TALKS In Mitleidenschaft

In Mitleidenschaft

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Paul Celans Todesfuge entstand 1945 – welche Herkunft hat dieser Meister heute? Welch seltsam stillen Krieg sind wir heute, hinter unseren Schutzmasken ausgesetzt? Es ist Zeit, dass es Zeit wird./ Es ist Zeit.“, heißt es in Celans Gedicht Corona. Ich bin mit der Neuübersetzung dieser Texte beschäftigt, als die Pandemie ausbricht. Zeilen wie „Dies ist das Auge der Zeit:/es blickt scheel/unter siebenfarbener Braue./Sein Lid wird von Feuern gewaschen,/seine Träne ist Dampf“, oder „Blicke umher:/sieh, wie‘s lebendig wird rings -/Beim Tode! Lebendig!/Wahr spricht, wer Schatten spricht.“  Und die poetische Antwort „Das Wort vom ZUR-TIEFE-GEHN,/das wir gelesen haben./Die Jahre, die Worte seither./Wir sind es noch immer“. Sie erfordern Empathie und Distanz gleichermaßen.

Schwierig sind zur gleichen Zeit die Annäherungsversuche an Thomas Melles Die Welt im Rücken – eine längst überfällige, immer wieder unterbrochene Übersetzung, deren Stoff rund um die bipolare Erkrankung des Autors („wenn die Neuronen außer Rand und Band feuern“) mich als Hochsensitiven in Mitleidenschaft zieht. Die Arbeiten bedeuten lange Tage am Bildschirm, parallel zum Lockdown mit all seinen Folgen. Bilder vom Exodus der todmüden Wanderarbeiter über die Straßen und Schienen dieses Landes gehen um die Welt, dann im Mai die Naturkatastrophe: der zweitstärkste Zyklon seit 1833 wütet über Kolkata, wo 1848 Henry Piddington, „einer der ersten Cassandras der Klimawissenschaft“, das Wort Cyclone prägte. Übersetzen unter diesen Vorzeichen gelingt nur mit psychischer Distanz. Manchmal auch Flucht. Nach dem Taifun stehe ich inmitten entwurzelter Bäume und zerstörter Bücherstände im Stadtzentrum. „Aber,/aber er bäumt sich, der Baum. Er,/auch er/steht gegen/die Pest“, fällt mir wieder Celan ein. Steht einer der Bäume hier gegen die Corona-Pandemie?

 

Man schickt mir Empfehlungen für ein Übersetzungsprojekt zur Gegenwartsdramatik, darunter Melles Versetzung. Wieder derselbe harte Stoff. Die Welt im Rücken ruft: Lass jetzt bloß die Finger davon! Jelineks Flüchtlings-Stück Die Schutzbefohlenen ist dabei; seine Aufführung haben die „Identitären“ in Wien gestürmt. Die Themen dieses Stücks gehören auch hier zur täglichen Realität – aber kann dieses Sprachkunstwerk mit seinen komplexen Prosamonologen das hiesige Publikum ansprechen? Würde man einen Bezug der dargestellten Figuren zum „real life“ unserer indischen Gegenwart herstellen? Was würde dann passieren? Müsste man mit Protesten wie denen der Identitären rechnen, oder gar mit Konsequenzen der autokratischen Regierung? Gestürmt oder verboten wird hier nämlich so manches in letzter Zeit. Beispielsweise die Aufführung von Draupadi von Mahashweta Devi, Bücher wie One Part Woman des tamilischen Autors Perumal Murugan, The Adivasi Will Not Dance von Hansda Sowvendra Shekhar, Wanderung mit den Genossen von Arundhati Roy. Was oder wer in das nationale Narrativ nicht passt, wird als „antinational“ denunziert und soll verschwinden. In seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sprach Amartya Sen unlängst von der weltweiten „Pandemie des Autoritarismus“. Auch in Indien kann man ein Lied davon singen. Meine Dramenauswahl fällt am Ende auf Schimmelpfennigs Ewige Maria und Die Vier Himmelsrichtungen.

Ich erinnere mich an frühe Berührungsängste bei der Übersetzung eines offenen Briefes von Elfriede Jelinek an Taslima Nasrin. Die Autorin wurde in ihrer Heimat Bangladesch wegen ihres Romans Scham und ihrer Einstellung zu Religion und Feminismus von religiösen Fundamentalisten mit dem Tode bedroht und musste das Land 1994 verlassen. Jelineks Text in Übersetzung zu verbreiten war riskant damals, aber nichts passierte. Die größte Überwindung kostete mich die Arbeit an Josef Winklers „Julius Meinl oder Leichenschleifen in Benares“. Die kunstvoll ausgebreiteten, überaus bildstarken Schilderungen der Verbrennungsplätze am Ganges quälten mich derart, dass ich oft vom Schreibtisch fliehen musste, beladen mit der Sorge, wie die bengalischen Leser dieses Werk eines Autors aus einer fremden Kultur aufnehmen würden. Tod und Leben gehen in diesem Land ineinander über, heißt es bei Winkler. Ich dagegen halte es mit Nietzsches Motto zu Morgenröte, für das er aus dem Rigveda übersetzt: Es gibt so viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben.

 

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© Soumyadeb Basu

Subroto Saha ist Literaturübersetzer und Deutschlehrer am Goethe-Institut in Kolkata. Er übersetzte Werke von Bertolt Brecht, Hans Magnus Enzensberger, Paul Celan und Thomas Melle ins Bengalische.