Journale Sahnige cremige notwendige herrliche Lügen.

Sahnige cremige notwendige herrliche Lügen.

Journal zur Übersetzungsarbeit an Mary MacLanes Ich. Aufzeichnungen aus meinem Menschenleben

Teil 1: Journal
Teil 2: Glossar
Teil 3: NichtJournal
Zweisprachige Leseprobe
Die Übersetzung

Teil 1: Journal

10.01.2021

Mo- Mo- Morgen

Dorothea Schlegel, Macbeth V,5:

Morgen, und morgen, und dann wieder morgen,
Kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag,
Zur letzten Silb auf unserm Lebensblatt;
Und alle unsre Gestern führten Narren
Den Pfad zum staubigen Tod. Aus, kleines Licht!

Hier also kommt Mary MacLanes To-morrow her in ihrem Tagebuch-Buch I, Mary MacLane. A Diary of Human Days, diesem Journal-Futteral, in das sie ihre Tage – schiebt? In das hinein sie sie verpackt?

Übersetzt?

Sie sitzt in der abgelegenen Bergarbeiterstadt Butte (Montana).

Wie soll man übersetzen, was man bei dem Wort Butte assoziiert? But bedeutet ‚aber‘, button, ‚Knopf‘, klingt mit an. Mary, 1881 geboren in Manitoba, wuchs zunächst in Kanada auf, hörte Französisch zumindest mit. La butte, die Anhöhe, der Erdhügel. Innerlich nenne ich MacLane inzwischen Mary – nicht aus fehlendem Respekt oder gar, weil man das bei Frauen leichter so macht, sondern mit ihrem Einverständnis: Ihr Schreibunternehmen setzt darauf, dass wir sie aus großer Nähe, von innen, körperlich und geistig und wieder körperlich kennenlernen.
      Der erste Satz: „It is the edge of a somber July night in this Butte-Montana.”
      Butte bedeutet Tafelberg oder Härtling. Auch Spitzkegel kommt in Frage. Spitzkegel stehen um Butte herum bzw. wurden dort aufgeschüttet. Kupfer baute man ab, dank der aufkommenden Verbreitung der Elektrizität boomt das Geschäft. 1911 gilt Butte als größte Stadt Montanas.
      Ein Spitzkegel-Butte wird es im Deutschen also werden. Und ein Nachdenken über das Aufschütten und Abtragen von Buchstaben, Wörtern, Fügungen, Zeiten, Satzfolgen – das statthat, wenn man etwas oder gar jemanden übersetzt.
      Was im Fall Mary MacLanes, die ständig über ihre MacLanehaftigkeit und das Schreiben dieser MacLanehaftigkeit nachdenkt, zu einem Unterfangen (Auffangen, Mitfangen, Laufen, Schauen, Greifen, Suchen) in Spiegelschrift wird: Wer bin und werde ich, angestoßen von ihr und ihrer Stimme – um am Ende ihre deutsche Stimme zu sein.
      Für dieses Journal, Tag um Tag, in diesem Knopf&aber-Berlin.

 

12.01.2021

#: Übersetzen als Mondarbeit.

Der Mond ist eine Kugel, deren eine Seite der Erde für immer abgewandt bleibt.
      Der Mond wandert um die Erde und dreht sich dabei um sich selbst. Die Erde dreht sich ebenfalls um sich selbst, während der Mond sich um sie und sich selbst dreht. Es gibt also viel Bewegung. Weil der Mond sich mit derselben Geschwindigkeit um sich dreht wie die sich um sich drehende Erde, sehen wir stets die gleiche Seite unseres Trabanten. All seine anderen Teile dreht er in unserem Tempo von uns weg. Die Tempogleichheit ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Interaktion: Die Erde hat den Mond gebremst. Und der Mond seinerseits bremst die Drehung der Erde, doch da sie viel schwerer ist als er, dauert es noch etwa 200 Millionen Jahre, bis der Tag 25 Stunden hat. Danke Mond!
      Übersetzen als Mondarbeit.

# Übersetzen: Kreiselndes und Nichtkreiselndes, das aufeinander einwirkt, miteinander bewegen. 

# Übersetzen: Etwas widersetzt sich. Es steht aus dem grünen Weideland heraus, wittert und wettert für sich.
 


14.01.2021

Mary ist 36 Jahre alt, als sie das Journal schreibt. Ihr erstes Buch (1902), dem sie den Titel I Await the Devil's Coming geben wollte, hatte für Furore gesorgt. In ihm spricht eine junge Frau – offen, freizügig, bisexuell. Die einen verlachen es, andere regen sich auf, das Publikum kauft sofort 100.000 Exemplare. Damals sagte man: „Rau, ehrlich, sinnlich, extrem.” Heute versucht man,  Mary MacLane unter dem Etikett „Die erste Bloggerin“ zu vermarkten.
      Biographisch sind ihre Texte, gewiss. Zugleich sind sie kunstvoll, literarisch, eigenwillig im Stil. Mary hat Geld, reist, wird berühmt.
      Man regt sich über ihr Bohèmeleben auf.
      Ich finde aufregend: Hier denkt eine Frau über den weiblichen Körper nach, über Gender und Sex, und spricht es aus. Sie beobachtet sich selbst – genau, akribisch, schonungslos, beschreibt gesellschaftliche Enge, Grenzen, den eigenen Trotz – ohne Rücksicht auf andere oder sich selbst.
 


Als sie das Journal verfasst, ist sie nach Butte zurückgekehrt, in den keineswegs bequemen „Schoß“ der Familie. In dem Jahr, in dem das Buch erscheint (1917), schreibt und dreht sie den Stummfilm Men Who Have Made Love to Me, in dem sie sich selbst spielt. Als eine der ersten, heißt es, durchbricht Mary MacLane die vierte Wand der Guckkastenbühne, indem sie das Publikum direkt adressiert.

1929 wird Mary MacLane tot in ihrem Hotelzimmer in Chicago gefunden, in dem sie, zunehmend aus dem Licht der Öffentlichkeit gerückt, jahrelang lebte. Die Presse spricht von Suizid, andere berichten von einer Tuberkuloseerkrankung als Todesursache. Umringt von alten Zeitungsausschnitten, gehüllt in ihre schönsten Kleidungsstücke, hat man die einst berühmte Autorin gefunden.

Ich übersetze ein drittes - und letztes Buch.
      Ich kreise. Kreisen ist eine zentrale Bewegung in Marys Journal:
      Das Kreisen der Gedanken.
      Die im Kreis führenden Spaziergänge.
      Die Wiederkehr der Tagesmuster.

Ich beginne mit Bewegungen: umkreisen, einkreisen, öffnen.
      Mary schreibt über die beiden Kleider, die sie besitzt.
      Kleider kreisen den Körper ein.
      Welchen Umfang hat der Körper, welchen hat Mary?

Durch Einkreisung entstehen ein Innen und Außen. Marys erster Eintrag, Feuerkasten Marke Eigenbau:

– in jedem Menschen gibt es ein Selbst, eines, das lebt und sein eigenes süßes, eitles, ein wenig erschreckendes Wesen treibt, nicht in der Tiefe und nicht auf den Oberflächen, sondern Gleich-Unter-Der-Haut. Es ist das Selbst, das man sich ganz allein für sich selbst hält. Es ist die Essenz der Seele und der Knochen. Es ist das Durchtriebenste und Scharfsinnigste, das der Mensch besitzt. Es ist das Einsamste: tragisch einsam. Es bedeutet endlose, endlose Eingeschlossenheit – schön, erschreckend, barbarisch, beschämend, trivial bis zum Wahnsinn, dauer-anwesend, für einen selbst unglaublich faszinierend, leidenschaftlich versteckt: versteckt für immer, für immer–

Mein Ziel ist es, all dies in diesem Ich-Buch zur Sprache zu bringen: nichts Tiefes, außer es steigt an die Oberfläche und berührt die Sache, nichts Oberflächliches, außer es geht unter die Haut. Nichts als das flache unscheinbare blutige Ich Gleich-Unter-der-Haut.
      Ich werde daran scheitern, zum einen, weil mein Schreibtalent den delikateren Aspekten der Aufgabe nicht gewachsen ist, vor allem aber, weil ich nicht einmal mit mir selbst sonderlich ehrlich bin.
      Aber ich werde darauf hinarbeiten.

Wenn eine Übersetzung zu machen heißt, einen Mond zum Planeten des „Originals“ zu erstellen, so bedeutet dies:

Auf Abstand bringen.

Aber aus dem gleichen Gestein (nicht demselben).

      In Bewegung versetzen.

Die Rotationsgeschwindigkeit angleichen.

            Sich gemeinsam weiter durch den Raum bewegen.

         Anderen Monden begegnen.

      Eine eigene Position beziehen

Teile des Originals werden von dem neuen Gestirn (Text) aus immer versteckt bleiben. Für mich ist dies Teil der spezifischen Schönheit einer Übersetzung: sie ist unvollständig – und weiß darum.

# Übersetzen: Ich geste mit diesem Denken bereits Marys Metaphernbildung nach.

Langsam sage ich „Mary MacLane“. Das soziale MM-Wesen versucht, in seinem Ich-Tage-Buch das Innen-Marywesen herbeizuschreiben und zum Sprechen zu bringen.
      Dieses Ich-spreche-ich-an erzeugt die Genauigkeit des Textes.
      Es treibt Mary MacLane und Mary (die Mary des Textes) vor sich her, aufeinander zu,
aneinander vorbei.
      Ich geste/geistere das im Nachdenken über das Übersetzen und im Übersetzen doppelt nach.

 

15.01.2021

Mo-Mond / Mund

Gleichgültig, auf welcher Seite einer Kugel man steht: immer weiß man, dass es die andere Seite gibt. Alles, was zu dieser anderen Seite führt, ist Horizont.

# Übersetzen: Fahrt  Bewegung   Sicht              

Hier und in diesem Knopf-Berlin, in dem es schon wieder dunkel ist, und wir alle aussehen wie Halbmonde mit den Halbmondschnitten eng sitzender Masken im Gesicht.


 

16.01.2021 (Zum Aufbau der Einträge)

Vor dem Übersetzen: Strukturen verstehen.
      Wie Virginia Woolf unterscheidet Mary MacLane zwischen Leben und Seele, life and soul, zwischen Innen und Außen – aber nur, um es umeinander zu winden wie einen Handschuh, den man umstülpt und umstülpt und umstülpt. Die Unterscheidung wird gebraucht um nachzudenken, nachzufühlen – also um aufgehoben und wieder eingeführt zu werden. Und was wird geschrieben? „Leben!“
      Allerdings eben so: wie es sich schreibt und aufschreiben lässt. Geschrieben werden das Schreiben und das Aufgeschriebene.
      Zum Einstieg verwendet Mary gern einen ungewöhnlichen Vergleich. Ihm folgt ein Hin und Her zwischen Mary-MacLane-Welt, Mary-Maclane-Witz(en), MaryMaclane-Selbstironie, Mary-MacLane-Bescheidenheit, Mary-MacLane-Eigenheiten. Bilder, Ausflüge, Seitenhiebe. Abgeschlossen wird der Eintrag durch Anbindung an seinen Anfang, häufig durch ein Aufgreifen der Überschrift, deren Sinn sich erst nun enthüllt.
      Das Journal ist autobiographische Fiktion. Schreiben aus dem eigenen Lebensstoff, aus dem Körper. Lokal personal – zugleich durchzogen von Anspielungen auf Geschichte und Politik, die Bibel, das Kulturleben, die Dichtung.
      Ich frage mich nach dem Grundgestus dieses Schreibens. Was ich damit meine? Etwas, das ich wie einen Geruch wahrnehme, eine Spur. Und brauche, um überhaupt damit anfangen zu können, auf Mary-Deutsch zu sprechen.
      Mary verkettet. Mit Hilfe von Bindestrichen hängt sie Wörter aneinander. Sie Substantiviert. Emphase auf dem Sein. Schrift als Welt-Bildung. 
      Mary schreibt einen Brief An Gott, zu Händen der Pfeifenden Winde

Und an einem Sommertag im Central Park in New York sah ich einen kleinen Gelben-Gelben Schmetterling, wie er im nachmitttäglichen Sonnenlicht über einem Stück glänzend Grünem-Grünem-Gras flatterte. Ihnen, Gott, der Sie an den Purpurglanz ungenannter Welten gewohnt sind, scheint das vielleicht nicht bemerkenswert. Mir aber schon – weil ich mich so vielen Nebensächlichkeiten verwandt fühle –, das Gelb-Gelb dieser zarten Flügel und das süße helle Grün des geschnittenen samtigen Grases unter der Sonne drangen plötzlich mit Heftigkeit in mich ein und pochten-pochten kräftig an meine Vorstellungskraft. Ah, der Glanz und der Tanz dieses hübschen elfengleichen Wesens! Niemals werde ich dieses Bild vergessen, selbst wenn ich eines Tages diese anderen Welten erblicken sollte. Es führte dazu, dass ich damals leidenschaftlich an Sie dachte, Gott – und so ist es geblieben. Das besondere Stück Gras gibt es noch im Central Park, und wenn nicht diesen Gelben-Gelben-Schmetterling – wie selig, selig Gelb er war –, dann einen anderen!

MacLanes Yellow-Yellow Butterfly ist ein Individuum. Intensiv, dicker Pinselstrich. Er ist dieser eine, da, in diesem Park, an diesem Morgen, über diesem Stück Gras. Heute wird er ein anderer sein.
      Die Welt ent-faltet sich: erinnerte Welt, erlebte Jetzt-Welt, vorgestellte Jetztwelt, zukünftige Welt. Und die alles ist nur „außen“.
      Dazu erinnerte und/oder projizierte Gefühle und Gedanken. Früher, jetzt und in Zukunft. Im Kopf „als Gedanken“ – und nun in Sprache (im Tagebuch): der aufgespießte, dennoch weiterhin lebendige, Schmetterling. Gedanken und Gefühle „im wake“ der Sprache – in ihrem Kielwasser, ihrer Wachheit, ihrem Bewusstseinsraum.

 

19.01.2021 (Körperlichkeit)

Eine Übersetzung berührt die andere. Zuletzt überarbeitete ich meine Übersetzung der Gedichtbände Wilde Iris und Averno von Louise Glück. Drei intensive Wochen im Oktober: Nichts anderes mehr als gehen/denken/sprechbewegen im engen Käfig der Verse und ihrer deutschen Wiedererstehungen. Im Übersetzen des MacLaneschen Journals: größere Weite. Ein vollkommen anderer Ton. Sprachgestaltung durch Neologismen, grammatische Neuverkettungen, den „flow“ der Sätze zurück ins (geschriebene) Ich.
       Die letzte Arbeit klingt aus, verklingt. Ich übersetze Prosa. Diese Prosa freut sich am Erfinden neuer Wörter. Sie genießt Neo-Logismen – mit einer Betonung auf dem neu-und-anders logisch Sein. Ich darf dies ebenfalls. Ich darf ent-binden.

Louise Glücks sprachliche „Einfachheit“ verhält sich beim Übersetzen wie ein Sonnenfischchen: klein, silbrig, gleitend, entgleitend.
      Diese Schwierigkeiten habe ich bei Mary (noch) nicht. Ich springe, genieße, freue mich und bekomme ein ICH geschenkt.
      Sie erschreibt es sich, schreibt es herbei.
      Ich hör-halte es.
      Das sind zwei Mondbewegungen in einer.
      Übersetzung: die andere Seite des Mondes.
      Andere Seite des Mondes im übersetzten Text: das Original.
      Konsequent weitergedacht bedeutet dies: Im Original selbst stecken von vornherein die aktivierten, dabei aber versteckten Übersetzungsentscheidungen = die implizite (mögliche) Interpretation, die das Gebilde von hinten hält – wie die eine Seite der Kugel die andere hält und aus der Vorderseite der Kugel mitzuerraten, zu spüren ist.  

Maryishness: Adersystem, Gedankensystem  

Vergleiche, Sprichwörter, Anspielungen auf literarische Texte. Mary bewundert den Dichter John Keats. Auch weitere englische romantische Poesie schätzt sie. Abends sitzt sie auf dem Boden ihres Zimmers, Gedichte lesend.
      Abends, im Zimmer, sitze ich auf dem Stuhl, ihre Sprachkunst bewundernd. Was leicht gesprochen scheint, so dahinfliegt, ist

        x                            x

____________             ____________

untergründig       unterströmig

                                                                      gebaut.

Auch körperlich bin ich eine Heidin, was die Freiheit meiner eigenen sexuellen Gefühle angeht – darin gleiche ich allen Frauen. Die meisten von ihnen wissen es nur nicht, und jene, die es wissen, verstecken es in Grabesstille, alle außer den Schamlosen, den Kopfüber-Ehrlichen und den zu jeder Verstellung unfähigen Ehrlichen. Auf mich passt keine dieser Kategorien. Ich bin Ich. Ich lebe allein und denke allein für mich nach.
      Mein Körper fühlt sich bewusst davon abgehoben und wie eine einigermaßen eigenständige Person: mit inneren Organen als ewiger Zuversicht, glatter Haut als Gefühl, mit Blutstropfen als Gedanken – kleine Tropfen spritzigen, roten, kräftigen, süßen Blutes als Gedanken.
      Ich liebe meinen Körper über alles, wie er lebt, atmet und sich mit und nahe bei mir bewegt. Er ist mein überaus dauerhafter Begleiter. Er ist ein attraktives Mädchen, ein Menschenkind von beträchtlichem Liebreiz. Ich liebe ihn um der unbezahlbaren Luft willen, die er atmet; um der langen, juwelengleichen Sonnentage willen, die er erlebt hat; um der kleinen Verschleißerscheinungen seines Alltags willen – und dafür, wie sich seine zauberischen Gewebe bei jedem Gang die Treppe hinauf oder herab und bei jedem Überschreiten der Türschwelle gegeneinander verschieben.


                                       (Eine einigermaßen eigenständige Person)

Zauberische Gewebe?
      Was ist damit gemeint?
      Nun, ist es nicht deutlich genug? Mary spricht von ihrem weiblichen Körper. Von seiner Anatomie und den Gefühlen, die diese Anatomie ihr schenkt. Beim Treppengehen etwa. Hängt immer davon ab… wie man geht. Wie bekleidet man dabei ist. Was sich wogegen verschiebt.
      Die Übersetzung liest mit.
      Liest die Anatomie mit. Liest Mary MacLanes Journal als eine von einem weiblichen Körper gestützte, von ihm durchdrungene Prosa.
      Der Körper selbst: die rückwärtige Seite des geschriebenen Mondes. 

 

20.01.2021 (Lockerung)

Mary MacLane erschreibt sich Mary-MacLane als die Trajektorie eines Ichs, das durch den Text entsteht: eine erfundene, sichtbare Figur.
      Ein Bogen wird be/erschrieben.
      Ich sehe/fühle, wie sie ihre Wörter in grammatische Strukturen einstellt, grammatische Stützen braucht, um zu denken.
      Sie schreibt „things“. Ich denke „was“.
      Sie schreibt von „matter“ = „things“, ich denke „Materie“, „etwas“, „etwas ausmachen“, „wichtig sein“.
      Ich versuche, mit Mary im Deutschen weiterzudenken, was ihrem Denken, das gern durch Wortzusammensetzungen neue Denk-Cluster bildet, entgegenkommt. Ich denke: was wäre „matterness“.
      Matterness, matterly. Mattressness.
      Mistressmattressmaterlymessness.
      Unsinn?
      Einkreisung.
      Regelmäßig werde ich gefragt, ob ich, was ich übersetze, für das eigene Werk „brauchen kann“. Nun ja. Niemals direkt.
      Dies aber kann ich brauchen: den „Un-Sinn“, den Schwindel zwischen den Sprachen.
      Zunächst ist er nichts.
      Ein Bogen.
      Er lockert die Semantik. Den Zusammenhang. Bringt auf Ideen.

BEWEGUNG
                                                  (f)ever

fight flight fornicate funny

 

21.01.2021 (Zorn)

Ich folge einer Diskussion, in der die britische Schriftstellerin A.L. Kennedy darüber spricht, wie sie versucht, Zorn und Wut produktiv in Texte umzuleiten. Engineered Rage nennt sie das Ergebnis: ein Zorn, dessen Energie ihr, nicht anderen, zufließt und der sich in verbales Handeln umsetzt.
      Auch Mary MacLane bewegt sich in diesem weiblich-schwierigen Feld (eine wütende Frau: wie kann sie sich äußern – ohne sich „lächerlich“ zu machen etc.):

Unbeteiligt lebe ich in diesem Spitzkegel-Butte und spiele nach außen die Rolle der Familientochter ohne Aufgaben.
      Dieses Butte ist ein Ort, der nicht zu mir passt.
      Keinen einzigen Menschen habe ich hier zum Freund, niemand entspricht mir. Und Die Natur hätte mich nicht mal in einer ihrer verblüffendsten Launen in die Rolle der Familientochter gesteckt. Drei Dinge haben mich in den letzten vier Jahren hier festgehalten: der Umstand, dass nichts von außerhalb nach mir verlangte; ein von der Familie ausgeübter Druck, fein wie eine kleine Nadelspitze, die einen sticht, kaum bewegt man sich; und dass es derzeit der Weg des geringsten Widerstandes ist, hierzubleiben.
      So sind Frauen: Sie gehen den Weg des geringsten körperlichen Widerstandes, außer ein gewaltsamer Grund – wie Liebe oder Hass oder Eifersucht oder ein Baby oder verletzter Stolz oder die Sporen des Ehrgeizes – zwingt sie zu einer gewaltsamen Tat. Ich bin ihm in diesen Jahren äußerlich ruhig, innerlich wütend gefolgt – wütend auf eine matte Art, die mich fertigmacht.
      Die Jahre, die Unterwerfung und die Wut setzen sich zu einer Stimmung zusammen, die mich einschließt, antreibt, verdammt und erhebt.
      Sie ist voller Kraft, diese Stimmung, obwohl ich selbst nicht kräftig bin.
      Diese Stimmung ist dieses Buch. –

Später: Sternfunkeln, Alleinsein.
      Stark empfundene Diskrepanz.
      Sprachliches Dis-krepieren an der Grenze zwischen Innen und Außen: Was zeige ich von mir? Welche Kleidung trage ich. Wie fühle ich mich. Innen- und Außenleben stimmen nicht überein.
      Mary ist wütend: Sie schiebt/verschiebt Wörter.
      Ich will diese verschiebende Energie in ihrem deutschen Text bewahren. Oder sogar stärken (weil man auf dem Übersetzungsweg immer etwas verliert).
      Und ihre Zweifel nie übertönen.

 

23.01.2021 (semantische Arbeit)

#: Ist Übersetzen ein Ent-Sprechen?

Eine Art Sprachsuppe entsteht: in ihr treiben Wörter, einzeln oder in Clustern. Sie bilden ein Klangfeld, die Vorgestalt eines Satzes: meine Vorstellung des zu übersetzenden englischen Satzes in seiner transformierten Gestalt. 

Süße blutige Schweißtröpfchen:

Habe ich einen besonderen M.-Mac-Lane-Gedanken, den ich zum Ausdruck bringen will, gehe ich die oberste Lage meines Wort-schatzes durch, um etwas Passendes für ihn zu finden. Alle Wörter in dieser obersten Etage sind sehr freundlich – sauber gewaschen und gekleidet, mit gekämmten Haaren und herausgeputzt wie die Kinder einer kleinen Privatschule: Wörter wie Notwendig und Unschlüssig und Steingut und Misslichkeit und Bouillon und Kundtun: gute Wörter und nützlich, wenn der Gedanke, den man hat, radikal ist oder gewagt und unbedingt festgehalten werden muss. Ich rufe einige von ihnen zu mir und befrage sie, betrachte sie, denke ein wenig nach und entscheide, dass keines von ihnen passt. Also greife ich zur untersten Etage: die ungepflegtesten Wörter in der dreckigsten Kleidung: Wörter wie Latschen und Schnappen und Funzel und Hühnerhof und Ortblech und Platschen. Sofort weise ich sie zurück als viel zu nachlässig gemacht, um sich mit meinen prägnanten Gedanken zu verbinden. (Aber für meine ungekämmten, ungepflegten, rußgesichtigen Gedanken greife ich auf sie zurück). Dann gehe ich durch eine Etage von geheimnisvollen Wörtern, schmuck, aber mit unglaublichen Vagabundengesichtern: wie Wellhorn und Spindeldürr und Strahlpolster und Knoppel und Behände und Hohlglas. …

Aus dem aufrechten, gestelzten „apprise“ wird das ebenfalls geschwollene, nicht gerade mediengeschwinde „Kundtun“; aus der „Hennery” der laute Hühnerhof, aus Chape, das an cheap anklingt, das semantisch mögliche „Ortblech“ mit der Verbindung zu blechernem Klang oder der Redewendung „Blech reden“.

Ent-sprechen: verschieben. Aus der Sprache holen. In eine neue legen/setzen/stellen (put). Auch dies aus der Sprache holen.
 

Teil 2: Glossar

Das Mitternachtskartoffelgefühl

Hannah Arendts Denktagebuch in die Hand genommen. Weil Übersetzen und Gedanken entbinden miteinander verbunden sind. Gedanken entbinden in der einen Sprache. Sie denken in der anderen.
      Wie kann man im Übersetzen denken?
      Welche Gedanken entbindet das Übersetzen?
      Welcher Raum entsteht im Übersetzen?

Er pfeift, ist hell, eigen, fremd. Ein Aufenthaltsraum, in dem ich es, leicht zurückgelehnt genieße, nicht selbst inhaltlich erfinden zu müssen. Ich genieße das Gefühl des Anstosses. Im Übersetzen fahre ich selbst (steuere die Sprache) und werde doch gefahren (im Vergleich zum eigenen Schreiben, bei dem nichts bereits da ist – festgehalten, ins Trockene gebracht).
      Seit der Lektüre von Marys Journal nenne ich es das Mitter-nachtskartoffelgefühl.
      Sie schwärmt davon, wie schön, befriedigend, ultimativ erhebend es ist, um Mitternacht, heimlich an die Tür der Vorratskammer gelehnt, eine kalte gekochte Kartoffel zu essen.
      An dem Abend des Tages, an dem ich das übersetzt hatte, kochte ich Kartoffeln, ließ sie kalt werden, kostete die Mitter-nachtskartoffel. Zu verspeisen, wenn einem um Mitternacht der Magen wieder richtig knurrt.

Mary (Zum Ausgleich schenkt mir Gott):

Schreibend wird es mir nie gelingen, mehr als ein Zehntel meiner Vorliebe für Kalte Gekochte Kartoffeln zum Ausdruck zu bringen. (doch!)
      Eine Kalte Gekochte Kartoffel ist immer etwas, was aus dem Stegreif passiert, und das ist einer ihrer Hauptvorzüge:

Doch, Mary, ist dir gelungen.
      Mitternachtskartoffelgefühl: KONZENTRATION auf das sprachliche Gewand.

 

Schere

In Ludwig Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen findet sich das Bild des Friseurs, der immerzu mit seiner Schere klappert. Auch ohne einen Schnitt zu setzen. Doch Instrument und Hand müssen in Bewegung bleiben. Das Klappern der Schere, ohne Schnitt, hält den Gedanken (die Suche) in Gang.
      Im Bild wird gesagt: es gibt keine Essenz „hinter“ den Wörtern. Essenz ist die Sprache selbst. Übersetzung geschieht nicht primär semantisch, sondern gehalten (gefangen) in den in der jeweiligen Sprache gespielten Sprachspielen.
      Kulturelle und historische Differenzen haben mit ihnen zu tun.
      Ich übersetze heute, bewege Sprache von heute. 
 

Gefallen (finden)

Mary übersetzt sich sich selbst. Sie buchstabiert sich sich aus. Sie fragt nach der Rolle von innen und außen, nach der Rolle des Ichs, des Lebens in ihrem Kopf.
      Es gibt keine Mary MacLane. Sie ist die Texte. Also wird sie im deutschen Text eine neue MM.
      Ich höre eine Mischfigur. Eine doppelte Nacherfindung. Eine Figur, die die Projektion einer Figur nach einer Figur erlaubt. Wenn ich sie lese – sprechen höre – umerfinde.
 

Stoff/e

Voile, Serge.
      Ich kenne diese Stoffe nicht. Mary setzt die Vertrautheit mit ihnen als selbstverständlich voraus. Ich übernehme sie.
      Sie versucht, ihren Körper aufzubauen.
      In dem Eintrag Eine fadenscheinige Verdammnis stellt sie sich mit Hilfe der beiden Kleider vor, die ihr gehören:

Eine fadenscheinige Verdammnis

Morgen

Ich besitze zwei schlichte schwarze Kleider und sonst keine.
      Mehr brauche ich nicht.
      Mit diesen beiden Sätzen sind der Kern und der Grundton und die fadenscheinige Verdammnis meines Lebens erfasst, so wie es vor mir liegt: meines Lebens, nicht meiner Selbst, denn mein Selbst lebt nackt in der Arena meines Lebens.
      Aber den Umfang meines äußeren Lebens bestimmen meine Zwei Schlichten Kleider. Meine Zwei Kleider zeigen an, wie weit ich mich augenblicklich entfernt finde von der weiten Welt der Dinge.
      In der Welt der Dinge wird eine Frau nicht hauptsächlich nach ihrer Sittsamkeit beurteilt; nicht unweigerlich nach ihrem Ruf; nicht ausschließlich nach ihrem Vermögen; nicht zweifellos nach ihrem Sozialprestige; nur im Verhältnis zu anderen nach ihrer Schönheit, und was ihren Verstand angeht oder dessen Fehlen – lalala! In der materiellen Welt wird sie schlicht, vollständig und ausschließlich nach ihrer Kleidung beurteilt. Das ist stillschweigend so ausgemacht und beschlossen und gilt für den gesamten Erdkreis – wo auch immer Frauen weiblichen Geschlechts sind und von Männern verfolgt werden.
      Aber nein, daran ist nichts ungerecht. Keiner einzigen Frau gegenüber. Es ist das gerechteste aller ungeschriebenen Gesetze.
      Nur einige wenige Frauen, ein paar von besonderer Art, können ihr inneres Feuer oder die Tatsache, dass sie Menschen sind, ausdrücken, indem sie schauspielern oder sich den Sufragetten anschließen oder singen oder malen oder schreiben oder Kurse in Heilkunde oder Haushaltsführung besuchen. Aber nicht eine einzige lässt sich finden – von der herumziehenden Roma, rotblütig und starkherzig, zur überbehüteten, überzüchteten britischen Prinzessin –, die, was sie ist, nicht darin ausdrückte, welche Kleider sie trägt und wie sie es tut.
      Ihre Kleidung verdeckt und enthüllt, auf kunstvolle, widersprüchliche, nie an ein Ende kommende Art.
      Ein weites, weites Feld.
      Kein Schauspieler könnte den Hamlet geben ohne sein perfektes hamlethaftes schwarzes Kostüm.
      Das nüchterne schöne Habit einer Nonne legt nach innen und außen dar, was es bedeutet, sie zu sein.
      Eine Frau kann nackt ausgesprochen rein aussehen; auf die übliche sittsame Weise gekleidet, bringt dieselbe Frau es möglichweise nur auf ein schäbiges, schauriges, abstoßendes Erscheinungsbild.
      Man wird durch seine Kleider entweder gemacht oder umgebracht.
      Eine Frau kann durch die Machart und den Stil ihrer Gewänder mehr von ihrem Verstand, ihrem Ich, ihrem Charakter, ihrem Gemüt, ihrer formbaren, pulsierenden Persönlichkeit zeigen, als wenn sie eine Bombe würfe, eine gute oder schlechte Nachspeise zubereitete, ihre Unschuld verlöre oder ihren Nachbarn verleumdete. Der Keim und das Schattenbild und die Wahrscheinlichkeit für jede dieser Aktionen stecken im Stil und der Form und den Details ihrer Kleidungsstücke.
      Eine Jury glaubt, sie fälle ein Urteil darüber, ob eine Frau ein Verbrechen begangen hat. Einige der zwölf Gerechten geben vielleicht im stillen Kämmerlein nur vor sich selbst zu, dass sie die Frau nach ihrer Augenfarbe, der Form ihres Kinns oder den Kurven ihrer Schultern beurteilen. In Wirklichkeit aber ist es einzig die Kleidung, nach der sie unbewusst urteilen, ob sie einen Mord, Diebstahl, Betrug, oder was immer ihr vorgeworfen wird, begangen hat. Kann sein, dass ein verführerisch schäbiges Kleid sie vor dem Galgen rettet. Kann sein, dass ein Hut, der im falschen Winkel auf dem Kopf sitzt, für schuldig befunden und zum Tode verurteilt wird. Ein Handschuh in ihrem Schoß, ein wehender Schleier, ein kleines weißes Taschentuch, das neben ihrem Stuhl auf dem Boden liegt – das ist, wonach das Gericht entscheidet, ob sie freikommt oder ums Leben.
      Aber ich spreche über Mich. Mich und meine Zwei Schlichten Kleider.
      An mir machen ein elegantes Kleid oder eines, das mir nicht steht, einen überraschend großen Unterschied. Ich drücke meinem Aufzug mein gemischtes Temperament auf, und er vergilt es mir auf seine Art.
      Einmal sah ich aus wie ein hübsches junges Wesen – es war in New York an einem Samstag im August – ich trug ein für mich geschneidertes Kleid aus besticktem Leinen. Und dazu einen wunderbaren Hut: seine Farbe war ein blasses Olivgrün: sein Material war weiches Mailänder Stroh: sein Preis betrug vierzig Dollar. Meine Schuhe waren aus grauer Seide. Ich gefiel mir an dem Tag so sehr selbst, dass ich schon fürchtete, mein gesamtes Schreibtalent sei dahin. Denn Gott nimmt den Zucker weg, wenn er einem das Schlecken erlaubt. Und in unpassender Kleidung – an manchen Tagen kriecht einem das Wetter, der Teufel, die Feuchtigkeit des Lebens in die Stoffe, und noch die besten sehen dann unpassend aus – habe ich nichts als ein Durchschnittsgesicht, durchschnittlich von oben bis unten – so durchschnittlich, dass ich kaum mehr selbst an mein schurkisches Naturell glauben kann und mich halbwegs für ein braves weibliches Wesen halte.
      In einem Leben voller Menschen besäße ich verschiedenste zarte, wunderschöne Kleidungsstücke, da man allein nach ihnen beurteilt wird und ich ziemlich eitel bin. Aber in meinem Leben gibt es keine Menschen. Das Ganze ist völlig aussichtslos. Ich fühle mich in eine Schraubzwinge eingespannt, die ich mir mit meinen analytischen Folgerungen selbst gemacht habe. Die Freiheit, ein weltliches Leben zu führen, kommt mir nicht zu, bis ich nicht Mich selbst ausgedrückt habe und wenigstens erfahren habe, wo ich stehe, wenn ich schon nicht weiß, wohin ich gehe.
      Daher besitze ich Zwei Schlichte Kleider und nichts sonst.
      Mehr werde ich vielleicht auch nie mehr brauchen.
      Derzeit sind die beiden Kleider aus Serge und Voile. Ich ersetze sie, wenn die Mode sich verändert oder sie abgetragen sind. Sie sind gut geschnitten und passen mir gut. Aber es bleibt bei den beiden und der Schlichtheit. Ich wechsle immer nur von dem einen Kleid zum anderen und vom anderen wieder zu dem einen.
      Außerdem habe ich noch ein paar andere Kleidungsstücke. Eine Frau – in welcher Verfassung sie innerlich wie äußerlich auch sein mag – sammelt, was sie nur kann an handgenähter Unterwäsche, anmutigen Nachthemden, Seidenhöschen und allem, was sonst noch so dazugehört. Sie bekleiden eher das Geschlechtswesen als die Person. Die ahnungslose Welt kann sie nicht nach ihnen beurteilen Aber die Frau selbst beurteilt und achtet sich auf Grund der Güte ihrer intimen Kleidungsstücke.
      Mein Geschlecht erscheint mir als geheimnisvolles Geschenk. Ich staune es an und umkleide es mit Seide.
      Darüber hinaus besitze ich ein oder auch zwei gesund aussehende Hauskleider aus Perkal, in denen ich die Hausarbeit verrichte.
      Aber mein dahinschwindendes Leben, mein ängstliches, einsames Leben, wird in den Zwei Kleidern und nichts sonst geführt, und ich brauche nicht mehr.

 

Virginia Woolf kritisierte an den konventionellen Romanen ihrer Zeit, dass die Autoren ihre Figuren als fertige Modellpuppen aus der Erfindungskiste der Romanstoffe zögen. Sie hingegen füge Lehmklumpen auf Lehmklumpen, Eigenschaft an Eigenschaft, Erinnerung um Erinnerung und baue auf diese Weise ihre Figuren jeweis neu auf. Mit dem Ziel, den moments of being, dem Leben und seiner Bewusstseinswirklichkeit auf diese Weise näher zu kommen.
      Mary MacLane folgt, aus eigenem Impuls, einem ähnlichen Weg. Sie sieht, dass andere sie als von außen mit Eigenschaften (Normen, Moral, Verhaltensregeln) behängte und immer neu zu behängende Figur betrachten. Oder nicht einmal als das (der Mann, der zufällig mit ihr zu Abend isst, und sie dann küsst: er fragt nicht einmal. Und sie: erträgt es stumm).

Von innen scheint Mary für andere: Leere.
      Mit ihren Büchern füllt sie diesen Raum nicht nur.
Grundlegender: Sie stellt ihn her.
 

Rhythmus

Entscheidend im Aufbau des „Tagebuches“, das sich mit der immer gleichen Angabe „To-morrow“ selbst ad absurdum führt = die konkrete zeitliche Einordnung aufhebt, diese aber als Strukturprinzip (Zeit vergeht durch die sequentielle Lektüre) zugleich aufrecht erhält. Es entsteht  ein begriffliches Feld, das Terrain einer Erkundung, die nicht linear voranschreitet, sondern arrondiert.
      Wie benutze ich die (deutschen) Zeitformen unter diesem Aspekt?

Da war der dickköpfige Säugling in Winnipeg-Kanada, ein Baby mit, wie man mir sagt, weicher Haut, kalten nachdenklichen dunkelblauen Augen, ohne Haar, ohne Stimme, in handgenähten Kleidchen aus Musselin, Gesichtsausdruck fett und plump.
      Die Mary MacLane, die ich heute bin.
      Da war das dreijährige Kind, an das ich mich dunkel erinnere, immer noch in Kanada, immer noch dickköpfig, mit einem kräftigen, fassartigen, rosaweißen Körper, erstaunlichen blauen Augen, einer mickrigen Stimme, dicken sonnenfarbenen Locken, Batistkleidchen, kurzen weißen Socken und mürrischem Naturell. Es gab etwas, das sie liebte: ein gelbes Schildpatt-Kätzchen, das sie umarmte und gewaltsam umarmte, bis es eines Tages überraschenderweise in ihren Armen verstarb.
      Die Mary MacLane, die ich heute bin.

(aus dem Eintrag Ein Leichentuch)
 

Was war, lebt im Heute fort.
      Es spricht: Die Mary MacLane, die ich heute auf Deutsch, in dieser Lektüre bin.
 

Beobachtung

Ich fühle mich angesteckt. Meine Emails klingen leicht maclaneartig. Wie kriecht das eine Sprechen (in fremder Stimme) hinüber in das andere? Ich muss mich MM in meiner Sprache anähneln: Eine Figur, die ich, von außen mit Deutschem behängt, im Inneren umkreise.
      Als Autorin, Übersetzerin, Stoffträgerin.
      Ich übernehme = lasse mich be-drucken.
      Wenn ich ihr Sprechen in meinem Briefverkehr anwende (wetze), kann ich ihren Briefverkehr (MM zu MM) näher schreiben.


Zweistimmig übersetzen

Ich übersetze MacLanes letztes Buch gemeinsam mit Mirko Bonné. Wir schreiben uns mit ihrem Text einen Brief, hin und her, in einer anderen Stimme. Briefe dieser Art gleichen Liebesgeschäften, denn wir haben ständig damit zu tun, etwas zu sagen, was sich nicht sagen lässt und unsere Stimmen einander anzugleichen. Dies wiederum können wir spielen – in dem Theater (Innentheater), das Mary MacLane selbst eröffnet. Eine/r von uns kann immer für den/die andere/n das fehlende Innen oder Außen sein.
      MacLanes Journal handelt von Zweiheit. Wie sie sagt: Two plain dresses and myself.
      Von der äußeren und der inneren Figur.
      Der 18- und der 36-jährigen.
      Unsere Zweistimmigkeit vollzieht das Thema des Buches in der Zweitsprache (=Übersetzung) durch das Sprechen in zwei Stimmen nach.
 

Knete/n

Heinrich von Kleist will Lust und Liebe „innig ineinander [zu] kneten, als einen Teig.“ Beim Übersetzen muss ich daran denken: Wort, Form, Inhalt sind in einem literarischen Text „innig ineinander-geknetet“. Sinnlos, das auseinander nehmen zu wollen. Ich muss neu beginnen. Anderes Mehl, andere Butter, andere Eier. Ich versuche, das „Rezept“ zu erkennen (beschränkt nützlich). Das Entscheidende: ich nehme es selbst in die Hände, folge der Führung. Innig knete ich das Deutsche. So wie Mary MacLane versucht, das Englische z.B. durch Substantivierungen neu zu formen.  

Mein Lebens/Denkraum in der Zeit, in der ich an/mit Mary Maclane arbeite:

─  ich denke über meinen nächsten Roman nach – schreibe an ihm
─  bin alleinerziehende Mutter einer Vierzehnjährigen
─  im Homeschooling
─  in der Pandemie
─  wie viel Kleider habe ich?
─  und was ziehe ich wirklich an?
─  ich muss Gedichte lektorieren
─  das Schreiben von Essays unterrichten
─  nachdenken über die Darstellung von Gewalt in Literatur (und auch dies unterrichten)
─  Fragen wiedererkennen.
─  diese Frage: Wie sage ich ich?
─  und diese: Wie sage ich, was ich nicht weiß, nicht sagen kann.
─  Lesungen machen per Zoom
─  Zukunft organisieren
─  keine Zeit für Spaziergänge
─  um Mitternacht eine kalte gekochte Kartoffel suchen
─  einsam sein, aber auf andere Art als Mary MacLane
─  ein eigenes altes Buch betreuen
─  mich an mich als 18-Jährige erinnern
─  als 30-Jährige
─  tauschen wollen oder nicht
─  an Wale denken, Korsettstangen, Schlachtungen
─  mich zur Ordnung rufen
─  mich an den Text rufen
─  Namen suchen, die sie erwähnt.
─  Leben aufnehmen (mit diesen Namen verbunden)
─  Kaffeetassen zählen, die dabei verbraucht werden
─  etc.

Wir begegnen uns in Ausschnitten. Auch beim Schreiben des Journals hat es für Mary x-Dinge gegeben („Dinge“), die sie bewegten, beschäftigten, nach ihr verlangten. Die sie nicht erwähnte.
      Gleichermaßen arbeiten wir: an einer Illusion der Vollständigkeit.


 

Teil 3: NichtJournal


Gegenwarten
 

Preisfrage der Königlich-Preußischen Akademie der
Wissenschaften 1769: Sind die Menschen, wenn sie
ganz auf ihre natürlichen Fähigkeiten angewiesen sind,
imstande, Sprache zu erfinden? Und mit welchen Mitteln
gelangen sie aus sich heraus zu dieser Erfindung?

Herder antwortet: Du bist das Blökende,
sage der Mensch zum Schaf.

Meine drei-neuen-Kleidungsstücke der Jahre 2020/2021 stammen aus der Welt des Bestellens. Ich trage eine Lederjacke, die ich noch aus der Welt des Einkaufens im Laden habe. Das Virus, meine Mutter sagt der Virus, sie hält das Tier, das keines ist, für einen Mann (vis vires – Männer auf Latein) war bereits da, als ich damals einkaufen ging. Meine drei bestellten Kleidungsstücke hängen nicht im Schrank, da ich keinen Schrank habe.
      Eben auf der Straße beschäftigten sich drei Krähen damit, eine tote Ratte zu zerlegen.
      Auf einen Bewohner Berlins kommen 2.5 Ratten.
      Menschen, die Häuser und Schränke bauen, wissen das.
      Meine drei bestellten Kleidungsstücke sind nur noch eines. Die andere beiden sind auf dem Weg zurück in das Einkaufsland, aus dem sie kamen.
      Einkaufsland ist überall.
      Eine Zeitlang gefiel mir, dass es den Namen eines Flusses trägt, der den Namen kämpfender Frauen trägt, die aus dem Nirgendwo der Geschichte aufschwammen. Über ihre Kleidung ist wenig überliefert.
      Mary schreibt einen langen Eintrag über Lots Frau.
      Ich schreibe dies auf, um das Gefühl zu umreißen, das meine Einsamkeit ausmacht.
      Mary MacLane umreißt ihre Einsamkeit zwischen Walfischknochen und Familie. Sie geht spazieren, ohne zu einer Salzsäule zu erstarren. Oft scheinen die Sterne:

– aber ich liebe mein Leben, noch während ich es Stück um Stück auseinandernehme und es heftig verabscheue. Ich liebe es mitsamt seiner aufreibenden Eintönigkeit, seinen glanzvollen Augenblicken und seinen Tagen voller Schatten, Sturm und bitterer düsterer Leidenschaft –

Unter einem dämmrig samtblauen Nachthimmel, geschmückt mit dem Geschmeide von Mond und Sternen sowie fliegenden, an den Rändern leuchtenden Wolken, gehe ich zurück. Die Nacht strahlt eine unterdrückte Kostbarkeit aus, wie eine schwangere Frau, die nicht verheiratet ist. Ganz geschwollen ist sie von ihrem Edel-Bastard, dem Morgen. Die Nachtluft küsst mir Lippen und Kehle. Ich ziehe meine Handschuhe aus, um sie auf meiner Haut zu fühlen. Sie gibt mir das entzückende, keineswegs erregende Gefühl, ohne Liebe liebkost zu werden.
      Ich kehre in mein blau-weißes Zimmer zurück, nehme meinen Hut ab, fahre mir mit den Fingern durchs Haar, schaue Mich im Spiegel an und lächele auf die melancholisch-bösartige Weise, die ich mir für Mich-allein aufhebe. Ein intimer Moment der Begrüßung – ich erkenne die mir Vertraute, indem ich zu ihr zurückkehre. Oft beim Spazierengehen bin ich ohne Mich unterwegs, entferne mich weit von Mir und vergesse Mich.           
      Dann sitze ich an meinem flachen schwarzen Schreibtisch und schreibe planlos für zwei, drei oder vier Stunden vor mich hin. Ab und an einen Brief, ab und an ein paar Verse oder eine fieberhafte Fantasie in gesetzter Prosa. Aber zur Zeit hauptsächlich dies hier.

(aus Mein Alltag und morgen)

Meine Einsamkeit ist eine Verbindungseinkaufseinsamkeit. Ich lebe mit meinem Kind, das ständig in der Verbindungseinkaufswelt verbunden ist und von dort aus auch mit mir in der Wohnung spricht. So verstehen wir uns besser, weil wir mit anderen verbunden sein können und zugleich lesen wir, was die Person hinter der Wand schreibt.
      Mary MacLane zitiert Shakespeares Macbeth und Shakespeares Bottom, der auf Deutsch „Zettel“ heißt. Ich sitze auf meinem Bottom, Po, Hintern etc,. der in der Pandemie auch immer nur breiter wird. Ich glaube zu kennen, was MacLane schreibt: die Einsamkeit der Person, die denkt. Die etwas analysiert, (selbst)untersucht: Seele, Geist, mind. Eine Frau mit einem Innenleben, das sie umzirkelt (Einstich, Kreisschlag), umkreist. Die nackte Frau darin ist ein Phantasma, eine Mise-en-abîme, eine andere nackte Frau, die erschrieben wird. Die Schichten der Bekleidung müssen durchsichtig werden. Sind dank Marys Arbeit partiell durchsichtig geworden.
      Darum allerdings (noch lange) nicht nicht vorhanden.
      In dieser SCHICHT (Schacht, Suche) versuche ich zu übersetzen: Eine durchsichtige Schicht, die besprochen wird – und zu Sprache verwandelt.
      Kann ich das fassen?

Ich versuche zu sprechen, worüber man in Bezug auf das Übersetzen selten spricht. Beim Übersetzen einzelner Texte erscheint es auch nicht (nicht unbedingt). Das Übersetzen eines ganzen Buches, allemal eines so persönlichen Buches juchzt/lockt/reizt es hingegen hervor. Ich muss mich in einen gewissen (undefinierten) Zustand der Anähnlichung des Geistes/der mind versetzen, um die AURA (Atmosphäre, Farblichkeit) des Textes zu übertragen.

Meine Kleider sind nicht aus Wolle. Ich bin nicht aus Wolle. Ich bin kein Schaf, aber wäre mitunter gern eines. Dann stünde ich unter einem Baum, Regen tropfte auf mich und perlte an meiner Wolle ab. Ich wäre eine Zippe, ich wäre die Königin eines Raumes, der voller Wasser, Rinnchen, Gräser, Knollen, Pilze Sporen, Lüfte, Steine steckt. Menschen würden nur hie und da erscheinen, schmale Figuren, ein mittleres Maß. Meist halten sie sich fern von mir. Ich existierte nicht für sie außer als Wollträgerin und Milchbrunnen. Sie existieren für mich als Erinnerungen, als Projektionen, als Beistriche. Wie Bleistifte gehen sie durch das, was Himmel heißt. Am Morgen stürzen die Krähen herbei, feurige Ränder um die Flügel, und sprechen davon, was geschieht.
      Was ich anderswo lese, übersetzt mit.
      Um weiter zu übersetzen, streiche ich mir die anderen Lektüren.


Denkbewegung, mit Sprache

Ich bin tiefer im Übersetzen. Von MacLane zitierte Texte beginnen, in die Übersetzung hinüberzuhängen. Sie wollen sie mit ihren Flügeln streifen, ich muss es ihnen erlauben, um die Übersetzung – das deutsche Gemurmel/Geblubber (der Anfang von Macbeth: der Hexentopf) etwas aufzuregen – zu heben. Mary macht es nicht anders: immer wieder bezieht sie sich auf literarische Stimmen.
      Die Einsamkeit Mary MacLanes halte ich mit Mary MacLane gegen die Einsamkeit von

      ─  Shakespeare
      ─  John Keats
      ─  Percey B. Shelley
      ─  Macbeth & Lady Macbeth
      ─  Bottom

Sie alle (und zahlreiche andere – Mirko Bonné und ich schlagen nach, machen Anmerkungen) werden von MacLane zitiert. Auch in den Raum der Übersetzung ragen sie, in übersetzter Form, hinein.

#: In einer Übersetzung spricht die Zeit mit. Man hält das der Übersetzung gern vor.
      Ich halte es der Übersetzung zugute.

Ich erstelle eine Liste von Verlusten/Gewinnen:
      Ich bin eine Buch-Halterin.
      Ich will ein Buch erhalten und stelle mir einen Wörterabakus vor. Die Kugeln sind bunt, ich verschiebe.
      Sie sind auch mehr als Wörter: Wörter mit ihren Höfen. Semantische Felder, mit ihren Anschlussstellen.
      Ich bin eine Schieberin. Ich bestelle mir Inspiration aus dem Buchregal, das ich hüte und das das Haus hält, das Menschen gebaut haben, die vieles wissen.
      Ich habe das Hab und Gut sicher vor Regen und Krähen untergestellt.
      Ich halte der Übersetzung ihre Zeitlichkeit zugute, denn ohne sie könnte inzwischen auch eine Maschine, algorithmisch durch die Jahrhunderte schnurrend, Marys Text übersetzen.
      Ich bin keine Maschine bedeutet: Durch mich laufen Zeitlichkeit und Örtlichkeit und ich weiß darum.
      Meine Geburtsörtlichkeit hat meine Erstsprache in mich eingesenkt.
      Ich habe mich von ihr entfernt.
      Mein Jetzt, Marys tomorrow… tomorrow, wie es auf sorrow reimt, auf crow, auf Sorgen und Borgen, hat sich geweitet. Ich springe an seinem Lasso umher, ich weite es in Gedanken zurück in die Zeit, in der Mary schrieb, und strecke diese Zeit dann bis in diese Zeit.
      Der Text ist über hundert Jahre alt, aber die Übersetzung ist es nicht.
      Ich öffne mein Heute/Häute für mein Borgen (das ein Morgen erlaubt): Dies ist keine sinnlose Reimsprache, kein Assoziieren. Ich höre darauf, was Sprache(n) mir durch klangliche Ähnlichkeiten semantisch zeigen.
      Sie zeigen mir viel Unsinn. Das ist das Schöne daran.
      First face.
      First phase.
      An anderen Stellen gibt er Gedanken ein. Durch die Art-und-Weise, zu blöken, zu löcken, zu locken.

Ich bin in einer Denkbewegung mit Sprache. Ich versuche, in dieser Bewegung mit Sprache Marys Denkbewegung mit Sprache, die auf ein Ich zielt – die es (er)findet und herstellt, und herstellt, dann findet – in mein HabundGut, mein Habdichwohl zu übersetzen.
      Um Mary danach wieder gehen lassen zu können.
      Gehen lassen zu können.



Über „mich“ schreiben in der dritten Person

Ein Eintrag in Mary MacLanes Buch heißt „A Winding Sheet“.
      Ein sich bewegendes, windendes, wickelndes Laken.
      Welch perfekte Metapher für den Text, der sich anschließt. Mary folgt sich selbst durch verschiedene Altersstufen und beendet jeden Absatz mit dem Refrain „It was this Mary MacLane“.
      „Winding sheet“, Leichentuch.
      Der Semantik entkomme ich nicht. Die Windungen, das Wickeln, das das englische Wort enthält, versuche ich als Bewegung in den Text zu übersetzen.
      MacLane schreibt über sich in der dritten Person. A winding sheet - ein sich bewegendes, umwickelndes – Stück Papier. Hören und Sagen, Hörensagen und Erinnerung mischen sich.
      It was this Mary Maclane.
      Die Autorin, die sich als → diese → diese → diese erschreibt.

# Übersetzen: Zwar bin ich noch weniger MM als die Autorin MM ihre Figur MM war, doch auch MM ist als ihre MM eine Fiktion.

Nun gut: Das ist die übliche Verschiebung bei autobiographisch erzählenden Texten.
      Aber indem ich diese Verschiebung noch einmal, nämlich sprachlich vollziehe, kann ich die Windungen des Weges betonen. Ich übersetze abweichend (un-wörtlich) – mit Hilfe eines deiktischen „Diese MaryMacLane“. Gestisches, zeigendes Schreiben bedarf auf Deutsch eines anderen Tons.
      Gegenwart, nicht Präteritum.
      Es, das andere, dieses Mädchen, diese beschriebene Figur, war Mary MacLane.
      Im Text wird gezeigt: Sie, die junge Frau, die da, das Mädchen, sie, das Kind, war diese andere.
      It was this (writing) MaryMacLane, sagt der englische Satz.
      Im Übersetzen lasse ich das „writing“, das ich verstanden habe, selbstverständlich wieder weg.

# Übersetzen: eine Interpretation erstellen. Die performativen Aspekte des Textes verstehen. Performanz ist Semantik (mal stärker, mal weniger). Sie steht allerdings niemals im Lexikon. Verstehen und, sofern das Verständnis zusätzliche Wörter generierte, diese aus der Übersetzung streichen.

# Übersetzen: Die GESTE des Satzes bedenken/erfinden.
 


Was ist ein zusammengesetztes Haar?

Marys Haar (so die Selbstbeschreibung), nach ihrer Erkrankung an Scharlach.

Sie verbindet es mit

      ─  Mäusen
      ─  Lebenskraft
      ─  Selbstmord
      ─  Zumutung

Wäre ihr Haar nicht wieder gewachsen, hätte sie nicht weiterleben wollen.

Haar, 1918 (Foto Wikipedia)

Haar, undatiert

Haarwanderung (Übersetzung)?




Der Teufel im Detail

Alle Wörter sind aus Buchstaben zusammengesetzt. Im Deutschen setzt man Wörter gern aus weiteren Wörtern zusammen.
      Vielleicht klärt es ausnahmsweise etwas, an dieser Stelle auf eine Empfindung als Kind zurückzugreifen. Also aus der Zeit, als alles anders sinnlich war. Stark duftend, überraschend, hervor-stehend, visuell. Und immer viele Sinne gemischt.
      Wenn mein Vater beim Autofahren schaltete, atmete der Motor. Ich verstand.
      Wenn Wörter zusammengesetzt sind, läuft an der Naht eine schmale Blitzlinie durch sie. Die Bruchlinien japanischer Keramik füllt man beim Wiederzusammensetzen mit Gold aus. Es ergibt sich: ein Netz feiner Verbindungslinien. Ein Küstenverlauf.
      Nie geradlinig, auch wenn das in Grammatiken so aussehen mag.

Ein Unterschied zwischen Sprachen: Was wird wörtlich in-einem-Rutsch gedacht. Und was hat den Blitz.

upon:              auf                  Blitz/Nichtblitz

into:                ins                   Blitz/Nichtblitz    

backwards:    rückwärts      Blitz/Blitz   

today:             heute              Blitz /Nichtblitz                                                  

MacLane „verdeutscht” das Englische, indem sie zusammengesetzte Substantive kreiert.
      I walk my floor in leaden retrospect-days.
      Für das Übersetzen kommt sie mir damit entgegen: fast schon zu sehr.
      Bleierne Rückblicktage?
      Um das Wort (ansatzweise) so auffällig zu machen = mit Kraft auszustatten wie sie es im Englischen versucht, lasse ich den Bindestrich weg: bleierne Rückwärtsblicktage?
      Mary kombiniert ein Gehen (walk) mit einem Adjektiv und überlangem Substantiv. Die Längung des Substantives im Englischen drückt etwas von dem „bleiernen“ aus, das das vorangehende Adjektiv behauptet. Ich brauche also ebenfalls: einen Schritt – einen Zweitertakt. Bewegung – und ihre Schwere.
      Ich übersetze das „I walk my floor“ als „ich gehe in meinem Zimmer auf und ab“.
      Mary geht viel. Ich lasse mich davon auch an dieser Stelle unter der Oberfläche der Wortbildungen anregen. Im Deutschen ist es sinnlos zu sagen: „ich gehe meinen Boden.
      Wie schade: Mit dem englischen Ausdruck sieht man, wie im Gehen der Boden erst entsteht. Das merke ich mir. Ich hebe es auf, verschiebe es in das „hin und her“. „Hin und her“ lässt das Zimmer entstehen, und Zeit.
      Zurück zu „leaden“, bleiern. Das Adjektiv passt. Ich brauche ein schweres Substantiv für es: Rückblicktage. Rückwärtsblicktage.
      Beide Substantive klingen unidiomatisch. Was wird beschrieben?
      Das Ich erinnert sich.
      Bleierne Erinnungstage.
      E, i und n wiederholen sich, winden sich umeinander. 



Zwischen den Zeilen/Wörtern (zusammengesetzte Wörter II)

I had just awakened in the pink-and-white dawn and was sitting silk-gowned and ruffle-haired in my bed, cross-legged like a tailor…

                                                                      (Die Straße nach Dover)

Das ist kein glattnormales unruffled-Englisch.
      Also mache ich klebeunglattes Deutsch.

Soeben war ich in der rosa-weißen Morgendämmerung erwacht und saß, seidenbehemdet und haarzerzaust im Schneidersitz auf meinem Bett…

(Statt: Eben war ich in der weißen und rosafarbenen Morgendämmerung erwacht und saß im Seidennachthemd mit unordentlichem Haar in meinem Bett.)

A rose is a rose is a rose.
      Die Farbenabfolge ist wichtig: von rosa zu helleren Tönen.
      Ah, wo sehen wir hin? In welche Richtung wird geschaut?
      Und muss nicht etwas von der Schönheit des Traumes, aus dem das Ich soeben erwacht ist – wie mit-nehmend, auf-regend, auf-wühlend er dort war, wo dieses Ich rosa-und-weiß ist – in den Wörtern und ihren neuen Kombinationen mitgesagt werden?
      yepp. yelp. help.
      cross-legged.
schneider-gesitzt.
Nein. Das betont den Schneider zu sehr.
Im Schneidersitz – da sieht man, was mit den Beinen passiert.
Was sich bei dieser Art Sitzen dem Blick offenbart.
 

Mary und Mann

1. Februar 2021: Ich liege mit einem Mandelabszess in einem Berliner Krankenhaus. Aus dem Männerzimmer nebenan klingt es herüber wie aus einer Kneipe. Drei halbnackte Männer, Bäuche, Glatzen, liegen in ihren Betten. Die Tür steht immer offen. Keiner trägt Maske. Sie unterhalten sich, als wären sie Freunde von früher. Vielleicht sind sie es? Eine Schlägerei zuhause, eine illegale Feier. Sie sind nicht zu beruhigen. Eine Schwesterdelegation wird gebildet, ein Machtwort gesprochen. Leiser wird es erst, als einer der drei ent-lassen wird. Im Krankenhaus bin ich immer froh, weiblich zu sein. Es ist stiller bei uns. Die beiden anderen liegen als weiße Krumm- und Leidenswürmchen im Bett. Die eine ist 1934 geboren. Zahl-reiche Goldzähne, unmerkliches Haar. Ich habe „meine Mary“ neben mir, eine tote, damals, als sie schrieb, noch junge Frau, ein lebendiges Ich. Nun ist sie bei uns, schaut und lebt mit. Ihre Suche hat noch immer Kraft und Gültigkeit. Mit Marys Hilfe kann ich mir vorstellen, wie auch hier ein paar Ichs spazieren gehen. So haben wir eine schöne Stille. Vorm Fenster fällt Schnee und in der ersten Nacht wandert der Mond auf halber Höhe wie ein Cursor, nur lang-samer, runder, von links nach rechts durch das Glas. Hinter ihm zieht der Morgen auf.

Mary unterhält mich mit fiesen spitzenbesetzten Valentinsgrüßen:

In Atlanta-Georgia wohnt ein Mann, mit dem ich hin und wieder Briefe tausche. Er ist neununddreißig und schlau und was man einen Geschäftsmann nennt. Geschäftsmann ist er nicht nur dank der Umstände, sondern auch von seinem Wesen her. Man würde ihn sich auf den ersten Blick in einem Büro in einem Gebäude aus Backstein und Stahl vorstellen mit einem verschließbaren Schreibtisch, einem Drehstuhl, einem Schrank voller Aktenordner, einer Stenographin mit altmodischem Wortschatz und mit Briefpapier, das in makelloser Prägung seinen Namen, seine Branche, seine Telegrammadresse und seine Telefonnummer trägt…
      Nach einem zweiten Blick auf ihn würde man schlussfolgern, dass er seine Freizeit vermutlich auf recht phantasievolle Weise verbringt. Manche Geschäftsmänner widmen sich in freien Stunden dem Baseball- oder Golfspielen, ›Erschöpfte‹ besuchen Musik-komödien. Andere fangen an, Kuriositäten zu sammeln, oder folgen irgendeinem persönlichen Spleen. Mein Bekannter aus Atlanta fällt in diese letzte Kategorie. Er setzt Mary MacLane zu und träumt ihr in seinen Mußestunden hinterher. Aber was ich ihm bedeute, betrifft mich nicht und interessiert mich wenig. Was er mir bedeutet, geht mich an, denn er – seine Briefe – sind augenblicklich ein Grund für meine ausgeprägte Schwäche.
      Eine Welle bewusster Schwäche überspült mich, während ich nun darüber schreibe. Seine Briefe sind ein weiches Polster, ein närrisch schönes Fenster, ein farbiger Schleier zwischen mir und meinen über-strengen Lebensumständen.
      Kennengelernt habe ich ihn, als ich in New York wohnte. Er hatte das Buch gelesen, das ich zu Anfang des Jahrhunderts geschrieben hatte, und als er mir begegnete, entwickelte er eine zurückhaltende, beharrliche Bewunderung für mich, die ihm irgendwie zu Kopf gestiegen ist. Er hat mir seither immer wieder Briefe geschrieben voll bezaubernder, heilsamer Schmeicheleien und voller Anerkennung für und Lobpreis von Charakterzügen und Gaben und Eigenschaften, die ich nicht habe. Meiner Eitelkeit gefallen sie aufs Erstaunlichste, sie füttern sie – und sie sind angenehm und unwirklich und eitel und verblendet und verliebt und pikant.
      Er ist ein kluger Mann, er erklärt mir seine Liebe nicht. Ein Metzgerbursche würde Liebesbriefe schreiben – und mir wären die eines Metzgerburschen lieber als die eines Geschäftsmannes: Sie wären ehrlicher und nicht auf so hoffnungslose Weise diskret. Aber dieser Geschäftsmann hat Anspruch und Gefühl und schreibt mir nichts von Liebe. Seine Frau – ein Geschäftsmann ist immer verheiratet – hätte keinerlei vernünftigen Grund, gegen etwas, das in diesen Briefen steht, einen Einwand zu erheben, wenngleich sie irrationaler- und natürlicherweise etwas gegen die Briefe an sich hätte. Sie liebt ihn nicht und wird nicht geliebt – so ist es immer –, aber welcher gesellschaftlichen Klasse sie auch angehören mag (ich weiß nur, dass sie groß und blond ist und Bertha heißt), an der Vorstellung, dass ihr Ehemann mir Briefe schreibt, fände sie auf jeden Fall etwas Überflüssiges.
      Da trifft eine Antwort von ihm aus Georgia ein… Er erzählt mir darin, dass mein Gehirn, so sprühend brillant es auch sein mag, das trübe Zwielicht anderer Gehirne braucht, etwa des seinen, um die Funken überhaupt zu sehen, die es entfacht.
      Was eine Lüge ist. Mein Gehirn ist nicht sprühend brillant und es »braucht« nichts. Aber die Lüge liest sich angenehm. In ihrer Unwahrheit liegt eine sanfte Liebkosung, die sich tröstender anfühlt als jede schmeichelhafte Tatsache.

Ah, Mary, denke ich: wie wahr. Ich weiß genau, was du meinst. Das sind die Rosen, deine Rosen: diese literarischen Essenzen (literarischen Assoziation oder Girlande: Christina Rossettis Orangengedicht. Es dürfte Mary gefallen haben – und Gertrude Steins a rose is a rose is… eros): dies sind die Augenblicke in Texten, um deretwillen ich lese. Sie lindern meine Einsamkeit, schärfen meine Selbstbeobachtung, stocken mein Wissen um Menschen und Herzen, um Ängste und things assailing them auf.

Ein Kindheitsbild erscheint: Wie ich nicht verstand, dass andere Menschen so empfinden wie ich (ist ja auch falsch). Also: es anders empfinden, aber eben empfinden, und ich das niemals sehen kann, nie direkt, nur immer erahnen. Und wie da, in diesem Moment, die Sprache herbeitritt. Wie wir so schweigend herumlaufen oder sitzen und Gebilde sind, Körperhäuser (und mehr), gefüllt mit Geschichten, mit Zukünften, Vergangenheiten, Tausenden von Welten, Erinnerungen, Wünschen, Plänen, Hoffnungen.
 

Ein gut funktionierendes Diaphragma

Warum spielen ihre Eltern eine so geringe Rolle?
      Was ist mit der „Familie“ im Haus?
      Gibt es Geschwister?
      Es gibt einen toten Vater, einen Stiefvater.
      Und: ein gut funktionierendes Diaphragma.
      Hohe Zeit, einmal etwas darüber zu lesen. Diaphragmen sind gar nicht sooo unpraktisch. In der englischsprachigen Welt werden sie lieber benutzt als hier.

Sie schimpft über Männer. Männer sehen nicht gut aus. Eitel, romantisch, übergriffig, keine weiteren Emotionen.
      Auch Gott (männlich) ist so still, dass er schon fast tot ist.
      Dichter werden geliebt, sie sind Männerausnahmen, vor allem John Keats.
      Sie reden schon als halbwüchsige Jungs nur vom Töten.
      Geben an.
'     Essen jede Menge Fleisch.
      Halten Versprechen nicht.
      Kommen als Feldherren oder inkompetente Politiker vor.

Und Frauen?
      Als Freundinnen, denen man nicht antwortet.
      Als verantwortungslose Elternteile.
      Als Wesen, die wie Mary auf Stühlen herumsitzen.
      Als Sängerinnen in Varietés auf. In diesem Bereich machen sie sich einen Namen als Künstlerinnen. Als Dichterinnen erscheinen sie nicht.

Die Schwierigkeiten der Rollenfindung. Wer kann, wer darf ich sein?
      Es ist berührend, dies zu spüren. Die Enge. Die Dringlichkeit der Fragen. Jede von ihnen wirft die Frage mit auf: Wie ist es heute? Wie steht es um dich, um uns?
      Zu spüren und zu sehen: wie es Mary MacLane zusetzt. Wie mutig sie ist. Wie sie sich anstrengt. Wie sie weiß, was sie bräuchte. Wie sie selbst befangen ist/bleibt.


# Übersetzen: sahnige cremige notwendige herrliche Lügen

Süße blutige Schweißtröpfchen:

Ein Gefühl ist etwas ohne die Worte und sogar ohne die Gedanken. Es in den Gedanken zu gießen, ist eine heiklere Aufgabe als die Übersetzung eines Gedichtes von François Villon ins Choctawische.

Das Choctaw oder Chahta Anumpa (oft einfach Chahta) ist die Sprache der Choctaw (Chahta), eines einst mächtigen Indianervolks im Waldland im Südosten der Vereinigten Staaten. Chahta war als Lingua franca bei den Grenzmännern des frühen 19. Jahrhunderts verbreitet.
      Eine mit Bedacht gewählte „exotische“ Sprache, die MacLane nicht spricht. Die man aber weit-von-Butte gesprochen hat – eine Grenzsprache. Dort, wo etwas erscheint und unterscheidet. Wie wenn man ein Gefühl in einen Gedanken übersetzt?
      Ich glaube nicht, dass Gefühle ohne Sprache „entstehen“.
      Aber Mary MacLane spricht damit vom Übersetzen im Schreiben selbst. Wie man schreibend in sich selbst Gefühle „fischt“ und versucht sie zu fangen/zu halten. MacLane unterscheidet für die eigene Person zwischen verschiedenen Schichten des Wissens:
      Ein Wissen ohne Wissen vom Wissen.
      Und ein Wissen, das weiß, dass es weiß.
      Angewandt auf das Schreiben: Das Herstellen einer Sprache, die sich als Sprache (als sprachliches Gebilde) weiß.
      Was ist dann die Übersetzung derartiger Sprache?
      Hypothese: Die Sprache eines neuen sprachlichen Gebildes, die sich als die Nichtsprache eines anderen Übersetzungsvorganges weiß. Klingt kompliziert. Ist aber schön. Übersetzung als : sahnige cremige notwendige herrliche Lüge, die Sprechen/Nichtsprechen erlaubt.


Von der Geschwindigkeit des Geistes

2. Februar 2021: Die Maske sitzt auf der Nase, die Brille beschlägt, das nächste uber-Gefährt braust heran, hybrid, gesteuert von einer Frau. Ohne Frauen mit türkischem Hintergrund stünde Wilmersdorf still. Neun Uhr morgens. Schwester Üxel gab mir eine Packung Mundspülung kostenlos mit, ich spendete was für die Schwesternkaffeekasse. Wenn man krank ist, wird man zu einer unfertigen Jungbiene. Man braucht andere Bienen, die einen abtasten, behandeln, füttern. Das Beklopfen und Heilen des Körpers. Dann noch ein Durch-die-Nase Coronatest zum Abschluss der Plagerei. Die Augen schwimmen in Tränen, es ist aber nur Schmerzreiz, ohne Emotion. Wie faltet man das Innere auf und erzählt es? Das ist Marys Frage. Ich entkomme mir als Autorin beim Übersetzen nicht.
      Wenn ich übersetze, übersetzen:
      die Person UD
      die Autorin UD
      die Übersetzerin UD
      die neu ausgebildete Maryschattin.
      Schneetreiben, Schnee. Um halb zehn Ankunft zuhause. Dort lebt mein Inneres. Das Kind kommt mir entgegen, verschlafen, froh, sitzt auf der Matratze. Ich lobe, wie gut sie alles gemacht hat, als ich krank war, wie tough sie ist. Da umarmt sie meine Knie, schmiegt sich an.
      Ich befrage mich: ich drücke Stress in den Hals, den Mund. Merke das auch jetzt beim Heimkommen. Das Schreiben, das umstrittene Sprechen, das immer doch auch abgerungene Sprechen.
      Sprechen/Nichtsprechen. Der nie selbstverständliche Möglichkeitsraum der Literatur.
      Unter der Fertigkeit, dem „Können“, der Geschwindigkeit des „Geistes“ (Marys Wort) versteckt.
 

# Übersetzung als involved transformation

3. Februar 2021: “involved transformation“, mein neues Wort für Übersetzen. Nicht allein dafür, was ich tue, sondern auch dafür, was mit mir beim Übersetzen geschieht: Ich werde in Verwandlungen gewickelt. Ich wickele Verwandlungen umeinander und mich selbst in sie hinein.
      Ich wickle Formen umeinander, so dass Anders- oder Trans-Formen entstehen, die sich weiterhin umwickeln und etwas enthalten, das die Form dreht, auch wenn ich damit aufgehört habe, es zu tun.
      Ich versuche ein auf-sich-selbst-gewickeltes (Marys Text) Gebilde der Veränderung zu erzeugen, das mich enthält, aber nicht primär, und sich über die Veränderungen hinaus, die ich im Aufwickeln nolens volens in es eingewickelt habe, weiterhin verändern lässt, auch wenn ich verschwunden bin. Das sich entwickelt – ohne seine Wicklungen zu verlieren.
      Das sich einer grundlegenden Identitätsveränderung unterzieht, aber sich als sich selbst, in einem Loop/einem Wickel, erkennbar bleibt.

… and the neat concise failure of the result

Doch wer auch immer feststellt, dass mein Schreiben eine einfache Aufgabe sein muss, weil ich zügig genug vor mich hinschreibe, lässt außer Acht, wie sehr ich mir für jeden Gedanken den Kopf zerbreche, wie ich blind nach Sprache taste, wie ängstlich-nervös ich zwischen den zweischneidigen und den dreigezackten Wörtern wähle – und wie am Ende das Ergebnis knapp und bündig danebenliegt.

            (Süße blutige Schweißtröpfchen)

Die Lektorin wollte „danebenliegt“ streichen, da mehrdeutig.
      Aus diesem Grund blieb es stehen.
      „… and the neat concise failure of the result“ erscheint mir als eine präzise Beschreibung der Zielsetzung einer Übersetzung. Da ich weiß, dass das Übersetzte „anders“ sein wird, will ich dieses „daneben“ so genau, sauber, präzise wie möglich erzeugen – es also als „daneben“, als Schwankungsbreite zeigen.
      Genau, sauber (neat: passend gefugt) neben dem Original landen. Mich dort aufhalten.  

Im Bild: Synchronspringen vom Zehnmeterturm.
      Ein Körper exakt neben dem ersten Körper. Keinen Abstand aufkommen lassen, keine falsche Geste.
      Konsequenz aus dem Bild: sich fallen lassen.
      Kontrollierter Fall. Es gibt eine Kraft von außen, die auch am „Original“ zieht. Bei Mary: Die Verpflichtung auf Selbsterforschung.
      Konsequenz für die Übersetzung/mich: Verpflichtung auf Selbsterforschung im Sprachgang „Übersetzen“.
      Konsequenz: dieses Journal hier als Spin-off des Übersetzungs-vorganges.
      Weitere Konsequenz: auch daran zieht ein Blick auf etwas, das jenseits des Textes liegt.
      Gedankenkonsequenz: die Möglichkeit, mich dem englischen Text neu anzuformen: Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf den darin gespeicherten körperlichen Gestus.
      Konsequenz: einer der vielen Gründe, warum eine Maschine (AI – so, wie sie derzeit gebaut wird) niemals literarisch übersetzen können wird.

Zweisprachige Leseprobe

Diese zweisprachige Leseprobe gibt es ebenfalls als PDF zum Download.

 

Die Übersetzung

Ich. Aufzeichnungen aus meinem Menschenleben (übersetzt von Ulrike Draesner und Mirko Bonné) ist am 27. August 2021 im Reclam Verlag erschienen.

Leseprobe PDF

©privat

Ulrike Draesner schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Sie übersetzt (vornehmlich aus dem Englischen) und ist Professorin für literarisches Schreiben in Leipzig. Zahlreiche Poetikdozenturen, internationale Auftritte sowie Kooperationen mit Künstler:innen und Musiker:innen. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis der Literatour-Nord, dem Ida Dehmel Literaturpreis, dem Deutschen Preis für Nature Writing und dem Bayrischen Buchpreis (alle 2020). Sie ist Mitglied des deutschen PEN, der Akademie der Künste Berlin sowie der Akademie für Sprache und Dichtung. Im Oktober 2021 erscheint ihr neuer Gedichtband doggerland im Penguin Verlag. www.draesner.de

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