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Ängste und Grenzen

Während einer digitalen Vorlesung, die ich kürzlich an der Freien Universität Berlin hielt, zündete sich ein teilnehmender Student eine Zigarette an, ohne es vorher anzukündigen oder um Erlaubnis zu bitten. Obwohl er die Vorlesung von zu Hause aus am Computer verfolgte, löste dieser Schritt eine ganze Reihe von Kommentaren im öffentlichen Chat aus: Hat er das Recht, so etwas in der Öffentlichkeit zu tun? Darf während einer Lehrveranstaltung geraucht werden? Ohne zu berücksichtigen, dass der besagte Student niemanden zwang, seinen Rauch einzuatmen, zeigten sich einige Teilnehmer schockiert vom Bild eines Gleichaltrigen, der während der Vorlesung rauchte.

Da ich (obwohl selbst Nichtraucher) seit drei Jahren an einer Erzählung arbeite, in der ich die Geschichte einer alten Tabakfabrik behandle, gaben mir die Reaktionen der Studierenden zu denken. Ich begann mich zu fragen, inwieweit der Text, wenn er fertig ist, indirekt als Manifest für das Rauchen verstanden werden kann. Ich überlegte, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass er nur aufgrund seines Themas abgelehnt werden könnte, ohne dass seine literarische Qualität auch nur in Betracht gezogen würde. Die Information, dass das deutsche Fernsehen schon seit langem keine rauchenden Hauptdarsteller in seinen Serien mehr duldet, verstärkte meine Befürchtungen. Sind wir etwa schon an dem Punkt angelangt, wo die Lektoren den Autoren empfehlen, Themen zu meiden, die die Leserschaft verärgern könnten? Oder wo sie Übersetzungsvorschläge von Texten ablehnen, die ihre Toleranzgrenzen überschreiten?

Vor relativ kurzer Zeit kam die Diskussion darüber auf, ob Schriftsteller und Übersetzer eine Legitimierung im Hinblick auf ihre Themen mitbringen müssen. Es wurde die Ansicht vertreten, sie müssten über den erforderlichen Erfahrungshintergrund verfügen, um einen „sensiblen“ Text entweder zu schreiben oder zu übersetzen. Nachdem ich gerade die Übersetzung des Erzählbandes Der Trost runder Dinge von Clemens Setz abgegeben habe, in der unter anderem auch das Thema einer Panikattacke behandelt wird, kann ich nicht behaupten, dass es mir in irgendeiner Weise geholfen hat, die „legitimierenden“ Kriterien für diesen Auftrag zu erfüllen. Ich habe zwar früher einmal eine Panikattacke durchgemacht, aber das wirkte sich auf die Übersetzung selbst kaum aus.

Ist es legitim, dass sich Schriftsteller oder Übersetzer mit Geschichten über Länder befassen, die sie nie besucht haben? Wie wichtig bleibt die Rolle des persönlichen Augenscheins im Zeitalter der Technologie? Die Antwort auf diese Fragen wurde in der Literaturgeschichte schon häufig gegeben. Denken wir nur an den „Brief eines reisenden Dänen“ von Friedrich Schiller aus dem Jahre 1785. Er behandelt eine Sammlung von Werken griechischer und italienischer Bildhauerkunst, die der Autor während seines zweijährigen Aufenthalts in Mannheim wiederholt besuchte. Der junge Schiller verteidigt die Mannheimer Gipsabgüsse gegenüber den marmornen Originalen aus Italien. Ihre Anordnung im Raum, das einfache Umhergehen der Besucher innerhalb des Saales und die sorgfältige Beleuchtung erleichtern dem wissbegierigen Forscher seine Studien. Als Gegenpol zum „sentimentalischen“ Schiller beschließt der „naive“ Goethe, obwohl er die Mannheimer Sammlung schon als Zwanzigjähriger besucht hatte, die Reise in den Süden zu wagen. Es ist offensichtlich, dass die beiden Klassiker unterschiedliche Wege beschritten: Der eine studierte die antike Kunst aus einer gewissen Entfernung, und der andere näherte sich ihr physisch so sehr, wie es ihm zu jener Zeit möglich war. Dementsprechend könnten wir behaupten, dass auch heute beide Methoden weiterhin „legitim“ sind. Die Erlebnisbeziehung zum Gegenstand garantiert jedenfalls keine besseren Ergebnisse. Viele der Schriftsteller, die zum Beispiel nach Lesbos geeilt waren, um dort das Drama der Migranten aus der Nähe zu sehen, legten zwar aktuelle, aber doch nur mittelmäßige Romane vor. Während der Amerikaner Anthony Marra einen hervorragenden Roman über Tschetschenien schrieb, ohne jemals dort gewesen zu sein. Letztendlich wird alles nach dem Resultat und der Kraft der Feder eines jeden Autors beurteilt.

 

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© Zyrana Stoikou

Christos Asteriou lebt als Schriftsteller, Übersetzer und Hochschullehrer in Berlin. Er übersetzte u.a. Christa Wolf, Hans Georg Gadamer, Carolin Emcke und Clemens Setz ins Griechische.