TALKS Berührungsängste im Transit
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Berührungsängste im Transit

Ich arbeite derzeit an der Neuübersetzung der Werke, die Anna Seghers in den Jahren des Exils in Mexiko veröffentlicht oder geschrieben hat: Das siebte Kreuz wurde zuerst 1942 in Mexiko veröffentlicht, und zwar auf Deutsch im Exilverlag „El libro libre“ (Das freie Buch), später auch in spanischer Übersetzung. Transit hat sie zwischen 1941 und 1942 in Mexiko beendet, hier erschien 1944 auch die erste spanische Übersetzung. Ebenfalls in Mexiko verfasste sie 1944 – nach dem Unfall, der sie fast das Leben gekostet hatte – die Erzählung Der Ausflug der toten Mädchen.

Anna Seghers »Das siebte Kreuz«

Einige Zweifel, ja auch Berührungsängste musste ich am Anfang meiner Arbeit überwinden. Zum einen ist die Autorin selbst eine sehr eindrucksvolle Figur: Kann ich ihr gerecht werden? Zum anderen sind diese Bücher zum Teil schon mehrfach ins Spanische übersetzt worden, sogar von einem mir bekannten und sehr geschätzten Kollegen. Bin ich auf Augenhöhe? Ist diese Neuübersetzung zu rechtfertigen? Kann ich damit etwas beitragen? Meine Antwort war ganz eindeutig „Ja“, und zwar zunächst aus einem sprachpolitischen Grund: Die erwähnten Bücher sind bisher immer nur in das kastilische, noch nie ins mexikanische Spanisch übersetzt worden. Meine Haltung dazu ist klar: Jede·r spanischsprachige Übersetzer·in soll in die eigene Sprachvariante übersetzen dürfen und nicht, wie es häufig von den Verlagen verlangt wird, in ein vermeintlich „neutrales“ Spanisch, das es gar nicht gibt und eher ein marktbezogenes Konstrukt ist. Bei Anna Seghers‘ Büchern, die einen so direkten historischen Bezug zu Mexiko haben, drängt sich eine mexikanische Variante geradezu auf, zumal die Werke hier wenig bekannt und nur schwer erhältlich sind.

Anna Seghers »Transit«

In diesem Kontext schlug ich das Projekt einem Verlag vor, von dem ich meinte, sein Programm würde sich bestens dafür eignen. Von dieser Seite wurde mir ein moralischer Einwand entgegengehalten: Darf ich diese Bücher überhaupt übersetzen? Mir wurde erklärt, dass Transit zum ersten Mal 1944 in Mexiko von einem spanischen Flüchtlingsehepaar übersetzt wurde: Angela Selke und Antonio Sánchez Barbudo. Das siebte Kreuz wurde im selben Jahr von Wenceslao Roces, ebenfalls ein spanischer Exilant, ins Spanische übertragen. Jeder Neuübersetzung würde dieser inhärente Mehrwert fehlen: die gelebte und geteilte Erfahrung. Dieses Argument ist natürlich unwiderlegbar. Dennoch: Zu einem Tabu sollte es nicht führen. Für mich ist es ein legitimes Anliegen, diese Werke der mexikanischen Leserschaft in meiner Sprache hier und heute neu vorzustellen. Und sie damit in den mexikanischen Literaturkanon aufzunehmen – sie gehören dazu. Zum Glück konnte ich einen anderen Verlag finden, der für meinen Vorschlag offen war und der – wer weiß? – andere Berührungsängste hat, aber diese nun mal nicht.

 

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© privat

Claudia Cabrera lebt als Übersetzerin in Mexiko-Stadt. Neben Anna Seghers übersetzte sie u.a. Robert Musil, Heiner Müller und Monika Maron ins Spanische. Mehrfach leitete sie die ViceVersa: Deutsch-Spanische Übersetzerwerkstatt.

www.claudiacabrera.mx

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