TALKS Berührungsängste Der liebevolle Zensor

Der liebevolle Zensor

Den Kollegen Mohammad Hemati lernte ich 2018 im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen kennen. Bald war jeder von uns von den Gedichten des anderen begeistert. Seit fünf Jahren lagen 25 ganz kurze Liebesgedichte in meiner Schublade. Der Verleger meines Vertrauens meinte, sie seien sehr gut, aber ich sollte doppelt so viele schreiben, damit sie als Lyrikband publiziert werden konnten. Auch Hematis Gedichte lagen in der Schublade, einige schon seit 15 Jahren. Er habe sie an keinen Verlag geschickt, sagte er – seine Gedichte hätten nämlich das Recht, unzensiert publiziert zu werden.

            Er war der vierte Iraner, den ich kennenlernte, und der dritte, der von literarischer Zensur sprach. Als ob Literatur und Zensur in jenem Land siamesische Zwillinge wären! Man konnte das eine nicht ohne das andere haben.

            Ich schlug ihm vor, zu zweit einen Übersetzungsworkshop für zeitgenössische persische und griechische Poesie zu gründen, mit Deutsch als Brückensprache. Zuerst würden wir an unseren eigenen Gedichten arbeiten, danach auch andere Dichter·innen übersetzen. Es war eine sehr intensive, fruchtbare Zusammenarbeit. Hemati ermunterte mich, auch anderen Verlagen meine Texte zu schicken. Eine Woche später bekam ich eine Zusage. Meine Freude war groß, und derart beflügelt kam die Idee auf, einen Band mit Hematis Gedichten zusammenzustellen – für die Publikation in einer zweisprachigen, persisch-griechischen Ausgabe.

            Zwei Wochen später veranstalteten wir eine Lesung im EÜK, dann kehrte ich nach Athen zurück, Hemati würde sich noch einen Monat in Deutschland aufhalten; im nächsten Frühjahr würden wir uns im EÜK wiedersehen. Noch vor seiner Rückreise konnten wir mit dem Skarifima Verlag den Vertrag für seinen ersten Gedichtband unterschrieben.

Wir arbeiteten per Skype weiter. In einer nächtlichen Sitzung ging es um ein Gedicht, das mit einem Bild illustriert war. Das Foto hatte Hemati vor Jahren per E-Mail von der Witwe des Fotografen Kaveh Golestan erhalten. Für die Ausgabe wollten wir es in hoher Auflösung haben. Wir hätten den Agenten des Fotografen in England anschreiben können, aber Hemati suchte online nach dem Foto – es war nicht zu finden. Auch ich machte mich auf die Suche. In weniger als drei Minuten wurde ich fündig. Nee! Doch! Nee! Doch, doch, hier ist der Link! Der Link lässt sich nicht öffnen! Wieso? Der Link lässt sich im Iran nicht öffnen!

Kaveh Golestans Foto in Mohammad Hemati: »Die Wiege«

            In diesem Moment wurde mir klar, was Zensur eigentlich ist. Sie ist eine Hexe, die Dichter verstummen und erblinden lässt. Mir ging durch den Kopf, dass der iranische Freund mit der Auswahl seiner Gedichte vielleicht vorsichtiger sein sollte. Sie zu publizieren war riskant.

            Als wir uns im EÜK wiedertrafen und weiter an den Texten arbeiteten, fragte ich ihn oft, ob dieses oder jenes Gedicht gefährlich sein könnte. Wenn er gute Laune hatte, sagte er, es sei gar nicht gefährlich; »Keine Sorge!«, fügte er mit einer typischen Geste hinzu. Wenn er wegen der Nachrichten deprimiert war, sagte er, alles sei gefährlich, und »alles« klang größer als die Welt. Dann wählte er wieder ein Gedicht aus, las es mir vor und fragte, ob es mir gefiel. Nur dann arbeiteten wir daran. Für mich waren es kostbare Diamanten, die ausgegraben werden sollten.

            Eines Tages las er mir ein erschütterndes Gedicht vor. Es hieß »Statistik«, inspiriert war es von der Statistik des P.E.N. Zentrums zu den an Schriftstellern, Journalisten und Verlegern verübten Gewalttaten im ersten Halbjahr 2007. Als wir mit der Übersetzung fertig waren und ich ihm sein Gedicht in meiner Muttersprache vorlas, hörte ich mich sagen: Nein! Das tue ich nicht! Das kann ich nicht tun! Es war schwer, ihm und mir einzugestehen, dass ich das Gedicht entschärfen, zensieren wollte. Würde ihm wegen »Statistik« etwas passieren, würde ich mich für immer schuldig fühlen. Es war eine heikle Situation.

Mohammad Hemati: »Die Wiege«

            Mohammad Hematis Lyrikband Die Wiege erschien ohne »Statistik« im November 2019 in einer zweisprachigen Ausgabe, der Dichter war bei der Premierenlesung in Athen dabei. Gelesen wurden auch diese Verse:

 

Nur die Sprache der Kugeln verstehen wir nicht

die Sprache ihrer Gewehre,

die nicht mehr den Feind vertreiben,

sondern auf die Brust des Freundes zielen.

 

            Zur gleichen Zeit wurden Demonstranten im Iran durch Schüsse getötet.

 

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© privat

Alexandros Kypriotis lebt in Athen als freier Autor und Übersetzer. Er hat u.a. Thomas Mann, Franz Kafka, Ernst Weiß, Hans Erich Nossack, Thomas Bernhard, Mario Wirz, Jenny Erpenbeck und Katharina Bendixen ins Griechische übersetzt. 2019 war er Translator in Residence im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen. Er ist Mitbegründer des internationalen Projekts Abolish Borders With Words, an dem mehr als 40 Dichter·innen und Übersetzer·innen beteiligt sind.