TALKS Berührungsängste Sensibel, mit Respekt, aber ohne Angst
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Sensibel, mit Respekt, aber ohne Angst

Die bisher größte Berührungsangst beim Übersetzen erlebte ich bei der Neuübersetzung von Thomas Manns „Tonio Kröger“. Das Werk ist auch in Japan sehr bekannt, wurde mehrfach von renommierten Germanist·innen und Übersetzer·innen ins Japanische übersetzt – einige dieser Übersetzungen haben ihrerseits Klassikerstatus. Es war meine erste Neuübersetzung, und ich wusste, dass man sie mit den früheren Fassungen vergleichen würde. Das hat mich unter Druck gesetzt. Wie ein Erstsemestler schlug ich fast alle Wörter nach, um nur ja keinen „Fehler“ zu machen. Ich war gehemmt in meinen Entscheidungen, weniger frei im Formen des japanischen Texts. Durfte ich ein Adjektiv, das in der japanischen Sprache keine genaue Entsprechung hat, nach meinem Sprachgefühl in zwei oder drei japanische Wörter übersetzen, oder sogar in ein Verb konvertieren und damit die ganze Satzstruktur verändern, was ich sonst ohne Hemmungen getan hätte? Was würden die vielen japanischen Tonio-Fans denken? Und die vielen japanischen Germanist·innen, die das Werk quasi ihr Leben lang beforscht hatten?

In Japan ist das Nachwort des/der Übersetzer·in eine gängige Praxis. Meine Haltung habe ich dort so erläutert:

„Wenn man ein Werk, das in einer Sprache mit bestimmten kulturellen und geschichtlichen Hintergründen geschrieben ist, in eine andere Sprache mit anderen Hintergründen übersetzt, entsteht unvermeidlich ein neues Werk, das in seinen Nuancen, seinen Geräuschen, Farben und Gerüchen anders ist als das Original (unabhängig davon, wie „originalgetreu“ die Übersetzung ist). Es ist das Schicksal der Übersetzung. In dem, was man aus dem Original herausschöpft und was nicht, und was man unter Umständen hinzufügt, zeigt sich die Individualität des Übersetzers. Und darin besteht das Wesen, das Schönste der Übersetzung. Wenn ich den bestehenden Versionen die Stimme hinzufüge, die ich aus dem Originaltext gehört und die ich ins Japanische zu übertragen versucht habe, kann ich „Tonio Kröger“ als „japanischen Roman“ reicher machen. Das hoffe ich von ganzem Herzen.“

Keine Berührungsängste hatte ich bisher unter dem Gesichtspunkt der „kulturellen Aneignung“. Als Japanerin, Asiatin, als Frau fühlte ich mich bisher noch nie in irgendwelchem Sinne „unqualifiziert“, ein deutsches Buch zu übersetzen. Aber mir sind schon Texte begegnet, die eine wenn auch nicht explizite, aber doch unterschwellige Misogynie transportierten, und bei denen ich versucht habe, diese Nuancen abzumildern. An anderer Stelle gab es eine Formulierung, die im japanischen Kontext abstoßend wirkt: bei der Übersetzung eines Romans stieß ich auf einen Vergleich, ungefähr so: „eine Überraschung überfällt ihn wie ein Tsunami“. Bestimmt keine Absicht des Autors oder der Autorin, aber angesichts der vielen Opfer der in Japan immer noch sehr präsenten Tsunamikatastrophe von 2011 ein Missgriff, bei dem ich lange überlegt habe, ob ich ihn 1:1 übernehmen sollte. Ich habe ihn dann doch so stehen lassen.

Ich glaube an die Vorstellungskraft und das Einfühlungsvermögen der Übersetzer·innen – und der Leser·innen. Schließlich ist das unsere Arbeit: Versuchen, etwas Fremdes zu verstehen und es in den eigenen kulturellen Kontext zu bringen. Sensibel, mit Respekt, aber ohne Angst.

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Shoko Asai und ihre Autorin Judith Taschler © privat

Shoko Asai lebt in Berlin und Portugal und übersetzt ins Japanische – derzeit das Buch „Das Geburtstagsfest“ der österreichischen Autorin Judith Taschler, die auf dem Foto mit abgebildet ist.