Cities of translators Kolkata Kolkata – City of Translators

Kolkata – City of Translators

Mein Thema ist Kolkata als Stadt der Übersetzer und Übersetzerinnen und ich will mit einem Axiom beginnen.

So etwas wie eine monolinguale Stadt gibt es nicht: Alle Städte sind Stätten der Begegnung und des Zusammenkommens, das ist es, was ihr Stadtsein ausmacht. Städte aber sind nicht auf die selbe Weise multilingual. Der Klang einer Stadt bestimmt ihre Identität ebenso wie die Bausteine ihrer Architektur. Und alle Städte verfügen über eine eigene Musik – eine aus Idiomen, die ebenso die Runde machen wie Spaziergänger im Park. Diese Melodien sind das Ergebnis der verschiedenen Sprachen, aber auch der räumlichen Ordnung einer Stadt – ihrer Viertel, Bezirke und Kontaktzonen, Orte, an denen Sprachen zusammenkommen und Zonen, in denen sie getrennt voneinander bleiben. Hier aber noch ein weiteres Axiom: Individuen – und Städte – profitieren von den Spannungen zwischen den Sprachen und den kulturellen Erinnerungen, die sie in sich tragen. Der Wert von sprachlichen Unterschieden liegt darin, dass sie die Autarkie von Mono-Kulturen aufbrechen, also von Kulturen, die nach Homogenität und Reinheit streben. Wie der Soziologe und Stadtforscher Richard Sennett schreibt: „Städte haben das Potenzial uns zu komplexeren Menschen zu machen. Die Stadt ist ein Ort, wo Menschen lernen können, mit Fremden zu leben, wo sie in die Erfahrungen und die Belange ihnen unvertrauter Leben eintauchen können. Gleichheit lähmt den Geist, Diversität stimuliert und erweitert ihn."

Alle Städte sind multilingual, alle Städte sind translatorisch. Aber natürlich sind es die einen mehr und die anderen weniger. Mein Interesse hat immer den sprachlich geteilten Städten gegolten. Der spezielle Charakter dieser Städte liegt im Vorhandensein zweier historisch verwurzelter Sprachgemeinschaften, die Anspruch auf dasselbe Territorium erheben. Beide Gemeinschaften betrachten sich selbst als “Insider” – als ursprünglich oder alteingesessen. Auch wenn auf urbanem Terrain viele Sprachen existieren, beanspruchen doch zwei Sprachen die höchste Aufmerksamkeit und bestimmen das Narrativ.  Man denkt sofort an koloniale Städte wie Calcutta, an Orte wie Barcelona mit Katalanisch und Spanisch, an Brüssel mit Französisch und Flämisch, an Montreal mit Englisch und Französisch, u.s.w.

Mein Interesse richtet sich darauf zu erkunden, wie sich Sprachen innerhalb dieser städtischen Räume bewegen – hierfür sollen Übersetzer/innen meine Lotsen sein. Normalerweise stellen wir uns Übersetzer/innen allein an ihren Schreibtischen vor dem Computer sitzend vor. Aber Übersetzer/innen sind auch Bürger/innen ihrer Stadt, und im Falle linguistisch geteilter Städte ergibt sich das Material für ihre Übersetzungen aus den Gesprächen der Straße. Folgen wir also diesen Übersetzer/innen, schauen uns an, wo sie leben, werfen einen Blick auf die Menschen, mit und die Orte an denen sie verkehren, und untersuchen, wie durch ihre Arbeit neue Verbindungen und Zusammenhänge entstehen.

Heute Abend möchte ich einige Geschichten von Übersetzer/innen aus dem kolonialen Kalkutta erzählen. Doch zuvor möchte ich einen kleinen Abstecher in meine Heimatstadt Montreal machen, wo sich meine ersten Überlegungen zum Thema Städte und Sprache herausgebildet haben. Grund dafür ist, dass Montreal ein paar sehr starke und elementare Bilder zur Verbindung von Sprache, Macht und städtischem Raum zu bieten hat.

Besonders die räumliche Teilung war hier lange Zeit sehr deutlich:  der Osten der Stadt war französischsprachig, der Westen englischsprachig, dazwischen eine geheimnisvolle Trennlinie names St. Lawrence Boulevard, wo sich Zuwanderer ansiedelten. Diese Situation entstand, weil Montreal ursprünglich von den Franzosen gegründet, dann aber 1763 von den Briten erobert wurde. Eine doppelte Kolonialisierung also, die einherging mit der Unterdrückung der ursprünglichen indigenen Bevölkerung. Diese Unterteilung erfuhr jedoch einen Wandel, als in den 1960er Jahren der frankophone Nationalismus und eine wachsende Wirtschaftskraft den Charakter der Stadt zu verändern begannen.

In diesem Veränderungsprozess spielten Übersetzer/innen eine wichtige Rolle – und zwar nicht nur in einem sehr pragmatischen Sinne, sondern indem sie über historische Teilungen hinweg den Austausch mitgestalteten. Aus den vielen Beispielen möchte ich zwei herausgreifen. Ein Übersetzer wie der Journalist Malcolm Reid entwickelte eine Leidenschaft für alles, was im französischgeprägten Teil Kanadas literarisch und politisch vor sich ging. Auf der Suche nach den lebendigsten literarischen Stimmen durchstreifte er Montreal von West nach Ost, übersetzte die Texte und veröffentlichte ein Buch, das zu einer Art Manifesto für das neue Quebec wurde. Sein Buch war eine Art Reisebericht, in dem er seine Begegnungen mit denjenigen beschrieb, die aus der einst sozial deklassierten Sprache der urbanen Unterklasse, dem‘Joual’, eine mitreißende politische Dichtung schufen. Malcom Reid begeisterte sich so sehr für das französische Quebec, dass er zur anderen Seite überlief, konvertierte und beschloss, zukünftig auf Französisch zu leben. Der Dichter, Übersetzer und Verfassungsjurist Frank Scott veranschaulicht einen anderen Ansatz. In seinem Haus im Westteil der Stadt rief er einen literarischen Salon ins Leben, mit dem er frankophone Autoren anlocken wollte, damit sie sich unter die englischen mischten. Der Erfolg blieb ihm verwährt, und auch mit seinen Übersetzungen lief es nicht besser – er verfasste sehr wörtliche, originalgetreue Übersetzungen, die die Distanz zwischen Original und Übersetzung betonen. Er lag nicht im Trend der nationalistischen Bestrebungen seiner Zeit, übte aber in seinem Werben um einen respektvoll-höflichen Umgang einen gewissen Einfluss auf eher traditionell gesinnte Dichter/innen aus Quebec, wie z.B. auf Anne Hébert, aus. Allein anhand dieser beiden Beispiele lässt sich erkennen, wie Übersetzer/innen die Beziehungen zwischen den Sprechergemeinden auf unterschiedliche Weise wandelten. Ihre Übersetzungen zeigten Wirkung. Übersetzer/innen sind nicht nur Scharniere; sie sind Akteure; sie schaffen Verbindungen und ebnen den Weg zu neuen Erkundungen. Ihre Reisen sind emotional gefärbt, einerseits von einer wohlwollenden Neugierde, andererseits von Demütigung und Erniedrigung; Reisen, genährt von kühlen Formen der Übersetzung, oder durchzogen von Begeisterung und Leichtfüßigkeit, Reisen, die zu Distanzierung führen (womit ich Übersetzungen meine, die den Unterschied betonen), Reisen, die voranbringen. In der Mitte tummeln sich viele und ganz unterschiedliche Charaktere, und deren Reiserouten zeichnen ein einzigartiges Narrativ der Stadt.

Doch während ich über Montreal schrieb, fragte ich mich ständig: Ist meine Stadt ein besonderer Fall? Oder finden sich auch anderswo ähnliche Geschichten räumlicher und sprachlicher Trennung?

Ich machte mich auf die Suche nach anderen Städten mit ähnlichen Geschichten. Ich stieß auf Barcelona, wahrscheinlich die Stadt, die Montreal in jeder Hinsicht am ähnlichsten ist, eine zweisprachige Stadt (Spanisch und Katalanisch), die ebenfalls dafür kämpft, sich politisch aus dem föderalistischen Bund zu lösen – allerdings gibt es in Barcelona keine linguistische Teilung. Ich stieß auf Trieste, eine sehr kultivierte Stadt im Nordosten Italiens, die zwischen Deutsch, Italienisch und Slowenisch jongliert. Aber vor allem stieß ich auf Kalkutta (Kalkutta, nicht Kolkata, denn in meinem Vortrag geht es um die koloniale Stadt).

Montreal und Kalkutta werden nicht oft im selben Atemzug genannt. Die eine Stadt gehört dem moderaten Klima Nordamerikas an, die andere der dampfenden Hitze des Ostens. Und doch haben sie einige wichtige Gemeinsamkeiten, beginnend mit der Erfahrung der Kolonialisierung durch die Briten.

Montreal wurde 1642 als Handelszentrum und als mystisch-religöses Projekt von den Franzosen gegründet, aber nach der Niederlage der Franzosen auf der Abraham-Ebene und dem nachfolgenden Frieden von Paris fiel Montreal unter britische Herrschaft. Kalkutta (das heute Kolkata heißt) wurde 1690 von Job Charnock, einem Vertreter der East India Company, als Außenposten an den Handelsrouten gegründet, die London mit dem Osten verbanden. Ich werde an dieser Stelle nicht ausführlicher beschreiben, auf welche Weise sich die Städte unterscheiden – Unterschiede gibt es viele -, was die beiden Städte aber miteinander verbindet, ist die Art der Besiedlung, die die Landschaft zweiteilt – eine Nord-Süd-Teilung in Kalkutta (der europäische Sektor im Süden, die indische Stadt im Norden) und eine Ost-West-Teilung im Fall von Montreal (anglophon im Westen, frankophon im Osten) – geografische Grenzen, die auch sprachliche sind.

Der Ingenieur E. Richards schreibt 1914: “Eine gerade Linie, die sich von der Howrah Bridge bis zum Ostende der Park Street zieht, teilt die Stadt in zwei Gebiete von ganz unterschiedlichem Charakter.” Nördlich und östlich dieser Linie befand sich “eine Stadt, in der sich die besten und die schlimmsten indischen Wohnviertel befanden und in denen der Großteil der Bevölkerung Kalkuttas lebte”, im Süden und Westen, entlang der breiten Straßen und rundum den Dalhousie Square befanden sich die “wichtigsten Geschäftshäuser der Briten, die Sterling-Banken, der Regierungssitz, die Büros der öffentlichen Verwaltung und die führenden Hotels von Kalkutta.” Obwohl es Gebiete wie die sogenannte “Grauzone” gab, wo sich die Bevölkerung mischte, wo Muslime und andere Gruppen anzutreffen waren, und auch wenn Kalkutta von Beginn an eine kosmopolitische, polyglotte Stadt war, war die Teilung zwischen Nord und Süd anhand der jeweiligen Bevölkerung und der dort gesprochenen Sprache deutlich erkennbar.

Es war also davon auszugehen, dass die Teilung Kalkuttas allerlei übersetzerische Früchte tragen würde. Handel und Verwaltung, missionarische Bestrebungen und die Durchsetzung des Gesetzes machten Übersetzungen erforderlich, und auch die sich herausbildenden kulturellen Ausdrucksformen verlangten danach. Kalkutta wurde zu einem weltbekannten Zentrum der Wissenschaften – und Wissenschaftshistoriker betonen die Rolle der “Vermittler” für die “Schaffung und Administration neuer Wissensformen – in den Bereichen Geografie, Kartografie, Geschichte, Linguistik und Ethnologie”.

Es war jedoch vor allem die unter dem Begriff Bengalische Renaissance bekannt gewordene kulturelle Strömung, die die Übersetzungskultur im kolonialen Kalkutta in ganz besonderem Maße offenbarte. Mit dieser Geschichte sind Sie bestens vertraut - vielmehr als ich. Weshalb ich ein wenig nervös bin, wenn ich jetzt fortfahre. Für Amit Chaudhuri stellt das reiche Aufgebot an kulturellen Formen, das diese Epoche zu Tage fördert, “eine der tiefgehendsten und kreativisten wechselseitigen Bereicherungen zwischen zwei Kulturen in unserer modernen Zeit” dar. Diese lange Periode, die sich in etwa von den 1830er Jahren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erstreckte, erlebte eine Blütezeit des religiösen und sozialen Denkens und eine Erneuerung der Stile in der Literatur, Archtitektur und der bildenden Künste. Die gegenseitige Beeinflussung der Sprachen nährten jeden Bereich der wissenschaftlichen und künstlerischen Betätigung, Dichtung und Prosa ebenso wie das Theater, die Presse, die Populärkultur, die bildenden Künste, Religion, Philosophie und das soziale Denken – und eine Reihe bemerkenswerter Individuen prägten die aufstrebende bengalische Kultur durch ihre Beschäftigung mit dem Englischen ebenso wie mit dem Sanskrit. Dieser übergreifende Austausch führte zu einer Kultur der Übersetzung, in der die Vermittlung Einfluss auf eine Bandbreite verschiedener Aktivitäten ausübte und den Übersetzer zu einer polymorphen Figur werden ließ.

Der Brückenschlag von einer Seite der physischen und konzeptuellen Räume Kalkuttas zur anderen bestand nicht nur aus dem simplen Transfer von Begrifflichkeiten, nicht nur aus neuen Bezeichnungen für bereits existierende Ideen und Formen in einer anderen Sprache, sondern aus einem Prozess, der zur Entstehung neuer Formen des Ausdruck für das bengalische Denkens führte. Die Begegnung zwischen der weißen und der schwarzen Seite der Stadt wurde schnell zu einem Vorgang des wechselseitigen Austauschs und der Transformation, der eine Interaktion zwischen den Sprachen und der Temporalität beinhaltete, genauso wie zwischen den englischen und bengalischen Kulturformen, aber auch zwischen verschiedenen bereits existierenden indischen Überlieferungen und mit dem Sanskrit.

Aufgrund dieser langen Periode des intensiven Zusammenwirkens, die als Bengalische Renaissance bezeichnet wird, eignet sich der Blickwinkel des Übersetzens hervorragend als Einstieg ins kulturelle Leben von Kalkutta zur Zeit des Kolonialismus. Ganze wissenschaftliche Bibliotheken haben sich der Entschlüsselung und der Bewertung dieser “neuen Bedeutungen” gewidmet, die in dieser Zeit durch Übersetzungen geschaffen wurden.  Wessen Bedürfnisse wurden durch den sozialen und intellektuellen Austausch im Bengalen des 19. Jahrhunderts bedient? Wer legte die Begrifflichkeiten fest? Die Diskussionen darüber setzen sich bis heute fort. In einer Geschichte, die geprägt ist vom Streben nach Unabhängkeit, von Nationalismus und Stolz auf die bengalische Kultur, ist der Austausch mit britischen Ideen unterschiedlich strategisch kodiert, mal progressiv und modernisierend, mal opportunistisch und rückwärtsgewandt. Das enorme symbolische Gewicht dieser Epoche und ihre kulturelle Bedeutung sind dadurch erkennbar, dass diese Kontroversen bis in die Gegenwart hineinreichen, und z.B. in den Werken von  Partha Chatterjee or Dipesh Charkraborty zum Thema werden.

Den Darstellungen Kalkuttas liegen zwei verschiedene Strukturen von Macht und Wissen zugrunde und verleihen der Stadt, dadurch, dass sie nicht recht zusammenpassen wollen, etwas “Unergründliches”, meint Swati Chattopadyay. Übersetzung quer durch diese verschiedenen Bedeutungssysteme konnte nur zu “unsauberen Gebilden” führen – dies galt nicht nur für Sprachen, sondern auch für Formen bildlicher Darstellung, wie z.B. für die eindrucksvollen Kalighat-Malereien mit ihrer Mischung östlicher und westlicher Formen und Themen (Guha-Thakurta 1992), wodurch neue Definitionen des Kunstgeschmacks und wahrhaft hybride Ausdrucksformen entstanden.

Sie könnten den Eindruck bekommen haben, dass jeder in Kalkutta zur Zeit der Bengalischen Renaissance ein Übersetzer war. Und vielleicht ist das in gewisser Weise sogar richtig. Ich möchte Ihnen aber nun vier Übersetzer/innen vorstellen, die besonders herausstechen. Als da wären Herasim Lebedeff, ein russischer Abenteurer und Linguist, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Kalkutta lebte; Toru Dutt, der es in ihrem kurzen Leben (1856-77) dennoch gelang, eine glänzende Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Französischen ins Englische zu werden; James Long, ein protestantischer Missionar, der einen großen Beitrag zur bengalischen Sprache leistete, und der Romanautor Bonkimchondra Chatterjee. All diese Übersetzer/innen lassen Übersetzung im Rahmen eines größeren kulturellen Projektes stattfinden, und ihr Schaffen geht oftmals weit über die Definition herkömmlichen Sprachtransfers hinaus, wie wir vor allem im Fall von Bonkim sehen werden. Ich möchte noch einmal betonen, dass es sich hier um Persönlichkeiten handelt, die Ihnen natürlich wohl vertraut sind; dennoch hoffe ich, etwas beitragen zu können, indem ich das Augenmerk auf ihr Wirken als Übersetzer/innen lenke, die in den Straßen unterwegs waren – und deren Wissen über und deren Verbundenheit mit Kalkutta sie zu Übersetzer/innen ihrer Stadt machen.

Die ersten beiden, Lebedeff und Toru Dutt, schlugen Wege ein, die sich als Sackgassen erwiesen oder zumindest als einstweilige Sackgassen, Übersetzungsansätze, die erst viel später erneute Aufmerksamkeit auf sich zogen. Lebedeff übersetzte englische Komödien ins Bengalische, vor allem in hybride, umgangsprachliche Formen des Bengalischen; Toru Dutt übersetzte vom Französischen ins Englische.

 

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Herasim Stepanovich Lebedeff war eine besonders faszinierende Persönlichkeit – er war Musiker, Übersetzer, Linguist und Abenteurer. Er kam 1787 nach Kalkutta, vertiefte sich ins Studium des Sanskrit und des Bengalischen und knüpfte Verbindungen zum Theater.

Während seiner Zeit in Kalkutta brachte er erfolgreich das erste Stück im westlichen Stil auf Bengalisch auf die Bühne, indem er Richard Jodrells The Disguise (eine Komödie in drei Akten) in einer Mischung aus bengalischen und hindustanischen Dialekten adaptierte. Das Schauspiel wurde durch Lieder ergänzt, die in beiden Sprachen gesungen und von einem Orchester mit indischen und englischen Instrumenten begleitet wurden. Aufgeführt wurde es in einem Haus, das Lebedeff angemietet und in ein Theater verwandelt hatte (The Bengallie Theatre, Doomtoolah Lane 25). Lebedeffs Idee, europäisches Theater ins Bengalische zu übersetzen, war einzigartig. Eine derartige Aufführung war in der Stadt, in der englischsprachiges Theater und traditionell bengalisches Jatra-Theater in getrennten Sphären nebeneinander her existierten, bislang nicht zu sehen gewesen.

 Lebedeff lernte zudem sehr eifrig verschiedene Sprachen und veröffentlichte auf seiner Heimreise von Kalkutta nach Russland in London  eine Grammatik reiner und gemischter ostindischer Dialekte  (Grammar of the Pure and Mixed East Indian Dialects, 1801). Besonders interessierte ihn dabei das auf den Bazars gesprochene Hindustani.

Besonders interessant an Lebedeffs Übersetzung ist seine Erfindung bestimmter hybrider Kontaktformen. Er gilt als der erste Musiker, der indische Melodien auf westlichen Instrumenten spielte, und die Begleitmusik zu seinen Stücken hatte Lebedeff, basierend auf Texten des bengalischen Dichters Bharatchandra Ray, selbst komponiert. Er verwendete traditionelle Bühnenbilder, gestaltete also den Teil des Bühnenbodens, der für die szenischen Darstellungen benutzt wurde, mit Bemalungen, die dem bengalischen Geschmack entsprachen.

Seine Interesse für die “Kontaktsprache” seiner Epoche fand ihr Echo in seiner Verwendung von gemischten und hybriden Arten von Musik und Bühnengestaltung. Und er brachte ein gemischtes Publikum aus Engländern und Bengalen zusammen, die sich ansonsten an keinem anderen Ort in der Stadt begegnet wären.

Dennoch wurde Lebedeff zehn Jahre später aus der Stadt gejagt. Die Gründe für seine Ausweisung aus Kalkutta bleiben allerdings ungeklärt: Vielleicht wurde er verdächtigt, ein Spion zu sein, vielleicht wurde er auch Opfer eines Rachefeldzuges von Neidern auf den kommerziellen Erfolg seiner Theaterprojekte. Aus welchem Grund auch immer, Lebedeff fand sich auf der falschen Seite der mächtigen East India Company wieder und sah sich gezwungen, sein linguistisches Experiment, das bleibende Spuren in der Stadt hätte hinterlassen können, abzubrechen.

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Toru Dutt widmete ihr kurzes Leben vor allem dem Versuch, Verbindungen zwischen der französischen und der bengalischen Welt zu schaffen. Mit A Sheaf Gleaned in French Fields (1876) legte sie eine Sammlung von 165 Übersetzungen französischer Gedichte der Romantik vor, die der noch nicht einmal 20jährigen in England zu literarischem Ruhm verhelfen sollten. Dutt erntete große Bewunderung. Man bezeichnete sie als eine der erstaunlichsten Frauen aller Zeiten und verglich sie mit Sappho, Emily Brontë, George Sand und George Eliot. Dutt übersetzte nicht nur aus dem Französischen, sondern schrieb auch einen Roman auf Französisch, Le journal de Mademoiselle d’Arvers (Paris, Didier 1879). Die Notizen zu ihren Übersetzungen lassen klar erkennen, dass sie sich an ein indisches Lesepublikum wendet, da sie Begriffe wie ‘Babu’ und ein Beispiel auf Sanskrit in Devanagiri-Schrift verwendet.

Dennoch kann man nicht behaupten, sie habe das Terrain auf gleiche Weise erschlossen wie James Long, über den ich gleich noch sprechen werde. Ihr Leben in Kalkutta war sehr behütet. Sie sehnte sich nach der Freiheit, durch die Straßen streifen zu können. Folgender Brief an eine Freundin hat durchaus feministische Anklänge: “Wir gehen nicht oft hinaus in die Gesellschaft. Die bengalischen Versammlungen sind den Männern vorbehalten. Ehefrauen und Töchter und alle anderen Frauen sind ans Haus gefesselt, und die Europäer sind im allgemeinen hochmütig und sehen auf die Bengalen herab.” Dutt schreibt weiter, dass sie niemanden besucht und dass ihre Umgangsformen von anderen als “unbescheiden” angesehen würden, dass sie einzig auf ihrem Landsitz sie selbst sein könne, “ohne Angst vor den neugieren und empörten Blick irgendeines Nachbarn, der sie aufgrund ihrer ‘seltsamen, männlichen Art’ überrascht und abschätzig anstarren würde.” (zitiert nach G.J.V. Prasad in Dutt 2005: xvi)

Dutt war keine 21 Jahre alt, als sie starb, weshalb die Verbindungen, die sie schuf, ebenso wie die von Lebedeff, nur kurzzeitigen Einfluss hatten. Die von Dutt hinterlassenen Beziehungen zu den Franzosen müssen zu den weniger begangenen Pfaden im geteilten Kalkutta gezählt werden.

James Long (1814–87)

James Long ist für mich der Prototyp des Übersetzers für und in Kalkutta. Seine Aktivitäten als Übersetzer ergeben sich aus seiner Einbindung und aus seinem Wirken in der Stadt – er war Prediger, verkaufte Bücher von Tür zu Tür, kannte die populäre bengalische Straßenkultur und entschied sich ganz gezielt für einen bestimmten Ort zum Wohnen in der Stadt.

Er lebte fast 30 Jahre lang in Bengalen, setzte sich in dieser Zeit für eine Alphabetisierung und Bildung in Landessprache ein und warb für Übersetzungen ins Bengalische. Dieser unkonventionelle Missionar war ein unermüdlicher Spaziergänger, der Kalkutta wie seine Westentasche kannte. Die vielen Stunden, in denen er durch die Straßen von Kalkutta streifte, waren ausschlaggebend für sein Wissen um die bengalische Kultur, und es ist bemerkenswert, wie er sich in allen Teilen der Stadt gleichermaßen zu Hause fühlte.

Long war ein brillianter und kreativer Denker, ein sensibler Beobachter und ein wunderbarer Autor. Zudem kümmerte er sich um allerlei öffentliche Angelegenheiten und unterstützte die Gründung von Vereinen zur Förderung von Wissen und Bildung in Kalkutta, darunter die Bengal Social Science Association, die er im Jahr 1867 gemeinsam mit Mary Carpenter ins Leben rief. Er interessierte sich für alle Aspekte des bengalischen Lebens, sein besonderes Augenmerk aber galt der Sprache.

Long war gebürtiger Ire und kam als Missionar nach Kalkutta. Liest man einen der vielen Artikel, die Long über das Leben in Bengalen und die dortige Kultur schrieb, möchte man kaum glauben, dass er tatsächlich bis zum Schluss ein protestantischer Missionar blieb. Sein Vorhaben, die Hindus bekehren zu wollen, gab er nie auf, und er hielt den Kontakt zu jenen Stellen aufrecht, die diesem Ziel verpflichtet waren. Und doch spricht aus seinen Schriften eine solche Sympathie für das bengalische Volk, dass sich nur schwer glauben lässt, er sei fest entschlossen gewesen, es zu einem so fremden Glaubenssystem zu bekehren. Tatsächlich meinte er gar nicht, dergleichen zu tun. Longs Philosophie war synkretistisch und seine Abteilung des christlichen Evangelismus tendierte zur kulturellen Adaption.

Als Verfechter der bengalischen Sprache und als Förderer der Bildung und Wissenschaften in Bengalen, als  Befürworter sozialer Reformen und als Verteidiger bengalischer Bauern gegen die Ausbeutung durch den Indigoanbau, handelte Long ganz im Sinne der bengalischen Renaissance. Er lernte die Stadt sehr genau kennen – zunächst als Straßenprediger und später als Abonnentenwerber unterwegs von Tür zu Tür. Long behauptete, bis Ende des Jahres 1846 mehr als 600 Pfade und Gassen in Kalkutta durchkämmt zu haben, und 1849 erklärte er, er habe jedes einzelne bengalische Heim der Stadt besucht. Später entwickelte er eine neue Methode, um die Publikationen der Vernacular Literature Society (Literaturgesellschaft für einheimische Sprachen) unter die Leute zu bringen, nämlich über den Verkauf von Tür zu Tür. Er war auch der erste, der Frauen ermutigte, sich als Straßenverkäuferinnen zu verdingen – offenbar mit ausgesprochenem Erfolg, denn Frauen waren sozusagen der Garant dafür, dass die Publikationen züchtig waren. Long entspricht dem Inbegriff des Übersetzers in einer geteilten Stadt auch in anderer Hinsicht perfekt. Nach dem Tod seiner Frau ließ er sich im “ursprünglichen Teil der Stadt” nieder und bewohnte gemeinsam mit dem bengalischen, christlichen Priester K.M. Banerjea ein Haus im Zentrum des muslimischen Viertels von Kalkutta. Für seinen Biografen Oddie war “dieses ‘Wechseln des Lagers’ in einer Zeit, in der die europäische und bengalische Bevölkerung klar von einander getrennt lebte, die logische Konsequenz für Longs inzwischen gewandeltes Gefühl von Zugehörigkeit” (186). Bei sich zu Hause organisierte er Abende, an denen Bengalen und Briten zusammenkamen (147). Die geografische Lage innerhalb der Stadt war sinnbildlich für Longs unermüdliches Streben nach Vermittlung.

Sein Engagement für die Vernacular Literature Society war von besonderer Bedeutung. Ziel der Gesellschaft war es, “eine Populärliteratur in bengalischer Sprache ins Leben zu rufen.” (Long 1859: xxvii) Dafür aber sollten “reine Übersetzungen” nicht ausreichend sein. Die Übersetzungen waren Adaptionen und Long hoffte darauf, dass diese Übersetzungen ein Schritt auf dem Weg zu originalen Werken bengalischer Autoren sein würden. Zwischen 1850 und 1900 wurden rund 150 Bände übersetzt.

Er war ein innovativer Denker, war progressiv in seiner Einstellung zur bengalischen Gesellschaft und kritisch gegenüber den britischen Vorgehensweisen (z.B. im Fall der Indigoplantagen), und er engagierte sich für die Gründung von wissenschaftlichen Institutionen. Und doch arbeitete Long für die koloniale Verwaltung und missionarische Einrichtungen und verdarb es sich nie mit den britischen Behörden – auch wenn er einen Monat in einem britischen Gefängnis zubrachte. Aufgrund seiner ambivalenten Einstellung “zu den” und “gegen die” britischen Kolonialbehörden, aufgrund der verschiedenen Positionen, von denen aus er das intellektuelle Leben Kalkuttas beeinflusste, lässt sich Longs Wirken nur schwer einordnen oder bewerten. Long besetzte eine besondere “Mitte” im Territorium der Stadt und hinterließ seine ganz eigenen Übersetzungsspuren.

Bankimchandra: Die Übersetzung eines Genres

Bonkim ist in dieser Riege sicher der einflussreichste und Ihnen allen wohlbekannt, allerdings nicht notwendigerweise als Übersetzer. Ich möchte behaupten, dass Bonkim als Übersetzer, wenn auch nicht von bestimmten Texten, so doch eines Genres bzw. einer Form gelten kann: dem Roman. Dies ist das Ergebnis einer engen Beziehung zwischen importierten Kulturgütern und der darauf erfolgten lokalen Antwort, zwischen Übersetzung und Schreiben. Priya Joshi: “Der massive Import britischer Romane nach Indien, die zahlreichen Übersetzungen in verschiedene indische Sprachen und die sich anschließende Geburt des Romans in indischen Sprachen ist ein Vorgang, dessen Bedeutung wesentlich ist, um die Mechanismen von Kulturtransfer und die Herausbildung von Kultur zu verstehen.” Mit dem Anstieg des Imports englischer Bücher in den Jahren zwischen 1850 und 1880 erhöhte sich auch die Anzahl der Veröffentlichungen in den indischen Sprachen. Die Verfügbarkeit von Übersetzungen ins Bengalische verursachte “Wogen unterschiedlichster Reaktionen, die zur Herausbildung des bengalischen Romans führten… ein ganzer Diskurs über die Menschen, über die Natur, Religion und Gesellschaft wurde übersetzt.”

Zunächst versuchte Bankim, einen Roman auf Englisch zu schreiben. Rajmohan’s Wife (1865) blieb, da sind sich die Kritiker einig, der Erfolg verwährt, weil der Roman sich nicht auf eine kohärente Erzählstimme festlegte, weil die indische Sozial- und Vorstellungswelt nicht mit der erzählerischen Form harmonierte. Er schwankte zwischen Realismus und Fantasy. Die Prosa des Romans wirkt gewollt und schwerfällig –überraschendweiser, wie Amitav Gosh sagt, der zeigt, wie “feinfühlig, leichthändig und wirkungsvoll” Bankims auf Englisch verfasste Briefe waren. Zusammengefasst ließe sich wohl sagen, dass Rajmohan’s Wife scheiterte, weil Bankim nicht wusste, für wen er schrieb. Erst als er sich selbst ins Bengalische übersetzte, fügte sich alles einer Ordnung. Doch diese “Ordnung” war, laut Amitav Gosh nur möglich, weil Bankim den Mut gehabt hatte, sich zu entorten. Der misslungene Versuch auf Englisch war ein notwendiger Schritt der Distanzierung, der es Bankim schließlich erlaubte, Anspruch auf eine Standortrhetorik geltend zu machen, “um einen Ausgangspunkt zu erlangen, der ihm erlaubte, den Spalt zwischen zwei vollkommen verschiedenen Erzählkonventionen zu überkommen.”. Was den Roman abhebt von den Erzähltraditionen, die in eher alten indischen Konventionen beheimatet sind, ist laut Gosh, dass der Roman ein Werk der Verortung ist, eine Wortstruktur, die zu einem bestimmten Ort gehört und aus diesem hervorgeht. Und der erste Schritt, um sich selbst in der Prosa zu verorten, war zunächst einmal eine Art Entortung. 

Gegen Ende des Jahrhunderts war der Roman in mindestens acht wichtigen indischen Sprachen zur beliebstesten Form der Printmedienunterhaltung avanciert. Bankim gebürt dieser spezielle Augenblick der Geburt des indischen Romans, ein Augenblick, in dem der Impuls der Übersetzung ins Zentrum des kulturellen Lebens rückte. Die Renaissance steht für einen Augenblick, als “Übersetzung, keineswegs eine zweitrangige Tätigkeit war, sondern zu einer erstrangigen wurde, und gestaltgebende Kraft für das intellektuelle Leben jener Zeit hatte.”

Als Modell des öffentlichen Raums, in dem die Präsenz zweier Bedeutungssysteme zur Herausbildung “unsauberer Gebilde”, neuer und dauerhafter kultureller Formen führte, erwirbt sich Kalkutta den Titel als Stadt der Renaissance.

 

 

Fazit

Dieses Borgen und Umgestalten quer durch die Stadt unterscheidet sich nicht wesentlich von den Vorgängen in Toledo – jener Stadt, deren Namen unser Projekt trägt. Mit Beginn des 10. Jahrhunderts fand  ein erstaunlicher gegenseitiger und fruchtbarer Austausch zwischen arabischen und hebräischen Dichtformen statt, die für die hebräische Dichtung in ein goldenes Zeitalter mündete, ein Augenblick kulturellen Überschäumens, das “Wunder” genannt wurde, eine große “Blütezeit” der Dichtung, die nur wenig Vergleichbares kennt. Dieser Augenblick begann laut Peter Cole mit dem, was er eine “Tiefenübersetzung” arabischer Formen nennt. In der Architektur, in der Literatur ließ sich die jüdische Gemeinschaft von der arabischen Sprache und den islamischen Formen inspirieren, um sie sich zu neuen Zwecken nutzbar zu machen. Ein solcher Ausbruch an Kreativität entspricht dem Bild von Toledo als vielgesichtigem Zentrum übersetzerischer Aktivitäten, auf dessen Programm die Übersetzung humanistischer Texte aus dem Griechischen und Arabischen ins Lateinische und Spanische stand, ein Zentrum, das man auch als Übersetzerschule von Toledo bezeichnet.

Vielleicht stimmt es, dass Städte, die die Säume und Nähte der Vergangenheit sichtbar machen eine Art Familienähnlichkeit besitzen. Städte, in denen Sprachen aufeinanderfolgende historische Epochen repräsentieren – osteuropäische Städte wie Czernowitz, Vilnius oder Prag, in denen eine Sprache die nächste überlagert, in denen ein Soundtrack den nächsten ersetzt, fast als wären die Städte synchronisierte Filme; Städte, die aufgrund von Auseinandersetzungen geteilte Städte sind wie Nikosia in Zypern, geteilt zwischen Türken und Griechen; oder wie Brüssel, Barcelona, Montreal, Dakar, Trieste und Manila, wo sich die Sprachen auf dem selben Territorium weiterhin begrüßen und miteinander konkurrieren. Ich komme mir vor wie in einem immer wiederkehrenden Kreislauf – auf der Suche nach Mustern und Varianten gewisser urbaner Erfahrungen, die so typisch sind für diese Städte – die Mischung aus Spannung und Anziehung, Nostalgie und Angst, die das Leben entlang von Sprachkluften durchziehen. Die Lehren, die wir aus diesen Kluften ziehen, gehören zu den wertvollesten, die uns Städte zu bieten haben.

 

PDF

Sherry Simon schreibt umfassend über Sprache und Erinnerung in Städten von Montreal bis Barcelona, Triest, Kalkutta, Lemberg und Czernowitz. Nach ihren preisgekrönten Publikationen »Translating Montreal« (2006) und »Cities in Translation« (2012) veröffentlichte sie »Translation Sites. A Field Guide« ─  eine Erkundung von Orten (Hotels, Märkte, Gärten, Denkmäler), deren Bedeutungen von einem Aufeinanderprallen von Geschichte und Sprachen geprägt sind. Sie ist Mitglied der Royal Society of Canada und der Académie des lettres du Québec. Sie lehrt an der Französisch-Abteilung der Concordia University.

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