TALKS Berührungsängste Berührungsangst als moralischer Kompass

Berührungsangst als moralischer Kompass

Zu den „Berührungsängsten“ fällt mir als Erstes ein etwas aus der Mode gekommener Begriff ein: Berufsethik. Aspekte der Moral, des Respekts und der kritischen Reserve können sich darin ausdrücken – nicht die schlechtesten Begleiter im Leben als Grenzgänger zwischen den Sprachen und Literaturen. Ein paar Beobachtungen aus meiner Warte:

1) Übersetzer·innen sollten ihre Grenzen kennen. Die weit verbreitete Berührungsangst vor dem Genre „Lyrik“ etwa ist allzu verständlich. Gutes Lyrikübersetzen setzt intensive Leseerfahrungen auf dem Feld der Poesie voraus. Ich selbst habe nie Lyrik im Auftrag übersetzt, sondern immer nur ausgewählte, in Anthologien erschienene Gedichte, zu denen ich einen Zugang fand.

2) Vor einigen Jahren bekam ich den Auftrag, einen Essayband von Joseph Ratzinger zu übersetzen. Ich bin alles andere als ein glühender Katholik, fand die Herausforderung aber interessant, ein Werk von Benedikt XVI zu übersetzen. In jenem Buch versucht der Papst, die sozialen Probleme der Gegenwart theologisch auszulegen. Ein deutscher Bekannter, ein Theologe mit guten Spanischkenntnissen, schilderte mir seinen Leseeindruck: der dogmatische Ratzinger las sich in meiner Übersetzung wie ein Theologe der Befreiung. Es waren keine groben Fehler im Text, aber irgendwie stimmte der Ton nicht, mit verheerenden Folgen für das gesamte Ergebnis. Als Übersetzer·in ist man nie neutral. Gewisse Berührungsängste sollte man deswegen durchaus kultivieren. Und die Finger lassen von Texten, für die man keine Empathie mitbringt.

3) Im wilden Kampf um Brot und Aufträge fallen so manche Hemmungen – in diesem Getümmel wünscht man sich ein paar Berührungsängste zurück. In Spanien wurde ich mehrfach schon von Verlagen angefragt, Autoren zu übersetzen von denen man weiß, dass sie seit langem schon von einer anderen Kollegin bzw. von einem anderen Kollegen übersetzt werden. Was steckt hinter der Anfrage? Will der Verlag das Honorar des Kollegen unterbieten? Gibt es Konflikte zwischen dem Verlag und der Kollegin bzw. dem Kollegen, die auf eine unethische Praxis des Verlags zurückzuführen sind? Es kostet nicht viel Aufwand, sich zu erkundigen, und erst dann zu entscheiden, ob man sich darauf einlässt.

Ein anderes Beispiel: Vor ein paar Jahren plusterte sich jemand in aller Öffentlichkeit damit auf, in einem Jahr 21 Bücher übersetzt zu haben. Das kann nur auf Kosten der Qualität gehen und wird zu einem Prestigeverlust für unseren Beruf führen. Literatur, literarische Übersetzung braucht Zeit, sie sträubt sich gegen diese industriellen Fertigungsmethoden.

4) Neuübersetzungen wachsen wie Pilze aus dem Boden. Sie verschaffen klassischen, manchmal auch vergessenen Werken einen neuen Auftritt. Aber ist die, sagen wir, fünfzigste spanische Übersetzung von Madame Bovary wirklich nötig? Natürlich ist es schön fürs Ego, im Nachhinein sagen zu können: „Ich bin Flaubert-Übersetzer!“ Aber eine neue Idee, eine eigene Lesart sollte schon damit einhergehen.

5) Und zuletzt: die „politisch korrekte“ Sprache. Inwiefern ist es berechtigt, einen historischen Roman von allen aus heutiger Sicht „politisch unkorrekten“ Wörtern zu säubern? Vor einigen Jahren übersetzte ich zusammen mit einer jüngeren Kollegin die Korrespondenz Stefan Zweigs und Romain Rollands. Der Briefwechsel wurde zwischen 1913 und 1918 auf Deutsch und Französisch geführt. Die Kollegin übernahm den größeren französischen Teil; ich den deutschen – eine wunderschöne, bereichernde Zusammenarbeit. In einem Brief verwendete Zweig das aus dem Französischen abgeleitete deutsche Wort „Bonhomie“. Das Wort gibt es auch im Spanischen: „bonhomía“. Es ist veraltet, passte aber perfekt in den Kontext. Die jüngere Kollegin hatte das instinktiv korrigiert und gegen ein geläufigeres, nicht „sexistisches“ Wort ersetzt. Inwiefern ist das berechtigt? Können wir die unsympathischen, ja auch die diskriminierenden Aspekte der Vergangenheit einfach so weglektorieren? Gibt es eine falsche Berührungsangst?

 

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© Barbara Halapier

José Aníbal Campos, 1965 in Kuba geboren, lebt als Übersetzer deutschsprachiger Literatur in Galicia und Wien. Er übersetzte Werke von Peter Stamm, Gregor von Rezzori, Stefan Zweig, Martin Mosebach, Uwe Timm, Maja Haderlap, Ror Wolf, Walter Benjamin oder Karl Schlögel ins Spanische. Zuletzt ist seine Anthologie „Una temporada en el Danubio. Paul Celan en Viena (1947-1948)“, über die Monate Paul Celans in Wien erschienen (La Moderna/Foro Cultural de Austria 2020).