnittlichen Tag beim durchschnittlichen Herumschalten durch ungarische Fernsehprogramme. Sagen wir, am 25. August 2007, RTL Klub Ungarn. Im Morgenprogramm freut sich die Klavierspielerin Csilla Szentpéteri darüber, dass sie gleich mit dem Hundertköpfigen Zigeunerorchester auftreten wird: „Es ist eine inspirierende und schöne Aufgabe für mich, mit den Zigeunermusikern zu spielen, die wirklich virtuos musizieren.“ 1 Ein paar Stunden später folgt auf dem gleichen Kanal die Talkshow von Mónika, in der gewöhnlich (in sieben von zehn Fällen), denn das ist die Quelle der Unterhaltung, ganz offensichtlich Zigeuner2 sich gegenseitig beleidigen und fertig machen, sich manchmal sogar im Studio verprügeln. Wir hätten auch jeden beliebigen anderen Tag auswählen können, die Mónika-Show lief zehn Jahre lang bei diesem Sender, und eine Studie hat ergeben, dass Dreiviertel der im Programm auftretenden, gewalttätigen Gäste Roma waren. Zwei von drei Gästen mit vulgärer Sprache waren Roma. Und als zum Beispiel Blutschande das Thema der Sendung war, waren nahezu ausnahmslos (95%) Roma beteiligt. 3

Doch wie ist es möglich, dass wir eine Gruppe, die nicht einmal zehn Prozent der ungarischen Bevölkerung ausmacht, für ihre instinktive Begabung feiern („ihnen liegt die Musik im Blut“), während es aber diese Sendung gibt, die alle Zuschauerrekorde bricht, deren primitives Drehbuch aus nichts anderem besteht, als auf die ohnmächtigen Instinkte der Zigeuner zu setzen?    

RTL Klub: Mónika show

Vielleicht deswegen, weil beide Haltungen auf ein tief verwurzeltes und auf eine lange Tradition zurückblickendes Vorstellungssystem der Mehrheitsgesellschaft bauen, die sich auch um eine „wissenschaftliche Bestätigung“ bemüht. Diese Vorstellungen begleiten das literarische und visuelle Bild der Zigeuner in Ungarn auf jeden Fall seit dem 19. Jahrhundert,4 und „den Zigeunern mit ihrem nomadenhaften Leben werden Freiheit, Grenzenlosigkeit und Hemmungslosigkeit zugeschrieben, was in Kreisen der Nicht-Zigeuner mehrheitlich eine Gegenidentifikation, bei wenigen eine romantische Identifizierung hervorruft.“5

Nach den Forschungen zur nationalen Identität6 ist das Roma-Bild der ungarischen Mehrheitsbevölkerung auch heute eng mit deren eigenem Selbstbild verbunden. In dieser Mehrheitsgruppe ist die „Zigeunerschaft” eine Gesellschaftsschicht mit negativer Referenz: Die zur Charakterisierung von „Ungarn“ und „Roma“ benutzten Attribute sind einander komplett entgegengesetzt – vor allem was Fleiß, Rechtschaffenheit und zivilisierte Lebensführung betrifft.  

Die Phrase von der primitiven Kulturlosigkeit spielt zusätzlich eine besonders wichtige Rolle bei einer Reihe von politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen – so etwa bei der Legitimierung spezieller Maßnahmen und der Exklusion vom Konsum von Gemeingütern.

Ein Bild aus Amerika: Vogue US, April 1992

Einer der anerkanntesten Roma-Forscher im Bereich dieser Frage, Ian Hancock, analysiert in mehreren Bänden7 diesen Bogen der Erklärungen, die sich von der Exotisierung bis hin zur Erklärung von Armut und Ausgrenzung durch Opferbeschuldigung spannt, und bringt eine Reihe von Beispielen von Flaubert bis hin zu dem Kindermagazin Disney Adventures. (Letzteres benutzt im August 1996 die Bezeichnung „Gypsytis“ für den Zustand, „wenn wir den Zwang empfinden, alles hinter uns zu lassen und losrennen, um zwischen Löwenzahn wirbelnd zu tanzen.“)8 Hancock liefert in einer anderen Studie einen − wegen Querverweisen in weiten Kreisen verbreiteten − Strauß von pseudowissenschaftlichen „Wahrheiten“, die aus den Mängeln der Roma-Sprache herleiten, wie „die Zigeuner“ eigentlich sind. Genauer gesagt daraus, dass das Romani einigen Forschern zufolge bestimmte Dinge nicht einmal benennen kann, so etwa die Folgenden: „Verpflichtung, Besitz, Wahrheit, wunderschön, Lesen, Schrift, Zeit, Gefahr, Wärme, Stille.“9 Obwohl Hancock diese Unterstellung Wort für Wort widerlegt, verbreiten sich diese Wandermotive nach wie vor weiter.

Wenn solche Ansichten nur in von wenigen gelesenen wissenschaftlichen Zeitschriften in Umlauf kommen, richten sie weniger Schaden an, als wenn sie zum Beispiel die pädagogische Alltagsarbeit beeinflussen. Das fasst eine Studie, die das pädagogische Programm von mehreren Dutzend ungarischer Schulen erforschte, so zusammen: „Ab Mitte der 1990er Jahre wird von dem Gedanken ausgegangen, dass das Kennenlernen der Roma-Kultur den Schlüssel dazu liefert, wie mit ihnen umzugehen ist, was natürlich voraussetzt, dass die Roma über eigentümliche, vorwiegend exotische Gewohnheiten und Eigenschaften verfügen. […] Dass es zu dieser Entwicklung kam, hatten auch Experten aus den Bereichen Soziologie, Anthropologie und Pädagogik unbeabsichtigt bewirkt, indem sie sich mit der Roma-Kultur auseinandergesetzt und über sie geschrieben bzw. sich für die Emanzipation der Roma eingesetzt hatten. […] Die Ergebnisse dieser Forschungen hatten in der deutlichen Mehrheit der öffentlichen Institutionen zur Folge gehabt, dass der kulturelle Unterschied als absolut angesehen, ein homogenes Zigeunerbild verstärkt wurde und die Probleme vor allem ethnisch erklärt wurden.“10

Eine auf ähnliche „Zivilisiertheitsdefizite“ bauende Logik, die nicht frei ist von einem herablassenden Bedauern, kommt auch in einem unlängst erschienenen Buch über Roma-Volkskunde zur Geltung: „Der ärmste Teil der ungarischen Zigeunerschaft ist kaum erst vor sechzig Jahre mit der westlichen Zivilisation in Berührung geraten. Bis dahin hatte er entweder ein Leben auf Wanderschaft geführt oder am Rande von Ortschaften gelebt, in abgesonderten Siedlungen, zum Teil in gewaltiger Armut, unter elendigen Bedingungen. Seit nur sechzig Jahren beginnen sie zu lernen, was Zeit bedeutet, der Arbeitsplatz, das Lesen und Schreiben, die Körperpflege, das Privateigentum. Einzelne begehen den Fehler, von den erst sechzig Jahre Angesiedelten zu verlangen, dass sie sofort all das lernen, was andere über Jahrhunderte hinweg gelernt haben. Zur Integration der Zigeuner bedarf es wirklich viel Geduld und Vertrauen.“11

Mit diesem Kulturbild scheint es so, als könnten wir uns den Roma nicht ohne herablassendes Bedauern zuwenden. In den letzten Jahrzehnten haben Mitglieder der Roma-Gesellschaft und ihre Organisationen Gegenstrategien zu dieser Vorstellungswelt entwickelt.

Viele, die konnten, haben sich versteckt, sie identifizieren sich nicht damit, Roma zu sein, und bezahlen den Preis der Assimilation für ihr Glück. Andere wenden eine Vielfalt von Strategien an, um in Fragen, wo es tatsächlich Konflikte gibt zwischen der offiziellen Vorgehensweise und den kulturellen Forderungen bestimmter Roma-Gesellschaften, doch auch letzteren gerecht zu werden. Man hört beispielsweise aus Krankenhäusern, dass dort Leichen herausgeschmuggelt werden, um einen Tag vor der Beerdigung zu Hause Totenwache zu halten.12 So auch von jungen Mädchen, die lieber in Sport durchfallen, denn für eine Dreizehnjährige gehört es sich nicht mehr, sich im Sportunterricht in Trainingshosen − oder überhaupt − zu zeigen.13

Wieder anderen ist es gelungen, aus den abergläubischen Ängsten einzelner Gadjos (Nicht-Roma) zum Beispiel bezüglich der „Zigeunergerichtsbarkeit“ kreativ Nutzen zu ziehen. Es ist einmal geschehen,14 dass man einem Mädchen aus einem staatlichen Kinderheim mit Hilfe eines Anwalts ihr über die Jahre hinweg von Zuschüssen zusammengespartes Geld, das für den Kauf eines Hauses auf dem Land gereicht hätte, abgeluchst hat.  Ihre damals knapp über zwanzig Jahre alten Freunde, die auch in staatlichen Kinderheimen aufgewachsen waren − was hier nur daher von Interesse ist, weil sie deshalb die Zigeunersprache kaum beherrschten −, hatten sich in den Kopf gesetzt, das Geld des Mädchens zurückzuholen. Sie beschlossen, ein spektakuläres Roma-Gericht zu veranstalten, eine sogenannte Kris, in deren Rahmen früher − in einigen walachischen Zigeunergesellschaften auch heute noch − alte, ehrenwerte Männer in bestimmten Rechtsstreitigkeiten urteilten. Den Gebräuchen gemäß ließen sie den Verkäufer und den Rechtsanwalt wissen, dass ein solches Gericht in ihrer Sache entscheiden und alles Weitere regeln werde. Sie waren aber nicht alt genug, sich als ältere, ehrenwerte Herren auszugeben, so saßen sie dann im Dunklen um ein flackerndes Lagerfeuer herum, einer hatte sich sogar einen Bart angeklebt. Romani sprachen sie auch nur so viel, wie sie aus Liedtexten kannten, so fing das Gericht mangels besserer Lösung mit der ersten Liedzeile an. Der andere antwortete mit der zweiten Zeile. Nach dieser kleinen Prosavorstellung verkündeten sie dann das Urteil: Das Geld muss zurückbezahlt werden. Was die erschrockenen Betrüger dann auch taten.

Wieder andere – verschwindend wenige – verbündeten sich ab dem Anfang der Siebzigerjahre immer offener, um ihre Kultur zu bewahren und zu zeigen. Zu Beginn war nicht einmal evident, ob sie dies ohne Retorsionen tun können – in den Jahrzehnten des Sozialismus herrschte gegenüber der „Zigeunerkultur“ eine Zweischneidigkeit. Die Macht erkannte die Leistungen einiger wenigen Zigeuner zwar an, so etwa das Erbe des weltbekannten Pista Dankó, dessen Musik es weiter zu verbreiten galt, oder auch die Werke einiger Schriftsteller, aber parallel dazu wurde deklariert: Die Roma sind keine Nationalität, sie verfügen über keine eigenständige Kultur, sie sind vielmehr eine marginalisierte Gruppe, deren Lebensform es aufzulösen gilt. „Viele betrachten dies als eine Minderheitenfrage und schlagen eine Förderung der »Zigeunersprache« vor bzw. die Gründung von romanisprachigen Schulen und Schülerwohnheimen sowie die Etablierung von Zigeuner-LPGs usw. Das sind nicht nur falsche Auffassungen, sondern auch schädliche, denn sie konservieren die Ausgrenzung der Zigeuner und verlangsamen ihre Eingliederung in die Gesellschaft“, wie es in einem Beschluss steht, der die damalige Zigeunerpolitik für drei Jahrzehnte bestimmte.15

Es ist nicht ohne Ironie, wie die Gestalt von Pista Dankó vom Namensgeber mehrerer Straßen in Zigeunervierteln (asphaltiert wurden sie deswegen nicht) bis zum Aufkleber auf Streichholzschachteln überall propagiert wurde, zugleich aber wurden Dia-Filme gezeigt, wo die Zigeuner, ähnlich wie bei radikaler Propaganda, stigmatisiert dargestellt wurden.

Aufkleber auf Streichholzschachteln, Anfang der 60er Jahre

Bilder aus einem Diafilm (1958, Ungarischer Landesverband der Gewerkschaften)

Trotz alledem gab es Roma, die im sozialistischen Ungarn Folkloregruppen gegründet haben, und die Wenigen, denen es gelungen ist, in die Nähe von Kulturinstitutionen zu gelangen, haben bis heute entscheidende Schritte gemacht, um ihre Sache voranzutreiben. Eine solche Figur ist Ágnes Daróczi, die unter anderem im Jahr 1979 die landesweite Ausstellung autodidaktischer Zigeuner-Künstler (d. h. die erste Ausstellung einer offiziell nichtexistierenden Kultur) organisiert hat. Andere, wie József Choli Daróczi, Károly Bari oder Gusztáv Nagy übersetzen zwischen Romani und Ungarisch – unter anderem das Neue Testament oder das Drama Die Tragödie des Menschen von Imre Madách

Und auch wenn es nur eine Handvoll Menschen waren, konnten sie andere davon überzeugen, dass sie deutlich stärker sind. „Die kleine Gruppe, das waren drei-vier Leute, nicht mehr. Trotzdem sprachen wir immer von der geistigen Elite der Zigeuner. So etwas gab es bei weitem nicht. Das war nicht wahr. Weißt du, wir sprachen immer von der geistigen Elite der Zigeuner, nie in unserem Namen, auch ich habe mich immer auf die geistige Elite der Zigeuner berufen. Dabei gab es so etwas gar nicht. Eigentlich gab es so etwas nicht. Aber es war notwendig. Weil man eine Bewegung oder sonstiges ohne Intellektuelle nicht starten kann“, erzählt später Menyhért Lakatos, Autor des allein in Ungarn in mehr als hunderttausend Exemplaren verkauften und in ca. 30 Ländern veröffentlichten Buches mit dem Titel Bitterer Rauch in einem Interview.16

Das Überzeugen hat so gut funktioniert, dass im Oktober 1979 in der Verwaltung III/III des ungarischen Innenministeriums, also der internen Aufsichtsbehörde der politischen Polizei, ein Bericht mit dem Titel „Über die Erfahrungen zu den staatsfeindlichen Tätigkeiten entsprechend der nationalistischen Plattform. Wirkungsgrad unserer Gegenmaßnahmen und weitere Aufgaben“ entstand, in dem neben den Intrigen der „imperialistischen Länder“, der Emigration nach Westen und den Intellektuellen, die sich mit den Anliegen der Ungarn, die jenseits der ungarischen Landesgrenzen leben, befassen, auch die Kulturbewegung der Roma zu erwähnten Tätigkeiten und Faktoren gezählt wurde: „Den staatsfeindlichen Tätigkeiten schließt sich auch immer mehr die geistige Elite der Zigeuner an. In der Führung der im Land zurzeit aktiven 41 Zigeunerclubs und 17 Roma-Künstlergruppen sind Täter politisch motivierter Straftaten zu finden. Der Fakt, dass der Internationale Zigeunerverband sich in Zukunft aktiver für die Interessen des Zigeunertums als selbstständige Minderheit einsetzen will, wird voraussichtlich eine negative Auswirkung auf die ungarische Zigeunerbevölkerung haben. […] Es müssen die organisatorischen Rahmen und Methoden für die Erkundung und Aufdeckung der staatsfeindlichen Tätigkeiten von der Plattform des Zigeunernationalismus kommend ausgearbeitet werden.“17

Unter solchen Bedingungen ist in Ungarn die Roma-Kulturbewegung entstanden − eine Bewegung einer offiziell nichtexistierenden Kultur, in einer zum Teil zur Abschaffung verurteilten Sprache, als Folge vieler unvorhersehbarer, unbeabsichtigter Einflüsse, wie dies häufig der Fall ist. Beispielsweise gab es in den sechziger-siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wahrscheinlich wenige Orte, die stärker „assimilierend“ waren als Arbeiterwohnheime in Budapest, in denen Menschen mit einem geringen Ausbildungsniveau, herausgerissen aus ihren eigenen Gemeinschaften, mehrere Hundert Kilometer von Zuhause entfernt, nach täglich 8−10 Stunden Schaufeln oder Arbeit an der Drehmaschine zu Bett gingen. Doch stellt man sich diejenigen, die am Ende eines Arbeitstages wichtige Kulturschätze zu Tage fördern, wirklich so vor? Eher nicht. Dennoch bildeten die Arbeiterheime eine der Quellregionen der Zigeunerfolklorebewegung der siebziger, achtziger Jahre. Hier wurde auch den aus den unterschiedlichsten Ecken des Landes zusammengekommenen Zigeunern klar, welchen Schatz sie in sich tragen. Und dass es in den Dörfern und Zigeunersiedlungen der Städte trotz aller Stigmatisierung und allem Verschweigen eine reiche, sich kontinuierlich erneuernde, lebendige Zigeunerkultur existiert. 

Nach dem Aufschwung der neunziger Jahre gibt es in Ungarn heute keine öffentliche Sammlung, welche die Roma-Kultur auf angemessene Weise vorstellen würde, und auch in den Ausstellungen zur Kultur und Geschichte des Landes ist die Roma-Präsenz recht gering. Dabei arbeiten viele daran, ihre Repräsentation und die der Gemeinschaft selbst in die Hand zu nehmen. An dieser Stelle sollen Porträts von zwei solchen Schlüsselfiguren stehen, die im Rahmen des Kunstprojekts Die Politik des Roma-Körpers von Tímea Junghaus, der Leiterin des ersten internationalen Roma-Kulturinstituts ERIAC, entstanden sind:18

Ágnes Daróczi und Rodrigó Balogh im Projekt Die Politik des Roma-Körpers. Foto: Miklós Déri

Im folgenden Dossier sind Interviews mit drei Personen zu finden, die in unterschiedlichen Bereichen viel dafür tun, dass die Roma-Repräsentation die Zweischneidigkeit von „eine Handvoll Künstlergenies“ bzw. „unzivilisierte Massen“ verlässt:

Gusztáv Nagy ist eine der großen Figuren der Roma-Kulturbewegung und war bei praktisch allen Roma-Zeitschriften als Redakteur, Übersetzer oder Journalist tätig. Er veröffentlichte mehrere Gedicht- und Prosabände und übersetzte solche zentralen Werke der ungarischen Literatur ins Romani wie das Drama Die Tragödie des Menschen von Imre Madách. Seit zwanzig Jahren unterrichtet er unermüdlich Roma- und Nicht-Roma-Jugendliche in Romani und Volkskunde.

Melinda Rézműves baut in einem kleinen Dorf im Komitat Szabolcs eine Gemeinschaft auf, hat in selbst gekauften Häusern einer Zigeunersiedlung Europas erstes Roma-Heimatmuseum eingerichtet, und ist gleichzeitig am Forschungszentrum für Sprachwissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest angestellt. Sie arbeitet engagiert an der Beschreibung und internationalen Standardisierung der dialektreichen Sprache Romani mit. Sie hat für Roma-Kinder ein Wörterbuch und ein Lesebuch zusammengestellt, wobei sie auch unterrichtet und als Prüfungsbeauftragte tätig ist.

Rodrigó Balogh, dem der erfolglose Kampf gegen die stereotypisierte Darstellung der Roma in staatlichen Theatern zu langweilig wurde, gründete ein eigenes Ensemble und arbeitet mit Dutzenden theaterinteressierter Jugendlichen an eigenen Stücken, Schulworkshops und dem Ausbau einer internationalen Roma-Theaterbewegung zusammen – hinzu kommt, dass sie auch die ersten Roma-Dramenbände der Welt zusammengestellt haben.

Alle drei mussten erfahren, wie erdrückend die erwähnte Zweischneidigkeit sein kann, und sie suchen nach eigenen Antworten, sei es in der Form von Institutionsgründung, Arbeit in Gemeinschaften oder kreativen Kulturaktionen. Sie wissen also sehr viel über die Kraft der Fantasie. Auch von der Gadjo-Fantasie.

 

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© Kinga Júlia Király

Gábor Bernáth (1968) studierte Ungarisch und Kunstwissenschaft an der Universität Pécs, und promovierte in der interdisziplinären Doktorandenschule der ELTE. Mitbegründer und langjähriger Direktor der ersten zivilgesellschaftlichen Roma-Nachrichtenagentur, des Roma-Pressezentrums. Zwischen 2003 und 2010 Mitarbeiter und Berater des Roma-Integrationsprogramms des Bildungsministeriums, Entwickler des Regierungsprogramms für Chancengleichheit. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Als Trainer, Schulungsentwickler und Kommunikationsberater hat er Dutzende hauptsächlich lokaler Roma-Organisationen unterstützt.

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