TALKS Territorium der Empfindlichkeit
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Territorium der Empfindlichkeit

Eure Einladung erreicht mich in der von außen betrachtet ruhigsten, sesshaftesten Periode meines Lebens, doch unter der lächelnden Oberfläche brodelt es gewaltig – keine Vorahnung, sondern Gewissheit: Es kommen härtere Tage. Meine bisherige Lebensstrategie war stets die Flucht – nur weg, immer weiter. Jetzt aber bin ich auf das innere Exil, auf ein Kopfdasein via ZOOM reduziert, bei dem man allem in die Augen schauen muss. In der Corona-Windstille und im Halbschlaf kommt alles hoch. Ich unterdrücke es, schaue mir einen Film an, der mich zu Tränen rührt, und wundere mich, wie leichtsinnig sich alle in die Arme fallen … Ich unterdrücke es, indem ich versuche, andere aufzuheitern. Familienclown. Fröhliches Herz. Dankbar für so Vieles. Jetzt sogar für die Rastlosigkeit, denn rückblickend macht sie endlich Sinn.

Die Fragen nach den Berührungsängsten und Empfindlichkeiten sind mir nur allzu vertraut. Ja, es gab in meiner übersetzerischen Biografie Bücher, die ich nicht mochte, es hat gute Texte von ethisch fragwürdigen Autoren gegeben, die anstrengende Überarbeitung einer fünfzig Jahre alten Übersetzung von Stefan Zweigs Die Welt von gestern, ein NEIN zu einer Indirektübersetzung eines Werks von Amos Oz, das über den Umweg der deutschen Übersetzung ins Slowenische übertragen werden sollte. Und ja, ich habe es tatsächlich erlebt, dass mir ein deutscher Autor sagte, er ziehe einen männlichen Übersetzerkollegen vor, denn der würde das Begehren seines männlichen Helden besser verstehen...

Slowenisches Cover: Josef Winkler »Wenn es soweit ist«

Tief ergriffen habe ich Texte übersetzt, die niemand sonst »berühren« wollte, weil sie zu düster, zu depressiv und voller Leichen waren – zwei Bücher von Josef Winkler zum Beispiel. Ich liebe lange, verschachtelte Satzgefüge – sie schützen vor Verblödung. Und meistens habe ich aus einem emotionalen Impuls heraus Texte von Autoren übersetzt und vorgeschlagen, die später hohe Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum erhielten, wie etwa Terézia Mora, Ulrich Peltzer, Raoul Schrott und Josef Winkler. Sisyphos muss man sich glücklich vorstellen, schrieb Camus und so habe auch ich freiwillig Texte am Rande des für mich Verständlichen übersetzt – Max Weber oder Hans Kehlsens Reine Rechtslehre. Weil ich die Verlegerin oder den Verleger mochte, weil mich Autoren wie Gustav Radbruch ehrlich interessierten, weil ich mit Übersetzungen wissenschaftlicher Abhandlungen angefangen habe und manchmal vielleicht etwas unerschrocken an die Dinge herangehe. An meine mentalen und physischen Grenzen beim Übersetzen bin ich im letzten Jahr gestoßen: Ausgewählte, komplexe, jedoch nicht immer für die Publikation geschriebene Texte von Aby Warburg. Erinnerungsbruchstücke eines viel zu belesenen Universalgelehrten, dazu Notizen seiner Schüler. Es wurde von mir erwartet, auch aus dem Lateinischen, Altitalienischen und dem Lutherdeutsch zu übersetzen, Fußnoten über Fußnoten, 300 Seiten. Wieso habe ich das angenommen? Aus Liebe zur Kunst, aus Respekt vor Aby Warburg, aus dem Wunsch, nach einigen Jahren wieder mit dem renommierten Verlag und der liebenswerten, im Herbst 2020 leider verstorbenen legendären Verlegerin zusammen zu arbeiten? Aus Eitelkeit, weil sie mir schmeichelte, nur ich könnte in Slowenien dieses Buch übersetzen? Ich habe mich bemüht, Experten konsultiert, liebe Menschen vernachlässigt, kaum geschlafen, doch mit der Übersetzung bin ich nicht zufrieden. Die Texte waren zu schwer für mich.

Es ist ein Glücksfall, wenn man als Übersetzerin »seinen Text« findet. Für mich waren das: die Kurzgeschichte Simultan von Ingeborg Bachmann, Die Wand von Marlen Haushofer und Mein Jahr in der Niemandsbucht von Peter Handke. Mit Handke habe ich politisch vermintes Gelände betreten. Ich will die gesamte Serbien- und Nobelpreisdiskussion hier nicht wiederholen, und noch viel weniger diesen Ersatzkrieg neu entfachen. Der Nobelpreis brachte die Slowenen in Verlegenheit. Handke wird in Slowenien immer noch als »einer von uns« rezipiert. Seine Karstspaziergänge sind legendär, fast identitätsstiftend, Generationen von Lesern sind mit seinen Werken aufgewachsen. Niemand hat die slowenische Wehmut so gut ausgedrückt wie er. Der Schriftsteller Drago Jančar gratulierte Peter Handke vom Blauen Sofa der Frankfurter Buchmesse aus (unter Erwähnung der Tatsache, dass sie politisch nicht immer einer Meinung waren), es gab vereinzelte persönliche Ressentiments gegen Handke, sonst aber schwieg man, duckte sich weg – Überlebensstrategie eines winzigen Volkes. Es gab keine offiziellen Glückwünsche, keine besonders laute Kritik. Im Frühjahr 2020 erschien meine Neuübersetzung der Erzählung Wunschloses Unglück. Im Nachwort und in Interviews habe ich nichts verteidigt, was ich nicht verteidigen kann. Die literarische Qualität dieses wunderbaren Textes spricht für sich. Es tat sich ein Raum auf für eine ruhige, niveauvolle Diskussion über Peter Handke. Es war plötzlich wieder möglich, sogar »angesagt«, Handke zu lesen und zu mögen. Ein emotionaler Damm des Schweigens war gebrochen, das Buch wurde viel gelesen und kommentiert, auch in Leserbriefen, persönlichen Reaktionen. Das Slowenischste an Handkes Mutter war vielleicht ihr Suizid, wofür der Autor eine respektvolle, zurückhaltende und zugleich kunstvolle Sprache fand. Das Buch ist hochaktuell für Slowenien, in dem sich in diesem Jahr noch mehr Menschen als sonst das Leben genommen haben. Auch darüber schweigt man.

Seit 20 Jahren wünsche ich mir, Handkes opus magnum Mein Jahr in der Niemandsbucht zu übersetzen. Ein Buch, dass das ganze Leben beinhaltet. Mein Freund und viel zu früh gestorbener Kollege Fabjan Hafner riet mir einst, das Buch Geschichte für Geschichte zu übersetzen, bis es einmal ganz übersetzt ist und es dann anzubieten. Vor fünf Jahren versprach mir der Verleger, er werde mir diesen Wunsch erfüllen. Es ist ein zauberhaftes Buch, in dem sich der Ich-Erzähler in eine einjährige, freiwillige Vorstadtquarantäne begibt und seine Freunde und Verwandten nur noch aus der Ferne begleitet. Im Zentrum steht die Einsamkeit, und der Wunsch dazuzugehören. Ein Buch, das ich nicht chronologisch übersetze, sondern wie ein Orakel jeweils an einer anderen Seite aufschlage und mich buchstäblich darin verirre. Nicht jedes Mal, aber erstaunlich oft spricht die Stelle genau über etwas, worüber ich gerade nachgedacht habe. Es ist so viel Menschenkenntnis in diesem Werk. Keine k.u.k. heuchlerische Höflichkeit, stattdessen entblößende Ehrlichkeit in Verbindung mit Überempfindlicheit, fast Gereiztheit. Handkes Werk gehört zu unserer Literatur wie Maja Haderlap, die weiterhin als slowenische Autorin gilt, obwohl wir ihre letzten Bücher in der wunderbaren Übersetzung von Štefan Vevar lesen. Und wie der Wortmagier Florjan Lipuš zur österreichischen Literatur gehört, obwohl er Slowenisch schreibt.

Auf diesem Territorium der Empfindlichkeit bewege ich mich.

 

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© privat

Amalija Maček lebt als Übersetzerin und Hochschullehrerin in Ljubljana. Sie übersetzte u.a. Marlen Haushofer, Josef Winkler, Ulrich Peltzer, Terézia Mora und Peter Handke ins Slowenische.