Cities of translators Entwurf eines zweiten Traums

Entwurf eines zweiten Traums

Erste TOLEDO-Übersetzerexpedition in Kolkata

©Subroto Saha

Exklusion gehört keiner Welt an

Der hinduistische Gelehrte Swami Vivekananda, einer der Protagonisten der Bengal Renaissance des 19. Jahrhunderts, sprach in seiner berühmt gewordenen Chicagoer Rede vor dem Weltparlament der Religionen 1893 davon, dass sich das englische Wort exclusion nicht ins Sanskrit übersetzen ließe.

Mehr Weg ©Subroto Saha

Im selben Jahr übersetzte Karl Eugen Neumann das Dhammapada, eine Sammlung von Versen Buddhas, das gleichsam den Kern seiner Lehre enthält wie auch eines der Meisterwerke der altindischen Belle Lettre darstellt, ins Deutsche. Geschrieben in einer der damaligen Volkssprachen, dem Pali, wollten einige Schüler Buddhas das Dhammapada um 500 vor Christus ins Sanskrit übertragen, woraufhin dieser entgegnet haben soll: „Ich werde in der Sprache des Volkes sprechen.“ Charuchandra Basu übersetzte das Dhammapada 1904 ins Bengalische, in Kolkata wohlgemerkt, und schon zehn Jahre zuvor übertrug Max Müller das Buch für die Reihe Sacred Books of the East ins Englische – seine Aufträge wie auch Materialen erhielt er dabei von der British East India Company Calcutta ohne selbst je in Indien gewesen zu sein. Ebenso Hermann Hesse: Von frühester Jugend an Leser indischer Literatur in Übersetzung, bestieg  er 1911 mit seinem Freund Hans Sturzenegger zwar ein Schiff Richtung Indien, tatsächlich aber landeten die beiden in Indonesien. Eines seiner Bücher trägt dennoch den Titel Aus Indien – Aufzeichnungen, Tagebücher, Gedichte, Betrachtungen und Erzählungen, den Nobelpreis erhielt er 1946 schließlich sogar für den Roman Siddhartha – Eine indische Dichtung. Ironischerweise ist Siddhartha dann auch der ursprüngliche Name Buddhas und bedeutet „einer, der sein Ziel erreicht hat”. Der Roman wurde ins Bengalische sowie in die meisten indischen Sprachen übersetzt; er ist einer der meistgelesenen deutschen Romane in indischer Sprache. Und auch Rilke und Brecht schrieben späterhin Gedichte über Buddha.

Zwar sind Sanskrit wie Pali in Indien schon längst keine lebendigen Sprachen mehr, trotzdem deuten die bisherigen Ausführungen darauf hin, in welcher Weise übersetzte Literaturen über die Jahrhunderte hinweg auch neuen Literaturen den Weg bereiten können – und wieviel mehr man manchmal Übersetzungen sucht als die eigenen Zeilen.

Die Portugiesen, die “Bangala” gleichsam wie “Bengala” aussprachen, schrieben die erste bengalische Grammatik in lateinischer Schrift, ohne aber jemals Literatur zu übersetzen. In Kolkata begründete der walisische Orientalist William Jones (1746 – 1794) mit der Asiatic Society die indoeuropäische Sprachwissenschaft – Vergleichende Literaturwissenschaft war damals noch kein Thema – wodurch nicht nur indische, sondern auch andere asiatische Literaturen erstmals durch Übersetzungen in den Fokus des englischen Sprachraums und mithin des Westens gerückt wurden.

Aller Anfang: Die Asiatic Society ©Subroto Saha

Auf die englischen Übersetzungen folgten alsbald Übertragungen ins Deutsche und Französische, die ihre Wirkung auf die zeitgenössische Literaturproduktion nicht verfehlten: so las Goethe zum Beispiel das Schauspiel  Abhigjanasakuntala des Sanskrit-Dichters Kalidasa in der Übersetzung (1790) von Georg Forster, die er nach der Übersetzung (1789) von William Jones angefertigt hatte. Er schrieb dann 1791 mit aller Bewunderung “Sakontola”:  “Willst du die Blüthen des frühen, die Früchte des späteren Jahres,/ Willst du, was reizt und entzückt, willst du, was sättigt und nährt,/ Willst du den Himmel, die Erde, mit Einem Namen begreifen,/ Nenn’ ich Sakontala dich, und so ist Alles gesagt”. Für das Schauspiel Sakontala komponierte 1820 Franz Schubert sein unvollendet gebliebenes Opernfragment. Heinrich Heine verfasste schließlich Zeilen wie “Verlass Berlin mit seinem dicken Sande/ … Komm mit nach Indien, nach dem Sonnenlande” (Friederike, 1823). Und Goethe sagte 1827 im berühmten Gespräch mit Eckermann: “Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur Curiositäten”, als er über “Weltliteratur” sprach (“Nationalliteraur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit”), woraufhin sich Wilhelm von Humboldt, der bedeutendste Sanskrit-Literaturforscher in Deutschland damals, mit ihm auseinandersetzte. All dies geschah nur dank der Übersetzungen indischer Literatur – und die Wurzeln lagen dabei in Kolkata, nur eben versteckt.

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Situation der Übersetzer in Kolkata. In dieser Zeit gab es einige bengalische Schriftsteller, die in Persisch, Englisch oder Französisch schrieben. Viele übersetzten auch literarische Werke aus dem Englischen, Französischen und einigen anderen indischen Sprachen ins Bengalische. Im 20. Jahrhundert kamen weitere Sprachen hinzu, neben Arabisch, Persisch, Russisch, Spanisch, Deutsch, Türkisch und Italienisch auch etwa Japanisch und Chinesisch. Gemein ist dem Großteil dieser Übersetzungen über die Jahrhunderte hinweg, dass sie über den Umweg des Englischen ins Bengalische gelangten. Und so sind am Ende dieser kleinen Exkursion vor allem zwei Dinge festzuhalten: Tatsächlich gehört exclusion keiner Welt an und Volkssprachen sind als Zielsprachen literarischer Übersetzungen von herausragender Bedeutung. Das gilt umso mehr für das vielsprachige Indien mit seinen 24 großen, modernen Sprachen inklusive Englisch, denn es gibt keineswegs die indische Literatur, sondern vielmehr indische Literaturen. Und Kolkata, diese mehrsprachige Literaturmetropole, scheint dabei wie die Miniaturausgabe des gesamten Landes zu sein.

Vermessung der Übersetzerwelt mit bengalischen Lichtern

Eine Sprache, in die nichts übersetzt werde, sei eine tote Sprache, so Goethe. Wenn man mich fragt, ob man die Metropole Kolkata von heute als City of Translators bezeichnen kann, muss ich dies eindeutig bejahen. Der einfachste Beweis: Es ist die fremdenfreundlichste Metropole Indiens, in der kleine Kinder in ihrer eigenen Umwelt alle möglichen Schilder und Inschriften an Schulen, Kliniken, Haltestellen und Läden, auf Spielplätzen und überall unterwegs in den Straßen und Gassen aus einer (Welt)Sprache bzw. globalen Sprache (Englisch) in ihre Muttersprache übersetzen lernen müssen. Wobei Gäste aus anderen Ländern und Sprachen auf den ersten Blick die wenigsten Verständnisschwierigkeiten haben. Von Zeit zu Zeit appellieren manche Stadtbürger, Autoren, Künstler, Sprachaktivisten und kreative Menschen an die Vernunft aller Einrichtungen, auf Schildern neben globaler Sprache eine gemeinschafts- und zonenspezifische Sprache und Bengalisch, zumindest in kleinerer Schrift, einzuführen. Aber wer hört zu? - Wie bitte? Warum denn? Nein! Um Sprachgottes willen! - Die Haltung: Lieber pseudo-weltbürgerliches Gesicht statt des wahren Gesichts! Fazit: Die Kinder werden (Invisible) Translators of City! Ernst gemeint. Denn ihr wahres Übersetzungstalent, seit sie Kinderreime und Märchen hören und lesen, ist nicht an den Sprachen, sondern an den Sprachen ihrer eigenen Lebensgeschichte zu ermessen. Übersetzung ist der zärtlichste Punkt im Leben.

Edelweiss ©Subroto Saha

Kolkatas Übersetzerszene ist komplex, viel komplexer als man vielleicht annehmen würde, allein aufgrund ihrer flüssigen und gleichsam freien Vielsprachigkeit, ihrer schon beschriebenen Traditionen und der Vielzahl an Orten, an denen mündliche Überlieferungen in mehreren Sprachen noch eine besondere Bedeutung besitzen. Selbst ein Taxifahrer muss hier mehrsprachig kommunizieren können. Flüssigkeit, Freiheit und Komplexität gehen also Hand in Hand. Und dennoch scheinen sich die Kolkataner selbst dessen wenig bewusst zu sein, wie stark Übersetzungen ihr Leben gestalten und beeinflussen und umgekehrt.

Fast alle Sprachen des indischen Subkontinents werden in Indien gesprochen. Nichts verbindet gerade zwei Bengalen (Westbengalen und Bangladesch) mehr als Rabindranath Tagore. Es gibt auf beiden Seiten (Kolkata und Dhaka) eine fast ritualartige Beschäftigung von Dichtern, Schriftstellern, Intellektuellen, Kritikern, Künstlern, Liedermachern, Theater- oder Filmleuten, Komponisten, Journalisten, Akademikern und anderen kreativen Geistern mit ihm – „Mein Rabindranath” oder „Mein Tagore”. Ohne Untertreibung lässt sich behaupten, jede Bengale/jeder Bengaler hat ihren/seinen persönlichen Tagore, wie einen persönlichen Gott (Tagore nennt man auf Bangla/Bengalisch Thakur, und Thakur bedeutet ja Gott!), und jeder Gott unterscheidet sich von dem der anderen.

Was aber in diesem fast hysterischen Chaos nicht immer beachtet wird, ist meiner Ansicht nach der übersetzerische Aspekt von Tagore. Er gewann 1913 den Literaturnobelpreis (“für die tiefgründende, hochgesinnte Natur, die Schönheit und Frische seiner Dichtung, die sein Genie so großartig im englischen Gewand in die Schöne Literatur des Abendlandes einzuverbleiben verstand”) für seinen Lyrikband Gitanjali, den er selbst aus dem Bengalischen ins Englische übersetzt hatte – einmalig bislang in der Geschichte des Preises. Für Gitanjali schrieb der irische Dichter William Butler Yeats ein mit Bewunderung geprägtes Vorwort. Tagore war zugleich der erste Nobelpreisträger außerhalb der westlichen Welt. In Deutschland schrieben Rilke, Brecht, Kafka und Hesse über ihn. Allein schon deshalb ist es schade, dass es seiner Geburtsstadt Kolkata nach 100 Jahren immer noch nicht gelungen ist, ein stärkeres Bewusstsein und eine etwas positivere Stimmung für Übersetzung im Publikum der (Welt)Literatur sowie vor allem auch eine solidere Infrastruktur für Übersetzer zu schaffen. Der Heine-Übersetzer Tagore übertrug sowohl eigene Texte ins Englische (und vice versa) als auch Texte von anderen aus dem Englischen ins Bengalische. Manchmal schrieb er erstmal Texte auf Englisch, und dann auf Bengalisch. Zum Beispiel: 1930 erlebte er in Oberammergau die Passionsspiele. Gleich danach schrieb er zunächst das Prosa-Gedicht “The Child” (weil das deutsche Filmunternehmen UFA ihn, so sagt man, um ein Drehbuch für einen Film gebeten hätte) und dann schrieb er das Gedicht auf Bengalisch mit einem anderen Titel Schischutirtho.

Letzten Endes waren Übersetzungen auch dort sichtbar, wo niemand sie vermutet. Nobelpreisträger Pablo Neruda ist einer der meistübersetzten modernen Autoren in den meisten indischen Sprachen. Er las als junger Dichter sehr gern Gedichte von Tagore. 1927 kam er nach Kolkata und wollte ihn besuchen. Tagore war nicht zu Hause. Neruda ging zurück, kehrte aber 1957 nach Kolkata zurück. 1924 erschien Nerudas Gedichtband “20 Liebesgedichte und ein Gedicht der Verzweiflung”, einer der meistgelesenen Gedichtbände des 20. Jahrhunderts. Er wurde dadurch weltberühmt. Zufall war jedenfalls, dass in diesem Jahr Tagore Lateinamerika bzw. Argentinien besuchte. Zufall war keinesfalls, dass 1934 in der Literaturzeitschrift Pro in Buenos Aires das Neruda-Gedicht 16 aus diesem Band neben dem Tagore-Gedicht 30 (Songtext, “Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Träume hinzieht./ Ich gebe dir Farbe und Form mit den Wünschen meiner Liebe./ Du bist mein Eigen, mein Eigen,/ Die in meinen endlosen Träumen wohnt! etc.) in spanischer Übersetzung aus dem englischen Band “The Gardener” (übersetzt von Zenobia Camprubí de Jiménez, der Frau vom Tagore-Übersetzer und Nobelpreisträger Juan Ramón Jiménez) veröffentlicht wurde, und somit wurde Neruda anonym (eigentlich von Volodia Teitelboim) vorgeworfen, das Tagore-Gedicht plagiiert zu haben. Es wiederholte sich in noch einer Zeitschrift. 1937 fügte Neruda für spätere Ausgaben dem Gedicht eine Anmerkung hin: Dieses Gedicht ist eine Paraphrase des Gedichts 30 aus “Der Gärtner” von Rabindranath Tagore. Klar können Übersetzer entdecken, was T. S. Eliot sagte: „Immature poets imitate, mature poets steal.” Genauso lag der Fall mit dem berühmten Film “E.T. – Der Außerirdische” (1982) des amerikanischen Filmregisseurs Steven Spielberg.

E.T. stammt aus Kolkata ©Subroto Saha

Sein Filmdrehbuch stimmte eigentlich mit dem Drehbuch “The Alien” (1967) überein, das der bengalische Filmregisseur und Schriftsteller Satyajit Ray aus Kolkata auf Basis einer eigenen bengalischen Kurzgeschichte schrieb. Davon war der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke so begeistert, dass Ray auf seinen Wunsch hin das Drehbuch an Columbia Pictures in Hollywood schickte. Ray bekam eine Zusage, auch der Hauptdarsteller Peter Sellers wurde dafür engagiert. Was danach folgte, war in der Tat keine Science-Fiction mehr. 

Tagore starb 1941. Indien wurde 1947 unabhängig, das Land geteilt. Nicht so die Sprachen. 1952 (Dhaka, Bangladesch) und 1961 (Silchar, Indien) ließen Menschen im Kampf für ihre Muttersprache Bangla/Bengalisch ihr Leben. Die Bangla Akademi wurde (Dhaka 1955, Kolkata 1986) gegründet. 1954 schließlich folgte die Sahitya Akademi, die indische Literaturakademie, zur Förderung der Literatur in den vierundzwanzig indischen Sprachen. Kolkata wurde zum Regionalsitz für Ost- und Nordostindien, Übersetzungen und deren Veröffentlichungen ihr Schwerpunkt. Dafür hat die Sahitya Akademi ihre Übersetzer, besitzt ihr eigenes Verlagshaus und eine eigene Literaturzeitschrift. Unter den Ausgezeichneten der Sahitya Akademi sind manche auch Übersetzer.

Denkmal an die Sprachmärtyrer ©Subroto Saha

Wer aber Tagore nachfolgte und die Übersetzungstätigkeit zugleich in neue Sphären hob, war Buddhadeb Basu. Mit der Gründung der ersten Abteilung für vergleichende Literaturwissenschaft Indiens durch den Dichter, Dramatiker, Romancier, Essayist und Hölderlin-Rilke-Baudelaire-Pasternak-Übersetzer Basu an der Jadavpur Universität in Kolkata im Jahr 1956 gewann die Kunst der Übersetzung größere Bedeutung, denn viele Lehrer von hier waren zugleich auch berühmte Übersetzer. Sie übertrugen afrikanische, afro-amerikanische, latein-amerikanische, europäische und indische Literaturen ins Bengalische. Manche Studierende wurden später Übersetzer, wenngleich die Ausgangssprache in diesen Fällen meist nicht ihre Muttersprache, sondern Englisch war. Übersetzungen zweiter Ordnung gewissermaßen. Tagore machte es, und Basu sowie seine renommierten Übersetzer- und Dichterkollegen machten es. Und hunderte Übersetzer sehen darin kein Problem, es heute noch ebenso weiter zu betreiben, weil vor allem Tagore es gemacht hätte (ein selbstrechtfertigendes Argument also!). Viele meinen, es sei doch früher überall so gewesen. Es versteht sich, und muss nicht sein, auch wenn andere Gründe genannt werden. Doch sollte man es damit nicht zu weit treiben. Denn andere Übersetzer haben es genau umgekehrt getan, und tun es weiter. Die hat es immer gegeben. Zum Beispiel, allein was Übersetzungen aus dem Deutschen ins Bengalische anbelangt, der Hölderlin-Heine-Goethe-Brecht-Kirsch-Grass-Übersetzer Alokeranjan Dasgupta. Es gäbe viele weitere Beispiele.

Übersetzungen mit dem Umweg über das Englische sind unzweifelhaft in der Mehrzahl, wenngleich es den Übersetzern eigentlich an jenem besonders subtilen Einfühlungsvermögen für die Feinheiten der Sprache mangelt. In diese Lücke strebt das noch relativ junge Centre for Translation of Indian Literatures CENTIL, angesiedelt im Fachbereich Vergleichende Literaturwissenschaft an der Jadavpur Universität. CENTIL arbeitet im Rahmen von interaktiven Workshops und Seminaren gemeinsam mit Autoren und Übersetzern an Übersetzungsprojekten – einmalig in der universitären Landschaft Indiens.

Kennzeichnend für die Szene in Kolkata ist, dass die Institutionen keine im eigentlichen Sinne professionellen Übersetzer hervorbringen. Schriftsteller können Übersetzer werden und umgekehrt. Das hält man für gewöhnlich. Aber wie weit kann die Bezeichnung City of Translators tragen, wenn es doch wenige professionelle Übersetzer gibt? Was macht eine City of Translators aus? Ehrlich gesagt, verhält es sich mit den Schriftstellern in Kolkata ganz ähnlich. Zwar ist die Stadt eine City of Literature, eine City of Writers Building (so zu finden im Roman von Günter Grass), und dennoch ist sie in diesem Sinne keine City of Writers.

Szene vor Ort

“Mein Jahrhundert”, der Roman von Günter Grass, enthält ein Kapitel mit dem Titel “1987”, dessen zwei Einleitungssätze lauten: “Was hatten wir in Calcutta zu suchen? Was zog mich dorthin?” 2018 würden die TOLEDO-Gäste im Rahmen der City of Translators diese Fragen natürlich ganz anders beantworten als Grass, zumal er selbst auch kein Übersetzer gewesen ist. Und dennoch: Grass kam mehrmals hierher – hoffentlich würden sie es auch tun.

TOLEDO im Austausch ©Subroto Saha

Es war keine Reise ohne Preise. TOLEDO weckte große Aufmerksamkeit in der Stadt. Schon am ersten Tag berichtete Anandabazar Patrika, die größte bengalische Tageszeitung, in einem Leitartikel unter Kolkatar Korhcha (Chronik von Kolkata) davon mit dem Titel „Expedition von Übersetzern“: Viele Fremde kommen ja nach Kolkata, manche sehen Traditionen, manche auch Menschengedränge oder Armut oder Müll. Aber stellen Sie sich mal vor, aus Berlin kommt eine Gruppe von Autoren, Übersetzer, Übersetzungswissenschaftler, Verleger,  Redakteure und Journalisten, die mit Menschen ins Gespräch kommen, sogar verschiedene Ecken besuchen, um  den multilingualen Charakter von Kolkata zu begreifen.  Und ja, so passiert zum ersten Mal die Expedition von Übersetzern.  

Nicht Zunge zeigen ©Subroto Saha

Auch für meine Szene wurde einiges durch fremde Übersetzerperspektiven konkreter. Allein wie viele Sprachen und Ideen waren hier mit uns zusammen?  Was Begegnungen und Diskussionen gezeigt haben, ließe sich in einigen ausgewählten Schlagworten so zusammenfassen: Ein eigenes Residenz-Programm, der Wunsch nach kleinen Übersetzerworkshops, gesetzt den Fall, deutschsprachige Autoren sind zu Besuch, die Notwendigkeit eines Übersetzerverbands, ein (indisches) Übersetzertreffen / Treffen bengalischer Übersetzer und auch immer wieder das Bedürfnis nach einem speziellen Programm für Übersetzernachwuchs.

Bis ans andere Ende 

Wo und wann man es hört, das braucht so genau keiner zu wissen. Aber was man alles hört: Das Buch ist sogar auf Englisch, und auch wenn nicht, das kann man ja schon, oder ganz bald oder später sowieso auf Englisch lesen, nicht wahr? Woher kommt eigentlich das Fördergeld? Übersetzen ist eine Kunst, sagen Sie? Wer sieht Übersetzer als Künstler an? Selbst wenn ja, wer bezahlt denn so einen Künstler? Wer kennt ihn? Warum möchte er seinen Namen im Buch und dann noch Honorar? Liebesmüh? Eine Buchrezension, ja, jedenfalls, aber warum verdient er darin mehr als ein paar Zeilen? Wer bittet ihn auf die Bühne? Das kenne ich.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet war das Jahr 2018 etwas anders für die Szene, im internationalen und indischen Kontext gleichermaßen. Alles zum ersten Mal: Olga Tokarczuk, die polnische Schriftstellerin und Man-Booker-Preisträgerin für das Buch “Unrast” (Flights) teilte Bühne und Preis mit ihrer Übersetzerin, Jennifer Croft. In Indien wurde der erste JCB-Preis für Literatur dem malayalamsprachigen Autor Benyamin und seinem Übersetzer Shahnaz Habib für das Buch “Jasmine Days” verliehen. Der bengalischsprechende und viel ins Deutsche übersetzte Schriftsteller aus Kolkata, Amitav Ghosh, wurde als englischschreibender Autor mit dem höchsten indischen Literaturpreis Jnanpith ausgezeichnet. Und TOLEDO aus BERLIN machte seine erste Übersetzerexpedition nach KOLKATA.

Richtig bleibt im Rückblick: Es mangelt nicht an Geist. Das bewegt mich. Übersetzen und Schreiben ist das Ziel. Zeit und Ruhe sind dafür der Preis. Ich kann mich nicht der Illusion hingeben, es wäre nun leichter, nichts verändert sich so einfach über Nacht und eine ideale Welt gibt es nicht.

 

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