TALKS Berührungsängste Streif den Mond mit der nackten Hand
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Streif den Mond mit der nackten Hand

Airuno, März 2020. Vor dem Einschlafen stelle ich den Wecker meines Handys auf 5 Uhr. Früh will ich ins Tal herunterfahren, durch die Wälder. Der Supermarkt dort unten macht schon um 6 auf, ich will nicht stundenlang vor dem Eingang warten, in einer Schlange vermummter Menschen, die gerade lernen, sich mit traurig-misstrauischer Miene aus dem Weg zu gehen. Normalerweise rauscht hier die Nacht, jetzt herrscht dagegen eine fast dröhnende Stille. In der mondlosen Nacht ist die Laterne draußen ein Mond.

Dann ist es 5:50 Uhr, im Dunkeln vor dem Supermarkt im Tal warten schon zwei Männer. Beide tragen Masken und Latex-Handschuhe. Ich taste in den Taschen nach meiner schwarzen Maske und den Handschuhen. Es ist nur einer da. Ich ärgere mich, ohnmächtig. Die rechte Hand ist jetzt geschützt, die linke Hand nackt. Ich weiß, sie wird brennen, wenn ich etwas anfasse, als hätte man mir die Haut wie eine Latexschicht von den Fingern abgezogen.

Auch als ich vor ein paar Jahren den Homo faber von Max Frisch zur Hand nahm, müssen meine Finger in Gummi eingehüllt gewesen sein. Der Roman lag lange schon in einer italienischen Fassung vor, aber nach vierzig Jahren war die Zeit für eine Neuübersetzung gekommen. Nach kurzem Zögern – ist der Protagonist mir nahe genug, dass ich ihm meine Stimme leihen kann? – unterschrieb ich den Vertrag und machte mich an die Arbeit. Ich staunte, wie gut ich vorankam. Als meine erste Fassung fertig war, begann ich, sie mit der alten Übersetzung zu vergleichen. Und geriet in Panik: meine Arbeit war zum Wegschmeißen. Walter Faber schrieb, sprach, erzählte, aber seine Stimme war aus Latex. Die alte Übersetzung war veraltet – und trotzdem besser als meine. Wie hatte ich mich nur auf dieses Projekt einlassen können? Ich bin eine Frau, und Walter Faber ein Mann. Im richtigen Leben würde ich mich nie von jemandem wie ihm angezogen fühlen. Er ist arrogant, ein engstirniger Techniker, ein Macho. Als Übersetzerin muss ich mich in seinen Kopf hineinschleichen, ihn aus der Nähe und aus der Distanz betrachten, die Spielanordnung des Autors studieren, irgendwie nachahmen. Ich muss Fabers Stimme hören, nicht nur im übertragenen Sinne, als Verkörperung der Syntax, sondern seine ganz reale: wie klingt sie?

Getrieben von der Furcht vor einer peinlichen Niederlage, musste ich meine Schutzhülle ablegen. Berührungsängste hin oder her: Ich streifte meinen rechten Handschuh ab. Mit der nackten Hand streifte ich den Mond in einer mondlosen Nacht. 

Homo Faber, Feltrinelli Editore

Faber schenkt dem Mond viel Aufmerksamkeit. Schon am Anfang, in der Wüste: «Als der Mond aufging (was ich ebenfalls gefilmt habe) zwischen schwarzen Agaven am Horizont, hätte man noch immer Schach spielen können, so hell war es, aber plötzlich zu kalt». Und: «Ich sehe den Mond über der Wüste von Tamaulipas – klarer als je, mag sein, aber eine errechenbare Masse, die um unseren Planeten kreist». Der Mond ist hier hell und klar, im Grunde eine mächtige Lampe, die am Himmel hängt. Später, im Urwald, ist er dagegen wattig, schleimig: «Es war Sonntag, als wir packten, eine heiße Nacht mit schleimigem Mond, und der sonderbare Lärm, der mich jeden Morgen geweckt hatte, erwies sich als Musik […], Gehämmer ohne Klang, eine fürchterliche Musik, geradezu epileptisch. Es war irgendein Fest, das mit dem Vollmond zu tun hat.»

Dieser Mond hat keine deutlichen Konturen mehr, er verströmt kein klärendes Licht. Faber notiert: «Wir hätten Joachim (so denke ich oft) nicht in die Erde begraben, sondern verbrennen sollen. [...]Marcel hatte vollkommen recht: Feuer ist eine saubere Sache, Erde ist Schlamm nach einem einzigen Gewitter (wie wir’s auf unsrer Rückfahrt erlebt haben), Verwesung voller Keime, glitschig wie Vaseline, Tümpel im Morgenrot wie Tümpel von schmutzigem Blut».

Die Erde ist Schlamm, der Mond schleimig. Obwohl Faber weiter redet, als ob seine Schutzhülle noch da wäre, hat er sich längst entblößt. Sein Ekel ist Ausdruck der Angst, die er aus seiner sonnenklaren Ratio vertreiben will (obwohl auch die Sonne, wenige Zeilen später, als „schleimig“ bezeichnet wird). In dieser Urwaldszene habe ich Fabers Stimme zum ersten Mal gehört. Sie ist metallisch, selbstsicher, schneidend, aber schon gebrochen. Die Angst lauert auf seinen Schultern, seine Hand ist nackt.

 

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© Umberto Agnello

Margherita Carbonaro wurde in Mailand geboren. Sie arbeitet als Literaturübersetzerin vorwiegend aus dem Deutschen und Lettischen ins Italienische. Sie übersetzte u.a. Werke von deutschsprachigen modernen Klassikern und Gegenwartsautoren wie Herta Müller, Thomas Mann, Max Frisch, Carl Sternheim, Christoph Ransmayr, Terézia Mora, Ingo Schulze, Uwe Timm. Nach mehreren Jahren in Peking lebt sie heute in Süddeutschland und in Italien. Ihre Homo faber-Übersetzung ist 2017 bei Feltrinelli Editore, Mailand, erschienen.