Journale Lyrik Miron und ich

Miron und ich

Journal zur Übersetzung von Miron Białoszewski

Nachdem der Lyriker, Essayist und Verleger Bertram Reinecke mit dem Band Wir Seesterne vor über zehn Jahren meine ersten Übersetzungen von Werken Miron Białoszewskis unter selbstausbeuterischen Bedingungen verlegt hatte, die Ausgabe in ihrer feinen Kleinstauflage bald erschöpft und deshalb aus dem Verkehr gezogen war, zudem viele der frühen Übersetzungslösungen sich seither weiterentwickelt hatten, griff ich in Sachen „MB“, neben MF das zweite große Arbeitsdossier auf meinem Rechner, erneut in die Tasten, um die überarbeiteten Texte samt ihrer Erweiterungen auf den Weg zu bringen; diesmal, dachte ich, vielleicht auf einen breiteren, weniger steinigen, als es der letzte gewesen war, und malte mir prompt eine Via im römischen Stil aus, was mir angesichts dieses originellsten, wohl ausgefreaktesten aller polnischen Grammatiker·innen der dichtenden Zunft die einzig angemessene Durchzugsstätte für die zahllosen Prozessionen polnischer Paraflexionen, Alter Egos und Visionen zu sein schien.

The Estate of Miron Białoszewski

Also erinnerte ich mich an die einige Zeit zuvor ausgesprochene Einladung eines Autors, der sich seinerzeit auch als ranghoher Verlagsmitarbeiter verdingte. Sie war mir mit ihrem Wortlaut, zumal aber mit ihrer großherzigen Geste in warmer Erinnerung geblieben: „Melde dich, wenn ich helfen kann.“ Und da ich, offensichtlich allzu naiv, unbedingt nach Unterstützung für mein Projekt suchte, wandte ich mich mit einem bereits umfangreicheren, wenngleich in Hinblick auf Ausarbeitung und Dimensionen noch unfertigen Manuskript aus kurzen lyrischen Gedichten und längeren dialogischen Prosagedichten 2015 an meine Ansprechperson und schickte ihr – „guter Hoffnung“, denn ich war ja jahrelang damit schwanger gegangen – unaufgefordert mein zweisprachiges Konvolut. Post-, vielmehr mailwendend erhielt ich überraschenderweise sofort Antwort. Wie freute ich mich, dass ein Hingesagtes im Literaturbetrieb nicht vergessen wird! (Nur das LCB hatte doch, so war es mir gegenüber seinerzeit von Ulrich Janetzki behauptet worden, ein „Elefantengedächtnis“...) Rasch wurde ich jedoch stutzig: Wie war es möglich, einen zweihundertseitigen Gedichtband, der sich in sprachlicher Hinsicht gewiss nicht auf den ersten Blick erschließt, binnen kürzester Zeit redlich zu sichten? Ich las buchstäblich Erschütterndes:

Nein, ich hatte nicht verstanden; ich wollte nicht und würde nicht verstehen: Weder die Einschätzung der Poesie des ansonsten von Kolleginnen und Kollegen durchaus emphatisch empfangenen1, comment dirais-je, Idols (!) meiner späten Jugend leuchtete mir ein, noch hatte mich das so erkünstelte wie kreuzgiftige „Kompliment“ erreicht. Der wohlgemeinte Rat prallte an mir ab – „was gscheites, was wirklich gutes“?! Ich fluchte mich quer durch meine Muttersprache, die, den Reinheitsgraden gewisser Destillate gleich, angesichts solcher Fälle und Ausfälle mit chromatisch nuancierten Skalen aufwarten kann, um bei souveräner Beherrschung eine Katharsis zu zeitigen, die im besten Fall mit dem Anlass der Scheltkaskade zu versöhnen vermag. Offenbar war hier, dachte ich, mitnichten affektbereinigt, da mir jede noch so brandende Vulgarität ein Euphemismus zu sein schien, ein grobianischer Sackkrauler abgestellt worden, um auf dem Schrotthaufen vor den Toren eines ansehnlichen Hauses zu hocken und dort – am Fuße des bundesdeutschen Helikons (pon pon pon pon!) – mit nichts weniger denn Schicksalen herumzuscheppern. Auf „meinen Miron“ würde sich, schwor ich mir und annoncierte es lauthals, selbst wenn mich niemand hörte, kein linkischer Poesieadjutant setzen dürfen! Schließlich handelte ich, so nach wie vor meine Überzeugung, mit nichts weniger denn Gold: mit einem in Polen kanonischen Autor, dessen Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand keine Geringere als Esther Kinsky ins Deutsche übersetzt und mithin für einer intensiven Auseinandersetzung würdig befunden hatte.2 Obendrein gleich doppelt – im Abstand von über zwei Jahrzehnten, damit durchaus einem Glenn Gould und seinen legendären zwei Einspielungen der Goldberg-Variationen vergleichbar: Zunächst in den Neunzigern, dann Ende der Zehner Jahre erneut, hatte sich die Schriftstellerin der Aufgabe gestellt und Białoszewskis récitartiges, seinerzeit skandalöses Memoire vom Warschauer Aufstand 2019 von Grund auf neu übersetzt, ganz anders, als zuvor. – Musste nicht doch also 'etwas dran sein' an ihm, diesem unverstandenen, da deutlich schwierigen Dichter und seiner Kunst? Jedenfalls war ich nicht die einzige Liebhaberin vertrackter „Gemüths Ergoetzung“. Doch selbst wenn ich einleuchtende Argumente ins Feld zu führen hätte: Meinen Białoszewski und mich würde man, so viel schien sich abzuzeichnen, nicht passieren lassen.

Bedauerlicherweise hatte ich für die wurstfingrige Schildwache mit ihrem offen getragenen Schwert, dessen Hiebgier sich auf mich übertragen und prompt in gärende Ranküne verwandelt hatte, nun keinerlei List in petto, um mich wie der findige Zundelfrieder mit ihrer Hilfe über eine Verlagsgrenze hinwegzuschleusen und etwa mitten in ein Programm hinein, das schon ganz andere, aber zweifellos ebenso zimperliche Gänse von unter freundschaftlich verborgten Mantelfittichen hatte emporschnattern sehen.

Ich musste mich trösten und griff zum Tröstlichsten, was Białoszewskis Werk für ebensolche Buzzkills als Downer an Texten bereithält. Noch konnte ich seinerzeit ja nicht ahnen, dass Urs Engeler Jahre später der passende Lieblingsverleger zum Lieblingsdichter sein würde, um sich des nach Herrklärungsonans Schmähorgie kurzerhand bis auf Weiteres eingesargten, glücklicherweise bald auferstandenen Korpus editorisch anzunehmen. Aber so weit waren wir noch nicht, der geplante Auswahlband und ich; und Urs Engeler war noch gar nicht im Bilde. Prüfend im vermeintlich Leichnämlichen blätternd, hatte ich also nach einem Stück lebensspendenden Zuckers gegriffen. Das folgende Gedicht richtete mich wieder auf:

Skąd tyle radości

na widok autobusu?
— bo lecę do okna —
to że czerwony
między blokami?
piąta rano?
ciepło?
mgła?
czy to że
on jedzie
ja żyję?

Woher so viel Freude

beim Anblick des Busses?
— ich stürze ans Fenster —
etwa weil er rot ist
zwischen den Blocks?
weils früh ist um fünf?
weil warm?
neblig?
oder weil
er fährt
und ich lebe?3

Warum wollte dieses existenzielle Gedicht nicht überzeugen? Es hatte doch, selbst als deutschsprachiges, bereits mehr als einmal gefallen. Hans Jürgen Balmes, der offensichtlich kunstsinniger war als Detlef Glumpert4,  brachte es vor Jahren sogar im Rahmen einer kleinen Auswahl aus dem Œuvre des Warschauers in der Neuen Rundschau unter.

Des Balmes für die Seele sei Dank, fasste ich neuen Mut. Aber der Bus war abgefahren.

„Geradewegs geradenwegs“ eine Weile lang wieder vor mich hinstolpernd ­– so hatte Dieter Roth es mir vorgemacht, um seine torkeligen Worte durch die Cuniogagation zu rollen, schob ich meine Sammlung übersetzter M'ironien vor mir her, herumschaltend zwischen den Übersetzungsgängen: Sollte das Wort, das im Polnischen kein Geschlechtswort kennt, eines erhalten? Wenn ja, welches? Welche Variante war die bessere? Welche Formulierung? Vielleicht können beide bestehen, gar viele, in einer Zusammenschau von Variationen frei nach Weinberger5, dessen Varianten-Kompilation 2015 schon dem Band Vom Eischlupf als Vorbild gedient hatte? Wie nah sollte ich, wie nah konnte ich und wollte ich am polnischen Original bleiben? Die Verlockung, übersetzerisch abzuschweifen und nachzudichten oder zu „tradaptieren“6 war nicht zuletzt aufgrund der sprachlichen Freiheiten, die sich der Lyriker besonders in dem am stärksten experimentellen seiner Gedichtbände, mylne wzruszenia (irrige rührungen), in der uns gemeinsamen Muttersprache nimmt, sehr groß.

Gratwanderung ist bei Białoszewski allgegenwärtig. Wie lässt sich eine konjugierte Kontamination wie „liryczy“, im Infinitiv vermutlich „liryczyć“, ins Deutsche übersetzen? „Lyrik“ und „schreien“, „brüllen“, „heulen“ sind hier in der 3. Person Singular zu einem Verb verbunden: „lyrüllt“? „lyreult“? „lyreit“..? Und wie übertrage ich den homerisierten Doppelvokativ „Muzo / Natchniuzo“, mit dem eines der wahrscheinlich am häufigsten zitierten Gedichte Białoszewskis beginnt, namuzowywanie, „Bemusung“: „Muse / Inspiruse“? Oder „Muse / Inspiratuse“? Reagierte vielleicht eine „Muse / Inspuse“ auf die Anrufung oder erstickte sie eher in derart engem „Insp“-Korsett? Es sollte, beschloss ich kurzerhand, eine dezidiert weibliche Muse sein, eine Art musa lactans den Dürstenden, die im deutschsprachigen Gedicht zu beschwören war, eine „Muse Eingebuse“7...

Jedenfalls galt es zu vermeiden, aus dieser Musen-Miruse eine verlebte Verlagsvagabundin zu machen, eine durch unverhohlen poesiefeindliche Lektoratsbüros irrende Heimatlose. Nicht umsonst, sagte ich mir erneut, indes ein unverhoffter Strahl der Zuversicht durchs Hirn funkte, steckte englisches Metall in der Schwertleite des Autornamens! Diese fruchtbringende Erkenntnis öffnete mir die Augen; plötzlich wirkte die Sache ganz einfach: Ich musste meinem Vorhaben bloß etwas vom Dichternamen abschmelzen, um im Zuge dieser symbolisch-metamorphotischen Aktion, die mir darüberhinaus das Übersetzen Białoszewskis per se darzustellen schien, auch selbst ein wenig abzuhärten.  Schließlich war schier Besorgniserregendes konstatiert worden: Mein Deutsch werde „immer flüssiger“! Dies behauptete jener machistische Besserwisser und Universaldilettant, der in anderem Kontext auch schon 'meine May Swenson' unter dem Vorwand abgewimmelt hatte, es würde sich ­– außer mir – eh niemand für diese Dichterin interessieren.

Nein, ich achte jetzt nicht wieder ab. Es bedurfte der Stählung; Stahl sollte mein Deutsch werden, anstatt flüssig wie Wasser. Aber wie? Vielleicht über den Umweg eines mehrsprachig-onomantischen Exerzitiums, in eine Litanei verkleidet, somit über die allseits bekannte Hintertür? 'Miron, m'stähle mich', hob die erste seichte Beschwörungsprobe an, die auch ein Quasi-Gebet mit unmittelbarer Wirkung zum heiligen Miron sein sollte, jener im Gedicht Po moim patronie („Von meinem Patron“) dargestellten Heiligeninstanz, der es im Gedicht gelingt, aufgrund des Wohlgeruches ihrer Heiligkeit das Schwert des Throninhabers zum Niesen zu bringen: M'iron steel, M'acid steel, M'high strength steel usw. Umsonst. Ich hörte es nicht an der schwefeligen Rossquelle niesen, dort, wo jener wähnte, seine Weisheit ûz Pegases ursprunge zu schöpfen.

Ich brach mein Gemummel ab. Immerhin war mein Zorn erkaltet – oder bloß verhärtet? Pechschwarze, gallige M'agmara. Mit pseudoalchemistischem Esozeugs mache ich, tfu, nie und nimmer Gold – und Miron keine Freunde. Dann dämmerte es mir: Waren die Übersetzungen noch weich und darum halbflüssig? Ließen sich die Verse nach meiner Schmelz-Deutschung noch biegen und verbiegen? Vielleicht war das Manuskript überhaupt nicht reif für die Publikation und unabgeschlossen, als ich es in die Hand nahm, um es zu verschicken – Bleischrot? Also doch Gedichte, so „brav und belanglos“, dass sie keiner „Gemüths Ergoetzung“ dienen? Der Sinn stand mir nach Apokalypse. Zum Glück schien MB schon wieder mit Tröstlichem für mich vorgesorgt zu haben:

apokaliptyka

wyjdą z piasku roslińki
wyjdzie ze mnie mój niuch przedpotopowy pójdzie
z nietrzymaniem się kiwaniem
u niekończyn szyn stanie stworzenie wylotu
będzie niebieskie
będzie pachło
będzie wiuwało

apokalyptik

dann sprießen pflänzlein aus dem sand
dann kommt mein vorsintflutlicher riecher aus mir heraus
geht ab
unhaltbar schunkelig am unschluss
der gleise ein wesen der mündung bleibt stehen
wird blau sein
wird duftn
wiwehen

Das wünschte ich mir für meine Übersetzungen und ihren jahrelangen Prozess, weshalb ich überhaupt nach Publikationsmöglichkeiten schielte: Endlich irgendwo anzuhalten und stehen zu bleiben. Es gut sein lassen. An einer Mündung, der Mündung verschiedener Möglichkeiten. Wie dieses beschriebene Wesen, das wild herumwehen darf, gut riechen und dabei blau sein. Obiges Gedicht hatte ich mehrfach übersetzt und würde es immer wieder aufs Neue übersetzen (müssen), da keine meiner Übertragungen je zuzutreffen schien, je zutreffen würde. Schuld daran waren nicht nur die Reime, auch der Zeilenumbruch aufgrund von Überlängen, die sich beim Übersetzen aus meiner Muttersprache oft einstellen, wenn das kasusbedingt dicht verzurrte, fast verfahrene Polnisch in eine auf der anderen Seite verwässert wirkende Grammatik hinübergeschrieben werden muss, mit ihren „des“-zerdehnenden Genitiven, ihren ungelenken Bezüglichkeiten und der unbeholfenen Pronomenprominenz bei Instrumental-Übertragung.

Das Problem liegt in diesem Gedicht insbesondere am Versteil „u niekończyn szyn“ [u njekoñ'tschɪn schɪn]. Es ist ein gewissermaßen programmatisches Problem, das hier zutage tritt. In diesen Worten stecken eine Verneinung („nie-“), Gliedmaßen („kończyny“), Gleise [„szyny“], eine Ortsbezeichnung („u“), ein Reim („czyn“-„szyn“) und eine Paradoxie: Nur ein Ende, ein tatsächliches, reales, wäre ein zu bezeichnender Punkt, an dem sich etwas abspielen kann, ein konkreter Ort, wie etwa das Ende einer Straße. Hier ist das Gegenteil gemeint, „am Unende“ steht da, unterstrichen noch durch eine die relative Endlosigkeit konnotierende Funktion von Gleisen. Und solch ein doppeltes „Unende“ charakterisiert auch meine Übersetzungsanläufe hinsichtlich Białoszewski. Die Annäherungsversuche sind endlos und werden alle paar Jahre seit einem Jahrdutzend wieder aufgegriffen. Weil mich diese Gedichte ansprechen, weil sie mich überzeugen, werden Versübertragungen umjustiert und neue, bislang unübersetzte Texte angegangen. Dass sie mich bewegen, drang vielleicht durch. Und sie fordern mich. Sie fordern auch das Deutsche, oder fordern es heraus. Viele davon sind zweifellos unübersetzbar. Miron Białoszewski ist neben Bolesław Leśmian, Krystyna Miłobędzka, Stanisław Barańczak, Zuzanna Ginczanka oder Julian Tuwim, um nur wenige zu nennen, einer jener Autor·innen polnischer Sprache, um derentwillen es sich lohnt, Polnisch zu lernen. Davon bin ich überzeugt. Auch deshalb trifft mich oben zitierte Invektive. Und sie wirft mich darum nochmals zurück in die Vergangenheit der ersten Versuche, diese Übersetzungen ans Licht zu bringen.

Verlagspositionen hin oder her, ich spürte die Pflicht, nachzuhaken. Wer würde den Vorwurf des „belanglosen Lyrisierens“ schon auf sich sitzen lassen wollen? Auch handelte es sich ja nicht einmal um etwas Eigenes an Texten, sondern um die Poesie eines hochverehrten Klassikers, dessen Verse die erbärmliche Schriftstelle jenes anonymen Gschaftlhubers zweifellos überleben würden, ja jetzt schon überlebt hatten! Was bitte wäre denn, fasste ich mir ein Herz und fragte nach, „gut“? Und das letzte Scherzl einer für alle Ewigkeit abgewürgten Korrespondenz mit einem Hilfsdichter, gen. Abkömmlicher vom Schamottikon, liest sich so:

Bia-ło...zweksi, weksi, wek! -si, wek: YYYY! Zaubern hilft nicht, nein: Miron B-I-A-Ł-O-S-Z-E-W-S-K-I – und ich rücke eilig die paar Buchstaben zurecht, es scheint ein komplizierter Knoten – wird a posteriori aus verschiedenen Gründen nicht mehr der Vater meiner Kinder werden können, aber dieser Aasfresser – pardon: Avergesser – wohl ein Sandkorn im mansplainigen Verlagsmachtgetriebe bleiben... Als Miron Białoszewski stirbt, stehe ich, Tuwims Vogelradio vor mich hinzwitschernd, in einem sich uns endlich wieder annähernden Polen mit einem Rationskärtchen für Brot an, noch ein Kind. Überhaupt ist der Dichter meines Wissens nie Kindsvater gewesen – allenfalls ein Vater vieler Verskinder oder vieler dienstäglicher Soirée-Kinder: Adept·innen, Jünger·innen, Epigon·innen, die hatte er, und er hat sie bis heute. Für sozialistische Verhältnisse lebte er seine Homosexualität sogar recht offen aus, auch wenn ihm nichts anderes übrigblieb als hinzunehmen, dass man ihm als jungem Zeitungsschreiber seinen Job darum aufkündigte, gefolgt von zahlreichen Schikanen.

The Estate of Miron Białoszewski

Obiger „Kanon“ sei in gebotener Kürze beleuchtet, denn: Ist hier ein Adam zza gaju gemeint, ein Hinterhainadam aus der verstümmelten Welt, aus „AAAmerika“ – so, mit drei AAA, bei Białoszewski –, oder ist das vielleicht, darf ich reimen?, Meister Zagajewski? Werter Babbo Schmiedechen-Gönnerhaft, das „meine ich ganz offen“, liebes Männchen, teurer „skunkssfinkssyn“, um es mit einem noch zu übersetzenden Appelativum Białoszewskis aus den Fafultety-Apokryphen zu sagen: Lies noch einmal hin, da dich dein Mückengedächtnis im Stich ließ. Miron hat ja für allerart Schlauch- und Leitungstehende ein Herz! Und, wichtiger, er hat auch „irgendwas mit a“ zu bieten, etwas Richtungsweisendes mit Blick auf den Titel des aktuellen Bandes:

siulpet

słońce świeci
     nie siulpeci

idzie    siulpet
dziś niesiulpet
jutro jeszcze nieś
pojutrze jużsiulpet

siulpet polega na a

sanatoriumlas
dziś niesiulpetlas
pojutrzę dostanę a
będę jasiulpet
Otwock jak Ośmok

siulpet ma
ciepłą miękką mokrą mordę a

der schlähni

die sonne brennt
     sie schlähnt nicht
da geht der    schlähni

heute unschlähni
morgen noch unsch
übermorgen schonschlähni

der schlähni beruht auf dem a

sanatoriumwald
heute unschlähniwald
übermorgen bekomme ich ein a
werde a schlähnich
Otwock wie Oschmotz

der schlähni ha
hat eine warme weiche feuchte schnauze a8

„der schlähni ha / hat eine warme weiche feuchte schnauze a“, singe ich die für mich jetzt Refrain-gewordene Zeile vor mich hin und weiß: Übermorgen bekomme ich – bekommen wir, Miron und ich, ah, ja ich glaube daran, selbst halb Tuwimscher Kuckuck, a o-, a-o, a o-orde-hentlichen Verleger! ­Gesagt, getan, vielmehr: gesungen, erhalten. A bekommen. Oh und ein U und E dazu, bref: M'ironien ist 2021 bei Urs Engeler erschienen.

A wie... „A domani“ – denn genauso folgenlos wie dieser römische, Turiner oder Triester Schmerzlosabschied nach langer Barnacht ist jene einst ausgesprochene Einladung an mich samt ihres Angebotes gewesen. A-A-A, hier jetzt ein mütterlicher Fingerzeig, méfiez-vous, möchte ich sagen, die Ihr – falls schüchtern-stotterige Sprachmigrant·innen wie ich – in den raschelnden Buchstabenwald der Korresponponponponpondenz mit papararaliterarischen Pinkeln der Sosorte G'Geradenichteinfellers einzutreten trachtet! Laschāt onnji, ähm, Sperenzchen. Vorsichtiger muss vielleicht nur sein, wer sich durch diese Tür zu gehen anschickt:

otwieram jej drzwi, skrzypią
i szept: „ta szafa to wejście do piekła”
patrzę: między wieszakami
czerwona suknia i czarne skarpetki
Dantego

ich öffne die tür, sie quietscht
ein flüstern: „dieser schrank ist der eingang zur hölle“
da sehe ich: zwischen den bügeln hängen
das rote kleid und die schwarzen socken
von Dante9

So viel zur Vorgeschichte. Auch die Gegenwart wird wieder angeführt von einem A: A wie Aniela, A wie Angela. Denn kaum jemand ohne Kenntnisse einer slawischen Sprache wird den Namen korrekt auszusprechen wissen, und zwar als „Anjela“. Darum: Angela. Angela, die englische. Die Engelhafte. Angela bei Engeler. Da erscheint sie jetzt. Als vorerst letzter Streich. „Tante Angela“ ist die Protagonistin des fünfunddreißigteiligen Gedichtzyklus „Wiersze ciotki Anieli“, „Tante Angelas Gedichte“ – Anlass dieses Textes und Teil des frisch übersetzten Bandes DIE SONNE UND ICH, einer Auswahl von Gedichten, der die Überlegung zugrunde liegt, das lyrische Spätwerk Miron Białoszewskis abzubilden. Das Vorwort liest sich in etwa so:

Miron und wir

Um eine maßgebende Auswahl der Schriften von Miron Białoszewski (1922–1983) vorzulegen, konzentrierte man sich gewiss eher auf die „frühen Sachen“ des Urwarschauer Dichters als auf seine späten – auf Lyrik etwa aus dem kanonischen Band Obroty rzeczy („Kreisen der Dinge“), seinem gefeierten Debüt von 1956, das großenteils noch unübersetzt ist. Dort finden sich Białoszewskis berühmteste Texte versammelt: stark durchrhythmisierte Verse, die wirken, als seien sie „laut geschrieben“, da für den Vortrag gemacht; manche populär geworden als Chansons. Während das frühe Schaffen mit seinem literatur­revolutionären Impetus und den Impulsen für Generationen von Dichtenden nicht allzu weit von der im Rahmen eigener Inszenierungen entwickelten Theaterpraxis des extrovertierten Bühnenmannes abrückt, hat das lyrische Spätwerk der ausgehenden 70er und beginnenden 80er Jahre, wie es die vier in sich geschlossenen Zyklen dieses Bandes vorstellen, nachgerade gegensätzliche Eigenschaften. Der grammatikaffine Manierist, von der Kritik dank seiner als „linguistisch“ gewerteten Schreibverfahren zum Wortführer einer polnischsprachigen Avantgarde erkoren, ist binnen zehn vornehmlich der Prosa und dem Prosagedicht gewidmeten Jahren von einem abgeklärten, bisweilen spröden Realisten abgelöst worden; der „private Dichter“ (Maria Janion) hat den idiosynkratischen Sprachemphatiker ersetzt.

So loten Białoszewskis Verse nach 1970 keine gesuchten Spitzfindigkeiten der Grammatik mehr aus, keinerlei stilistischen Grenzgänge, und sie vollführen keine verbalen Saltos mehr, die in neologistischen Zeilen münden. Stattdessen wenden sie sich von aller experimentellen Extravaganz ab und, regelrecht frenetisch, vorgeblich willkürlichen Alltagsereignissen zu, die sie als Popanze mal intimer, mal sozialistischer, immer aber grotesker Banalität ausstellen. Dabei greift der Dichter nach allem, was ihm zufällt. Und er zieht das Komische vor. Im Hochhaus sitzend, einem Plattenbau im zentrumsfernen Stadtteil Chamowo („Rüpelsheim“), auf dessen Bezug eine beispiellos fruchtbare lyrische Schaffensphase folgt, kennt dieser lustvolle Beobachter jenen Alltag scheinbar nur vom Hörensagen. Wohl darum versteht er es so gut, beiläufigen Anekdoten Poesie, mitgehörten Gesprächsfragmenten lyrische Mitschriften abzuringen. Hier und da veredelt durch mythische Rahmung, die seine Alltagsszenen überformt, sind Białoszewskis Lauschschriften über die Jahre zu Büchern und von ihm selber kuratierten Kompilationen gebündelt worden – allesamt einem soziokulturell stark durchmischten Umfeld abgehorcht, welchem der Autor schon zu Zeiten der Wohngemeinschaft mit dem legendären Texthelden Le., seinem Lebensgefährten Leszek Soliński (1926–2005), reichlich Wortmaterial verdankte.

Neben dem erwähnten Gattungswechsel, der Re­konversion zur versifizierten Zeile und der Erweiterung des frühen Gelegenheitsgedichts zum zyklischen Schreiben zeichnet sich in den späten Gedichten noch eine andere Verwandlung ab. Sie ließe sich anhand von Namen veranschaulichen: Indes der umtriebige „Mirek“, unter vielen anderen Protagonist seiner „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“ (Pamiętnik z powstania warszawskiego) in den Versen des Bandes Odczepić się („Sich loslösen“, 1978) längst erwachsen ist und verdrängt wurde von einem feisten Herzkranken, der sich nicht scheut, als Witzfigur dazustehen und selbstironisch seine „Dritten“ zu bedichten, scheint der Autor als Erzähler und Sprechstimme allmählich zu weichen. Es gewinnen bizarre Alter Egos und simulierte Para­-Ichs die Oberhand, weltgeschichtlich belanglose Nebenfiguren, die Miron Białoszewski bis zu seinem verfrühten Tod begleiten werden. Es ist dies die Sublimierung, zugleich die Verinnerlichung seines frühen Theaters – als Theater sowohl anderer Inhalte als auch anderer Mittel.

The Estate of Miron Białoszewski

Hatte sich der Dichter zuvor und wohl angesichts der perpetuierten Verwandlungen in dem Gedicht mylne wzruszenie („irrige Rührung“) als „der Białoszews­kige“ (Białoszewskawy) von einem Identisch­-Sein mit sich selbst zugunsten einer stets vager werdenden Ähnlichkeit entfernt, verkörpert sich die Stimme des Spätwerks gern in Frauengestalten. Zwei von ihnen, die umfangreiche Gedichtzyklen hinterlassen, sind „Tante Angela“, polnisch ciotka Aniela, und die „Alte aus der Platte“, die man sich als abgefeimte „baba“ (kontextgebunden eine Bezeichnung für „Weib“) vorstellen muss. Białoszewski spielt hier ein neues, radikaleres Rollenspiel mit seiner Lesendenschaft. In Tantenkleidung, bestehend aus dem im Gedicht ererbten Retropullunder, erfreut sich dieser Ausbund an Ausgefuchstheit am Austeilen köstlicher Gemeinheiten. Dabei träumt das „Ersie“ dieser Verse – oder „Sier“, obwohl es sich ebenso wenig um eine queere wie misogyne Persönlichkeit handelt – manchmal von Schleier und Hochzeit. Will aber zeitgleich partout nicht „kalben“. Wird dann fast überfahren und flucht. Beklagt hämisch den Hühnerklau und begegnet vor dem forcierten Zubruchgehen einer Scheibe im Treppenhaus einem sukkulenten Wiedergänger. Verschafft Anderen, ihre Freizeit vereitelnd, per Sabotage ungefragt kathartische Momente. Dann drängt sich mit metaphysischer Wucht unversehens die Sehnsucht nach einer Blumenkohlsuppe auf. Oder es wird hinter zugezogenen Gardinen vor der (oder vielmehr für die) Nachbarin so getan, als flatterte jemand mit Engelsflügeln. Andernorts wiederum treffen wir eine sinnierende Frau auf dem Friedhofsbänkchen an, wo sie neben dem ehemals untreuen Gatten sitzt, um dem gemeinsamen Leben nachzuhängen. Wieder anderswo wird uns ein verführtes Text-­Ich präsentiert, das sturzbetrunken und mit vor Erbrochenem verklebtem Gesicht halb ohnmächtig auf dem Boden unter herabrieselndem Schutt liegt, um nach dem herrlichen Besäufnis das Haus nie wieder zu verlassen.

Hier die schadenfrohe Nachbarin, dort eine allwissende Sphinx: Endlose poetische Variationen, einen schier unendlichen Vorrat an Gedichten, lyrischen Notaten und Ellipsen birgt der so schlichte wie verrückte Alltag, wenn man ihn mit den Baba­-Augen Miron-­Angelas vom hohen Plattenbau-­Stock Rüpelsheims aus betrachtet. Nicht umsonst verspricht 1965 einer der Buchtitel enthusiastisch schlaraffischen Überfluss – Było i było, wörtlich „es war und es war“, „es gab und es gab“ (oder „es war und es gab“): „Noch und noch“.

Die vorliegende Auswahl und ihre Übersetzung sind in Zusammenarbeit mit dem polyglotten Linguisten Henk Proeme entstanden, alias Misio Holender („Holländerpetz“), wie er in den Schriften Miron Białoszewskis genannt wird. Er ist – und da ich weiß, dass ihm Spiele mit seinem Namen nicht behagen, sage ich dies nur hier im Journal – mein „Proemetheus“: Denn seit über einem Jahrzehnt feuert er die gemeinsame Arbeit an den Übersetzungen an. Wenn ich oben 'ich-ich-ich' schreibe, so hat Henk Proeme an allen übersetzerischen Lösungen seinen Anteil, da wir jedes Wort, jeden Vers sehr ausführlich diskutieren. (In den oben zu lesenden Gedichten bin ich allerdings abgewichen.)  Ich hatte das Glück, mit einem virtuosen Kenner des Werkes Białoszewskis umgehen zu dürfen, dessen ehemaliger Nachlassverwalter er als Erbe Leszek Solińskis ist, und zugleich mit einem genuinen Charakter der Versfiktion des Autors. Wie damals im Zuge der Fertigstellung unserer „M’ironien“ (roughbook 054) wieder zu dritt – Henk, Misio Szwajcar und ich –, kreisten wir einen heißen Sommer lang um die bleckende Gegensonne Miron.

Miron Białoszewski: Die Sonne und ich. Gedichte, ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus und Henk Proeme. Engeler Verlag 2023.

15.12.2023
Fußnoten
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PDF

Dagmara Kraus, Foto: © Dirk Skiba

Dagmara Kraus, geboren 1981 in Wrocław, Polen, lebt als Dichterin und Übersetzerin von Poesie zwischen Strasbourg und Hildesheim, wo sie Literatur unterrichtet. Zuletzt erschien ihr Gedichtband liedvoll, deutschyzno (kookbooks 2021), daneben der Essay Murfla und die Blocksbärte. Die Verwandlungen des Miron Białoszewski (Wunderhorn 2022) sowie das aus ihrer Dissertation hervorgegangene Buch Poetiken des Sprungs (Urs Engeler 2023). 

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