Journale Prosa Bastelarbeit.

Bastelarbeit.

Journal zur Übersetzung von Alain Damasios Roman Die Flüchtigen

0. Was ist das?

Wenn ich eine begrenzte Zahl ausgeschnittener Wörter vor mir liegen habe, scheinen sie sich fast von allein, einer eigenen Logik folgend, zu Sätzen anzuordnen, die mit schlichtem Vokabular auf den Punkt bringen, was eben noch Gedankennebel war. Mit Bildern funktioniert es ähnlich – nur transportieren sie schwereres Gepäck als einzelne Wörter. Die folgenden Tableaus sind Stimmungsbilder, die zeigen, welche Themen in Damasios ausuferndem Roman1 mich beim Übersetzen beschäftigt haben. Sie haben mir geholfen, einige zentrale Elemente aus dieser in alle Richtungen auseinanderlaufende Erzählung zu fassen zu bekommen und die Atmosphäre der Erzählung einzufangen, die ich anfangs nur schwer greifen konnte.

 

1. Mutation

Die Flüchtigen mutieren ununterbrochen und verursachen auch Mutationen in ihrer Umgebung. Hat ein Mensch engen Kontakt zu einem Flüchtigen, beginnt er, flüchtige Eigenschaften anzunehmen, was sich auch in seiner Sprache niederschlägt: Zunächst schleichen sich merkwürdige Zeichen ein, die die Anwesenheit einer anderen Intelligenz in seinem Denken markieren. In späteren Stadien der Flüchtigwerdung fällt es ihm zunehmend schwer, Wörter und Sätze als abgeschlossene Einheiten mit festgelegtem Sinngehalt zu begreifen – denn die Flüchtigen denken assoziativ, nicht linear. Buchstaben werden vertauscht, Bedeutungen verwechselt, Reime und Klänge bekommen eine ebenso große Bedeutung wie der semantische Gehalt.

Die Flüchtigen, S. 227.

Diese Textstelle in Original und Übersetzung...

Obwohl man meinen könnte, dies sei für die Übersetzung der größte Haken, ging mir die Nachbildung der Flüchtigkeit im Text leicht von der Hand. Sie ähnelte der eingangs beschriebenen Erstellung der Collagen. Dennoch kam ich mit der Übersetzung des Romans nur langsam voran. Ich übersetzte Abschnitt für Abschnitt und hatte immer das Gefühl, keine Einheit herzustellen, sondern unzusammenhängende Szenen aneinanderzureihen und befürchtete, dass sie sich nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen würden. Der Überschwang des Textes irritierte mich nachhaltig: Namen, Gruppenbezeichnungen, historische Umstände werden einmal genannt oder kurz angerissen und tauchen dann nie wieder auf, Reihen von elaborierten Wortwitzen werden für nur eine einzige Erwähnung konstruiert.

Die Flüchtigen, S. 639-640.

Diese Textstelle in Original und Übersetzung...

Welch Verschwendung! Der Sprachgestus der Figuren wechselt zwischen verschiedenen Erzählsituationen. Poetisches und Obszönes stehen oft so dicht beieinander, dass keines von beiden die gewohnte Wirkung hat. Die actiongeladene Handlung wirkt so rasant wie entrückt.

Die Erzählzeit im Roman wechselt immer wieder zwischen Präsenz und Präteritum, manchmal wird sogar im Konjunktiv erzählt – ein weiteres Mittel, um Flüchtigkeit in die Erzählebene zu injizieren und die Starrheit konventioneller Zusammenhänge zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit, Ursache und Wirkung aufzulösen. Mit der Zeit ging mit auf, dass man auch all die anderen Ungereimtheiten als solche Mittel lesen kann. Wir sind es gewohnt, dass Literatur dem berühmten Tschechow'schen Prinzip folgt – wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.  Bei Damasio allerdings lehnen neben diversen Waffen auch bunt gemischte Alltagsgegenstände und ein Sammelsurium blinkender technischer Gerätschaften an der Wand, und nur die wenigsten davon kommen im Laufe der Geschichte zum Einsatz. Dass viele seltsame Vorkommnisse durchaus von Anfang an im Roman angelegt waren, erschließt sich nur bei sehr gründlicher Lektüre – zu übervoll ist der Text mit Neuem, Unbekannten. Hat man sich einmal damit abgefunden, dass der Roman trotz der linearen Vordergrundhandlung nicht linear erzählt wird, dass er Tausende Fäden auswirft, von denen nur wenige wieder zusammenfinden und verknüpft werden können, dass das Ausfransen, Auseinanderdriften, das Fragmentierte am Ende eben genau das spiegelt, von dem Die Flüchtigen handelt – eine Art des Seins nämlich, das uns herausfordert, übersteigt und letztlich von innen heraus verändert, dann erkennt man die überschäumende Kraft dieses literarischen Wildwassers, das an den Leser·innen zerrt, bis sie vergessen haben, wo oben und unten ist.

Die Flüchtigen, S. 546-547.

 

2. „Komm zurück“

Die Flüchtigen erzählt vordergründig die Geschichte eines Verschwindens, genauer gesagt einer Verflüchtigung. Die fünfjährige Tishka ist eines Morgens nicht in ihrem Bett aufzufinden. Fenster und Türen sind fest verschlossen, es gibt keine Anzeichen für ein Eindringen von außen. Sahar, ihre Mutter, glaubt anfangs dennoch an eine Entführung. Lorca, ihr Vater, meint sich zu erinnern, seine Tochter habe von einem unsichtbaren imaginären Freund erzählt, der sie in ihrem Zimmer besuchen komme, und verbindet diese Gestalt mit der urbanen Legende der sogenannten Flüchtigen – unsichtbare Wesen, die angeblich unbemerkt unter den Menschen leben. Während Sahar sich mit der Zeit damit abfindet, dass ihre Tochter nicht mehr zurückkommen wird und beginnt, aktiv Trauerarbeit zu leisten, steigert sich Lorca immer mehr in die These hinein, die Flüchtigen hätten Tishka mitgenommen, worüber die Beziehung zerbricht. Seine Suche führt ihn zu einer Spezialeinheit der französischen Armee, wo er sich zum Flüchtigenjäger ausbilden lässt. Die Hinweise häufen sich, dass Tishka auf die eine oder andere Weise am Leben ist – sie hinterlässt ihren Eltern rätselhafte Zeichen, was schließlich auch Sahar von Lorcas These überzeugt.

Die Flüchtigen, S. 434-435.

Die Suche eines Elternpaars nach der verschwundenen Tochter ist die Kerngeschichte des Romans, und zugleich das einzige Element, das die Erzählung gewissermaßen erdet – Lorca und Sahar verhalten sich zueinander und ihrer Tochter gegenüber hoch emotional und dabei nachvollziehbar. Diese Natürlichkeit zu erhalten war mir insbesondere in den Dialogpassagen sehr wichtig. Außerhalb dieser Dreierbeziehung nämlich geschehen überwiegend Dinge, die sich an Absurdität überbieten, teils parodistisch überhöht, teils voll theatralischem Pathos. Damasios Erzählstrategie ist der Überfluss, die permanente Überforderung, die Überflutung mit Details, während größere Fragen teils absichtlich im Dunkeln bleiben. Lorcas und Sahars Erzählstimmen sowie ihr Umgang mit Tishkas Verschwinden (und später ihrem Wiederauftauchen in veränderter Form) bieten den Leser·innen einen roten Faden durch dieses aufregende, aber oft auch herausfordernde Chaos des Romans. Wir leiden, fiebern, verzweifeln und hoffen mit ihnen und lassen uns darüber in den grellen Abgrund der Erzählung reißen.

 

3. Diese Stadt ist aufgekauft

Das ist in Damasios Roman nichts als Metapher für die Aktivitäten gieriger Immobilieninvestoren zu verstehen, sondern absolut wörtlich. Konzerne kaufen Städte und Gemeinden und verwalten diese. Der Staat wird immer weiter abgebaut. Eine flächendeckende Orwell'sche Überwachung der Bevölkerung findet auch ohne Staat statt, sie dient vorrangig zur Datenerfassung zu Werbezwecken, wie wir sie aus unserer Internetaktivität schon kennen. Für den Konzern gibt es keine Bürger·innen, sondern nur Kund·innen.

Die Flüchtigen, S. 43

In der Konsequenz gibt es keinen öffentlichen Raum mehr, jede Straße kann vermietet werden und jede Oberfläche als Werbefläche dienen. Auch die privaten Rückzugsorte wie Wohnungen und Häuser sind mit der smarten Stadt verbunden: die Domotik, also die Gebäudeautomatisierung, die von der Haustür bis zur Heizung alles steuert, ist ebenfalls Teil der befreiten Stadt. Manchmal scheint sie jedoch ein geradezu zauberhaftes Eigenleben zu führen:

Die Flüchtigen, S. 306.

 

4. Zwischen Flug und Boden

Es gibt Autor·innen, die erfinden Sprachen, Maschinen, Länder, außerirdische Zivilisationen – Alain Damasio erfindet Jugendbewegungen. Manche werden nur kurz erwähnt, andere spielen eine entscheidende Rolle im Roman. Zwei der letzteren Sorte – die Altisten und das Firmament – versuchen, die befreiten Städte, in denen viele Straßen nur mit einem entsprechend kostspieligen Abonnement benutzt werden können, wieder allen Bürger·innen zugänglich zu machen, indem sie alternative Wege erschließen: Kletterrouten, Parcour- und Gleitschirmstrecken, die von Dach zu Dach führen und so die privatisierte Infrastruktur der Städte umgehen.

Die Flüchtigen, S. 294-295.

Die Wiederaneignung des öffentlichen Raums durch das Verlassen der vorgesehen Wege ist ein Thema, das mehrfach angesprochen wird. Die Abkehr von vorgeschriebenen Nutzungsformen der Straßen, Güter und Systeme wird als wichtiger Faktor für die Zerschlagung des Hyperkapitalismus und als Weg in die Mündigkeit betrachtet.

Die Flüchtigen, S. 455.

 

5. Das Ende der Welt

Nach der Enttarnung der Flüchtigen spaltet im Roman die eine große Frage das Land (und die Welt, doch das klingt nur ganz am Rande an): Wie geht man mit ihnen um? Vernichtet man sie oder strebt man ein Zusammenleben an?

Ein Zusammenleben mit den Flüchtigen, wie es die Aktivist·innen sowie die von unseren Protagonist·innen gegründete Flüchtige Partei fordert, bedeutet zwangsläufig, dass sich das Leben der Menschen und möglicherweise sogar der Mensch an sich drastisch verändert. Flüchtige verstoffwechseln alle möglichen Materialien in ihrer Umgebung und sind in der Lage, mit Menschen Hybridwesen zu bilden. Ihre Art zu leben gleicht einem Wuchern, einem Wildwuchs, der überall Neues sprießen lässt und Altes verwertet. Die (berechtigte) Unsicherheit der Bevölkerung über die konkreten Auswirkungen dessen wird von dem neoliberalen Präsidentschaftskandidaten Paul Gorner schamlos ausgenutzt. Sein populistischer Wahlkampf wird in den Medien, deren Berichterstattung immer wieder eingeschoben wird, kontrovers diskutiert, denn Gorner äußert mehrfach, dass die Vernichtung der Flüchtigen der einzig gangbare Weg sei. Die Aktivist·innen hingegen verteidigen die Flüchtigen als schützens- und bewundernswerte Wunder der Natur.

Die Flüchtigen, S. 755.

So reißerisch die mediale Berichterstattung auch ist, um einen Punkt kommt man auch als Freund der Flüchtigen nicht herum: Wird eine Vermischung der menschlichen und der flüchtigen Population akzeptiert, geht die Welt der Menschen, wie wir sie kennen, zu Ende. Das ist natürlich ein harter Brocken – und gleichzeitig ein gewissermaßen »sanfter« Ausstieg aus dem Teufelskreis, dass die menschlichen Zivilisation zu ihrem Selbsterhalt Ressourcen verschlingt, die sie nicht reproduzieren kann.

 

6. Macht Geschichte

Der Punkt, mit dem ich während der Übersetzung wohl am meisten zu kämpfen hatte, war der ungebrochene Idealismus der Aktivist·innen, ihr unermüdlicher Kampf für eine bessere Welt, für den viele von ihnen Haft- und andere Strafen hinnehmen und ihre Gesundheit, oft sogar ihr Leben riskieren. Ich hatte Mühe, die Aufbruchstimmung, die viele Szenen vermitteln, ganz ohne Ironie aufzunehmen und ins Deutsche zu transportieren, ohne dass mir die Formulierungen hölzern und aufgesetzt vorkamen. Diese Stimmung macht Die Flüchtigen mehr als alles andere zu einem Werk der Fantastik: Isotaxis, Kynobots und das Reabsolut scheinen mir näher an unserer Wirklichkeit als dieser unbedingte Wille zur Veränderung.

Obwohl das Szenario, das Damasio der Geschichte zugrunde legt, ein dystopisches ist, hat der Roman insgesamt mehr utopische als dystopische Züge. Vielleicht könnte man Die Flüchtigen als Utopie im Frühstadium beschreiben: Der gewünschte gesellschaftliche Wandel ist noch nicht eingetreten, aber die Menschen sind zunehmend bereit, sich für ihn einzusetzen – auch wenn das Engagement teuer bezahlt werden muss –, und nehmen auch große Unsicherheit in Bezug auf die eigene Zukunft dafür in Kauf. Dass ich mir die Revolte einer großen Gruppe aus bloßer Neugier und einem vagen Bedürfnis nach einem authentischeren Leben heraus so schwer vorstellen kann, dürfte wiederum ein deutliches Anzeichen dafür sein, dass diese Art von Utopien notwendig und wichtig für unsere Zeit sind.

Mit der Zeit habe ich mich den Aktivist·innen gedanklich angenähert, indem ich mir vorgestellt habe, dass auch die wenigen Jahre Abstand durch den wachsenden technischen Kokon, der die Menschen immer weiter von der physischen Wirklichkeit der Welt abschirmt, womöglich große Effekte auf die kollektive Psyche haben können und wir es, schlicht ausgedrückt, mit »anderen« Menschen zu tun haben – anders kulturell geprägt, anders gebildet und mit anders vernetzten Synapsen.

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7. Fuck you

Damasios Figuren haben zum großen Teil einen Hang zur Vulgarität. Sie fluchen oft und viel, oft in verschiedenen Sprachen, oft auch so, wie ich es zuletzt 2006 als Austauschschülerin auf dem Schulhof einer französischen Dorfschule gehört habe. Das ist oft irritierend, manchmal unglaublich komisch und teilweise auch rätselhaft. Wie ist diese Umgangssprache entstanden, die Damasio sich für die nahe Zukunft vorstellt? Sie vermischt verschiedenste Dialekte und regionale Eigenheiten vor allem aus dem französischen Süden, Slang von damals und heute, Anglizismen, Neologismen und wirkt dadurch futuristisch und antiquiert zugleich. Ich glaube, dass man sie als Ausdruck einer vollständig digitalisierten Gesellschaft lesen kann, in der Informationen, ältere oder fremdartige Texte nicht nur (wie in unserer Zeit) schnell und einfach verfügbar, sondern omnipräsent sind. So werden vielleicht im täglichen Gespräch Wendungen ausgegraben, die ohne die völlige Durchdringung des Alltags mit Informationen aus allen Zeiten vollständig vergessen worden wären.

Die Flüchtigen, S. 325-326.

Diese Textstelle in Original und Übersetzung...

Gleichzeitig ist die Abwesenheit sprachlicher Normen auch ein Ausdruck für die Abwesenheit anerkannter Autoritäten – sämtliche staatlichen Einrichtungen haben ihre Bedeutung verloren und die privaten Verwaltungen und Milizen, die an ihre Stelle getreten sind, werden von der Bevölkerung zu großen Teilen nicht respektiert. Gerade die Milizionäre stehen sinnbildlich für die Unfähigkeit der privatisierten Regierung, der Unzufriedenheit der Menschen anders zu begegnen als mit physischer, häufiger noch psychischer Gewalt. Es gibt keine verbindliche Ordnung mehr, an die ein Großteil der Menschen glaubt – und die im Kapitalismus zwar viel besungene, aber der Unbarmherzigkeit seiner Realität oft zum Opfer fallende individuelle Freiheit bahnt sich zumindest in der Sprache neue Wege.


Im Rahmen von „Im Herzen der Gewalt“, der Nacht der Übersetzung im Institut français Berlin am 16.09.21, stellte Milena Adam ihr Journal vor und war mit Alain Damasio im Gespräch.

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Nacht der Übersetzung 2021 - Übersetzen im Herzen der Gewalt.

Fußnoten
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PDF

Milena Adam wurde 1991 in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Französischen und Englischen. Zuletzt erschienen in ihrer Übertragung Sandra Newmans Romane Ice Cream Star (2018) und Himmel (2020) im Verlag Matthes & Seitz Berlin.

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