Journale Comic MONSTERS übersetzen
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MONSTERS übersetzen

Ein fast tägliches Journal

Dienstag, 27. April 2021

Heute ist der erste Tag meines Übersetzungsjournals zu diesem Projekt: Monsters von Barry Windsor-Smith1, das ich für den brasilianischen Verlag Todavia ins Portugiesische übersetze. Gestern bekam ich von TOLEDO grünes Licht für das Tagebuch.

Mit der Übersetzung habe ich schon letzte Woche angefangen. Inzwischen bin ich auf Seite 93. Damit bin ich noch früh im Prozess, denn das Buch ist (buchstäblich) ein Monster. Monsters ist eine 370 Seiten dicke Graphic Novel mit textstarken Dialogen und einigen anderen Finessen. Ich werde im Lauf des Journals darüber berichten. Vielleicht komme ich auch nochmal auf die erste Woche zurück.

Wie gesagt, ich habe heute auf Seite 93 angefangen und bis Seite 121 übersetzt. Es ging los mit einer rasanten Verfolgungsjagd – in Militärjeeps – mit ratternden Maschinengewehrsalven. Viele freischwebende Soundwords (in Brasilien benutzen wir den Begriff „onomatopoiea“ dafür) und die häufig schwierige Entscheidung des Übersetzers, welche davon ich übersetzen soll, welche ich übersetzen kann und welche ich lieber stehen lasse.

Dabei sind auch technische Fragen im Spiel: Bis jetzt weiß ich nicht, ob die Soundwords digital in die Panels eingefügt wurden, und wenn ja, leicht editierbar sind; oder ob sie mit dem Rest der Seite gezeichnet wurden, was für den Letterer deutlich mehr Arbeit bedeuten würde. Generell ist es besser, die Soundwords stehen zu lassen, weil viele Comic-Künstler·innen – und BWS gehört eindeutig dazu – diese spezielle Textform als Kompositionselement bei der Gestaltung der Seite benutzen. Allerdings sind einige davon für die brasilianische Leserschaft unverständlich. Schreie zum Beispiel sind hier „EEEE“, was in Brasilien wie „EHHH“ gelesen wird, ein stumpfes „e“ wie in „Ende“; es würde also besser „klingen“, wenn ich es mit „AHHHH“ oder etwas Ähnlichem übersetze.

Die meisten Entscheidungen bezüglich der Soundwords treffe ich erst im zweiten Durchgang der Übersetzung. Bis dahin habe ich hoffentlich die Information, ob sie digital eingefügt oder eingezeichnet sind. Allerdings könnte ich wetten, dass sie direkt auf die Seite gezeichnet wurden …

Monsters, Seite 91

Von der Verfolgungsjagd springen wir zu ein paar ruhigen Szenen, an die sich mehrere intensive Gespräche anschließen. Es sind lange, sich überschneidende, zerschnittene Dialoge, Leute, die durcheinanderreden. Ein bisschen Soldatenjargon, ein bisschen Theologie. Eins dieser Gespräche, das längste – zwei Figuren unterhalten sich von Seite 114 bis Seite 121 –, lässt BWS während eines langsam dichter werdenden Schneegestöbers stattfinden. Über acht Seiten werden die Flocken immer dicker und immer mehr und machen den (vielen) Sprechblasen Konkurrenz. Mir geht das Interview mit BWS nicht aus dem Kopf, in dem er sagt, er zeichnet eigentlich nicht gerne. Kann es sein, dass er lügt?

(Ich komme auf das Interview nochmal zurück.)

Heute habe ich 28 Seiten übersetzt, 15.745 Anschläge getippt. Ein guter Teil meines Nachmittags. Das militärische Kommando „Hupp, two, hey!“ habe ich erst mal stehen lassen. Habe bei erster Recherche nichts dazu gefunden.

 

Dienstag, 29. April

Gestern habe ich nicht an Monsters gearbeitet. Das ist für mich als Vollzeitübersetzer normal: Ich arbeite nie an nur einem Projekt, und manche Tage sind den parallellaufenden Projekten gewidmet. Seit meinen Anfängen als Übersetzer habe ich immer mehrere Projekte gleichzeitig auf dem Tisch. Ich kenne viele Literatur- und Comicübersetzer·innen, die es genauso machen.

Zurzeit arbeite ich an drei Projekten: den Roman einer schwedischen Autorin mit dem Titel Glacier (ins Englische übersetzt); den zweiten Band der Comic-Adaption von Yuval Noah Hararis Bestseller Sapiens; und ein großes laufendes Projekt, alle Sonntags-Comicstrips von Charles Schulz‘ Peanuts für eine 60-bändige Edition. Die Hälfte der Bände habe ich bereits übersetzt. Insgesamt habe ich 18 Monate Zeit.

Seit ich die Monsters-Datei das letzte Mal geöffnet hatte, habe ich an der letzten Fassung von 52 Peanuts-Strips gearbeitet und die Auswahl von 160 daily strips getroffen, die als Sonderband erscheinen (in allen kommt Snoopy als „weltberühmter Schriftsteller“ vor); ich habe etwa 30 Seiten von Glacier übersetzt; und ich habe etwa 40 Seiten von Sapiens übersetzt. Außerdem habe ich meine Online-Übersetzerwerkstatt für LabPub zu Ende gebracht – die letzte Sitzung der zweiten Werkstatt fand am Dienstagabend statt – und zwei Cartoonisten für meine Freitagskolumne auf der Webseite Omelete interviewt.

Auf den heutigen Monsters-Seiten geht der Plot zurück ins Jahr 1949, als der Protagonist noch ein Kind ist und sein Vater endlich aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkommt. Irgendetwas hatte seinen Vater Jahre nach Kriegsende in Europa festgehalten. Die Figuren sprechen eine Art „hillbilly English“, allerdings nicht den stereotypischen Südstaaten-Dialekt, der manchmal in Comics und Filmen vorkommt. Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt in Ohio, also im Nordosten der USA. Ist Ohio ein „Hillbilly-State“?

Es ist nicht einfach, „Hillbilliesisch“ zu übersetzen. Nicht nur, weil ich kein typisches „brasilianisches Hillbilliesisch“ benutzen sollte, sondern auch, weil sie ständig Ausdrücke wie „damned“ oder „gooddamn“ benutzen, und im brasilianischen Portugiesisch haben Flüche eine andere Struktur. Hier muss ich auf anderen Ebenen um Worte ringen, wenn ich Flüche finden will, die eine äquivalente Wirkung haben.

Monsters, Detail Seite 135

Vielleicht liegt es an meinem Wissen über die Entstehung des Buchs, aber ich habe das Gefühl, zwischen manchen Seiten liegen viele Jahre – Monsters entstand ungefähr zwischen 1984 und 2019. Bei einer Passage zum Beispiel bin ich mir sicher, dass sie aus den 1980ern ist, weil sie mehr oder weniger den gleichen Plot hat, den Marvel Comics in einer Hulk-Folge benutzt (auf das Plagiarismus-Problem gehe ich noch ein). Zu meinem Hintergrundwissen trägt auch ein YouTube-Interview mit BWS bei, das ich vor ein paar Tagen gesehen habe.

Das Interview hat mich übrigens auf die Idee gebracht, neun Comic-Künstler·innen zu fragen, ob sie beim Zeichnen auch keine Freude empfinden, wie BWS von sich behauptet. Ich sammle ihre Antworten für meine monatliche Kolumne im Blog da Companhia.

Im heutigen Monsters-Abschnitt schreibt eine der Figuren Tagebuch. Mir gefiel die Parallelität.

30 Seiten im ersten Durchgang übersetzt, bis Seite 151. 17.000 Anschläge bis zum Abend.

 

Freitag, 30. April

Bevor ich mit der heutigen Sitzung begann, las ich Paul Gravetts Rezension von Monsters im Times Literary Supplement. Gravett ist einer der renommiertesten Comic-Kritiker und -historiker weltweit, vielleicht der größte heute lebende.

Gravett betont einen Aspekt, der sich direkt auf meine Arbeit als Übersetzer auswirkt. Er nennt BWS‘ Art, Dialoge zu schreiben, „Pynchonesk“. Ich habe nicht viel Thomas Pynchon gelesen, aber ich glaube, Gravett meint diese umgangssprachliche, sich gegenseitig unterbrechende, „unsaubere“ Art zu sprechen, beziehungsweise den Versuch, Gespräche aus dem echten Leben abzubilden. Ich hatte auch das Gefühl, dass BWS so etwas vorhat, und es tut gut zu hören, dass Gravett hier ebenfalls einen wichtigen stilistischen Ansatz sieht. Dieser Punkt wird bei manchen meiner Übersetzungsentscheidungen eine Rolle spielen.

Gestern habe ich eine Rezension auf der A.V.Club-Webseite gelesen, die darauf eingeht, dass BWS mit seinen Soundwords Textkörper generiert, die das Bild mitgestalten. Das verstärkt meine Sorge, was das Übersetzen der Onomatopoetika angehet. Die meisten schreibe ich einfach ab und füge den Kommentar „so lassen“ ein, beziehungsweise auf Portugiesisch „mantener“.

Beide Rezensionen haben ein paar Plot-Punkte verraten. Ich habe das Buch immer noch nicht zu Ende gelesen. Das tue ich vor dem ersten Durchgang selten. Aber mit ein paar Spoilern kann ich leben.

Es gibt eine Nebenfigur namens Eileen, die Tante des Protagonisten, die manchmal mit dem Spitznamen „Ei“ angeredet wird. Auf Portugiesisch heißt „ei!“ so viel wie „hey!“. Ich überlege, ob ich den Spitznamen ändere. Vielleicht ist „Lin“ besser. Noch eine Frage, die ich im zweiten Durchgang beantworten muss.

Von Seite 155: T. war ja kein Panzerkommandant oder so was, er war bloß Übersetzer. An wieviel Gräueln kann er beteiligt gewesen sein, wenn er bloß Übersetzer war?

31 übersetzte Seiten, bis Seite 182. 20.000 Anschläge, hat mich fast den ganzen Nachmittag gekostet. Es gab mehr zu tippen, weil viele Seiten Tagebucheinträge waren.

Monsters, Seite 155

 

Montag, 3. Mai

In Monsters gibt es viele Seiten mit einer für heutige Comics ungewöhnlichen Textdichte. Bis in die 1970er hatten Mainstream-Comics manchmal so viel Text - überflüssiges Material, Beschreibungen von Dingen, die auch auf den Bildern zu sehen waren -, aber meistens nicht mit derart vielen Sprechblasen:

Monsters, Seite 186

Es geht hier um den umgangssprachlichen Aspekt oder das Nuscheln, ein paar Rezensenten haben sich schon dazu geäußert (siehe letzter Eintrag). Da sind viele vom informativen oder Plot-Standpunkt überflüssige Äußerungen, aber sie tragen zu dem Aspekt des „Daherredens“ bei, auf den BWS abzuzielen scheint. Viel „uh“ (auf Portugiesisch „hã“, Deutsch „äh“), viele Halbsätze, eine verschachtelte Art, auf den Punkt zu kommen. Die Übersetzung sollte diese stilistische Entscheidung transportieren.

Die unterschiedliche Dichte der Seiten ist der Grund, warum ich bei Comic-Übersetzungen für die Honorierung pro Anschlag statt pro Seite plädiere. Die meisten Comic-Verlage in Brasilien – und wie ich höre, auch in anderen Ländern – zahlen Übersetzungen lieber pro Seite. Damit lässt sich natürlich besser rechnen: die Übersetzung eines Buchs mit 100 Seiten zu R$ 10/Seite kostet den Verlag R$ 1.000, fertig (die Zahlen sind nur Beispiele). Immer, wenn ich die Möglichkeit habe, setze ich mich für eine Rate pro 2.000 Anschläge ein, das Übliche bei Prosa-Übersetzungen (2.000 Anschläge sind eine lauda, ein alter Begriff aus dem Zeitungswesen, das Äquivalent einer Schreibmaschinenseite). Ich glaube, das ist fairer für den Übersetzer und für den Verlag: die Übersetzung textlastiger – und damit arbeitsintensiverer - Comics sollte besser bezahlt sein als die Übersetzung von Comics mit wenig Text. Glücklicherweise war Todavia einverstanden, die Monsters-Übersetzung pro Anschlag zu bezahlen.

An einer Stelle im Buch wird von „carbon copy“ geredet, und ich habe recherchiert, ob das Verfahren 1949 bereits existierte. Das tat es. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, BWS hat nicht alle Details recherchiert, Autos, Kleider, Waffen, um sie der Zeit der Handlung anzupassen. Die englischen Sprachmuster kommen mir nicht vor wie aus den 1940ern. Aber auch wenn ich recht habe, er wäre nicht der erste Autor, der seine Figuren in historischen Settings zeitgenössisch sprechen lässt, und das ist kein Problem.

Offiziell bin ich jetzt in der zweiten Hälfte der ersten Fassung. Ich habe bis Seite 200 übersetzt. Heute knapp 14.000 Anschläge geschafft.

 

Montag, 6. Mai

Nach drei Tagen Pause wollte ich heute mit Monsters weitermachen, aber es war einer dieser chaotischen Tage, hauptsächlich wegen anderer Jobs, die engere Deadlines hatten.    

Immerhin habe ich vierzehneinhalb Seiten geschafft. Bis Seite 215. Viel zerstückelter Dialog zwischen Janet Bailey und Police Officer Jack Powell.

Einer der anderen dringenden Jobs war, eine Woche Comic-News nachzuholen, um für meine morgige Omelete-Kolumne gerüstet zu sein. Habe auf NPR ein neues Interview mit BWS gefunden. Mit einem sehr, sehr interessanten Detail:

Das Monster hat nie richtig gesprochen. Am Anfang habe ich es grunzen lassen, wenn es angesprochen wurde. Die Sprechblasen mit dem Grunzen klebten jahrelang auf den Zeichnungen, und mit der Zeit gefiel mir immer weniger, wie Comicheft-artig alles aussah. Weil sich die Arbeit dermaßen in die Länge zog, vergilbte das ursprüngliche Papier, und der Leim, mit dem die Sprechblasen und Blöcke auf die Panels geklebt waren, löste sich auf, bis eines Tages alle angeklebten Texte von hunderten über hunderten von Seiten abfielen. Nichts Gutes kam dabei raus, außer der Erkenntnis, dass ein Panel des Monsters, das mich vorher nie überzeugt hatte, nachdem die „Grunz“-Blase zu Boden geflattert war, plötzlich gut aussah, als stummes Bild.

Das also war der Grund, warum das zentrale Monster in Monsters nicht spricht.

Nebenbei weiß ich jetzt, dass wahrscheinlich alle Sprechblasen, Textblöcke und Soundwords in Monsters leibhaftig auf die Seite geklebt wurden, nicht mit Photoshop oder Illustrator als Layer eingefügt, wie es heutzutage bei Comics meistens üblich ist. Das ist beim Lettering der Übersetzung eine besondere Herausforderung. Und auch für mich, weil ich für längere Dialoge nicht einfach größere Sprechblasen verlangen kann – was mit einer editierbaren Ebene ein Kinderspiel wäre, aber ohne diese für den Letterer sehr zeitaufwändig –, und ich kann die meisten Soundwords auch nicht einfach übersetzen.

 

Montag, 10. Mai

Heute ging es in der Übersetzung vor allem darum:

Diese Pistole war schon früher in der Geschichte aufgetaucht, aber heute kam ich an eine Stelle, wo sie zum Gegenstand eines zweiseitigen Dialogs wird. Bobby bekommt eine „spud gun“ als Geschenk von Officer Powell, und später hat seine Mutter Janet wegen der Spielzeugpistole einen kleinen Streit mit Powell. Offenbar nicht, weil die Pistole gefährlich ist oder weil Janet etwas dagegen hat, dass Kinder mit Waffen spielen, sondern weil sie dachte, eine spud gun wäre eine Pistole, mit der man auf Kartoffeln, nicht mit Kartoffel(-stückchen) schießt.

Mein Problem beim Übersetzen ist, dass ich nicht weiß, ob dieses Spielzeug auch in Brasilien beliebt war. Falls nicht, umso besser: dann kann ich es nennen, wie ich will, es vielleicht im Nebensatz erklären – im Dialog wird beschrieben, wie es funktioniert, also müsste ich nicht viel sagen. Andernfalls, wenn Kartoffelpistolen auch in Brasilien irgendwann beliebt waren oder es etwas Ähnliches gab, müsste ich den Namen finden, unter dem es hier vermarktet wurde. Google hat mir bei der Suche nicht geholfen. Auch meine Übersetzerfreunde wussten nicht weiter. Ich versuche es mit Twitter und einem Freund, der sich für Waffen interessiert. Stay tuned!

(Es wird auch ein pea-shooter, eine Erbsenpistole, erwähnt, als Powell versucht, Janet die spud gun zu erklären. Für Erbsenpistole gibt es in Brasilien ein indigenes Wort: zarabatana. Aber in meinem Fall ist es wichtig, die Erbsen zu erwähnen, also muss ich mir etwas anderes überlegen. Ich habe das Gefühl, in Brasilien wird generell weniger mit Erbsen oder Kartoffeln oder anderen Lebensmitteln gespielt, weil es so viele Hungersnöte gab.)

Ich habe mehr als die Hälfte des Buchs geschafft, aber vor mir liegt noch ein weiter Weg. Immer, wenn ich einen Monat oder länger an einer Übersetzung sitze, überkommt mich eine Art Übersetzungs-Fatigue. So ist es auch bei Monsters – jede vollendete Seite ist eine Entschuldigung, einen Blick in meine E-Mails oder Sozialen Medien zu werfen, jede Ablenkung ist willkommen. Vielleicht habe ich nur die Nase voll von dem Teil, in dem es darum geht, ob Janet und Officer Powell etwas miteinander anfangen oder nicht. (Ich weiß, dass sie es nicht tun.)

19 textlastige Seiten heute, jedenfalls fühlten sie sich so an. 16.000 Anschläge. Noch 140 Seiten bis zum Ende des ersten Durchgangs …

 

Mittwoch, 12. Mai

Endlich kommt die Handlung voran. Laut dem letzten Interview mit BWS, das ich gelesen haben, auf NPR, habe ich gerade die zentrale Szene übersetzt, von der aus sich Monsters entwickelt hat: die Thanksgiving-Dinner-Szene.

Ich weiß nicht, ob ich den Leuten, die das Buch noch lesen wollen, damit die Spannung verderbe, aber ich sage so viel: Am Ende der Szene sind vier Leute erschossen worden.

Viel Dialog, viele Klangwörter, schreiende Figuren, flüsternde Figuren, Figuren, die in anderen Sprachen sprechen, viel Fettgedrucktes und Kursives. Das Ganze ist eine wilde Fingergymnastik. Eine dieser Seiten:

P. 253

‘allo, police! [manter]
phil! tom!
é uma emergência? [menor]
la police, ‘sil vous plaît! [manter]
não, isso não pode!
vou transferir, senhora. [menor]
tom!
obricada, depressa!
delegacia, balcão. [menor]

sim, eu precisa vocês rápido!
qual é a situação, senhora? [menor]
mon mari se bat contre-- [manter]
pode repetir, senhora? [menor]
é tudo culpa minha!

meu marrí está brigando!
então tá,
tom…
onde a senhora está?
perdão pelo minha língua, pode ripitir, por favorr?
você pegou aparto…
eu vou te estourar, pau d’água filho da puta!

e vai ser pela minha irmãzinha!

de onde a senhora está chamando? [menor]
je ne sais pas la rue! [manter]
{meu deus!}
non, je veux dire… [manter]
onde? qual casa? [menor]
bailey! tom bailey! [manter]
enviaremos imediatamente, senhora.

seu metido…
arrogante…

Der Hinweis [manter] bedeutet, der Text soll so stehen bleiben – die Figur, die Französisch redet, redet in meiner Übersetzung immer noch Französisch. Der Hinweis [menor] bedeutet, der Text soll kleiner als Standardschriftgröße sein. Diese Anweisungen helfen dem Letterer oder der Lettererin. Er oder sie hat natürlich auch das Original vorliegen und kann die Schrift in jeder Blase sehen. Aber es ist immer hilfreich, die Info auch im Übersetzungsdokument zu erwähnen, sowohl für Letterer als auch für Lektorinnen, Korrektoren und so weiter.

Gestern und heute kam ich auch dazu, in meiner monatlichen Comic-Kolumne für den Verlagsblog Blog da Companhia über BWS und Monsters zu schreiben. Frei nach BWS‘ Behauptung, Comics seien ein „extrem harter Job“ und es bereite ihm keine Freude, Comics zu zeichnen, stellte ich neun Künstler·innen dieselbe Frage: Macht Ihnen das Zeichnen von Comics Spaß? Sieben davon sind brasilianische Künstler·innen, die ich direkt ansprechen konnte; einer ist Emil Ferris, ein amerikanischer Künstler, dessen Werk ich übersetze und den ich vor ein paar Monaten interviewen durfte; und schließlich Walt Simonson, ein Veteran der Comic-Kunst, den BWS namentlich als einen Kollegen nannte, der vor Begeisterung sprüht, wenn er über das Comiczeichnen redet. „Ab da hat er mich verloren“, sagt BWS in dem Interview.

„Jeder Künstler muss seinen eigenen Weg finden, um zu erreichen, was er erreichen will“, antwortete mir Simonson. „Was immer Barry tut oder braucht, um an sein Ziel zu kommen, er liefert brillante Arbeit. Und das ist gut für uns alle, die seine Geschichten und seine Kunst lieben.“

Hier ist mein Artikel auf Portugiesisch.

 

Donnerstag, 13. Mai

Wer noch nie einen Comic übersetzt hat, fragt sich vielleicht, wie ein Comic-Übersetzer arbeitet, wenn er nicht direkt in die Comic-Seite hineinschreiben kann. Wir arbeiten mit Microsoft Word, und wir geben dem Lektorat ein Textdokument ab. Im Lektorat wird das Textdokument erst redigiert, dann wird es Korrektur gelesen, und dann landet es beim Lettering, wo der Letterer oder die Lettererin den Text in die eigentliche Comic-Seite einfügt.

Der technische Aspekt meiner Arbeit ist ziemlich einfach. Wir Übersetzer·innen schreiben eine Art Drehbuch für den Letterer. Wir müssen nicht bezeichnen, welches Einzelbild oder welcher Sprecher gemeint ist. Wir nennen nur die Seite und geben den Text wieder, in Lesereihenfolge, wie man am gestrigen Eintrag gesehen hat.

Die Lesereihenfolge ist normalerweise ziemlich klar. Die Sprechblasenplatzierung ist eine Kunstform, die das Auge nahtlos durch die Seite leitet. Sie gehört zum Aufgabenfeld des Letterers, der sich ausschließlich um das Lettering kümmert, aber ich glaube, bei Monsters hat BWS alles selbst gemacht. Und er macht die Platzierung wunderschön, selbst wenn er die Seite mit Sprechblasen vollstopft.

Außer, wenn er sich nicht an die Platzierung hält. Das heißt, wenn er sich bewusst nicht daranhält.

Monsters, Detail von Seite 262 mit meinen Anmerkungen

Hier ist ein Ausschnitt von Seite 262. Jede Blase verweist auf einen Dialog aus einer vorangegangenen Szene, und die Blasen sind bewusst überall verteilt, als sollten sie alle gleichzeitig gelesen werden. Dies ist einer der seltenen (sehr seltenen) Fälle, wenn ich den Letterer in meinem Übersetzungsdokument darauf hinweisen muss, auf welche Sprechblase sich meine Übersetzung bezieht. Ich habe die Zahlen mit der Mouse geschrieben, also bitte ich um Nachsicht wegen meiner Schrift.

Und das ist der betreffende Abschnitt in meiner Übersetzung:


 1    o que há, senhor – algo de errado?
 2    por que ele não volta pra casa como os outros?
 3    ele está só um pouquinho agitado
 4    tipo o quê?
 5    esse é meu filho bobby
 6    eileen ronsadt é irmã do tom
 7    gentil guarda jack
 8    o senhor é do governo, sr. powell.
 9    eu ficaria perdida sem você, jack
10    eu não devia ficar no escuro
11    a que você mandou – eu comi no ônibus
12    eu sei que você não é major-coronel
13    eu amei cada minuto, sinceramente
14    eu estava tendo um sonho ruim
15    eu não quero de deixar, jack, mas eu tenho que voltar pro bobby
16    você ainda não me contou o que você disse
17    essas mulheres também estão esperando os maridos?

Ich bin heute nicht weit gekommen: nur neun Seiten, 5.700 Anschläge. Seite 263 hat viel Zeit gekostet.

Ach, und ich habe die Monsters-Rezension im Guardian gelesen. „Angesichts der langen Entstehungszeit und des ambitionierten Umfangs ist es vielleicht unvermeidlich, dass Monsters stellenweise zerrissen wirkt. Der Zusammenhang von Sci-Fi, Body Horror, schicksalhaften Zufällen, übernatürlichen Kräften und Familiendramen erschließt sich nicht immer; hier und da verblassen die Dialoge.“ Es gibt ein paar Seitenhiebe gegen das Klischee des „Magic Negro“ und des Nazis mit der Klauenhand, aber im Großen und Ganzen ist die Kritik positiv. Die Menschen verehren BWS‘ Kunst. Was mich daran erinnert, dass ich Monsters immer noch nicht auf Papier gesehen habe. Es muss eine ganz andere Erfahrung sein, als das PDF zu lesen, wie ich es tue.

 

Montag, 17. Mai

Heute habe ich:

─  die letzten Korrekturen der Übersetzung eines französischen Comics erledigt, den ich mit einem Freund übersetzt habe (er hat das meiste gemacht), und an den Verlag geschickt;
─  40 oder 50 Peanuts-Strips übersetzt;
─  an einem Zeitschriftenartikel gearbeitet (mir ist noch kein gutes Ende eingefallen);
─  ein paar Textstellen übersetzt, die ich in einem 700-Seiten-Buch nachtragen soll, weil die Übersetzerin beim Übersetzen nicht das richtige PDF hatte, und jetzt hat sie keine Zeit (einer der schrägsten Aufträge meiner Laufbahn);
─  einen Teil eines NYT-Artikels für einen Freund übersetzt;

Und dann, um fünf Uhr nachmittags, komme ich endlich zu Monsters.

Es gibt nicht viel zu berichten heute, außer Fingergymnastik: viele Hinweise auf die Schriftgröße, viel Fettes und Kursives.

Beim Übersetzen der heutigen Seiten habe ich über einen Punkt nachgedacht, der eigentlich nicht mein Problem ist. Die Szene spielt in Deutschland, ganz am Ende des Zweiten Weltkriegs, und ein Teil des Dialogs steht auf Deutsch da. Nicht alles davon ist übersetzt, aber manche Stellen stehen auf Englisch in einer eigenen Sprechblase direkt darunter. Dafür gibt es einen inhaltlichen Grund: Eine der Hauptfiguren ist Dolmetscher der US-Armee, und es liest sich, als hörten wir ihn dolmetschen. Hier ein kleines Beispiel:

Monsters, Seite 303

Meine Frage ist: Was machen sie in der deutschen Ausgabe damit? Natürlich könnte man am Anfang der Szene eine Anmerkung machen, so etwas wie: „Dialoge ursprünglich auf Deutsch.“ Aber erstens geht die Absicht des Autors verloren, nämlich dass die Leser·in den Text nicht vollständig versteht. Was man hinnehmen kann, es ist ein Verlust, der sich bei einer Übersetzung nicht vermeiden lässt – das gleiche passiert in Filmen ständig. Aber was machen die deutschen Übersetzer·innen und Lektor·innen, wenn sie wie in diesem Beispiel eine deutsche Sprechblase haben, und die englische Übersetzung direkt darunter? Ich glaube nicht, dass man eine Sprechblase einfach löschen kann – nicht ohne das Bild darunter retuschieren zu müssen. BWS fragen, ob er an diesen Seiten noch mal Hand anlegt? Würde er das tun?

Des Weiteren habe ich noch keine Antwort, was die Existenz von spud guns in Brasilien angeht, aber jemand sagte mir, dass solche Spielzeugpistolen „apache“ oder „bang bang“ genannt wurden. Das brachte mich auf die Idee, die Spielzeugpistole „bang bang batata“ (wörtlich übersetzt „Peng-peng-Kartoffel“) zu nennen. Mit der Alliteration wäre es ein hübscher Name für ein Spielzeug. (Allerdings auch der Name eines indischen Gerichts, wie eine Twitter-Suche ergab.)

Es ist jetzt acht Uhr abends. Ich habe 33 Seiten übersetzt, 22.500 Anschläge. Viel davon deutscher Dialog, den ich nur abgeschrieben habe. Habe mir eine Notiz gemacht, über die laaaaangen, mit Text vollgepackten, Tarantino-artigen Szenen zu schreiben. Vielleicht rede ich im nächsten Eintrag darüber.

Mittwoch, 19. Mai

Nicht viel zu berichten heute. Habe weitere 32 Seiten geschafft, aber nur 13.000 Anschläge. (Zwei Seiten waren stumm, drei oder vier Seiten fast stumm.) Weniger als vierzig Seiten bis zum Ende des ersten Durchgangs. Ich bin zuversichtlich, dass ich diese Woche damit fertig werde.

Wenn das Ende in Sicht ist, erledige ich gern ein paar der Verlagstexte im Voraus, damit sie, wenn ich „ankomme“, schon im Kasten sind. Ich habe die Autoren-Bio und den Umschlagtext übersetzt.

 

Donnerstag, 20. Mai

Geschafft. Ich habe die letzten 32 Seiten übersetzt und bin jetzt mit dem ersten Durchgang der Monsters-Übersetzung fertig.

Das ganze Word-Dokument hat 211 Seiten, 40.000 Wörter, 225.000 Anschläge. Wie in einem früheren Eintrag erwähnt, werde ich pro lauda bezahlt, was ungefähr einer vollen Schreibmaschinenseite entspricht. Eine lauda hat mehr oder weniger 2.000 Anschläge. Monsters wäre also ein Buch von 112 laudas. Das ist der reine Text der tatsächlichen 368 Seiten.

Gewöhnlich übersetze ich ein Buch in drei Etappen oder Durchgängen. Jetzt lasse ich es wahrscheinlich erstmal ein paar Tage ruhen, bevor ich mit dem zweiten Durchgang beginne.

Heute habe ich ein neues Interview mit BWS im Guardian gelesen. Allerdings weiß ich nicht, ob Interview das richtige Wort dafür ist, denn mehr als die Hälfte besteht aus den Ansichten des Journalisten über Monsters und seiner lapidaren Feststellung, dass BWS die meisten seiner Fragen nicht beantwortet hat. Die Antworten, die kamen, schreibt der Journalist, seien „halb so lang wie meine Fragen“ gewesen.

Er zieht Vergleiche mit The Shining, die ich noch nicht gemacht hatte. Ein guter Ansatz, mit den übernatürlichen Elementen umzugehen, die mich ein bisschen stören.

 

Dienstag, 8. Juni

Es ist über zwei Wochen her, seit ich die Monsters-Datei zuletzt geöffnet habe. Zum Teil, weil ich nach dem ersten Durchgang einmal Luft holen wollte. Meistens reicht dafür eine Woche. Aber dann musste ich bei anderen Übersetzungen ein paar Feuer löschen, wie wir sagen – unter anderem musste ich bei einer dringenden Übersetzung für denselben Verlag einspringen, eine gute Entschuldigung, Monsters eine Weile liegen zu lassen. Und genau das tat ich.

Aber jetzt ist es Zeit weiterzuarbeiten. Ich habe die Datei geöffnet, sie unter einem neuen Namen gespeichert – ericoassis-tradu-MONSTERS-revis, den Text auf 200% vergrößert, doppelten Zeilenabstand eingerichtet, und auf einem zweiten Monitor, der neben meinem normalen Monitor steht, das Original geöffnet (jetzt in einer neuen, definitiv druckreifen PDF-Version). Und angefangen, alles noch einmal zu lesen.

(In Brasilien sagen wir „cotejar“, was so viel heißt wie vergleichen, gegenüberstellen. Kollationieren?)

Eigentlich habe ich schon gestern angefangen, aber ich kam nicht weiter als zehn Seiten. Heute saß ich ein paar Stunden daran und habe es bis Seite 42 geschafft. Hauptsächlich korrigiere ich Tippfehler, trage vergessene Wörter nach und ein paar vergessene Hinweise an das Lettering (welche Sprechblasen kleinere Schrift bekommen sollen, vergessene Soundwords, die ich entweder übersetze oder darauf hinweise, dass sie bleiben). Ich habe auch ein paar übersetzerische Entscheidungen für diese Phase aufgehoben. Eine davon ist „up the pins“.

Monsters, Detail Seite 14

Es wirkt auf mich wie Helikopterpiloten-Jargon, aber ich finde keine aussagekräftigen Referenzen, die erklären, was „up the pins“ bedeutet. Ich habe schon eine Pilotenschule in Brasilien kontaktiert, die meine Frage an einen brasilianischen Piloten, der in den USA lebt, weitergeleitet hat, der meine Frage an einen älteren Piloten weitergeleitet hat – ich hatte erwähnt, dass die Szene 1964 spielt –, aber niemand konnte mir sagen, was „up the pins“ heißt. Ich schätze, ich muss den Autor fragen.  

In solchen Fällen arbeite ich die Übersetzung lieber erstmal bis zum Ende durch, sammele alle Fragen und schicke sie dann gebündelt in einer E-Mail ausschließlich mit Übersetzungsfragen. Das hier ist die erste von hoffentlich nicht allzu vielen Fragen. Und natürlich muss ich Daumen drücken und hoffen, dass der Autor (oder sein Verlag) so freundlich ist und sich ein paar Minuten nimmt, um mir zu helfen.

Ich bin also auf Seite 42 des Comics im zweiten Durchgang. Das zu übersetzende Dokument hat 420 Seiten, und in dieser Zählung bin ich auf Seite 55. Ich schätze, es liegen noch 10 Übersetzungstage vor uns.

 

Dienstag, 9. Juni

Heute habe ich fast 80 Comic-Seiten im zweiten Durchgang geschafft – wobei rund ein Dutzend ohne Text beziehungsweise fast ohne Text war. Jetzt bin ich auf Seite 121. Ein guter Schnitt für einen Tag!

Der Pilot, den ich wegen „up the pins“ kontaktiert hatte (siehe letzter Eintrag), fand meine Frage offensichtlich interessant und hat in seiner Kollegenschaft herumgefragt. Und gegoogelt! Ich glaube, er hatte einen Durchbruch: „up the pins“ ist wahrscheinlich gar kein Piloten-Jargon, sondern es geht um … Bowling. Dann heißt es so viel wie „weitermachen, nächste Runde“.  

Außerdem tauchte noch eine Frage wieder auf, die ich im ersten Durchgang nicht lösen konnte: „Hupp, two, hey!“ auf Seite 121 (siehe erster Eintrag dieses Journals). Ich habe bei einem Freund nachgefragt, der ein paar Übersetzerfreunden bei Soldatenjargon hilft, und er hat mir einen mittellangen Vortrag über „hupp“ und seine vielen Verwendungen beim Militär gehalten. Noch ein Punkt, den ich abhaken kann.

 

Dienstag, 15. Juni

Wegen anderer drängender Übersetzungsprojekte kam ich in den letzten Tagen nicht dazu, an Monsters weiterzuarbeiten. Aber heute habe ich rund 40 Seiten revidiert. Keine nennenswerten Zwischenfälle.

 

Mittwoch, 16. Juni

Zwei Tage hintereinander, das ist neu. 60 Seiten durchgearbeitet, damit habe ich klar über die Hälfte des zweiten Durchgangs.

Ein Ausdruck auf Seite 204 hat mich aufgehalten: Ein Offizier rät einem unterrangigen Soldaten davon ab, „to go Indian on it“. „So going Indian on it seems out of line“, lautet der Satz. Mir scheint, es heißt etwas in der Richtung „sich wegen einer Sache nicht in die Hose machen“ – der Offizier meint, der Soldat solle sich wegen irgendeines Ereignisses, mit dem dieser gerechnet hatte, nicht aufregen. Ich finde aber keine Definition von „going Indian“ oder „go Indian“, die in diesen Kontext passt. Die Definitionen, die ich finde, sind herabwürdigend und eindeutig nicht p.c., und ich habe das Gefühl, BWS will die Figur hier als unflätigen, bigotten Old-School-Veteran kennzeichnen (die Szene spielt 1949). Aber sicher bin ich mir nicht.

Wie bei „up the pins“ in einem meiner vorigen Einträge muss ich mich mit der Frage vielleicht direkt an den Autor wenden. Falls die Kolleg·innen, die ich dazu befragt habe, mir nicht helfen können. Bis jetzt wusste es keiner …

Monsters, Seite 204

 

Dienstag-Mittwoch, 22. und 23. Juni

Habe mich mit Volldampf in den Rest des zweiten Durchgangs gestürzt und die zweite Hälfte des Buchs bis zum Ende gelesen. Der zweite Durchgang ist fertig. Jetzt kommt die letzte Phase.

Das ist mein gewöhnlicher Übersetzungsprozess. Der erste Durchgang ist eine Art Schnellübersetzung, bei der ich mich nicht lange mit Recherchen oder schwierigen Ausdrücken und Sätzen aufhalte. Ich spare mir die Anstrengung für den zweiten Durchgang, wenn ich meine Übersetzung gründlich abklopfe und alles überprüfe, was überprüft werden muss, seien es Dinge, die innerhalb des Texts koordiniert werden müssen – wiederkehrende Begriffe oder Sätze zum Beispiel -, oder Dinge, die ich außerhalb des Buchs recherchieren muss.

Im ersten und zweiten Durchgang habe ich den Ursprungstext immer neben mir liegen. Ich habe das PDF des Originals auf einem zweiten Monitor (oder iPad) neben dem Monitor, an dem ich arbeite (in Microsoft Word). Beim dritten und letzten Durchgang arbeite ich ohne das Original, nur an der Übersetzung – ich lese mir die überarbeitete Übersetzung noch einmal durch, am besten laut, und sorge dafür, dass sie auf Portugiesisch flüssig ist. Damit bin ich die nächste Woche beschäftigt. Die Durchgänge sind von Mal zu Mal weniger zeitintensiv, also hoffe ich, dass ich den letzten Durchgang in zwei oder drei Runden/Tagen beende.

Interessant für den zweiten Durchgang ist die revidierte Version von Seite 262, über die ich in meinem Eintrag vom 13. Mai gesprochen habe. Jetzt habe ich neben den Sprechblasennummern auch die Seiten notiert, auf denen die zitierten Sätze zuerst vorkamen, damit ich, die Korektor·innen, Lektor·innen und alle anderen, die an der Herstellung des Buchs beteiligt sind, bei etwaigen Textänderungen die Stellen abgleichen können.

Monsters, Detail von Seite 262 mit meinen Anmerkungen


 1    o que houve, senhor… aconteceu alguma coisa? [igual p. 180]
 2    por que ele não pode voltar pra casa que nem os outros? [igual p. 181]
 3    estou só um pouquinho confusa.[igual p. 205]
 4    tipo o quê?
 5    esse é o meu filho, o bobby
 6    eileen ronsadt é irmã do tom [igual p. 186]
 7    guarda amigo jack! [igual p. 189]
 8    o senhor é do governo, sr. powell [igual p. 181 – sem “sr. powell” no original]
 9    eu estaria perdida sem você, jack
10    eu não devia ficar às escuras. [igual p. 185]
11    a sua. eu comi. no ônibus. [igual p. 202]
12    eu sei que você não é major-coronel
13    eu amei cada minuto! é sério… [igual p. 213]
14    eu tive um sonho ruim! [igual p. 188]
15    eu não queria deixá-lo, jack… mas eu tenho que ir pra casa, pelo bobby. [igual p. 212]
16    você ainda não me disse o que você disse
17    essas mulheres estão como eu, esperando os maridos? [igual p. 202]

Das gleiche musste ich bei den Seiten 363-365 tun, den letzten Seiten im Buch, deren Sprechblasen Fragmente eines Dialogs auf Seite 235-237 sind. Habe ein paar Ungenauigkeiten gefunden – Zeilen, die mit denen auf den früheren Seiten nicht übereinstimmen, und ich weiß nicht, ob es Absicht ist, oder ob BWS „comeu bola“, wie wir auf Portugiesisch sagen.

Das ist eine der Fragen, die ich ihm oder seinem Lektor (in höflicher Form) gestellt habe - in einer E-Mail, zu der meine Frau nur sagte: Willst du wirklich eine so lange E-Mail schicken? Leider musste ich. Aber so lang fand ich sie gar nicht. Ich fragte auch nach „up the pins“ und „going Indian“, und nutzte die Gelegenheit, um wegen der editierbaren/gelayerten Sprechblasen zu fragen, und nach den Seiten 273-274:

Seiten 273-274: Eine Übersetzungsfrage, die nicht die brasilianische Ausgabe betrifft, aber ich bin sehr neugierig – außerdem schreibe ich gerade für ein Magazin über den Übersetzungsprozess, daher würde ich es gerne verstehen: Können die Sprechblasen mit den englischen Übersetzungen hier bei Bedarf gestrichen werden? Geht die Zeichnung dahinter weiter? Ich denke an eine deutsche Ausgabe von Monsters, und wie man dort mit diesen Stellen umgeht (ich nehme an, man nimmt den englischen Dialog heraus und fügt im deutschen Dialog „<>“-Zeichen ein).

Ich musste bei Todavia nachfragen, ob sie für mich den Kontakt zu BWS herstellen konnten. Sie rieten mir, mich an seine Agentin zu wenden - mit der ich schon einmal zu tun hatte – und sie zu fragen, ob sie BWS‘ Lektor oder BWS ansprechen könnte. Ich habe die E-Mail am Donnerstag abgeschickt; hoffentlich bekomme ich Antworten, bevor ich mit der letzten Fassung fertig bin und die Übersetzung abgebe – wahrscheinlich Ende nächster Woche.

 

Sonntag, 27. Juni

Eigentlich arbeite ich sonntags nicht, aber heute habe ich eine Ausnahme gemacht, damit ich beim dritten Durchgang einen Vorsprung habe. Und es hat gut geklappt: 140 Seiten, ungefähr ein Drittel des Buchs. Das war eine meiner drei geplanten Etappen. Jetzt noch zwei!

 

Dienstag, 29. Juni

Drei Etappen in drei Tagen, wie vorhergesagt. Na ja, drei Tage und ein Stück des vierten. Die Monsters-Übersetzung ist fertig, wenn man nach meinen üblichen drei Durchgängen geht.

Allerding nicht ganz. Die Fragen an den Autor stehen immer noch im Raum, und sie betreffen ungefähr fünf der 360+ Buchseiten.

Ich habe meine Übersetzung trotzdem heute schon an Todavia geschickt und angemerkt, dass wir eventuell noch Korrekturen einfügen müssen, wenn oder falls der Autor antwortet. Sie wissen dort, dass ich die Agentin kontaktiert habe, sie stehen bei allen E-Mails in CC.

 

Dienstag, 20. Juli und später

Seit dem letzten Eintrag und seit ich meine fast fertige Übersetzung von Monsters bei Todavia abgegeben habe, sind drei Wochen vergangen. Endlich hat sich die Agentin mit den Antworten des Autors bei mir gemeldet. Ich hatte die Fragen am 24. Juni abgeschickt. Einen Monat auf die Antworten zu warten, ist nicht ungewöhnlich.    

Barry Windsor-Smith‘ Antworten, wie von seiner Agentin überstellt, sind kurz, knapp, und alle enden mit der Anweisung in Großbuchstaben: „PLEASE LEAVE AS IS“, bitte so lassen.

‘Up the pins‘ ist ein Helikopterpilotenbegriff, den ich, glaube ich, irgendwo irgendwann mal gehört habe. PLEASE LEAVE AS IS.

‘… GOING INDIAN …‘: Indian Giver ist ein bekannter amerikanischer Ausdruck für jemanden, der etwas Geschenktes zurückverlangt. Bei dem Satz geht es darum, dass die Regierung Bailey eine Art von Medaille oder Ehrung verleiht, dann aber ohne Erklärung wieder kassiert, was für Jack zu der unangenehmen Situation wegen Mrs Bailey führt. Für mich passt der Ausdruck sehr gut zu Jerrys Charakter. PLEASE LEAVE AS IS.

Was die vermeintlichen Ungenauigkeiten auf Seite 262 angeht, die sich auf vorangegangene Dialoge beziehen: „Ja, ich wollte, dass sie sich etwas von den ursprünglichen Äußerungen unterscheiden. Es sind schließlich Jacks Erinnerungen, keine unveränderlichen Daten. LEAVE AS IS.“

Es kommen noch vier Antworten im selben Stil. Das Problem mit der deutschen Ausgabe hat er nicht kommentiert. Wahrscheinlich war ich einfach zu neugierig.

Am nächsten Tag kam endlich die lange verspätete digitale Ausgabe von Comic Book Creator, einem auf Comic-Kunst spezialisierten Magazin, dessen 25. Ausgabe ein 37 Seiten langes Feature über Monsters enthält, einschließlich einem neuen Interview mit BWS. Das Interview ist nur fünf (stark illustrierte) Seiten lang, weil BWS offenbar nicht sehr gesprächig war (wie in dem erwähnten Guardian-Interview).

Der große Teil der Strecke widmet sich der Nacherzählung von BWS‘ 50jähriger Karriere; wie Monsters als Vorschlag für einen Hulk-Comic begann, aber wegen unflätiger Sprache wie „goddamn“ und „bitch“ abgelehnt wurde; wie der Vorschlag samt den Zeichnungen in die Hände eines anderen Marvel-Comic-Künstlers fiel und die zentrale Idee in einen Hulk-Comic einging, ohne dass BWS gewürdigt wurde; wie wütend BWS wurde, als er viele Jahre nach Erscheinen des Hulk-Comics dahinterkam, weil ein Journalist während eines Interviews eine Bemerkung darüber machte; und die Insider-Perspektive eines Assistenten von BWS, der ein paar Dinge über die lange, dreißigjährige Reise von Monsters wusste, wie das Projekt in der Schublade landete, wieder herausgeholt wurde, wieder in der Schublade landete, wieder heraus geholt wurde … bis das Buch schließlich als fast 400 Seiten dicke Graphic Novel fertiggestellt und veröffentlicht wurde. Das meiste dieser Geschichte stammt allerdings nicht aus BWS‘ Mund.

Es ist immer schön, hinter die Kulissen eines Werks blicken zu können, das ich übersetze. Manchmal beeinflusst das Wissen meine Übersetzung, oder es bringt mich dazu, mir ein paar Dinge noch einmal anzusehen, weil manche Stellen eine neue Bedeutung bekommen haben. Das Feature im Comic Book Creator war zwar ganz interessant, aber es hat keine neuen Erkenntnisse erbracht, die Einfluss auf meine Übersetzung gehabt hätten, im Gegensatz zu manchen der Rezensionen, die ich in früheren Einträgen erwähnt habe.

*

Ich habe noch ein paar letzte kleine Korrekturen vorgenommen und die Übersetzung zurück an Todavia geschickt. Alles ist fertig.

Von meiner Seite, meine ich. Die übersetzte Fassung geht nun durch die Hände einer preparadora oder eines preparador (die den Text mit dem Original vergleichen und auf Ungereimtheiten prüfen) und eines Korrekturlesers oder einer Korrekturleserin, dann kommt er zum Lettering, wo die Übersetzung auf die Panels übertragen wird. Danach kommt noch ein Korrekturlesedurchlauf. Und das alles geschieht unter dem wachsamen Blick von André Conti, dem Lektor, der die Übersetzung bei mir in Auftrag gegeben hat und mit dem ich seit über zehn Jahren zusammenarbeite. Er kann mich während des ganzen Lektorats- und Herstellungsprozess jederzeit anrufen, aber meistens tut er es nicht.

Monstros, die übersetzte Ausgabe, soll 2022 bei Todavia erscheinen, wahrscheinlich in der zweiten Jahreshälfte.

 

Fußnoten
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©Felipe Portugal

Érico Assis ist brasilianischer Übersetzer und Journalist. Er übersetzt Comics, Prosa und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen für Brasiliens große Verlage, darunter Companhia das Letras, Panini, Todavia und Darkside. Außerdem schreibt er als Comic-Experte für verschiedene Zeitungen (Folha de S. Paulo, O Globo) und Websites (Omelete) und ist Mit-Gründer des Podcasts Notas dos Tradutores über das Übersetzen. Er ist Gastredakteur verschiedener Bände über brasilianische Comics, etwa O Fabuloso Quadrinho Brasileiro de 2015 (Narval 2015) und Brazil Comics Catalog (Kollaboration mit dem brasilianischen Außenministerium, herausgegeben in portugiesischer, französischer, englischer und spanischer Sprache). Er hat in Übersetzungswissenschaften promoviert und ist der Autor des Essaybands Balãos de Pensamento (Balão Editorial, 2020).
www.ericoassis.com.br

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