Journale Vernetzungen.

Vernetzungen.

Journal zur Übersetzung von Zeruya Shalevs Roman Schicksal (Berlin Verlag)

Zum Roman
Die Zusammenarbeit mit Zeruya Shalev
Gedanken zur Übersetzung
Close Reading: Die ersten drei Kapitel des Romans und ihre Vernetzungen

Zum Roman

Ich schreibe dieses Journal nach zehn Monaten intensiver Arbeit an diesem Roman, der, während ich bereits übersetzte, von der Autorin noch zu Ende geschrieben wurde. Ich möchte darin unter anderem über meine Zusammenarbeit mit Zeruya Shalev reflektieren, die mich im Laufe der Arbeit auch zur Mitlektorin des Originals gemacht hat.

Übersetzerisch ging es hier vor allem um zwei Fragen: Shalev benutzt immer wieder Wörter und Wendungen aus alten Sprachschichten des Hebräischen, aus dem Tenach („Alten Testament“) oder den jüdischen Gebeten, tut dies aber auf eine ausgesprochen weltliche, völlig unfromme Art und Weise und ohne damit religiöse Kontexte aufrufen zu wollen. Wie kann ich diese Absicht der Autorin auf Deutsch umsetzen?

Die zweite Herausforderung dieser Übersetzung war, eine deutsche Entsprechung für eine andere Eigenheit des literarisch einmaligen Stils von Zeruya Shalev zu entwickeln: Sie erzeugt im Original eine ganz eigentümliche Spannung, indem sie häufig Wörter wiederholt, die gar nicht wegen ihrer besonderen Bedeutung auffallen, sondern allein durch ihre Wiederholung ein merkwürdiges, schwer zu fassendes Netz von Verbindungslinien zwischen den Protagonisten spinnen, das einen Eindruck von Schicksalhaftigkeit erzeugt. Diese Netze mussten erkannt und durch das ganze Buch verfolgt werden.

Beide Themen werden hier unter verschiedenen Gesichtspunkten ausgeführt. Dabei ermöglicht mir die digitale Darstellungsform dieses Journals besonders in seinem letzten Teil, beim Close Reading der ersten drei Kapitel, ziemlich mühelos zur Seite zu springen, meine konkreten Übersetzungsentscheidungen zu kommentieren und zur selben Stelle zurückzukehren, ohne dass der Ausgangskontext verloren geht. Auch die Vernetzung zwischen verschiedenen Textstellen quer durch das Buch lässt sich in diesem Medium wunderbar mühelos nachvollziehen.

Die Ausgangssituation der Handlung

In diesem Roman kreuzen sich dramatisch zwei ganz unterschiedliche Frauenschicksale: Erzählt wird er parallel aus der Sicht von zwei Frauen, der heute neunzigjährigen Siedlerin Rachel, die vor der Staatsgründung Israels als junges Mädchen in der radikalen jüdischen Untergrundgruppe Lechi gegen die britische Besatzung kämpfte und an Anschlägen gegen die Briten beteiligt war, und aus der Sicht der neunundvierzigjährigen Atara; sie ist die spätere Tochter von Meno Rubin, Rachels ideologischem Kampfgefährten und zugleich Jugendgeliebten, der sich nach einjähriger Ehe noch während des Kampfes ohne Begründung von ihr hatte scheiden lassen.

Atara gelingt es erst nach dem Tod ihres Vaters Meno, dessen geheim gehaltene erste große Liebe aufzuspüren, die ihr vielleicht erzählen kann, was der Vater ihr bis zum Schluss verschwiegen hat und warum er in ihrer Kindheit so grausam zu ihr war.

Rachel zieht die Lebensbilanz einer Frau der ideologischen Gründergeneration Israels, die nach Jahren im Untergrund den Übergang in die relative „Normalität“ des neu gegründeten Staates seelisch nicht verkraftete und die inneren Verletzungen und Enttäuschungen in sich verschloss und bis heute weitertrug, was auch an ihren beiden Söhnen Jair und Amichai nicht spurlos vorübergegangen ist.

Im Parallelstrang erleben wir das Erwachen von Atara, deren gesamtes Liebes-, Ehe- und Familienleben bis zu diesem Zeitpunkt von den Verletzungen aus der Kindheit durch einen traumatisierten, schweigenden Vater geprägt ist.

Erzählperspektive der Innensicht

Die Erzählstränge von Rachel und von Atara werden in alternierenden Kapiteln präsentiert und chronologisch zur Handlung des Romans verflochten. Sie werden uns zwar von einer allwissenden Erzählerin erzählt, die aber jeweils ganz strikt die subjektive Perspektive der jeweiligen Figur einnimmt, als kenne sie die andere Figur, deren Innenleben und Geschichte gar nicht. Manchmal kommt es einem vor, als würden die Figuren wie in einem Bewusstseinsstrom in der ersten Person beschrieben, und tatsächlich springt Shalev an bestimmten Stellen in die erste Person. In dieser Darstellungsweise wissen die beiden Frauenfiguren voneinander nur, was sie einander tatsächlich erzählen, und damit sehr viel weniger, als wir Leser·innen über sie beide wissen. Gerade das reizt uns, aus vielen Indizien ein Netz zu spinnen und den verborgenen familiären Zusammenhängen nachzuspüren, von denen wir erwarten, dass sie uns zur Lösung des Rätsels führen.

Zeruya Shalevs hebräischer Stil

Das Hebräisch von Shalev ist durchsetzt von heute selten verwendeten und deshalb nicht abgegriffenen, poetisch starken Wörtern und Formulierungen aus biblischen Texten, mit denen sie aber nicht etwa auf die Kontexte, aus denen sie ursprünglich stammen, verweisen will. Sie benutzt diesen Wortschatz vielmehr in areligiöser, säkularer Absicht; sie will damit in ganz persönlichen, oft intimen Momenten emotionale Intensität erzeugen. Zudem will sie zeigen, dass sich die menschlichen Grundkonstellationen seit biblischen Zeiten nicht entscheidend verändert haben und dass die alte biblische Sprache, die ja zu einem nicht geringen Anteil im heute gesprochenen, modernen Hebräisch weiterlebt, durchaus die Emotionen heutiger Menschen widerspiegeln kann.

Darüber hinaus schreibt Shalev auch in prekären Szenen einen bewusst „schönen“, harmonischen Stil; die Absätze sind oft über die Wiederholung eines bestimmten Wortes wie Glieder einer Kette miteinander verbunden; „ein Wort gibt das andere“. Diese Harmonie wird in Momenten großer innerer Erregung abgelöst von einem Bewusstseinsstrom in gleichsam ziellos, sich assoziativ weithin verzweigenden Sätzen ihrer Heldinnen.

Vernetzungen

Zeruya Shalevs völlig säkulare Verwendung des Hebräischen ist aber auf eine andere, subtilere Art und Weise in der spezifisch traditionellen hebräischen Sprachkultur verankert: Die hebräische Sprache, anders als das Deutsche, liebt Wortwiederholungen, und die Leser·innen des Originals beachten aufgrund der hebräischen Lesekultur, in der sie groß geworden sind, solche Wiederholungen auch, merken sich eher, in welchem Kontext die wiederholten Wörter schon einmal vorkamen, und beziehen diese aufeinander.

Durch die Wiederholung verschiedenster Wörter, die ein Gefühl der Vagheit erzeugen (z.B.: ihr war so, als ob), erschafft die Autorin eine Atmosphäre des Ungewissen, und sie geht noch weiter: Sie knüpft außerdem mit einer anderen Art von Wiederholungen auch unterschwellige psychologische Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren und Generationen, die die Leser·innen selbst wahrnehmen sollen, da eben diese tieferen Zusammenhänge im Laufe des Romans nicht, oder wenn, dann erst sehr spät explizit ausgesprochen werden. Diese Technik hat sie bereits in früheren Büchern verwendet, in diesem Roman aber noch intensiviert.

          

Die Zusammenarbeit mit Zeruya Shalev

Bei unserer Zusammenarbeit hatte die Chronologie entscheidenden Einfluss auf die Übersetzung, deshalb schildere ich sie ausführlich; denn ich versuche in diesem Journal die Entstehung von Übersetzungsentscheidungen, die sich erst nach und nach entwickelt und manchmal sehr überraschend verändert haben, zu dokumentieren.

Wie ich eigentlich arbeite


Nie im Leben würde ich einen noch nicht lektorierten, geschweige denn unfertigen Roman zu übersetzen beginnen!

Die Vorstellung, mühsam gefundene Formulierungen immer wieder den nachträglichen Änderungen meiner Autorin anpassen zu müssen, ist mir ein Graus. Auch kleinste und durchaus berechtigte Veränderungen bringen die Bilder, die ich mir Szene für Szene in meinem Kopf aufführe, ins Wanken. Eine solche tiefe Erschütterung meiner Arbeit kann ich mir nicht leisten. Ich möchte hier versuchen das zu erklären.

Ein Roman besteht aus Tausenden kleiner Szenen, die alle in sehr detailreichen Bildern in mir abgebildet sind; ich kann mich während der Arbeit und oft noch Jahre später an sie zurückerinnern, denn ich habe sie in mehrfacher Hinsicht ja selbst erlebt. Dabei sind es meistens nicht die Formulierungen des Originals und gewiss nicht die meiner Übersetzung, denn nach denen suche ich ja noch, die bilden sich ja gerade erst heraus, sondern eben komplette Bilder, wie angehaltene Szenen eines Films, in denen jede einzelne Situation zum Zeitpunkt meines ersten Lesens festgehalten wird. In diesen Bildern stecken erstaunlicherweise sehr viel mehr Details als von den Autorinnen und Autoren in Worten beschrieben wurden. In ihnen stecken bereits die gesamte Beleuchtung, die Kulisse, die Stimmen und Tonfälle der Personen, wie ich sie mir beim Lesen, also beim Aufführen des Textes in meinem Kopf vorstelle, Dinge, über die ich mir in der Regel keine Rechenschaft ablege, solange ihre innere Logik stimmt. Liefert die Autor·in dann auf den folgenden Seiten und im Laufe des Buches Details nach, werden die wohl stillschweigend eingearbeitet; das nehme ich nicht bewusst wahr.

Dabei habe ich grundsätzlich blindes Vertrauen zu meinen Autor·innen, sie wissen bestimmt, was sie tun. Auch wenn ich das noch nicht durchschaue, folge ich ihnen, versuche ich, sie aus ihrem Text heraus zu verstehen und dessen innere Logik nach und nach zu begreifen. Zunächst widersprüchlich Scheinendes schreckt mich nicht.

Unstimmigkeiten im Original oder Fehler in meiner Übersetzung erkenne ich meistens an dem unangenehmen Gefühl, dass diese Bilder plötzlich zu „verschwimmen“ scheinen, und dann suche ich nach den genauen Formulierungen im Original oder in der Übersetzung, die dafür verantwortlich sein könnten, und entdecke oft einen Lesefehler meinerseits oder manchmal auch Unstimmigkeiten im Original.

(Man könnte meinen, ich sei ein „Augenmensch“. Dabei war ich bis vor wenigen Jahren extrem kurzsichtig und habe vieles von dem, was andere sahen, gar nicht visuell wahrgenommen. Daher wohl das große Bedürfnis, mich meines Verstehens zu versichern, indem ich es in Bildern, die ich sehen kann, abspeichere. So arbeite ich.)

Wenn diese Bilder des ersten Lesens sich nun nachträglich verändern, verlieren sie für mich – so war es zumindest bisher – ihre Glaubwürdigkeit, ihre Überzeugungskraft. Sie verlieren eben jene primäre Verbindlichkeit, die sie haben, wenn sie in den Worten der Autorin oder der Übersetzerin entstehen und für richtig befunden werden: die Überzeugungskraft, dass genau diese Worte eben nicht beliebig austauschbar sind. Das alchemistische Geheimnis, an das ich als literarische Übersetzerin glaube (und glauben muss), dass durch die erneute präzise Verbindung von Welt und Wort in einer anderen Sprache wieder eine ganze Welt entstehen kann, droht dann, seine Absolutheit zu verlieren. Ich verlöre die Illusion der Sicherheit, dass ich mich meiner Autorin wirklich so ganz und gar anverwandelt habe (Dank an die liebe Kollegin Pieke Biermann, von der ich dieses Wort zur Beschreibung unserer Arbeit übernommen habe), dass ich auch meine Leser·innen von ihrer Sicht überzeugen kann.


Die Chronologie unserer Zusammenarbeit

Wie gesagt, nie im Leben hätte ich einen noch nicht lektorierten, geschweige denn unfertigen Roman zu übersetzen begonnen – so war es bisher – und trotzdem habe ich diesen Auftrag angenommen, als der Lauf der Dinge für mich noch nicht abzusehen war.

Dabei hatte ich zunächst noch einen ganz anderen, vielleicht sogar schwerer wiegenden Vorbehalt: Ich war mir nicht sicher, ob ich mich der inneren Welt von Zeruyas Heldinnen wirklich anverwandeln könnte. Das sagte ich ihr in unserem ersten Gespräch, als sie mich bat, Zeit für ihren kommenden Roman einzuplanen, da ihre bisherige Übersetzerin Miriam Pressler schon sehr krank war. Bis dahin kannten wir uns eher flüchtig – ich hatte nur ab und zu Passagen aus ihren Romanen gelesen – und meine ganz ehrliche Formulierung für das Unbehagen lautete: Mir fehlt es in der Art, wie du deine Figuren erzählst, an Wärme, Verständnis und Solidarität mit ihnen (auf hebräisch sagte ich: Chessed), trotz all ihrer Schwächen.

Aber ich wollte der Sache eine Chance geben. Zeruya schickte mir die ersten beiden Kapitel, eines über Rachel, eines über Atara, und diese Exposition mit ihrer radikal subjektiven Perspektive nahm mich gefangen. Ich wollte wissen, wie es mit diesen beiden Frauen weitergeht. Die historische Dimension der Figur Rachel aus der revisionistischen, eher in der Rechten verorteten Untergrundgruppe Lechi („Kämpfer für die Freiheit Israels“) war etwas Neues, mit dem ich mich noch nie beschäftigt hatte, und ich begann schon beim ersten Lesen zu überlegen, wie sich dieser mit eindeutig biblischen Vokabeln gespickte Text, der eine eigentümlich schwebende Atmosphäre evozierte, wohl auf Deutsch wiedergeben ließe.

Ich versprach, in etwa einem Jahr für ihren Roman, auf den der Verlag schon inständig wartete, Zeit einzuplanen und begann im Januar 2020 zunächst mit den ersten vier Kapiteln. Die anderen waren, wie sie sagte, „noch nicht ganz fertig“.

Wir verabredeten, dass Zeruya mir den Fortgang der Handlung nicht verraten solle. Ich wollte, dass sich der Roman zumindest beim ersten Lesen und in der ersten Fassung meiner Übersetzung (viele würden folgen!) Bild für Bild vor meinen Augen aufbättern könne. Meine einzige Bedingung war: Der Text müsse schon so weit lektoriert sein, wie das eben möglich sei, was aber, wie sich zeigte, für sie kein Hinderungsgrund war, ihn danach noch mehrfach zu verändern. Daran war ich allerdings auch ein bisschen selbst „schuld“.

Nachdem ich die ersten vier Kapitel übersetzt hatte, kamen wir zwei Monate bevor die Pandemie ausbrach, zu unserem ersten Treffen in Tel Aviv zusammen.

Erste Seite des Manuskripts, Original und Rohübersetzung

Zeruya versicherte mir da, gleich zu Anfang, als ich sie nach einer auffälligen Formulierung von Meno aus den Gebeten der Hohen Feiertage fragte, sie selbst sei ein völlig weltlicher Mensch, ihre beiden Frauenfiguren Rachel und Atara seien das ebenfalls, und sie verwende viele Formulierungen aus der religiösen Traditionsliteratur einfach deshalb, weil sich ihr damit ein heute seltener, nicht abgegriffener, ausdrucksvoller Wortschatz biete; dessen ursprüngliche Kontexte wolle sie damit gar nicht aufrufen.

Jede hebräische Leserin und jeder hebräische Leser liest Literatur natürlich im Kontext ihrer oder seiner persönlichen Leseerfahrung. Wem diese Traditionstexte (Tenach, Gebetsbuch) präsent sind, bei dem stellen sich die ursprünglichen Zusammenhänge sofort mit ein, und er oder sie überlegt, was sie im Hintergrund der jeweiligen Szene bedeuten sollen. Wer diese Traditionstexte nicht präsent hat, liest solche Formulierungen einfach als ungewohnte, sehr hochsprachliche Vokabeln.

Welche Lesart sollte ich nun aber an meine deutschen Leser·innen weitergeben? Ich musste wohl versuchen, meine Assoziationen auszublenden, um dem von der Autorin intendierten Stil möglichst nahe zu kommen und die jüdischen Dimensionen bestimmter Ausdrücke nicht überzubewerten.

Dennoch markierte ich mir während des Übersetzens im Original, was mir auffiel, seien es biblische oder religiöse Wortverwendungen, seien es ganze Bibelzitate oder die vielen kleinen, erst durch ihre Wiederholung auffälligen Wörter, die mit der Zeit ein Netz der Vagheit entspannen.

Ein Gespräch mit dem Autor/der Autorin findet in meinem Kopf ja immer statt. Immer frage ich mich: Warum sagst du das genau so? Was gewinnst du mit dieser besonderen Art der Formulierung? Normalerweise habe ich aber den ganzen Text vorliegen, aus dem ich mir diese Fragen selbst beantworten kann, bevor ich tatsächlich mit den Autor·innen rede. In diesem Fall war ich sehr viel früher auf Zeruya angewiesen.

Im Laufe unserer Gespräche, die sich schon bald weniger ums Übersetzen als um das Schreiben drehten, wurde ich für sie zu einer wichtigen Gesprächspartnerin, und meine Nachfragen führten immer wieder dazu, dass sie einzelne Formulierungen neu überdachte. Für sie wurden diese Gespräche über ihr eigenes Ringen um Formulierungen so wichtig, dass sie mich eines Tages zu ihrer Mitlektorin erklärte, da ihre Lektorin, die sie schon Jahre mit diesem Roman begleitete, das Buch natürlich nicht in derselben Tiefenschärfe mitlas, wie Übersetzer·innen es tun müssen, um es in eine andere Sprache zu bringen.

So haben wir fünf Monate gearbeitet. Ich bekam jeweils, sobald sie fertig war, zwei weitere Kapitel – bis Juni. Da waren wir bei Kapitel 10, etwa auf der Hälfte des Buches; 200 Manuskriptseiten Übersetzung waren nach mehren Versionen soweit „fertig“. Doch Zeruyas Zeitplanung lief aus dem Ruder, sie musste noch zu viele Details in der Fortsetzung des Romans überdenken und bat um eine Pause von zehn Wochen; dann wollte sie mir den zweiten Teil geben. Es wurden fünf Monate daraus. Im November ging es dann – auch wieder nur kapitelweise – weiter. Das letzte, verbindliche Kapitel bekam ich am 14. Februar. Anvisierter Abgabetermin des gesamten Romans war der 15. März 2021.

Doch während sie weiterfeilte, entdeckte sie (ähnlich wie ich) in der Tiefenstruktur ihres Romans immer mehr Zusammenhänge, die ihr während des „Schreibens aus der Intuition heraus“, wie sie es nennt, gar nicht aufgefallen waren, etwa, dass gerade der Kontext des oben erwähnten Gebetes der Hohen Feiertage sich, ohne dass sie es zunächst bemerkt hatte, mit vielen weiteren Details in den folgenden Kapiteln vernetzte.1

Zudem bekam im zweiten Teil die Verwendung von Formulierungen aus religiösen Kontexten plötzlich eine für die Handlung doch sehr tragende Bedeutung. Viele Wendungen, die ich im ersten Teil eher „runtergespielt“ hatte, wo ich auf spezifisch jüdische Terminologie verzichten sollte, mussten noch einmal ganz neu überdacht werden.

In diesen Monaten beschloss Zeruya auch, den langjährigen Arbeitstitel „Schicksal“, auf Hebräisch „Goral“, in „Pliah“ zu verändern, was „Staunen“ heißt. Das ließ sich auf Deutsch leider nicht machen, weil dieser Buchtitel bereits existiert.

Anfang Dezember 2020 fand übrigens im Rahmen des Translation Residency Programm von Mishkenot Shaananim in Jerusalem ein viertägiges Zoom-Seminar der mit diesem Roman beschäftigten Übersetzerinnen und der Autorin statt, auf dem wir gemeinsam über seine literarischen und inhaltlichen Herausforderungen beraten konnten.

            

Gedanken zur Übersetzung

Zeruyas hebräischer Stil

In Bezug auf Zeruyas Umgang mit Texten aus der jüdischen Traditionsliteratur kamen wir beide aus ganz entgegengesetzten Richtungen. Für mich, die ich mich 30 Jahre hindurch auch in die jüdische religiöse Kultur hineingelesen und hineingelebt habe, gehört gerade die Vermittlung dieser Anspielungen zum Faszinierendsten meiner Arbeit. Zeruya dagegen kommt aus einem säkularen, literarisch sehr gebildeten Elternhaus, ihr Vater sprach ein reiches, sehr literarisches Hebräisch voll biblischer Anspielungen und hat seinen Kindern schon im Alter von drei Jahren abends viel aus dem Tenach, später auch aus Werken von Agnon, Gogol und aus der Ilias und der Odyssee vorgelesen. Später studierte sie an der Hebrew University in Jerusalem Bibelwissenschaft und genießt nun bei ihrem eigenen Schreiben die Freiheit, diese eindrucksvolle Sprache, so wie sie will, in ganz persönlichen, ja intimen Lebenssituationen ihrer Heldinnen zu verwenden: „Ich möchte nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass mein Leben um den Tenach kreist, das ist nicht der Fall, aber ich bin zweifellos in dem Gefühl groß geworden, dass dieses Buch vor mir offenliegt, nicht als verpflichtender religiöser Text, sondern als literarischer Schatz und Inspiration.“

Ich brauchte lange, bis mir klar wurde, wie sehr sich unsere Wahrnehmung hier unterschied, und welche weitreichenden Konsequenzen dies hatte. Erst nachträglich, bei der Reflexion über unsere Zusammenarbeit für dieses Journal konnte ich meine Frage an sie so zuspitzen, dass ich ihre völlig andere Position wirklich begriff: Wenn Atara sich ihrem neuen Lover mit den Worten vorstellt, mit denen sich Gott Moses vorstellt – ist das für dich eine Provokation? Ist es israelische Frechheit? Und Zeruya sagte: Nein, überhaupt nicht! Es ist ein beglückendes Gefühl der Freiheit, wenn ich zur emotionalen Überhöhung diesen Wortschatz und diese Wendungen ungeachtet ihres ursprünglichen Kontextes verwende.2 Die Leser·innen der Übersetzung wie die des Originals werden je nach ihrem persönlichen Hintergrund diese Stellen ganz unterschiedlich wahrnehmen.
Für Zeruya macht es keinen Unterschied, ob sie in dem breiten Spektrum des heutigen Hebräisch weltliche oder religiöse Echos aktiviert, denn in ihrer Sprache sind die alle enthalten. Diese Unterscheidung muss erst die Übersetzerin in eine Sprache treffen, in der alte religiöse und moderne säkulare Sprachschichten nicht so miteinander verflochten sind. Das Problem liegt also gar nicht im Hebräischen; es entsteht erst bei der Übersetzung ins Deutsche! Im Hebräischen sind die alten Sprachschichten der Traditionstexte Teil eines allgemeinen Sprachschatzes, sie sind Allgemeingut und hängen nicht unbedingt mit der Religiosität der Leser/Sprecher·innen, sondern vielmehr mit deren allgemeiner Belesenheit zusammen. (Heute schrumpft diese Vielschichtigkeit bei den jüngeren Generationen in Israel, sofern sie keine traditionelle Erziehung durchlaufen.) Im Deutschen sind Bibel und religiöse Traditionstexte, anders als im Hebräischen, bei nicht-religiösen Leuten schon lange nicht mehr Teil des allgemeinen Spachschatzes.


Verschiedene Phasen der Entscheidung

In der ersten Phase der Übersetzung war mir klar, dass ich diese häufigen, oft nur ein einziges Wort umfassenden biblischen Anteile an Zeruyas Alltagssprache nicht wiedergeben konnte und auch nicht sollte. Die häufige Verwendung erkennbarer biblischer Formulierungen auf Deutsch hätte den im Original so elegant fließenden Text beschwert und zudem den beiden Protagonistinnen einen falschen Zungenschlag gegeben; sie sind ja eben nicht fromm! Es war viel wichtiger, der beabsichtigten stilistischen Wirkung der Autorin treu zu bleiben. Deshalb verwendete ich statt dem biblischem meist einen gehobenen, eher selten gebrauchten und nicht abgegriffenen Wortschatz.

Der nicht-religiöse Gebrauch biblischer Formulierungen wäre in der Übersetzung wohl auch nicht nachzuschaffen gewesen, weil es im Deutschen kaum einen nicht semantisch, sondern rein sprachlich als religiös markierten Alltagswortschatz gibt und weil allgemein in säkularem Kontext nur selten so geballt religiöse Quellen bemüht werden.

An Stellen, wo Zeruya jedoch damit rechnet, dass ihre Leser·innen sich an bestimmte Szenen aus der Bibel oder aus den Gebeten erinnern und sie mitdenken, habe ich natürlich versucht, das nachzuschaffen.3

Als im zweiten Teil des Romans jüdische Vorstellungen dann doch entscheidende Bedeutung bekamen, war das im Original ganz organisch. Ich aber musste meine erste Entscheidung, speziell Jüdisches eher runterzuspielen, revidieren.

Während ich im ersten Teil da, wo Zeruya ganze oder halbe Verse zitiert, diese aus einer Lutherübersetzung verwendet hatte, damit sie bei deutschen Leser·innen als biblische Sprache anklingen, musste ich jetzt auf eine erkennbar jüdische Bibelübersetzung zurückgreifen. Ich entschied mich für die des Semitisten und Bibelgelehrten Naftali Herz Tur Sinai aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die oft wunderschön poetisch und sehr ungewohnt klingt. Doch konnte ich sie nicht immer verwenden, weil sie gerade in Kurzzitaten manchmal nicht prägnant genug war; weil kein Bild entstand.4

Darüber hinaus begann ich nun, jüdische Terminologie wie „Schiw’a“ statt Trauerwoche, „der Ewige“ oder „Schechina“ zu verwenden.5


Innensichten

Ich hatte den Wunsch, die Innensichten der beiden Heldinnen auch sprachlich darzustellen, und fragte mich deshalb: Was verstärkt den Eindruck subjektiver Betrachtungsweise und was schadet ihr?

Die Innensicht der beiden Protagonistinnen zeigt sich vor allem darin, dass sie die Personen, über die sie nachdenken und natürlich auch sich selbst oft nicht benennen, weil ihnen ja klar ist, wen sie gerade vor ihrem inneren Auge haben. Das führt leicht zu Verwirrungen, weil eben zwei Frauen übereinander nachdenken und oft nicht klar ist, wer mit „sie“ gemeint ist. Ich habe der Verständlichkeit halber in der Übersetzung öfter die Eigennamen der Personen einsetzen müssen.

Die Frage einer spezifischen Innensicht stellt sich in der Regel erst, wenn es auch eine andere Perspektive gibt. Sie stellt sich beim Übersetzen aus dem Hebräischen ins Deutsche und überhaupt immer, wenn man zwischen Kulturen übersetzt, zwischen denen zumindest historische oder religiöse Trennungslinien verlaufen.

Dass dieser Roman nun doch eine ausgesprochen jüdische Innensicht besitzt, erfuhr ich erst beim Übersetzen der zweiten Hälfte des Buches. Deshalb beschloss ich dann, gerade für die Zitate aus den Klageliedern Jeremias, die in dem kabbalistischen Gebet Tikkun Rachel vorkommen, nicht die für deutsche Ohren vertraute Bibelübersetzung Luthers zu verwenden, sondern die ungewohnte jüdische vom Anfang des 20. Jahrhunderts von Tur Sinai.

Der Eindruck der Innensicht sollte auch dadurch gefördert werden, dass ich bei Eigennamen nicht die im Deutschen üblichen christlichen, sondern die jüdischen Namensformen verwende (Avraham, nicht Abraham). Die Innensicht von Rachel, der Siedlerin, wird dadurch verstärkt, dass sie ihre seit biblischer Zeit angestammte Heimat als „Jehuda weSchomron“ (Judäa und Samaria) bezeichnet.6

Doch wie befremdlich klingt eine ganz selbstverständliche jüdische Innensicht, die in der Ausgangssprache nicht erklärt werden muss, für die Leser·innen aus einer anderen Kultur? Auch dieses Problem entsteht erst in der Übersetzung; zum Beispiel bei der Redeweise Amichais, des ultraorthodoxen Sohnes von Rachel, die ich nicht „realistisch“ abbilden wollte, weil er sonst auf deutsch viel befremdlicher rübergekommen wäre als er im Original dargestellt ist.7

Schließlich unterstützte der Vorschlag der Lektorin, jüdische Realia nicht zu kursivieren, da sie für die Sprechenden ja völlig selbstverständlich sind, meine Versuche, die verschiedenen Innensichten abzubilden.


Unser beider Umgang mit jüdischen Quellen

An einer späteren Stelle, an der Zeruya die Zeremonie des in die Wüste geschickten Ziegenbocks an Jom Kippur beschreibt, fiel mir auf, dass sie darin alte Formulierungen aus der im 3.-6. Jh. verfassten Mischna verwendet, was dem Ganzen sofort eine Art „O-Ton“ von vor 1700 Jahren verleiht. Ich beschloss, auch in der Übersetzung den Wortschatz aus der Mischna zu verwenden, und zwar aus der wunderbar literarischen und auch wissenschaftlich kommentierten Übersetzung Sechs Ordnungen der Mischna von einer Gruppe jüdischer Gelehrter aus den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts, die, wäre das europäische Judentum nicht vernichtet worden, wohl mehr deutschsprachigen Leser·innen in den Ohren klänge.8

Indem ich die Sprachen der jüdischen Quellen im „Originalton“ ihrer deutschen Übersetzungen verwende, lasse ich diese Stimmen noch einmal aufleben. Das sind keine toten Texte, das waren Texte, die Menschen geschrieben haben, damit deutschsprachige jüdische Menschen sie lesen und studieren.

Als ich Zeruya davon erzählte, war sie begeistert, weil auch sie auf die stilistische und assoziative „Kraft“ dieser sprachlichen „Einsprengsel“ vertraut und immer nach literarischen O-Tönen sucht und sich von ihnen inspirieren lässt.


Vernetzungen

Von Anfang an hatte ich auffällige Wortwiederholungen beobachtet: Es gab verschiedene kleine Formulierungen, die eine Atmosphäre der Vagheit und der Schicksalhaftigkeit schufen, aber auch bedeutungstragende Wörter, die überraschend mal bei Rachel und dann wieder bei Atara auftauchten und den Eindruck hervorriefen, dass diese Frauen und auch ihre Angehörigen über drei Generationen hinweg mehr gemeinsam haben als alle Beteiligten ahnen.

Ich verfolgte Dutzende solcher Wörter durch den ganzen Roman und legte lange Listen der verschiedenen möglichen Übersetzungen für sie an, um – wenn ich irgendwann das Ende des Romans erreichen würde – entscheiden zu können, welche Übersetzung schließlich für die Vernetzung am besten geeignet sein würde oder zu entdecken, dass Zeruya damit nichts weiter im Sinn gehabt hatte.

Wiederholungen bemerkt man ja erst nach einer Weile, deshalb habe ich in der Übersetzung des ersten Teils oft zurückblättern müssen, um zu überprüfen, ob bestimmte Wörter vielleicht von mir unbemerkt schon vorgekommen waren. Wenn sie sich als bedeutsam herausstellten, habe ich versucht, sie möglichst einprägsam zu übersetzen oder syntaktisch an eine exponierte Stelle im Satz zu rücken, damit sie den deutschsprachigen Leser·innen auffallen.

Im letzten Teil dieses Journals folgen nun die ersten drei Kapitel des Romans mit meinen Randnoten zur Übersetzung und Links zu Textstellen, in denen solche Wortvernetzungen vorkommen.

     

Close Reading: Die ersten drei Kapitel des Romans und ihre Vernetzungen

Fettgedruckte Wörter verweisen auf die Randnoten, in denen ich meine Übersetzungsentscheidungen kommentiere und manchmal auf andere Textstellen, von denen Sie immer per Pfeilchen zurück in den Haupttext gelangen.

Lila markierte Wörter erzeugen eine allgemeine Atmosphäre der Vagheit.

Blau markierte Wörter fielen mir nur durch ihre auffällige Wiederholung auf und erwiesen sich im Weiteren manchmal als Bestandteil der oben beschriebenen Vernetzungen zwischen den Figuren und Generationen.

 

Erstes Kapitel

Ich bin’s, Rachel

Schweigend stand sie vor der geschlossenen Tür. Wozu noch klingeln oder klopfen, seine Mutter hat sie ja schon bemerkt. Hinter dem offenen Küchenfenster gewahrte sie den Schatten einer Bewegung, lautlos wie ein Augenzwinkern. Ein riesiger Topf köchelte auf dem Petroleumkocher, bestimmt versteckte sich dahinter die klein gewachsene Frau mit dem Holzlöffel in der Hand und kochte Linsensuppe für ihren geliebten Sohn. Die Dämpfe quollen durchs Fenster zu ihr nach draußen, ließen ihr Gesicht erröten, wurden aufgesogen von ihrem Haar. Kochte sie wirklich für ihn? War er zu Hause?

»Sonja, mach mir auf«, rief sie in Richtung des Topfes und fügte völlig unnötig hinzu, »ich bin’s, Rachel.« Es war, als höre sie regelrecht das Zögern ihrer Schwiegermutter, wie raufende Schatten. Wird die es wagen, sie zu ignorieren, nachdem sie all die Gefahren des Weges auf sich genommen hat?

In diesen Tagen ins belagerte Jerusalem9 zu fahren, war verdammt gefährlich. Arabische Banden lauerten am Straßenrand und beschossen die Fahrzeugkolonnen. Ihre Freunde in Tel Aviv hatten versucht, sie von der Fahrt abzubringen, doch sie hatte darauf bestanden. Das ist doch Selbstmord, hatten sie immer wieder zu ihr gesagt, aber sie hatte keine Wahl gehabt. Sie hatte ihm einen Brief nach dem andern geschickt, und er hatte nicht geantwortet.

»Sonja, ich muss Meno sehen!«, versuchte sie es wieder. »Ich bin extra aus Tel Aviv gekommen. Ich mache mir Sorgen um ihn, ich verstehe nicht, was passiert ist. Ist er da?«

Die Dämpfe hüllten sich um ihren Körper wie ein aus der Flasche gelassener Geist, und es schien, als würde sie gleich schmelzen und nur eine kleine Pfütze hinterlassen, die ihre Schwiegermutter triumphierend die Treppe hinunterwischen würde. Sie hatte vergessen, wie aggressiv die Jerusalemer Sonne an den ersten Chamssin-Tagen im Frühling sein konnte. Sie brannte genau über ihrem Schädel. »Sonja, ich bin durstig«, rief sie, hielt sich an dem rostigen Fenstergitter fest, »hast du ein Glas Wasser für mich?«

Bei ihrem ersten Besuch in dieser Wohnung vor vier Jahren war sie der schwerfälligen Frau in dem ausgeblichenen Morgenrock genau an dieser Stelle der Treppe begegnet, als die, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Kessel kochend Wasser über den Kindern des Viertels entleerte, die die Wollmispelfrüchte von ihrem Baum pflückten. Ein paar Tropfen davon waren auf ihr rotes Kleid mit den gelben Blumen gespritzt, das sie extra für diesen Besuch angezogen hatte. Sie war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben, hatte gesehen, wie die Kinder schreiend auseinanderstoben, und hatte auch das schiefe Lächeln10 gesehen, das sich auf dem teigigen Gesicht der Frau ausbreitete. Unmöglich, dass das Menos Mutter war. Sie hatte den Rückzug angetreten, sie musste den falschen Aufgang genommen haben11, die Häuser hier sahen sich so ähnlich, doch in eben diesem Moment war er bleich und beschämt zu ihr herausgekommen und hatte diese Frau zurückhaltend gescholten. Er hatte immer auf Umgangsformen und gutes Benehmen geachtet, bis er eines Tages aufgestanden und einfach gegangen war, ohne ein Wort zu sagen, ohne einen Brief zu hinterlassen.

Bei diesem Besuch nun waren die Mispeln aus irgendeinem Grund noch grün und zogen außer ein paar Wespen niemanden an. Sobald sie reif sind, werden sie in der belagerten Stadt besonders begehrt sein, aber seine Mutter wird es nicht wagen, das streng rationierte Wasser auf diese Art zu verschwenden. Wie wird sie die kleinen Räuber verjagen, mit Steinen? Und wie wird sie ihre Schwiegertochter vertreiben? Die hatte ihr ihre kostbarste Frucht, ihren Jüngsten, ja bereits vor vier Jahren geraubt.

Sie vernahm ein leises Geräusch aus Richtung des Balkons und wandte den Blick zu dem Wassertank, der dort erst vor Kurzem installiert worden war, ein großer Wassertank aus Blech. Ob sie sich dahinter versteckte? Die Araber hatten die Wasserversorgung in die Stadt unterbrochen, und in einem ihrer Briefe hatte sie geschrieben, sie habe auf dem Balkon einen Tank für Notzeiten anbringen lassen. Sie streue Brotkrumen darauf, die Vögel kämen und pickten sie auf, und am Geräusch des Pickens höre sie, wie viel Wasser noch drin sei.

»Sonja, bist du da?«, versuchte sie es wieder, »mach mir nur für einen Moment auf, ich bleibe auch nicht lang, ich muss zurück nach Tel Aviv.« Was hätte sie sonst noch sagen können, was hatte sie damals tatsächlich noch gesagt, um das Herz dieser Frau zu erweichen? Irgendwann hatte sie gehört, wie sie sich schlurfend der Tür näherte. Widerwillig drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Dann erschien ihr aufgedunsenes Gesicht, das fettige Haar, der misstrauische schwarze Blick. Seine Mutter hatte sie noch nie gemocht. Vielleicht hatte sie gefürchtet, dass ihre Schwiegertochter, so schön und umworben, wie sie war, ihrem geliebten Spätling eines Tages das Herz brechen werde?

Aber da hatte sie sich geirrt. Er war es gewesen, er hatte sie plötzlich und ohne ein Wort verlassen. Er war es, der nicht auf ihre Briefe antwortete. Klammheimlich hatte er sein Weggehen geplant, und sie, in ihrer Arglosigkeit, hatte keinen Verdacht geschöpft. Sie hatte wohl gemerkt, dass ihn etwas umtrieb, dass er sich quälte, aber dass er aus ihrer Welt völlig verschwinden würde, damit hatte sie nicht gerechnet.

»Warum bist du hergekommen? Was willst du?«, fragte seine Mutter mit schwerem polnischen Akzent, der sich noch immer nicht abgeschliffen hatte, obwohl seit ihrer Ankunft aus Warschau schon Jahrzehnte vergangen waren. Auch für ihren Akzent und für ihre hartnäckigen Aussprachefehler hatte er sich geschämt. Sein Ivrith dagegen war brillant. Für einen Moment fürchtete sie, sie werde es nie wieder hören. »Was ich will? Meno sehen. Ist er zu Hause?« Und beinah hätte sie hinzugefügt, »und Suppe essen«, denn der Geruch riss in ihrem Magen ein Loch auf, und sie meinte, gleich ohnmächtig zu werden.

»Du kannst ihn nicht sehen«, stellte ihre Schwiegermutter mit sonderbarer Genugtuung fest, »er ist krank. Er hat gesagt, falls du kommen solltest, soll ich dich nicht reinlassen, auf keinen Fall.« Hinter ihr lag das große Zimmer, dunkel wie eine Höhle, dort stand neben dem Fenster mit den runtergelassenen Rollläden sein Bett, und sie strengte ihre Augen an. Sah sie da nicht eine Bewegung unter der Decke? War dies wohl der Fleck seines Kopfes auf dem Kissen?

»Er ist krank? Was hat er?« Ihre Stimme klang resigniert, sie hielt sich am Türrahmen fest, während seine Mutter ungeduldig antwortete: »Rachel, geh zurück nach Tel Aviv und komm nicht mehr hierher. Er kann dich nicht sehen.« – Hatte sie gesagt, er kann nicht oder er will nicht?

Plötzlich scheint es ihr ungeheuer wichtig12, sich gerade an dieses Detail13 zu erinnern, vor allem jetzt, wo sie sich auf das bevorstehende Treffen vorbereitet. Hatte er nicht gekonnt, oder hatte er nicht gewollt? Doch was sie auf einmal noch mehr umtreibt, ist die Frage, warum sie die böswillige Türhüterin vor siebzig Jahren nicht einfach weggestoßen hatte und ins Zimmer gestürmt war. Wo sie doch viel jünger und stärker gewesen war als seine Mutter. Problemlos hätte sie sie überwältigen und sich auf sein Bett stürzen können. Wäre es ihr damals gelungen, zu ihm durchzukommen und mit ihm zu reden, hätte er seine Meinung vielleicht geändert und das schlimme Verdikt abgewendet.14

Seitdem hat sie ihn wirklich nicht mehr gesehen, mit Ausnahme der knappen Stunde ein paar Monate später im Rabbinatsgebäude in der Jaffastraße; dort hatte er peinlichst darauf geachtet, in sicherer Entfernung von ihr zu sitzen und nicht ihrem Blick zu begegnen, und nach der demütigenden Zeremonie, als sie ihm noch ein paar Worte zum Abschied sagen wollte, war er mit schnellen Schritten einfach an ihr vorbei- und weitergegangen15, und sie selbst hatte schweigend dort gestanden, an derselben Stelle, an der sie geheiratet hatten, und erst da hatte sie auf das Datum geschaut, 29.  Tammus 1948, genau der Tag, an dem sie ein Jahr zuvor geheiratet hatten.

So viele Träume waren in jenem Jahr zerbrochen, von so vielen Neuanfängen war nichts geblieben. Sie seufzt, während sie jetzt kalte, glatte Pflaumen für ihre Besucherin wäscht, die sich bereits verspätet. Vor einer Stunde hat das Telefon geklingelt, und als sie die Stimme von Menos Tochter hörte, fürchtete sie einen Moment, sie wolle das Treffen absagen. Nur daran hatte sie gemerkt, wie sehr sie dieser Begegnung entgegenfieberte, einer Begegnung, zu der sie beinah gezwungen worden war und die sie mit allerlei Ausflüchten so lang wie möglich hinausgeschoben hatte.

Aber nicht, um das Treffen zu verschieben, hatte Atara sie angerufen, sondern um ihr zu sagen, dass sie im Stau stehe und sich etwas verspäten werde, und sie, die angespannt auf dem Sofa gewartet hatte, hatte die Pflaumen nach und nach selbst gegessen, und jetzt wusch sie drei weitere, um das kleine Schälchen wieder zu füllen.

Heute verspätet man sich wegen Staus auf der Autobahn, früher wussten wir nicht, ob wir überhaupt ankommen würden, grollt sie plötzlich, als sie sich an ihre Rückfahrt an jenem furchtbaren Tag aus Jerusalem erinnert. Dutzende verängstigter Fahrgäste hatten dicht gedrängt in dem Bus gesessen, die Oberkörper tief runtergebeugt aus Angst vor den arabischen Scharfschützen, die überall am Straßenrand lauern konnten, und nur sie hatte aufrecht dagesessen und auf die Kugel gewartet, die das Fenster neben ihr durchschlagen und sie in den Kopf treffen würde. Eine Kugel hätte gereicht, um sie von ihrem Leben zu trennen, und das erschien ihr damals noch hoffnungsloser als ihr Tod. Was sie nach dem Tod erwartete, wusste sie natürlich nicht, aber nachdem Meno sie verlassen hatte – Meno, Menachem, dessen Name doch immerhin »Tröster«16 bedeutete –, hatte sie in ihrem Leben keinen Trost mehr zu erwarten.

Doch gerade an diesem Tag waren die Scharfschützen ihnen gnädig gewesen, nicht ein Schuss wurde auf die Wagenkolonne abgefeuert, und als der Bus wohlbehalten in Tel Aviv ankam, fiel es ihr schwer auszusteigen. Sie wollte gleich wieder zurück nach Jerusalem, wieder die Treppen hinaufsteigen, an die Tür klopfen. Erst da begriff sie, sie hätte die Alte mit Gewalt wegstoßen müssen, dies war ihre letzte Chance gewesen. Warum nur hatte sie ihr gehorcht? Sie war so dumm gewesen wie der Mann vom Lande in der Erzählung Vor dem Gesetz, die Meno ihr einmal vorgelesen hatte. Doch niemand wusste, wann die nächste Kolonne wieder nach Jerusalem fuhr, und wie sie noch ratlos dastand, sprach ein junger Mann sie an, dessen Gesicht ihr bekannt vorkam, vermutlich war sie ihm schon mal in einer konspirativen Wohnung ihrer Untergrundgruppe begegnet. Er fragte sie, ob sie Hilfe brauche, und sie, die scheu war und zudem ihren Stolz besaß, hatte den Kopf geschüttelt und war ohnmächtig auf den kochenden Asphalt gesunken, und er hatte sie in die Arme geschlossen und nie mehr losgelassen.

So hatte es das Schicksal gewollt. Es hatte um diese Zeit keinen anderen Weg gegeben, nicht ins eingeschlossene Jerusalem und nicht zu Menos verschlossenem Herzen. Vielleicht hatte es ja auch sein Gutes gehabt, sie würde es niemals wissen. Aber wozu sich jetzt, nach siebzig Jahren, an all das wieder erinnern? Von sich aus wäre sie nie darauf gekommen, wäre da nicht diese Besucherin, die jeden Moment eintreffen musste.

Die fremde Frau hatte sie vor ein paar Monaten im Theater in der Pause bei den Toiletten angesprochen, und als sie ihr sichtlich ergriffen ihren Namen nannte, war es ihr vorgekommen, als17 sei dies eine Fortsetzung der Vorstellung, die nur irgendwie auf ein anderes Gleis geraten war. Wie haben Sie mich erkannt, hatte sie verstört und verärgert fragen wollen, wie haben Sie überhaupt von mir erfahren? Sie hatte ihren Söhnen ja nie von jener ersten Ehe erzählt, einer unreifen Ehe, bei der nichts herausgekommen18 und die nach genau einem Jahr geschieden worden war.

»Sie sind Rachel, nicht wahr?«, hatte die fremde Frau sie gefragt, beinah flehentlich. »Ich bin Atara Rubin, Menos Tochter, ich bin so froh, dass ich Sie gefunden habe.« »Meno« hatte sie gesagt, nicht Menachem und auch nicht Professor Rubin, als sei sie, Rachel, eine enge Freundin der Familie geblieben, und während sie sie musterte, staunte sie über den abwegigen Gedanken, dass diese Frau ihre Tochter hätte sein können.

Atara war hochgewachsen und dünn, wie sie selbst, und wirkte noch jung, zumindest viel jünger als ihre beiden Söhne. Meno musste sie in fortgeschrittenem Alter bekommen haben.19 Vielleicht waren es auch die Kleider und die Frisur, die ihr ein so jugendliches Aussehen verliehen – schwarze lange wilde Locken, enge Jeans, Stiefel –, denn es flimmerten durchaus schon Fältchen um ihre dunklen Augen, und die waren zwar so dunkel wie die ihrer Großmutter, die sie an jenem Morgen so grausam angefunkelt hatten, aber angenehmer.

»Mein Beileid«, sagte Rachel schnell. Vor ein paar Monaten hatte sie in den Nachrichten gehört, dass Meno im Alter von einundneunzig Jahren gestorben war, vielleicht war es auch eine kleine Nachricht in der Zeitung über den Tod des angesehenen Wissenschaftlers gewesen, und seine Tochter hatte sich übertrieben herzlich bedankt und sofort gefragt, als wäre mit seinem Ableben bei ihr eine Schranke durchbrochen: »Wären Sie bereit, mir etwas über ihn zu erzählen? Darüber, was zwischen Ihnen gewesen ist?« Es war ihr schwergefallen, dem Drängen dieser Frau, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, standzuhalten, und so wiederholte sie bereits nach wenigen Minuten ihre eigene Telefonnummer immer und immer wieder, denn der Kuli schrieb nicht, und das Handy, das sie für die Vorstellung abgeschaltet hatte, ließ sich nicht wieder zum Leben erwecken, so lange, bis Atara schließlich, beim Ertönen des dritten Klingelns, einen leuchtend roten Lippenstift aus der Tasche zog, den Ärmel ihres Pullovers hochschob und sich die Nummer auf ihren langen Unterarm schrieb. Wie Schnitte sahen die Ziffern aus, das hatte in ihr ein Unbehagen geweckt, und sie hoffte, die Nummer, die zu ihr führte, würde schnell verwischen und unlesbar werden, aber das passierte nicht. Bereits am nächsten Tag hörte sie aus dem Hörer Ataras begierige Stimme und erklärte ihr, sie müsse ausgerechnet heute zu einem medizinischen Eingriff, der natürlich auch ein paar Komplikationen machen könne, ins Krankenhaus.

Die Nummer ihres Handys hatte sie ihr nicht gegeben, und deshalb hörte sie erst, als sie nach Hause entlassen wurde, wieder diese Stimme, die sie sofort erkannte, und wieder wich sie aus, mit dem Argument, dass sie noch etwas angeschlagen sei, in der Hoffnung, die Frau würde von ihr ablassen. Was wollte sie von ihr? Warum erinnerte sie sich jetzt plötzlich an sie? Sie selbst hatte kein Interesse daran, sich noch einmal mit dieser alten Geschichte zu beschäftigen. Erst einige Wochen später erklärte sie sich bereit, einen ziemlich fernen Termin zu vereinbaren, und je näher der rückte, desto deutlicher spürte sie überrascht ihre wachsende Sorge, aber auch Hoffnung. Hoffnung worauf? Sorge weshalb? Was sollte sie ihr erzählen: Schweigend stand ich vor der geschlossenen Tür?

 

Zweites Kapitel

Ich bin’s, Atara

Schweigend steht sie vor der geschlossenen Tür, wozu noch mal klingeln. Vor weniger als einer Stunde hat sie Rachel angerufen und sich entschuldigt, dass sie sich leider verspäte, und die hatte hörbar verärgert geantwortet, »kein Problem, ich erwarte Sie«, aber jetzt macht keiner auf. Hat die Verspätung sie dermaßen aufgebracht, oder bereut sie es vielleicht plötzlich? Sie hatte ihr das Treffen ja ziemlich aufgedrängt. Oder liegt sie tot hinter der Tür auf dem Boden oder wartet verzweifelt auf Hilfe? In ihrem Alter ist alles möglich. »Rachel!«, ruft sie und drückt aus irgendeinem Grund ihr Ohr an das Guckloch. »Ich bin’s, Atara. Sind Sie da? Alles in Ordnung bei Ihnen?« Wehe, wenn Sie jetzt hier sterben, fügt sie im Stillen hinzu, jetzt, wo ich Sie endlich gefunden habe.

Das Jaulen eines Kranken- oder Streifenwagens kommt näher, sie entfernt sich schnell ein paar Schritte, überquert die Straße und verschwindet im Eingang des gegenüberliegenden Hauses, als habe sie ein Verbrechen begangen – eine Greisin von neunzig Jahren überfallen und in überflüssige Nöte gestürzt, die ihr das Leben verkürzt haben. Zwar hatte Rachel bei ihrer vorgeblich zufälligen Begegnung im Theater alterslos gewirkt, absolut klar und selbstständig, noch nicht mal einen Stock hatte sie dabei und auch keinen Begleiter, doch seitdem sind Monate vergangen, und vielleicht hat sich ihr Zustand verschlechtert. Womöglich hat ja ausgerechnet heute früh, nach ihrem Telefonat, der Todesengel an ihre Tür geklopft und ist ihr um eine Stunde zuvorgekommen.

Das Jaulen entfernt sich wieder, erleichtert tritt sie auf die Straße hinaus, betrachtet die umwerfend schöne Landschaft hier und gleichzeitig dieses höchst unerfreuliche Viertel, das so gar keinen Charme besitzt, als habe ein blinder Architekt es binnen einer Nacht aus dem Boden gestampft. Plumpe, mit Steinplatten verkleidete Häuser stehen auf der rötlichen Wüstenerde, sie haben geschmacklose, völlig unsinnige rote Ziegeldächer, hier wird es garantiert nie schneien, wozu also diese steile Neigung? Und was hat ihr die Fahrt hierher jetzt gebracht? Zweieinhalb Stunden auf der Straße. Sie wird hier einen vollen Arbeitstag verlieren, ganz zu schweigen von den Mühen, die es sie gekostet hat, diese Frau ausfindig zu machen, die auf der Welt kaum Spuren hinterlassen hat – außer in ihrem Leben.

Was soll sie jetzt tun? Sie steigt ins Auto, schaltet die schlappe Klimaanlage an und versucht es noch mal telefonisch. »Papas Rachel« (so hat sie sie in ihrer Kontaktliste abgespeichert) antwortet nicht. Vielleicht ist sie auch nur eingeschlafen, das kommt bei alten Leuten ja vor. Sogar Alex passiert das in letzter Zeit immer wieder, auch wenn er es nicht zugibt. Hast du geschlafen?, fragt sie ihn dann, wenn sie seine schläfrige Stimme hört, doch er streitet sofort ab: Ich? Ich doch nicht. Ja, ihn wird sie jetzt anrufen. Gerade in solchen Situationen kann er sie ganz gut beruhigen. Selbst wenn es schwierig zu definieren ist, was genau solche Situationen sein sollen, wo sie doch noch nie in ihrem Leben in einer solchen Situation gewesen ist. Aber Spannungen, die nichts mit ihm zu tun haben, kann er ganz gut lindern; Probleme, die nicht er geschaffen hat und die nicht er lösen muss. »Sunny, stell dir vor, noch vor einer Stunde hab ich mit ihr telefoniert, und jetzt antwortet sie nicht auf meine Anrufe und macht auch die Tür nicht auf. Meinst du, ihr ist was passiert? Oder dass sie es bereut? Soll ich noch warten oder die Sache aufgeben

»Das überrascht mich gar nicht! Warum fragst du mich, wenn du mich dann eh ignorierst? Ich habe dir gleich gesagt, du sollst das lassen, aber auf mich hörst du ja nicht, du hast dich mit dieser Frau da in eine Obsession verrannt und bist nicht mehr zu halten gewesen. Ich habe immer noch nicht verstanden, warum du sie überhaupt suchst und warum erst jetzt.«

»Was gibt’s da groß zu verstehen? Ich hatte ja keine Ahnung, dass diese Beziehung für ihn so bedeutungsvoll gewesen ist. Dass diese Frau sein Leben zerstört hat und inzwischen auch meins.«

»Ach, ich dachte, ich hätte dein Leben zerstört.« Er zieht es wie immer vor, das Gespräch in die gewohnten Bahnen zu lenken, und sie lacht bitter. »Klar, zuerst mein Vater, dann du«, und er spielt seinen Part weiter: »Bloß gut, dass es dazwischen genügend Männer gab, die dir Gutes getan haben.«

»Jetzt mach mal halblang, so viele waren es gar nicht.« Sie hört, wie sie sich verteidigt. Wie leicht lässt sie sich von ihm immer wieder dort hinziehen, auf ihren gemeinsamen Tummelplatz halb eingebildeter Verdächtigungen, halb befriedigter Bedürfnisse, halb zerstörter Hoffnungen – lauter zerbrochenes Spielzeug –, und doch der einzige Ort, an dem die Zeit da stehen geblieben ist, wo ihre Leben fest zusammengeschweißt wurden, ihr Verlangen, ihre Schuld, ihre betrogenen Lebenspartner, ihre verwirrten Kinder – er mit seinem Sohn, sie mit ihrer Tochter. Wie jung waren sie gewesen, vor allem sie selbst, noch keine dreißig. Alex war, zugegeben, nicht mehr ganz so jung gewesen, dreizehn Jahre älter als sie und auch als der Mann, den sie für ihn verlassen hat, was seinem Zauber aber keinen Abbruch tat, im Gegenteil. Erst in den letzten Jahren macht ihr dieser Unterschied zu schaffen, denn er wird grimmiger, starrköpfiger und ungeduldiger, aber vielleicht ist er schon immer so gewesen, und sie ernüchtert eben nur ein bisschen spät?

»Du hast genügend Kerle gehabt, aber alle haben dich letztlich aufgegeben, nur ich nicht. Nur ich bin geblieben.« »Mein Beileid, lieber Gatte! Übrigens, die Klimaanlage liegt in den letzten Zügen. Wann bringst du den Wagen endlich in die Werkstatt?« »Ich kann mir nicht die Tage in der Werkstatt um die Ohren schlagen, der Wagen ist zwanzig Jahre alt, Atara! Hättest du nicht das ganze Geld für den Privatdetektiv rausgeschmissen, hätten wir längst einen neuen.«

»Und ich kann das nicht mehr hören. Also, ich bleib dann erst mal hier. So schnell gebe ich nicht auf. Sag, ist Eden schon aufgestanden?« »Das fragst du wirklich? Ist er in letzter Zeit je vor vier Uhr nachmittags aus dem Bett gekommen?« Sie seufzt. »Was ist bloß mit ihm los? Das geht schon bald einen Monat so.«

»Ich habe dir von Anfang an gesagt, dieses Abenteuer wird nicht gut ausgehen«, brummt er, »ich habe gewusst, das ist nichts für ihn. Es passt doch nicht zu ihm, den Ninja zu spielen. Wie könnte eines unserer Kinder ein Ninja sein? Er hat mit dieser Entscheidung gegen seine Intuition gehandelt, und jetzt zahlt er dafür.«

»Hör doch auf mit deinen Provokationen! Im Marinekommando zu dienen, das nennst du ein Abenteuer? Du solltest stolz auf ihn sein!« »Auf ihn bin ich schon stolz, aber nicht auf mich. Ich hätte das verhindern müssen. Verzeih bitte, dass ich bei eurer Vergötterung von Heldentum und heroischen Taten nicht mitmache.«

»Ist ja gut. Die alte Leier«, unterbricht sie ihn, »vielleicht versuchst du trotzdem mal, mit ihm zu reden?« Und er: »Atara, ich will von dir keine Handlungsanweisungen. Ich jage ihm nicht hinterher wie du. Wenn er mich braucht, weiß er, wo er mich findet.«

»Vielen Dank, wirklich, du warst mir eine große Hilfe«, zischt sie. Warum hat sie ihn überhaupt angerufen. Wann hat sie das letzte Mal ein erfreuliches Gespräch mit ihm geführt, und was soll jetzt dieser kritische Ton gegenüber ihrem einzigen gemeinsamen Sohn, ihrem »Garten-Eden-Sohn«, der ihnen vom Tag seiner Geburt an dermaßen viel Freude und Stolz bereitet hat. Auch sie versteht nicht, was plötzlich mit Eden los ist. Nachdem er die schwerste Phase in der Armee hinter sich gebracht und dabei ungewöhnliche und auch unerwartete Zähigkeit bewiesen hatte, nachdem er das aufreibende Training durchgestanden hatte, bei dem jeder Tag schlimmer war als der zuvor, ganz zu schweigen von den Einsätzen, die dann kamen, über die er natürlich nicht reden durfte, und sie haben wirklich nicht das Geringste darüber erfahren, nicht vorher und nicht hinterher, haben manchmal nur an seinem hohlen Blick ahnen können, wo er gewesen war – an einem Ort, an dem es keinen Tag und keine Nacht gab, kein Zweifeln und kein Fragen, an dem einzig und allein die Mission galt, deren Heiligkeit sogar die Heiligkeit seines eigenen Lebens außer Kraft setzte. Ein Ort, an dem dieser geliebte Körper, der in ihrem Leib Zelle um Zelle entstanden und danach begleitet von Hoffnung und Sorge herangewachsen war, zu einer perfekten, gigantischen Kampfmaschine gemacht wurde und trotzdem so verletzlich blieb wie der eines Babys. Diese Verwundbarkeit hatte sie Nacht für Nacht verflucht, in ihren Albträumen hatte sie ihn erschossen auf dem Meeresboden liegen sehen oder zitternd gefangen in einem Fischernetz.

Und nach alldem, nach fast vier Jahren – der Tag seiner Entlassung rückte näher, die Spannung ließ etwas nach, er begann schon, eine große Reise zu planen und an die Zukunft zu denken – war er völlig überraschend eines Tages mitten in der Woche nach Hause gekommen und hatte sich geweigert zu erzählen, was passiert war, und seitdem schließt er sich die meiste Zeit in seinem Zimmer ein, schläft tagsüber und ist nachts wach, weist alle ihre Angebote zurück, darüber zu reden, zuzuhören, ihm zu helfen.

Aber sie ist heute nicht in diese künstliche und umstrittene Stadt im Osten Jerusalems gefahren, um über die Zukunft nachzudenken, sondern weil sie etwas über die Vergangenheit erfahren will, über die Vergangenheit eines Mannes, den sie eigentlich nicht gekannt hat, obwohl sie seinem Samen entstammt und mit ihm in einem Haus gelebt hat. Er hatte ihr am Ende seines Lebens einige wenige Dinge gesagt, die ihr seitdem keine Ruhe lassen und darauf drängen, geklärt zu werden, und es gibt auf der Welt nur eine Frau, die das für sie tun kann. Seit Monaten versucht sie, an sie heranzukommen, und jetzt, wo sie es endlich geschafft hat, findet sie ihre Tür verschlossen.

»Bist du das? Endlich bist du gekommen!«, hatte ihr Vater laut gerufen, als sie an jenem Morgen vor einem Jahr an sein Bett trat, es war eines der wenigen Male, wo sie sich bereit erklärt hatte, für ihre Schwester einzuspringen, die sich mit Hingabe um ihn kümmerte, und er hatte ihr mit einem staunenden und glücklichen Lächeln die Arme entgegengestreckt. »Du hast es geschafft, aus Tel Aviv hierher durchzukommen? Ich wusste, du würdest es schaffen. Ich habe all die Jahre auf dich gewartet!«

»Ich bin aus Haifa gekommen, Papa«, hatte sie ihn schnell korrigiert, sich auf den Stuhl an seinem Bett gesetzt, und er hatte seine zitternde Hand zu ihrem Gesicht gestreckt, ihre Haut befühlt und gesagt: »Du bist so schön«, und sie hatte überrascht gelacht: »Das hast du mir nie gesagt«, und in ihrer Dummheit auf die Wärme reagiert, die er ausstrahlte.

»Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead«20, hatte er ihr zärtlich zugeflüstert, »ich habe dich nie betrogen, Rachel, ich habe keine andere Frau gehabt, so wie ich es dir versprochen habe«, und erst da begriff sie, zog ihr Gesicht weg und ließ seine Hand in der Luft hängen, angewidert von dem Gedanken, dass ihr Vater sie begehrte, angewidert auch stellvertretend für ihre Mutter, die er ihr Leben lang betrogen hatte, ohne dass sie es wusste.

»Komm näher. Hab keine Angst, du musst dich vor nichts mehr fürchten«, protestierte er, seine Stimme versagte, das hagere Adlergesicht verzog sich enttäuscht, und in seinem feierlichen Ivrith fügte er hinzu: »Alles, was ich habe, ist dein. Alles, was ich nicht habe, ist dein. Verzeih mir, Rachel. Mit meinen eigenen Händen hab ich unser Grab geschaufelt.« Und sie sagte: »Papa, ich bin nicht Rachel, ich bin deine Tochter«, doch er schüttelte den Kopf, wurde dann plötzlich zornig und wetterte: »Lüg mich nicht an!« Seine Stimme schlug um, vom einen ins andere Extrem, seine bohrenden grauen Augen nagelten sie wutentbrannt fest, und diesmal wusste sie nicht, an wen diese Schelte gerichtet war, denn oft hatte er sie verdächtigt, dass sie ihn anlog.

Sie sprang auf, stand an seinem Bett und zögerte, denn ihre alte Neugier war wieder entflammt. Welchen Sinn hatte es, ihn zu korrigieren? War es nicht besser, so zu tun, als ob sie wirklich seine erste Frau war? Und sie näherte sich ihm und nahm seine Hand. »Ich bin zu dir zurückgekehrt, Meno«, sagte sie mit verstellter Stimme, doch da schüttelte er ihre Hand mit überraschender Kraft ab. »Verschwinde«, schrie er sie an und machte eine abwinkende Handbewegung in ihre Richtung, »verlass mich, wenn dir dein Leben lieb ist!«, und sie ging tatsächlich, obwohl sie extra aus Haifa nach Jerusalem gekommen war, um an dem Tag, an dem sein Pfleger freihatte, bei ihm zu sein, und obwohl sie ihrer Schwester versprochen hatte, bis zum Abend bei ihm zu bleiben.

Sie stürmte hinaus, knallte die Tür zu und setzte sich auf den Treppenabsatz unter den Mispelbaum. Schon in ihrer Kindheit hatte sie hier stundenlang gesessen, weil ihr Vater die Tür abgeschlossen hatte und sie nicht reinließ, wenn sie zu spät nach Hause kam oder bei einer Klassenarbeit keine befriedigende Note heimbrachte, wenn er ihr etwas gesagt und sie nicht zugehört hatte, wenn sie nicht absolut still gewesen war, während er arbeitete. Dann hatte sie draußen auf der Treppe unter dem Baum gesessen und gewartet, dass sein Zorn verflog. Manchmal zitternd vor Kälte, hungrig und durstig, hatte sie neidisch die Ameisen betrachtet, die eilig zu ihrem Nest liefen, und die Schnecken, die neben ihr die Steinwand hinaufkrochen, wobei das Haus auf ihrem Rücken schwankte.

Schon sonderbar, bei diesem letzten Besuch hatte sie sich wieder an derselben Stelle befunden wie als Kind, es schien, als habe sich überhaupt nichts verändert. Die Schatten der Blätter ließen die Mauern erzittern, Zypressenwipfel überragten schwarz die Wasserbehälter neben den Sonnenkollektoren auf den Dächern, Gesprächsfetzen, das Knarzen der Wäscheleinen, der graue Eindruck fast identischer Steinhäuser. In diesem Viertel kannte sie jeden Hof und jeden noch so kleinen Weg, jedes Fenster, jeden Vorhang. Stundenlang hatte sie hier gesessen und gewartet, war ab und zu die Treppe hinaufgegangen, hatte an die Tür oder ans Küchenfenster geklopft und ihr Glück versucht. Eines Abends hatte sie ihre Eltern durchs Fenster gesehen, wie sie am Tisch saßen, aber sie schauten nicht zu ihr, während ihre jüngere Schwester mit vollem Mund kauend sich alle Mühe gab, ihr triumphierendes Lächeln zu verbergen.

Widerwillig hatte sie Roni angerufen, um ihr zu sagen, dass sie ging. Sie wusste, eine Moralpredigt war unausweichlich. »Ich hatte keine Ahnung, dass er so verwirrt ist, er hat mich gar nicht erkannt!«, sprudelte es aus ihr heraus, und ihre Schwester sagte: »Merkwürdig, mich erkennt er immer. Hast du ihm seine Medikamente gegeben?«

»Dazu bin ich gar nicht gekommen«, antwortete Atara, »er hat mich gleich angeschrien, da bin ich abgehauen«, und ihre Schwester erwiderte: »Unfassbar! Was kann so ein alter Mann dir schon tun?« Atara seufzte. »Ich kann nicht mit ihm allein sein, meinetwegen wart ich hier auf der Treppe, bis du kommst, aber da geh ich nicht noch mal rein.«

»Du bist doch kein kleines Mädchen mehr! Wie verantwortungslos von dir, ihn so allein zu lassen. Wenn er heute stirbt, dann hast du das auf dem Gewissen«, schimpfte ihre Schwester, und sie sagte: »Keine Sorge, so schnell stirbt einer nicht. Er hat noch eine Menge Kraft in den Armen, richtig weggestoßen hat er mich.« Zu ihrer Überraschung entließ ihre Schwester sie ziemlich schnell: »Okay, dann versuche ich, jemanden zu finden, der dich ablöst.«

»Warte, noch einen Moment, Roni«, unterbrach sie sie, »nicht nur, dass er mich nicht erkannt hat. Er hat gedacht, ich sei seine erste Frau! Wusstest du, dass er sein Leben lang auf sie gewartet hat?« Und ihre Schwester sagte: »Quatsch, wie kommst du denn darauf. Was hat er dir gesagt?«, und Atara wiederholte, noch immer fassungslos, was ihr Vater zu ihr gesagt hatte. »Und es waren nicht nur seine Worte. Das war eine Stimme, die ich noch nie von ihm gehört habe. So weich und liebevoll. Ich wusste nicht, dass er überhaupt lieben kann.«

»Natürlich kann er das«, sagte ihre Schwester, »ich habe nie an seiner Liebe gezweifelt.« Atara konterte spöttisch: »Freut mich für dich, wirklich!«, stand auf und ging eilig zu ihrem Wagen, bevor sie es bereuen würde. Auch zwischen ihr und ihrer Schwester hat sich seit früher nichts verändert. Nacht für Nacht hatten sie in dem gemeinsamen Zimmer Kopf an Kopf gelegen; ihre Schwester hatte sie weinen gehört und die Verständnisvolle gemimt, ihr in Wirklichkeit aber dauernd Gift eingeflößt.

»Vielleicht bist du überhaupt ein Stiefkind«, hatte sie ihr ins Ohr geflüstert, während Atara ihren warmen Atem spürte und den Mentholgeruch der Zahnpasta roch, oder sie hatte mit gespielter Trauer zu ihr gesagt: »Du siehst ja auch ganz anders aus. Wenn du wie Mama und ich aussehen würdest, hätte er dich vielleicht lieber.« Mutter und ihre Schwester waren hell und mollig und hatten glattes Haar, sie dagegen war dunkel, kantig und hatte schwarze Locken. Vielleicht ist das wirklich die Erklärung, hatte sie manchmal gedacht. Tatsache ist, dass er sie bei seinen Wutausbrüchen immer an den Locken packte.

Einmal hatte ihre Schwester ihr nachts erzählt, sie habe gehört, wie ihre Mutter mit Onkel Rubi in der Küche flüsternd über eine Frau geredet habe, die Vater früher mal hatte, und Roni hatte sie beschworen, nie darüber zu sprechen, doch Atara brach ihren Schwur bei der ersten Gelegenheit, als sie mit Mutter alleine zu Hause war. »Wer war die erste Frau von Papa?«, fragte sie ohne Umschweife, und Mutter wurde bleich. »Wer hat dir das erzählt? Das darfst du nicht wissen! Darüber darfst du nicht sprechen, nie wieder!«

»Was weißt du über sie? Wie hat sie ausgesehen?« Sie fragte weiter, ignorierte die Not ihrer Mutter, so wie ihre Mutter ihre Nöte zu ignorieren pflegte. Sie war damals gerade mal dreizehn gewesen, erinnert sich aber bis heute genau an dieses Gespräch. Es hatte im elterlichen Schlafzimmer stattgefunden, das war groß und dunkel wie eine Höhle, und ihre Mutter sagte: »Das erzähl ich dir, wenn du groß bist, das versprech ich dir, aber du musst mir schwören, dass du Papa nichts davon sagst.«

»Das schwöre ich nur, wenn du mir jetzt alles erzählst, was du über sie weißt«, hatte Atara gesagt, »sonst sage ich ihm, dass du mir von ihr erzählt hast, und dann bist du dran!« Ihre Mutter schaute sie entsetzt an, doch dann trat sie ans Bücherregal und holte ein vergilbtes Heftchen heraus, es hieß Die Freiheitskämpfer Israels oder etwas in der Art. Auf jeder Seite war ein Schwarz-Weiß-Foto, und ihre Mutter blätterte schnell, bis sie das richtige fand, und reichte ihr schweigend das Bild eines wunderhübschen jungen Mädchens; es hatte ein langes, aristokratisches Gesicht, dunkles, lockiges Haar und Mandelaugen mit einem sehr ernsten Blick, und Atara betrachtete es wie hypnotisiert und schüttelte verständnislos den Kopf. Diese junge Frau kam ihr bekannt vor, sie war ihr ähnlich, obwohl sie selbst längst nicht so schön war. Wäre sie so schön, würde sie bei Klassenfesten nicht immer am Rand stehen; vielleicht war das eine Schönheit aus schwereren, vergangenen Zeiten, als die Frauen ernst und traurig waren, nicht so wie jetzt, wo man von dir erwartet, locker und fröhlich zu sein.

»Warum haben sie sich scheiden lassen?«, fragte sie, und ihre Mutter sagte: »Keine Ahnung, Papa redet darüber nicht. Onkel Rubi hat mir mal erzählt, sie habe ihn verlassen, und er habe lange gebraucht, darüber hinwegzukommen. Aber was ändert das schon.« Sie klang besorgt und zuckte mit den Schultern, schaute sie dann misstrauisch an und sagte: »Aber kein Wort davon, nicht wahr?«

»Wo ist sie jetzt? Was macht sie?«, fragte Atara weiter, und ihre Mutter schaute ängstlich zur Tür. »Keine Ahnung! Sie hat bestimmt geheiratet und Kinder, so was eben. Vielleicht ist sie auch schon tot. Du wirst ihm nicht sagen, dass ich dir das erzählt habe, nicht wahr?«

»Schau mal, sie ist mir ein bisschen ähnlich«, sagte Atara, »vielleicht hasst er mich deshalb so«, doch ihre Mutter tat diese Beobachtung mit einer Handbewegung ab. »Unsinn, ich sehe da keine Ähnlichkeit, und er hasst dich auch nicht. Du tust einfach nur alles, um ihn zu verärgern. Du musst mehr Rücksicht nehmen.«

»Alles, was ich mache, ärgert ihn«, protestierte Atara, »sogar wenn ich atme.« Und ihre Mutter sagte: »Dummes Zeug, sei einfach vorsichtiger, und du wirst sehen, es zahlt sich aus«, und entriss ihr das Heftchen. »Geh, mach deine Hausaufgaben. Wenn du gute Noten heimbringst wie deine Schwester, wird er sich weniger über dich ärgern.« Atara wartete, bis ihre Mutter rausgegangen war, öffnete die Tür des Kleiderschranks, auf dessen Innenseite ein großer Spiegel hing, und betrachtete sich konzentriert, sie zog sich Schlitzaugen, verteilte die Locken genau so auf ihren Schultern wie auf dem Foto, das sie nie wiedersehen sollte.

Noch am selben Abend ging sie heimlich zu dem Regal und stöberte zwischen den Büchern, aber das Heftchen war nicht mehr dort, und als sie ihre Mutter fragte, tat die überrascht und stritt jede Beteiligung an dessen Verschwinden ab. »Lügnerin«, hatte Vater bei seinen Wutanfällen der Mutter ab und zu entgegengeschmettert, und sie hatte ihn angefleht: »Was willst du von mir, ich schwöre dir bei den Mädchen, dass ich nicht lüge«, doch für sie hatte es so ausgesehen, dass Vater manchmal durchaus recht hatte. Sie zweifelte nicht daran, dass ihre Mutter sie angelogen hatte, vermutlich hatte sie das Heftchen beseitigt, denn auch viele Jahre später, als sie nach dem Tod der Mutter deren Sachen aus dem Haus räumte, konnte sie es nicht finden.

»Willst du zwischen Vater und mir Zwietracht säen?«, hatte Mutter zornig geflüstert, als sie das Thema ein paar Tage später wieder aufbringen wollte. »Soll ich bereuen, dass ich dir das überhaupt erzählt habe? Vergiss es, lass diese Geschichte ruhen, sie hat nichts mit dir zu tun!« Und sie hatte tatsächlich davon abgelassen und die Sache aufgegeben. Heute hat sie den Eindruck, dass ebendieses Gespräch damals ihre Kindheit besiegelt hat; schon bald war sie in die Wogen einer stürmischen Pubertät geraten, hatte sich von den Eltern, so weit sie nur konnte, entfernt und später nie mehr versucht, sich ihnen wieder anzunähern. Nach der Heirat mit Doron hatte sie sich am Technion zum Masterstudium eingeschrieben, war erleichtert aus Jerusalem weggezogen und hatte in all den Umwälzungen ihres Lebens keinen Raum für ihre Eltern gelassen, die sie ohnehin nicht vermissten. Ihr Vater war wie immer in seine Forschung vertieft, ihre Mutter in die Mühsal, an seiner Seite zu überleben; nur als Krankheiten und Alter sie befielen, musste sie sie ab und zu besuchen, doch sie bewahrte eine geradezu förmliche Distanz zu ihnen, auch innerlich.

Erst nach dem Tod ihrer Mutter, als sie der nicht mehr schaden konnte, hatte sie es gewagt, ihren Vater nach seiner ersten Frau zu fragen. Es war am letzten Tag der Trauerwoche21, sie warfen gerade das Pappgeschirr und das übrig gebliebene Essen weg, und er hatte sie mit seinem kalten Blick, der einen erstarren ließ, festgenagelt: »Wer hat dir davon erzählt? Das ist eine furchtbare Verleumdung! Ich dulde keine Fragen zu diesem Thema, niemals, hörst du?« Atara hatte stumm genickt, sein Blick verbannte sie im Nu wieder in das Gefängnis ihrer Kindheit, als sie nirgendwohin fliehen konnte vor seinem Zorn, und sie hatte gestaunt, dass ihre Feindschaft ihm gegenüber mit den Jahren nicht abgenommen hatte; sie hatte sie wohl nur an den Rand ihres Lebens gedrängt, ebenso wie die Tatsache der Existenz jener unbekannten Frau, der sie, so hatte es ihr Los gefügt, auf irgendeine unerklärliche Art ähnelte – und vielleicht war das alles überhaupt Einbildung.

Wäre ich doch bei ihm geblieben und hätte weiter so getan, als ob ich Rachel wäre, denkt sie jetzt, wovor hatte sie sich so gefürchtet? Er hatte ihr doch nichts mehr antun können. Wieder kam die Erinnerung an den brennenden Schmerz des Schädels, ein Schmerz, der bei ihr immer das furchtbare Verlangen geweckt hatte, er möge sterben. Das war ihr steter Wunsch gewesen, wenn sie eine Sternschnuppe sah oder die Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen ausblies. Sie hatte ein besonderes Gebet, das sie jeden Abend mit gefalteten Händen sprach.

»Guter Gott, nimm ihn zu dir oder lehr’ ihn lieben!« Sie hört, wie sie dieses Gebet am Steuer wiederholt, und hält sich die Hand vor den Mund. Was ist denn mit ihr los? Er ist doch schon tot, schon fast ein Jahr, und er starb nicht, wie du gefürchtet hast, weil du ihm an diesem Tag seine Medikamente nicht gegeben hast. Er ist erst einige Wochen später gestorben, und Roni ist an seiner Seite gewesen.

Sie selbst hatte ihn nicht noch einmal besucht, und er hatte Rachel nicht mehr erwähnt, so als seien seine Worte tatsächlich für sie, seine Erstgeborene, bestimmt gewesen oder eigentlich für jene Frau, nach der sie nun seit seinem Tod sucht.22

Jetzt ruft sie Rachel noch ein letztes Mal an, und wenn sie nicht abnimmt, fährt sie nach Hause. Wie lang soll sie noch warten. Schon eine Stunde sitzt sie in dem viel zu heißen Auto, ihre Gedanken wandern zwischen den Zeiten, ihre Augen starren auf die Hausfront, auf die Stelle, wo der nackte Beton an die Steinverkleidung stößt. Schon kehren Kinder in lärmenden Gruppen von der Schule zurück, die Straße belebt sich. Ein Auto, das noch abgewrackter aussieht als ihr eigenes, hält mit quietschenden Bremsen hinter ihr, und ein älterer ultraorthodoxer Mann von großer Statur, der trotz des Chamssin einen langen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut trägt, steigt aus, überquert die Straße und geht eilig die paar Meter zum Eingang des Gebäudes, und sie springt aus dem Wagen, verfolgt, wohin er geht, und sieht, dass er einen Schlüssel aus der Tasche zieht und drinnen problemlos die Wohnungstür öffnet, an die sie vergeblich geklopft hat.

Vielleicht ist er der Rabbiner, den man zur letzten Beichte gerufen hat, überlegt sie in Panik, aber das ist doch gar kein jüdischer Brauch, und auch die Männer der Beerdigungsbruderschaft kommen nicht zu Sterbenden ins Haus, und überhaupt, warum besitzt er einen Schlüssel, es muss ihr Sohn oder ein anderer naher Verwandter sein, der verständigt wurde. Aber kann es sein, dass sie einen ultra-orthodoxen Sohn hat? Der von ihr beauftragte Privatdetektiv hat dieses Detail nicht erwähnt, es tut im Grunde auch nichts zur Sache, und trotzdem hat sie jetzt das Gefühl, dass seinetwegen ihre letzte Chance platzt.

»Ein Privatdetektiv?« Sie erinnert sich, Alex hatte nicht schlecht gestaunt. »Das bisschen Geld, das wir haben, hast du für einen Privatdetektiv rausgeschmissen? Wie hast du den überhaupt gefunden? Das geht ja wohl nicht, oder?«, und sie hatte gesagt: »Das geht vor allem dich nichts an. Anders hätte ich sie nie gefunden!« Erst später war klar geworden, dass das Aufspüren von Rachel noch das kleinste Problem gewesen war. Die vermeintlich zufällige Begegnung im Jerusalem Theater, die auf natürliche Weise zu diesem Besuch hatte führen sollen, hatte nicht schnell genug die erwarteten Früchte getragen, und dies war jetzt wohl die endgültige Abfuhr. Was für ein unglückliches Timing.

Er ruft jetzt bestimmt einen Krankenwagen, gleich wird man sie auf der Bahre heraustragen, und sie wird der Toten mit ihrem Blick das letzte Geleit geben und ihre Begierde, zu wissen, zu verstehen oder zu vergeben, begraben müssen. Natürlich eine abstruse Begierde, wie Begierden meistens, denn was ändert das jetzt noch, ein Jahr nachdem ihr Vater gestorben und sie selbst fast fünfzig ist. Es gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dieser Frau und dem, was ihr von ihrem eigenen Leben noch bleibt, und trotzdem steht sie weiter dort in der sengenden Sonne und gibt noch nicht auf. Vielleicht hat sie noch eine letzte Chance, vielleicht muss sie ihm folgen, so lange klingeln, bis die Tür geöffnet wird.

 

 

Drittes Kapitel

Wenn Rachel überlebt, soll sie meine Frau werden

Sie war hinter Meno hergegangen, als der Tag erwachte und die Sonne hinter den Bergen Moabs plötzlich emporstieg. Er hatte sie nicht bemerkt, er kletterte den Berg Asalsel23 hinauf zu der atemberaubenden Stelle, an der sich einem auf einen Schlag die ganze Wüste darbietet, so als sei sie in dieser Nacht neu geboren. Erst als im Getöse prasselnder Felsbrocken die Erde sie verschlang, hatte er sich umgedreht. Wie eine Ziege war sie den Abhang hinuntergerollt, wie jener Sündenbock, den man früher an Jom Kippur genau an dieser Stelle ins Wüstland schickte, damit er die Sünden des Volkes Israel sühnte.

Später hatte Meno ihr erzählt, wie er auf die Straße gerannt war, um Hilfe zu holen. Neben ihm schnaufte einer der anderen, die an ihrem Waffentraining der Lechi teilgenommen hatten, sie liefen um die Wette, wem es als Erstem gelingen würde, Rachel zu retten; es war ein Wettstreit um sie. Erst da habe er gemerkt, dass er sie liebe, mitten in den glühend heißen Salzebenen. Wenn Rachel überlebt, soll sie meine Frau werden, und ich werde keine andere Frau neben ihr haben24, hatte er sich geschworen und war so schnell gerannt, dass er fast meinte abzuheben, rechts von ihm lag in tiefer Bewusstlosigkeit das Tote Meer, links ragten die hohen Felswände auf.

Soll sie ihr davon erzählen? Oder von jenem Abend, an dem sie beide das erste Mal nach ihrer Genesung im Stadtzentrum des unter britischem Mandat stehenden Jerusalems spazieren gegangen waren, wie die lärmende Menschenmenge sie zu verschlingen drohte und sie auf der Treppe, die hinunter zum Café City führte, Zuflucht fanden. Sie saßen in den schweren Sesseln des Kellerraums, über sich bleiche elektrische Kerzen, und unterhielten sich ungezwungen. Da spürten sie plötzlich, wie viele Augen sie anschauten. Die anderen Gäste des Cafés sprachen so gut wie kein Wort. Sie bekam Angst, als sie merkte, dass es alles Fremde waren. Britische Offiziere vom Nebentisch musterten sie ab und zu mit arrogantem Blick, und am Tisch ihnen gegenüber, auf der anderen Seite des Gangs, saßen junge Araber, fein gekleidete Städter mit Krawatten und schwarzem Haar, das von Brillantine glänzte. Deren hasserfüllte und gleichzeitig begehrliche Blicke zerschnitten ihren Gesprächsfaden. Vergeblich versuchten sie wieder anzuknüpfen, als sei nichts passiert. Sie wollten das Café nicht verlassen, damit ihr Aufbruch nicht als Flucht gedeutet würde.

»Vielleicht gehen wir doch lieber«, hatte sie schließlich vorgeschlagen, und Meno knurrte: »Sollen doch die verschwinden«, stand aber trotzdem auf und ging bezahlen. Als er an den Arabern vorbeiging, wandte sich einer in sehr gespreiztem Englisch an ihn, nannte ihn Sir und versuchte, ihn aufzuhalten. Die britischen Offiziere, die vor großen Biergläsern mit hohen Schaumkronen saßen, lachten laut, klopften sich mit ihren kurzen Schlagstöcken auf die Schenkel, und die braunen Lederriemen über ihren vorbildlich gebügelten Hemden spannten sich stramm.

»Die werden schon noch abziehen«, hatte er gebrummt, als sie auf die Straße entkommen waren, und sie fragte nach: »Wer, die Araber?«, und er antwortete: »Nein, die Briten. Mit den Arabern können wir in Frieden leben«, und sie sagte: »Freut mich, das aus deinem Mund zu hören. Ich glaube dir, was du sagst.« Dann murmelte er lachend, gleichsam zu sich selbst: »Ich beginne, die Nöte unsres Stammvaters Avraham25 zu verstehen. Es ist wirklich nicht leicht, mit einer so schönen Frau herumzuziehen, und schon gar nicht unter Fremden, unter den Herren des Landes und seinen Bewohnern.«

»Dann gib mich doch als deine Schwester aus, wie Avraham es getan hat«, sagte sie, indem sie sich an ihn schmiegte, zeigte auf ihre Spiegelbilder im Schaufenster eines Hutgeschäfts, »schau doch, wie ähnlich wir uns sind«, und fügte hinzu, »ich würde mich freuen, wenn du mir einfach sagen würdest, dass ich schön bin«. Da hatte er ihr, ohne sie zu berühren, ins Ohr geflüstert: »Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead.«Soll sie ihr das erzählen? So viele Erinnerungen prasseln plötzlich auf sie ein. Ein Getöse von Felsbrocken, extrem lebendig, eingebrannt in eine andauernde Gegenwart. Gegen ihren Willen spürt sie jetzt in den Rückenwirbeln den Aufprall ihres Sturzes zwischen den Felsen, seine wohltuenden Worte auf der Haut ihres Gesichts, die Wucht der Offenbarung ihrer beginnenden Liebe.

Sie steht aus ihrem Sessel auf, schwankt etwas, geht ins Schlafzimmer, öffnet den Kleiderschrank, starrt verlegen in die dort hängenden Kleider und vergisst für einen Moment, was sie sucht. Es ist unlogisch, sie wird es hier nicht finden. Schon vor Jahrzehnten hat sie das rote Kleid mit den gelben Blumen weggeworfen, zusammen mit allen anderen Beweisen, die niemanden etwas angingen und für die sich, ehrlich gesagt, auch keiner interessierte. Nicht ihre geliebte Mutter, zu deren Beerdigung sie nicht einmal hatte gehen können, nicht ihren Vater und ihren Bruder, die ihr die Jahre im Untergrund nie verziehen haben, und schon gar nicht ihren Mann, der hatte sie sogar ausdrücklich gebeten, ihm nichts von ihrer ersten Liebe zu erzählen. In jenen Jahren, in denen das Land seine Gefallenen noch beklagte, wäre sie nie auf die Idee gekommen, darüber zu reden. Die Besten deiner Generation, die Besten deiner Freunde sind gefallen, wie kannst du da um deinen Geliebten trauern.

Trotzdem stöbert sie nervös zwischen den Kleiderbügeln, vielleicht wird sich das Kleid ja doch plötzlich offenbaren26, und es wird sich erweisen, dass es die ganze Zeit da gewesen ist. Wie schön wäre es, wenn sie es seiner Tochter geben, es für sie auf die Türschwelle legen könnte, anstatt mit ihr von Angesicht zu Angesicht reden zu müssen. Was will die nur von ihr? Wie ist sie jetzt plötzlich auf sie gekommen? Eine gepflegte, vom Leben verwöhnte Frau sucht sich einen Zeitvertreib, neugierig und entflammt wie ein kleines Mädchen.

Was soll sie ihr erzählen? Kein Fremder kann das verstehen. Das Verdikt war größer gewesen als er und größer als sie. Sie hatten sich getrennt, jeder hatte seine eigene Bahn genommen, wie die zerklüfteten Flusstäler jener Sturzbäche, die, aus den Bergen kommend, ins Tote Meer hinunterführen. Was kam es da noch auf das eine oder andere Detail an. Beinah siebzig Jahre hat sie sich nicht mit dieser unreifen Ehe beschäftigt, die auf der Welt nichts hinterlassen hat, und nur diese bevorstehende Begegnung weckt jetzt tote Geschichten zum Leben, Märchen aus längst vergangenen Zeiten, wie jene, die ihr jüngerer Sohn ihr so gern erzählt, und just in dem Moment, in dem sie an ihn denkt, ruft er an. Normalerweise telefoniert er morgens früh und besucht sie zweimal die Woche abends, aber ausgerechnet heute ist er mittags in der Gegend und kommt gleich vorbei, und sie wiegt verlegen den Kopf; was soll sie tun, ist dies ein Zeichen, dass das Treffen mit Menos Tochter besser nicht zustande kommen soll?

Sie muss ihr Bescheid geben, muss den Besuch absagen und hat nicht die Kraft, sich die Enttäuschung in ihrer Stimme anzuhören, und schon gar nicht, die Enttäuschung auf ihrem Gesicht zu sehen, doch da klopft sie schon an die Tür, klingelt, und sie bleibt schweigend auf dem Sofa sitzen und umklammert ihre Hände. Nein, sie wird ihr nicht aufmachen. Sie wird grausam sein, so grausam, wie der Vater dieser Frau zu ihr gewesen ist27; sie wird nichts erklären, so wie er damals nichts erklärt hat. Sie wird Menos Tochter nicht hinter dem Rücken ihres Sohnes von dem Entschluss erzählen, den sie zusammen mit ihrem verstorbenen Mann getroffen hatte und der niemanden sonst etwas angeht. Von dem Entschluss, ihre erste Ehe sogar vor ihren Söhnen geheim zu halten.

Deshalb wird sie auch nicht abnehmen, wenn sie es noch mal telefonisch versuchen sollte. Aufrecht und reglos sitzt sie auf dem Sofa, ihre Fingergelenke sind schon weiß, die Tür ist wie immer verschlossen; bald wird die Besucherin aufgeben und von ihr ablassen. Sie soll bloß verschwinden, bevor ihr Sohn kommt. Es fällt ihr schwer zu atmen, fast wie damals, als sie sich in konspirativen Wohnungen versteckte, manchmal jeden Tag in eine andere umzog und niemals die Tür öffnete.

Oft hatte man sie in ihren Jahren im Untergrund morgens in irgendeine Wohnung gebracht, hatte ihr Tee, Brot und Oliven hingestellt und gesagt: Hier bleibst du bis zum Abend. Die Anspannung, die sie in den verschlossenen Zimmern erlebte, war weitaus größer, als was sie später bei ihren Operationen empfand. Selbst als sie immer wieder im Kinderwagen eine Babypuppe mit einer Bombe im Bauch durch die Straßen schob, hatte sie sich nicht so gefürchtet wie in diesen Zimmern. Doch manchmal war diese Angst auf wundersame Weise auch einem erhebenden Gefühl gewichen, als schwinge die Seele sich empor.28 Das überkam sie gerade in Momenten höchster Anspannung völlig überraschend und doch mit absoluter Gewissheit. Oder es überkam sie eine Ruhe. Dann begannen die Möbel im Zimmer auf einmal zu strahlen. In allem, was sie tat, lag eine unglaubliche Stille. Und dieser Umschwung war völlig unvorhersehbar, alles, was sie vorher gequält hatte, wurde plötzlich zur Quelle unendlicher Genugtuung, so sehr, dass sie selbst nicht glauben konnte, noch bis vor einigen Momenten in Not gewesen zu sein und dass sie schon am nächsten Morgen wieder mit genau derselben Not zu kämpfen haben würde.

Die Fensterläden mussten geschlossen bleiben. Durch ihre Ritzen versuchte sie, auf irgendeine Art an dem Leben draußen teilzuhaben. In jedem Zimmer, in jedem Viertel gab es andere Stimmen, Gerüche und Anblicke, aber eines blieb immer gleich: Überall gingen Leute aus ihren Häusern und kehrten wieder zu ihren Familien zurück, und sie, die sich von alldem losgesagt hatte, betrachtete sie aus ihrem Versteck. Ihre Eltern wussten nicht, wo sie war. Sie hatte kein Zuhause mehr, keine Anschrift, keinen Namen. Sogar wenn sie festgenommen würde, würden sie nicht erfahren, dass es ihre Tochter war, so oft hatte sie ihre Decknamen gewechselt.

Mit der Zeit kam in ihr der Verdacht auf, dass was ihr scheinbar durch äußere Umstände aufgezwungen war, ihr im Grunde von innen diktiert wurde, denn der Unterschied zwischen Zwang und Wille war manchmal pure Einbildung. Sie wurde gesucht, die Briten suchten sie, aber all diese Details hatten keine Bedeutung. Entscheidend war, dass sie allein in einem Zimmer saß, gefangen und doch absolut frei. Essen und Trinken wurde ihr knapp, aber ausreichend gebracht, und so war sie nie hungrig und nie richtig satt. Stundenlang starrte sie durch die Ritzen, stellte sich vor, dass sie in diesem Zimmer jetzt nicht saß, weil sie gesucht wurde, sondern dass man sie suchte, damit sie in diesem Zimmer sitzen konnte. Dass sie sich hier befand, war das Ziel und der Zweck, während die Umstände, unter denen man sie hierhergebracht hatte, nur das Mittel zum Zweck waren.

Später hatte sie ab und zu versucht, diese Momente noch einmal aufleben zu lassen. Obwohl sie nicht mehr verfolgt wurde und keiner sie festnehmen wollte, hatte sie sich aus freien Stücken allein in einem Zimmer gefangen gehalten. Immer frei, immer allein. Ist es das, was ihr erstgeborener Sohn gemeint hat, als er ihr vorwarf, dass sie nie wirklich für ihn da gewesen sei? Dass sie irgendwie unbeteiligt gewesen sei?

Seine Wut auf sie ist mit den Jahren nur stärker geworden, aber manchmal meint sie auch, sie habe es vielleicht ihm zu verdanken, dass sie noch immer bei klarem Verstand ist. Er ist ihr böse, als sei sie eine junge Mutter, die noch stillen, die noch etwas bewirken, ihn noch beschützen könne, und nicht eine Greisin, um die man sich kümmern muss. An dem Tag, an dem er kapieren wird, dass er auf niemanden mehr böse sein kann, werde ich sterben, denkt sie sich manchmal, und vielleicht wird er das erst verstehen, wenn ich sterbe.

Wie damals flattert ihr Herz, als jetzt die Türe aufgeht, aber es ist nur ihr jüngerer Sohn, sie wird ihn immer so nennen, obwohl er schon groß ist, der Sohn, der ihr keine Vorwürfe macht und der überhaupt keine Vorwürfe mehr macht, seit er fromm geworden ist; er ist freundlich gegen jedermann und auch zu ihr, wie es die Art der Bratzlawer Chassiden ist, und sie versucht wie immer, ihren Abscheu zu verbergen und den Zweifel daran, dass dieser Schrank von einem Mann mit den langen Schläfenlocken und schon ergrauendem Bart wirklich Amichai, ihr jüngerer Sohn, ist. Seine Gesichtszüge erinnern sie an ihre Vorfahren auf den Fotografien aus Osteuropa; ein Teil von ihnen steht da aufrecht, starr und schwarz gewandet, die anderen sitzen auf schweren Stühlen wie schweigende Grabsteine.

Doch ihr Amichai schweigt so gar nicht und hüpft außerdem die ganze Zeit herum. Seine Sprunghaftigkeit erinnert sie trotz allem an das Kind, das er mal war, wie er jetzt hereingeflitzt kommt und sie mit Fragen überschüttet, »wie geht’s dir, Mama? Du siehst gottlob prima aus! War deine Pflegerin schon da?«, und sie antwortet schnell, »nein, heute war noch niemand da, aber wie geht es dir? Woher kommst du gerade?«, und er gießt sich ein Glas Wasser aus dem Krug, der auf dem Tisch steht, ein, hält es in der Hand und trinkt erst, nachdem er seinen Segen gemurmelt hat: »Gepriesen seist du Ewiger29 König der Welt, auf dessen Geheiß alles entstand.«

»Amen«, antwortet sie unwillkürlich, sieht, wie er den Mantel auszieht und den Hut von seinem noch immer dichten Haar nimmt, er behält nur sein langärmliges weißes Oberhemd an, an dessen Saum die Schaufäden seiner Zizit wehen, und etwas weiter oben wehen seine Schläfenlocken, es ist, als blase ein heftiger Wind durchs Haus. »Ich habe einen Schüler besucht, der krank ist«, sagt er, schaut sich um, und sein Blick fällt auf die Erfrischungen auf dem Tisch. »Erwartest du Gäste?«

»Du bist mein Gast30«, sagt sie, errötet, als habe man sie ertappt, »du hast dich angemeldet, da hab ich uns ein bisschen was hingestellt«, und er lächelt sie an, lange, bis es so scheint, als tue sich in seinem Bart ein Loch auf. »Erinnerst du dich an die Geschichte unseres Rabbis über den Gast

»Nicht wirklich«, sagt sie, »es fällt mir schwer, eure Geschichten zu behalten«, und er setzt sich ihr gegenüber in den Sessel, der eigentlich für ihre Besucherin bestimmt war, und gießt sich noch ein Glas Wasser ein. »Diese Geschichte hat unser Rabbi zwei Jahre vor seinem Tod erzählt, am Abend, an dem man die erste Chanukka-Kerze anzündet, über einen Gast, der ins Haus kommt, nachdem die Kerzen bereits angezündet sind. Der Gast verwickelt den Hausherrn in ein Gespräch und weckt in ihm die Sehnsucht nach dem Ort, an dem die Seele sich emporschwingt. Als er hinausgeht, begleitet ihn der Hausherr und beginnt, mit ihm in die Höhen zu schweben, über Hügel und Täler, aber gleichzeitig ist er noch in seinem Haus, unterhält sich weiter mit seiner Familie, isst und trinkt und versteht nicht, wie es kommt, dass er mal hier und mal dort ist. Wenn ich das unterrichte, sage ich immer, dieser Gast kann auch ein naher Mensch sein, und sogar ein Teil meiner selbst, dem ich in meinem bisherigen Leben noch keinen Raum gegeben habe.«

»Und wie geht es aus?«, fragt sie, die Geschichte weckt in ihr ein unbestimmtes, unangenehmes Gefühl. »Bei deinem Rabbi werden die Geschichten zum Ende hin meistens etwas verworren und kommen nirgendwo richtig an.« Er lächelt milde, während er sich eine Handvoll Mandeln in den Mund steckt. »Oj, meine liebe Mama, nur von dir bin ich bereit, mir solche Lästerungen anzuhören. Die Enden sind immer in unserer Hand. Lösen müssen wir die Dinge selbst. Unser Rabbi zeigt uns damit, dass der Weg wichtiger ist als sein Ende. Und er gibt uns die Kraft für den Weg.«

»Weißt du, diese ganzen Geschichten sagen mir nichts«, antwortet sie ungeduldig, »erzähl mir doch lieber was von den Kindern.« Er lacht. »Von den Kindern oder von deren Kindern?«, aber ein Klingeln an der Tür unterbricht ihn, und sie ruft: »Mach nicht auf, Ami, ich will nicht, dass uns jetzt jemand stört.« Er, flink, wie er ist, steht bereits im Vorraum, und Rachel vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Was soll sie jetzt tun? Sie war sich sicher gewesen, dass Menos Tochter längst aufgegeben hat und dass sie sich nach dieser Abfuhr heute nicht mehr bei ihr melden würde. Sie konnten sich auf keinen Fall in seinem Beisein unterhalten, sie hatte ihrem Mann versprochen, dass ihre Söhne nie davon erfahren würden.

»Ami, ich bin müde. Lass niemanden herein«, schreit sie, doch zu spät, er kommt schon ins Wohnzimmer zurück. »Da ist eine Besucherin, Mama, sie sagt, sie sei mit dir verabredet.« Rachel hebt langsam und besorgt den Kopf zu der Frau, die in einem ärmellosen langen schwarzen Kleid neben ihm steht. Die stramm zu einem Knoten gebundenen Locken betonen ihre markanten Wangenknochen, eine Ähnlichkeit mit ihrem Vater, die ihr bei ihrer ersten Begegnung nicht aufgefallen war. Ataras Gegenwart31 erschlägt sie geradezu, sie schüttelt nur immer wieder den Kopf, eine Geste, die ihr Sohn als Ablehnung deutet, und so fragt er die Besucherin schon nach wenigen Augenblicken: »Vielleicht können Sie das auf ein andermal verschieben? Meine Mutter ist jetzt zu müde.«

»Ich bin extra aus Haifa gekommen, das hat Stunden gebraucht«, beharrt die Besucherin und schaut sie eindringlich an. »Vielleicht können Sie mir trotzdem ein paar Minuten widmen?« Rachel senkt den Blick und murmelt: »Das kommt mir jetzt nicht so gelegen, wo mein Sohn gerade hier ist«, doch der gutmütige Amichai antwortet bereits: »Ist schon in Ordnung, Mama, ich will nicht stören. Worum geht es denn?«

»Ich bin Soziologin und arbeite an einer Untersuchung über die Frauen der Lechi.« Diese Frau lügt, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ich bin gekommen, um Ihre Mutter zu interviewen«, und er sagt sogleich: »Kein Problem, von mir aus. Ich höre gern Erinnerungen aus jener Zeit. Als wir Kinder waren, hat Mutter viel erzählt«, und fügt hinzu, »aber mit den Jahren hat sie aufgehört«.

»In Ordnung. Setzen Sie sich doch.« Rachel seufzt erleichtert, zeigt mit unsicherer Hand auf den frei gewordenen Sessel, auf die übrig gebliebenen Erfrischungen, die sie für sie hingestellt hatte, Mandeln, Pflaumen und Datteln. »Möchten Sie Wasser? Kaffee oder Tee? Amichai, mach der Dame doch bitte einen Kaffee«, schlägt sie vor, um ihn aus dem Zimmer zu kriegen, doch leider möchte die Besucherin nichts trinken, schaut sie vielmehr prüfend und eindringlich an, als versteckten sich die Antworten auf ihre Fragen in ihrem Körper und als fände sie nur Befriedigung, wenn sie in ihm bohrte.

»Also, was möchten Sie wissen?«, fragt sie mit einem kurzen Lächeln, will ihren Dank ausdrücken, dass sie ihr Geheimnis nicht hat auffliegen lassen, und die Besucherin sagt, während sie einen Stift und einen Spiralblock aus der Tasche holt, ganz routiniert: »Wenn Sie erlauben, fangen wir vorne an. In welchem Jahr haben Sie sich der Lechi angeschlossen? Was hat Sie dorthin gebracht?«

Die gängige Frage beruhigt sie etwas, und sie antwortet ausführlich: »Ich war schon in jungen Jahren ein politisches Kind, ich habe für meinen Vater Zeitungen gebügelt, damit er von der Druckerschwärze keine schwarzen Finger kriegt, und sie dabei heimlich auch gelesen. Ich war aufmüpfig. Die allgemeine Unterwürfigkeit der jüdischen Bevölkerung Palästinas32 gegenüber den britischen Besatzern habe ich gehasst und rechte Anschauungen entwickelt. Eines Tages, als ich mit meiner Mutter in Jerusalem durchs Ge’ula-Viertel ging, im Winter vierundvierzig, ich war fünfzehn, da sahen wir plötzlich zwei Jugendliche, die einen Aufruf anklebten. Es war verdammt gefährlich, so etwas aufzuhängen, vor allem am helllichten Tage. Ich erinnere mich, ich habe vor Angst kaum Luft gekriegt.« Auch jetzt fällt ihr das Atmen schwer. Es fällt ihr schwer, dieses schmale Gesicht vor sich zu sehen. Warum hat er Sie Atara genannt, will sie fragen, wissen Sie überhaupt, nach wem Sie genannt sind?

»Einen der Jugendlichen habe ich erkannt«, fährt sie mühsam fort, »er war im Gymnasium eine Klasse über mir. Ich war überrascht, denn sonst hatte er eher linke Ansichten, ich hatte sogar schon ein paarmal mit ihm diskutiert. Da kamen auch schon die britischen Polizisten, rissen den Aufruf ab und verfolgten die beiden, und nur ein Eckchen blieb hängen, um das sich dann alle Passanten versammelten. ›Die Briten werden für jedes jüdische Blut, das vergossen wird, mit ihrem Blut bezahlen. Man wird uns hier nicht so schlachten wie die Juden in Europa‹, stand da, ›Lechi, Kämpfer für die Freiheit Israels‹. In dem Moment wusste ich, dass mein Platz bei ihnen war. Am nächsten Tag fing ich an, ihn zu beknien, bis er bereit war, mich in die Untergrundgruppe aufzunehmen. Weil er mich mitbrachte, musste ich nicht vor das Aufnahmegremium, und so wusste auch die britische Polizei zu diesem Zeitpunkt nichts von mir, was ein großer Vorteil war.«

»Wissen Sie noch, wer das war?«, fragt ihre Besucherin, während sie alles notiert, und Rachel antwortet mit spitzen Lippen: »Ja, das war Menachem Rubin; sein Deckname im Untergrund war Jiftach33.« »Menachem Rubin, der Hirnforscher?«, fragt ihr Sohn nach, »ich wusste nicht, dass auch der bei der Lechi gewesen ist. Wäre ich froh, wenn ich dein Gedächtnis hätte, Mama.« Aus irgendeinem Grund34 steht er noch immer in voller Größe hinter dem Sessel; sein Schatten fällt auf die zart aussehende Frau, die ihr gegenübersitzt, ihre dünnen Unterarme sind nackt. Die Nähe dieser beiden Gestalten ist für sie unerträglich und erzeugt ein migräneartiges Flackern, sie schließt die Augen und senkt den Kopf. »Ich bin wirklich schon müde. Lassen Sie uns ein andermal weitermachen«, sagt sie.

»Vielleicht erzählen Sie mir nur noch, bei welchen Operationen der Lechi Sie beteiligt waren?« Menos Tochter lässt nicht locker. Rachel legt sich die Hände an ihre pochenden Schläfen. »Am Anfang habe ich Koffer mit Waffen in die Waffenlager gebracht. Mädchen wurden damals nicht kontrolliert, und ich sah noch jünger aus, als ich war. Ich bin als Nachrichtenkurier nach Tel Aviv und zurück gefahren, habe Ziele ausgespäht, Personen beschattet, Flugblätter geklebt. Später haben wir jungen Frauen dann für unser Recht gekämpft, auch bei den Operationen selbst dabei zu sein. Das war nicht leicht, aber wir haben es geschafft. Ich war bei der Sprengung der Na’aman-Brücke beteiligt und auch beim Angriff auf die britischen Eisenbahnwerkstätten in Haifa. Ich bin eine der wenigen, die dieses Unglück überlebt haben. Wissen Sie, wen wir dort verloren haben?« Sie hört, ihre Stimme klingt, ohne dass sie es will, gepresst. »Boas und Arje und Petachja und Uri, Elchanan, Schlomo, Gedalja, Zwi und Chaim und Usi und Josef. Und wissen Sie, wie wir sie begraben haben? Heimlich, wie Diebe, im Licht eines zufällig vorbeifahrenden Motorrads, während die Toten der Hagana mit allen Ehren begraben wurden. So eine Kränkung vergisst man nicht.« Ihre Stimme ist heiser, sie schlägt die Hände vors Gesicht, was ist denn plötzlich mit ihr los, sie war schon lang nicht mehr so außer sich.

»Genug, Mama, betrüb dich nicht«, sagt ihr Sohn mit seiner warmen, lauten Stimme, reicht ihr ein Glas Wasser, während die Besucherin den Blick senkt, »auch in den bittersten Momenten muss der Mensch sich seine Fröhlichkeit bewahren, er muss sich mit aller Gewalt zwingen, fröhlich zu sein, denn Verzweiflung und Traurigkeit vertreiben die Schechina35, die Gegenwart Gottes

»Die war damals leider nicht zu spüren! Du weißt, in meinem Leben gibt es keine Gegenwart Gottes«, antwortet sie ihm zornig, steht auf und murmelt ins Leere, ohne Atara anzuschauen: »Entschuldigen Sie, ich bin zu müde, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.« Ihr schwindelt, sie greift vor den Augen ihres besorgten Sohnes nach der Sofalehne. Er versucht, sie zu stützen, doch sie wehrt seine Hilfe ab und geht an die Wand gestützt langsam in Richtung Schlafzimmer und sinkt erschöpft auf ihr Bett.

Warum hat sie sich überhaupt bereit erklärt, Atara zu empfangen, und warum ist sie bereit gewesen, auf ihre Fragen zu antworten, obwohl sie wusste, dass die ganz andere Dinge hören wollte. Nicht über das Schicksal von Boas und Arje und Petachja und Uri und Elchanan und Schlomo und ihre anderen Kameraden, sondern über das Schicksal ihrer Liebe. Aber welchen Sinn hat es, eine alte Kränkung wiederzubeleben? Dieses Kapitel war aus dem Buch ihres Lebens herausgefallen. Wenn sie sich bücken würde, um es aufzuheben, könnte ihr Rücken daran zerbrechen. Aber warum geht Atara nicht? Ihre Gegenwart macht ihr Angst, macht sie zur Geisel in der eigenen Wohnung, in ihrem Bett und zwingt sie dazu, sich schlafend zu stellen, obwohl sie kaum Luft bekommt; der Kopfschmerz wird immer schlimmer.

Ärgerlich hört sie, dass ihre Besucherin sich leise mit ihrem Sohn unterhält. Wird sie ihm ihr Geheimnis erzählen? Bisher redet vor allem er, antwortet aus irgendeinem Grund gern auf ihre Fragen, beschreibt ihr seine Kindheit, sein Elternhaus in der Siedlung Mejschor Adumim. Anscheinend schreckt diese Frau vor gar nichts zurück und versucht auf jede erdenkliche Weise, in ihr Leben einzudringen. Sie kann ihre Fragen nicht hören, aber die Antworten ihres Sohnes, der immer so laut spricht, als ob er gerade unterrichte, hört sie gut. Und warum geht er nicht? Sie hatte gedacht, dass er sich schnell davonmachen würde, und das nicht nur, weil er nicht alleine mit einer fremden Frau im Zimmer sein darf, aber er bleibt und bleibt und kann nicht gehen. Scheinbar wirkt sie liebenswürdig und vertrauenserregend, wie ihr Vater, zu dem sich Menschen immer hingezogen fühlten. Ob auch sie so unberechenbar ist wie er?

Zeruya Shalev: Schicksal. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, Berlin Verlag, 2021.36

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Anne Birkenhauer, 1961 in Essen geboren, wuchs in Tübingen auf, begegnete dem Hebräischen im Rahmen eines Freiwilligendienstes in Israel, lernte dort bei der Arbeit und im Alltag Hebräisch sprechen und erst später auch lesen und schreiben. Sie studierte an der FU Berlin und in Jerusalem Judaistik, deutsche Literatur und Linguistik und siedelte nach dem Magister nach Jerusalem über.

Sie übersetzt seit 1989, seit 1997 hauptberuflich, tüftelt am liebsten an Lyrik und poetischer Sprache und interessiert sich besonders für die Übertragung jüdischer Kultur und religiöser Tradition in einen kulturellen Kontext, in dem diese nicht präsent sind.

Im Wintersemester 2014/15 bekleidete sie die August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur für die Poetik der Übersetzung am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und leitet seit 2011 zusammen mit Gadi Goldberg im Vice-Versa Programm des Deutschen Übersetzerfonds die Hebräisch-Deutsche Übersetzerwerkstatt, die wechselweise in Deutschland und Israel stattfindet. Mehr unter https://annebirkenhauer.com.

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