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FINGER(LOSE)ABDRÜCKE

In diesen Zeiten des Lockdowns und Abstandhaltens habe ich viel über die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Nähe, nach einem engen Kontakt zu einer verwandten Seele oder einem klugen Kopf nachgedacht. Wie so häufig existiert auf Deutsch ein perfekter Begriff, um dieses Gefühl zu vermitteln und ihm eine Form zu geben: Berührungssehnsucht. Es ist diese Sehnsucht nach Gemeinschaft, die mich als Übersetzerin maßgeblich antreibt.

Die Gedanken anderer in eigene Wörter zu überführen, lässt uns in eine fremde Empfindsamkeit eintauchen, einen anderen Denkrahmen einnehmen oder eine andere Perspektive auf die Welt anprobieren. Es bietet Gelegenheit, unseren Horizont zu erweitern, indem wir durch eine neue Brille blicken oder für einen Moment in die Haut von jemand anderem schlüpfen, und es ist eine Möglichkeit, die Horizonte von Freunden und Fremden zu erweitern, indem wir unsere Leidenschaft und unsere Begeisterung oder aktuelle politische und soziale Betrachtungen aus einem fernen Land mit ihnen teilen.

Mögen aus Freunden auch nur in den seltensten Fällen die schlimmsten Feinde werden, so kann Vertrautheit dennoch verschiedene Stufen von Unbehagen hervorbringen. Auch beim Übersetzen folgen auf Aktionen Reaktionen – und hier kommt die Berührungsangst ins Spiel. In letzter Zeit hat die Angst davor, in Kontakt mit oder in die Nähe von anrüchigen, geschmacklosen oder unbehaglichen Gedanken zu geraten, in der Covid19-Pandemie ein erschreckend konkretes Pendant gefunden. Allein bei dem Gedanken an einen physischen Kontakt beschleicht uns eine gewisse düstere Vorahnung und wir sind hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht und Furcht.

            Dieser Zustand der Berührungsambivalenz scheint in jeden Winkel unseres Lebens gekrochen zu sein. Sogar auf eine einsame Tätigkeit wie die des Übersetzens wirft sie ihren Schatten. Wir Übersetzer∙innen sind es gewohnt, Stunden, Tage, ja Wochen in fast ungestörter Einsamkeit am Schreibtisch zu verbringen, und wenn wir uns in die Öffentlichkeit begeben, dann meist begleitet von der quälenden Unruhe, dass wir eigentlich bei unseren Büchern sein sollten, zumindest für ein paar Seiten noch … Doch während der letzten neun Monate, als öffentliche Veranstaltungen abgesagt oder verschoben wurden oder es unheilbringend schien, daran teilzunehmen, schnürte einem diese so vertraute Einsamkeit plötzlich die Kehle zu. Und als die Medien erneut bestimmt wurden von Berichten über Morde an schwarzen Amerikanern und das Einprügeln auf friedliche Demonstranten, wurde diese Ambivalenz mit den Black-Lives-Matter-Protesten auf die Spitze getrieben – es war unmöglich, zuhause zu bleiben, und es war gefährlich, auf die Straße zu gehen.

            Vor einem Jahr, in der ‘Zeit des Davor’, wurde ich mit der Neuübersetzung von Ernst Jüngers allegorischem Roman Auf den Marmorklippen aus dem Jahr 1939 betraut. In diesem rätselhaften, ebenso blinden wie weitsichtigen Buch erzählt ein ehemaliger Söldner, der sich inzwischen als Botaniker verdingt, vom Aufstieg eines tyrannischen Demagogen und einem gescheiterten Putschversuch, der mit dem Niedergang einer gesamten Zivilisation endet. Ich erinnerte mich dunkel daran, das Buch vor Jahren gelesen zu haben, und es schien mir ein zeitgemäßes Vorhaben zu sein, sogar eins mit einem gewissen Dringlichkeitscharakter, eines, das dabei half zu verstehen, wie ein nihilistischer Populismus selbst ein Land “von alter Rechtsgeschichte”, wie Jünger es formuliert, schachmatt setzen kann. Doch während ich mich mit jedem Satz tiefer in den Text hineinbegab, wuchsen meine Bedenken. Weithin gepriesen als einziger Akt des Widerstandes in der deutschen Literatur unter Hitler, ist Auf den Marmorklippen tatsächlich eine edelgesinnte, aber heikel-windige Rechtfertigung für die unbeteiligte ‘innere Emmigration’ einer künstlerischen und intellektuellen Elite. Jünger selbst hielt das Buch keineswegs für einen Akt des Widerstandes, sondern sah es als der Politik überlegen. 1946 notierte er in seinem Tagebuch, dass er seinen Roman nicht als politische Polemik verstanden wissen wollte, dass der Schuh damals [neben Hitler] auch vielen anderen gepasst hatte und dies noch immer der Fall sei. Das ist in der Tat so.

Allein bei dem Gedanken, Jüngers messerscharfen Stil einzufangen, der zwischen genauen, lebendigen Beschreibungen, nebulösen Pseudo-Archaismen und simplen Tiefsinnigkeiten changiert, ein Stil den Stuart Hood in seiner Version von 1947 bewunderstwert wiedergegeben hat, hatte ich gewisse Befürchtungen. Doch je tiefer ich in den Roman eintauchte, umso stärker wurde mein Unbehagen. Die Parallelen zwischen dem Roman und den Konflikten, die sich in den Straßen der Vereinigten Staaten, im Weißen Haus und im Capitol abspielten, zeichneten sich immer deutlicher ab, das Echo wurde immer eindringlicher.

Auf den Marmorklippen erzählt die Geschichte zweier Männer, des Erzählers und seines Waffenbruders Otho, die einen Söldnerorden fahrender Ritter namens Mauretania verlassen haben, um sich in einer abgeschiedenen Klause am Ufer eines riesigen Sees namens Marina dem Studium der Botanik zu widmen. Die Landschaft beheimatet eine alte, hochentwickelte, landwirtschaftlich geprägte, christliche Zivilisation, die sich den in ihrer Mitte lebenden Heiden gegenüber tolerant zeigt. In den die Marina flankierenden Wäldern jedoch hat sich ein grausamer Despot über eine Kampagne von Gerüchten und Drohungen, über die Auferlegung einer gesetzesähnlichen “Ordnung” und einen stetig wachsenden Terror Gewalt über die Kriminellen, Gierigen und Unzufriedenen verschafft. Dieser Oberförster ist vage Hermann Goering nachempfunden, zu dessen eher fragwürdigen Titeln auch der des Reichsforstmeister gehörte. Er ist ein “Alter Herr der Mauretania” und ein gewiefter, skrupelloser Strippenzieher mit Hang zu einer furchterregenden Heiterkeit, der sein Gift indirekt von seiner Festung aus den Tiefen des Waldes versprüht. Er handelt natürlich nicht allein, sondern verfügt über Legionen von Helfern, die Ministerien übernommen, die Kirche infiltriert und die Gerichte durchsetzt haben.

Gerade hierin lag ein meisterhafter Zug des Oberförsters: er gab die Furcht in kleinen Dosen ein, die er allmählich steigerte, und deren Ziel die Lähmung des Widerstandes war. Die Rolle, die er in diesen Wirren, die sehr fein in seinen Wäldern ausgesponnen wurden, spielte, war die der Ordnungsmacht, denn während seine niederen Agenten, die in den Hirtenbünden saßen, den Stoff der Anarchie vermehrten, drangen die Eingeweihten in die Ämter und Magistrate, ja selbst in Klöster ein, und wurden dort als starke Geister, die den Pöbel zu Paaren treiben würden, angesehen. So glich der Oberförster einem bösen Arzte, der zunächst das Leiden fördert, um sodann dem Kranken die Schnitte zuzufügen, die er im Sinne hat.

Der Erzähler und sein Bruder beobachten die Zunahme der Gewalt mit Sorge. Es reizt sie, sich dem Kampf gegen den Oberförster anzuschließen, sie bleiben aber schließlich ihrem erhabenen Entschluss treu, “allein durch reine Geistesmacht zu widerstehn”. Dieser Entschluss gerät nicht einmal ins Wanken, als sie tief im Wald auf eine Folterstätte stoßen, an der die aufgespießten Schädel und geschundenen Leiber der Feinde des Despoten aufgereiht sind. Einer der Schergen des Försters, Braquemart, hat in einem zum Scheitern verurteilten Versuch, den Förster zu stürzen, einen Prinzen aus einer alten Adelsfamilie angeworben. Braquemart ist ein “kleiner, dunkler, hagerer”, recht derber und hinterhältiger Mann, in dem “alle Züge des späten Nihilismus sehr ausgeprägt” sind, und der sich dem Despoten mehr aus Verbitterung als aus Traditions- und Prinzipientreue entgegenstellt, so wie es der Prinz Sunmyra tut. Der Funktionär ist eindeutig Joseph Goebbels nachgebildet, was Jünger im Propaganda-Ministerium nicht gerade Sympathien eintrug. Braquemart und der Prinz suchen die Brüder auf, um Rat bei ihnen einzuholen, zu ihrer verhängnisvollen Mission brechen sie jedoch allein auf.

Als die Schlacht bereits tobt, begibt sich der Erzähler in den Wald, um den beiden zu Hilfe zu kommen, stößt jedoch vor der Folterhütte auf ihre aufgespießten Köpfe. Der Mut des Prinzen und seine Aufopferungsbereitschaft (und natürlich seine Adelszugehörigkeit) geben dem Erzähler seinen Glauben an die Menschheit zurück – zumindest an die privilegierten Klassen – und er schwört einen Eid darauf, sich nicht durch irgendeine Massenbewegung indoktrinieren zu lassen.

Und wie das hohe Beispiel uns zur Gefolgschaft führt, so schwur ich vor diesem Haupt mir zu, in aller Zukunft lieber mit den Freien einsam zu fallen, als mit den Knechten im Triumph zu gehn.

Auf den Marmorklippen ist sicherlich eine Verurteilung von Extremismus und des “kühnen Übermuts der Wenigen, die gleich Adlern über dumpfem Leiden kreisen.” Der Erzähler aber verfügt über die Mittel zur Flucht und über ein sicheres Zuhause im hohen Norden, in das er zurückkehren kann. Er hat Jahre der Arbeit verloren, und es erfüllt ihn mit Bedauern, Zeuge gewesen zu sein, wie ein Land und eine kultivierte Gesellschaft in Schutt und Asche gelegt wurden. Statt jedoch entsetzt zurückzuweichen, schwelgt er im Anblick der brennenden Städte, die rund um den See schimmern wie eine Perlenkette aus Rubinen.

Ich hörte dort unten nicht die Kinder weinen und die Mütter klagen, auch nicht das Kampfgeschrei der Sippenbünde und das Brüllen des Viehes, das in den Ställen stand. Von allen Schrecken der Vernichtung stieg zu den Marmor-Klippen einzig der goldene Schimmer auf.

And wer bei uns hier kann die Schreie der Kinder aus den Käfigen im Schatten von Trumps “großer, wunderbarer Mauer” hören?

Jünger selbst hatte nichts als Verachtung übrig für die liberale Demokratie, von der er glaubte, dass sie zwangsläufig zu einer Herrschaft des Pöbels führen würde. Er trat der NSDAP zwar nicht bei, einer Horde, der es, laut Jünger, an “Metaphysik mangelte”, und er verweigerte, dass seine Schriften in den Publikationorganen der Partei erschienen, dennoch diente er in Frankreich als Besatzungsoffizier. (Dort sollte Jünger, drei Jahre nach Erscheinen seines Romans, Zeuge der Bombardierung einer Renault-Fabrik werden, bei der 500 Menschen ums Leben kamen; von seinem Blickwinkel aus wirkte der Angriff jedoch wie das “Bühnenlicht für ein Schattenspiel”.) Goebbels drängte Hitler Auf den Marmorklippen zu verbieten, doch Hitler verehrte Jünger, seit dieser ihm ein signiertes Exemplar von In Stahlgewittern, seinem Bericht über das Leben in der Schützengräben des 1. Weltkrieg, zugesandt hatte. Hitler befahl Goebbels also, Jünger in Ruhe zu lassen. Von 1941 bis 1944 war Jünger in Paris stationiert und frequentierte dort die literarischen Salons und Künstlerateliers. Jean Cocteau, vor dessen dreckigen Fingernägeln Jünger sich ekelte, sagte über ihn: “Manche Leute hatten dreckige Hände, manche hatten saubere, Jünger aber hatte gar keine.” Dennoch gelang es Jünger, seine Fingerabdrücke zu hinterlassen: Sein Konzept der totalen Mobilisierung – die Instrumentalisierung aller Mitglieder einer Gesellschaft mit Leib und Seele für den Kriegserfolg – wurde begierig von den Nazis aufgegriffen und angepasst, und seine Glorifizierung der Gewalt und sein reaktionärer Elitimus beeinflusste Generationen deutscher Leser∙innen.

Warum also Auf den Marmorklippen übersetzen? Würde ich mir die Hände schmutzig machen?

Als Jüngers amerikanischer Biograf ihn danach befragte, warum das Böse eine so zentrale Rolle in seinem Schreiben spielte, antwortete Jünger: “Weil es so oft verborgen ist.” Auf den Marmorklippen deckt das Böse der damaligen Zeit auf: nicht nur das Böse, das zur Ausbeutung von und dem Mord an Millionen von Menschen führte, sondern auch den Makel jener, die nicht handelten oder wegsahen. Es erinnert uns daran, wie leicht es ist, den Reiz faschistischen Gedankenguts und seiner Ästhetik als vulgär abzutun, Extremismus und Intoleranz wegzuerklären und die “Brennt-alles-nieder!”-Rufe herunterzuspielen. Und schließlich erinnert uns Auf den Marmorklippen auch daran, dass, uns zu fragen “Was hat das alles mit mir zu tun?” und sich auf die Seite der “Freien” zu schlagen und mit ihnen “einsam zu fallen” und somit all diejenigen, die über weniger Mittel und geringere Wahlmöglichkeiten verfügen, ihrem eigenen Schicksal zu überlassen, ebenfalls einen entsetzlich hohen Preis hat.

COVID19 hat ein erschreckendes Licht auf die tiefe Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft geworfen, auf die Fragilität von Normen und das Versagen des politischen Willens, dem Gemeinwohl zu dienen. Wir können gegen diesen jüngsten physischen und politischen Krankheitsbefall ankämpfen, die Anfälligkeit unseres politischen Systems aber bleibt bestehen. Jüngers Roman drängt uns – indirekt – dazu, hinzuschauen und zu handeln. Oder wie es E.M. Forster in Wiedersehen in Howards End direkt formuliert: ”Nur den Bogen schlagen! Das war schon ihre ganze Heilsbotschaft. Nur den Bogen schlagen von der Prosa zur Leidenschaft, dann werden beide erhöht werden, und die höchsten Höhen, zu denen menschliche Liebe sich aufzuschwingen vermag, werden sichtbar. Nicht länger in Bruchstücken leben! Nur den Bogen schlagen!”

 

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Tess Lewis ist Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Französischen und dem Deutschen und lebt in Bronxville/New York. Sie hat Werke u.a. von Peter Handke, Maja Haderlap, Christine Angot und Philippe Jaccottet ins Englische übersetzt. Mehrfach kuratierte sie das Festival Neue Literatur, New Yorks jährliches Festival für deutsche Literatur auf Englisch. Mitglied des PEN America Translation Committee. www.tesslewis.org

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