TALKS Berührungsängste Das Original schaut Dich an
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Das Original schaut Dich an

Eine bestimmte Art von Angst hat mich lange vom Übersetzen abgehalten: Anders als beim literarischen Schreiben hat man immer ein Original vor sich, das einen, so kommt es mir wenigstens vor, permanent anschaut. Einer vorher existierenden Schrift folgen zu müssen, hatte etwas Beängstigendes für mich. Erst in den letzten Jahren meines Studiums in São Paulo überwand ich meine Scheu, übersetzte Vorlesungen des kanadischen Kritikers Northop Frye über Shakespeare (auch mit Shakespeare-Zitaten, die ich neu übersetzen musste) und ein Buch über Geschichtsschreibung in der Antike (sprich: bei den Hethitern, Sumerern, u.a.), beide aus dem Englischen ins Portugiesische. Jahre später wurde die Begegnung mit Peter Handkes Der Bildverlust (2002) zum Schlüsselerlebnis, das mich wieder heranführte ans Übersetzen. Ich lebte damals noch in Deutschland und hatte einfach große Lust, Menschen in Brasilien das Lesen dieses Buches zu ermöglichen. Einfach so: Schaut her und lest! Warum spielte die Angst vor dem Original, das Dich anschaut, jetzt keine Rolle mehr, wurde aus Berührungsangst ein fast schon obsessives Bedürfnis nach Nähe? Außer Handke beschäftigen mich zum Beispiel Arno Holz, Paul Celan, Thomas Kling, Augusto de Campos – Autoren, deren Poetik mir nah und vertraut ist. Dieser wählerische Zugang zur Literatur unterscheidet mich von professionellen Übersetzern, die bereit sind, sich auf jegliche oder zumindest eine große Bandbreite von Autoren einzulassen – was ich bewundernswert finde.

            Mittlerweile leite ich ein Zentrum für Übersetzungsstudien in einem Literaturmuseum in São Paulo. Und von hier aus beobachte ich verschiedene Diskurse über Literaturübersetzung. Unter dem Einfluss der postcolonial studies und der Gender-Forschung stellt man auch in Brasilien zur Diskussion, was man als Übersetzer tun oder unterlassen sollte. Vor allem unter jüngeren Kollegen wird dem Übersetzer (oder dem Lektor, dem Herausgeber, dem Verleger, …) mitunter die Verantwortung zugeschrieben, ideologisch suspekte Äußerungen oder Sprachhaltungen des Autors in der Übersetzung zu korrigieren, oder sogar zu konterkarieren. Ich selbst bin in solch einen Konflikt noch nie hineingeraten, vielleicht weil ich mir bisher immer ausgesucht habe, was ich übersetze. Aber ich frage mich, ob die Ausgrenzung unerwünschter Einstellungen oder Weltanschauungen nicht zu einer Ausradierung der Geschichte führt, und ob das eine gute Lösung ist. Wenn ich gezwungen wäre, einen Text zu übersetzen, dem ich mit Vorbehalten begegne, würde ich Kritik eher im Vor- oder Nachwort und nicht im Text selbst üben.

            Fast zwanzig Jahre nach meiner ersten Literaturübersetzung verbringe ich die Pandemiezeit mit dem Übersetzen von Handkes Mein Jahr in der Niemandsbucht, einem Roman, in dem der Erzähler ein Jahr lang so gut wie allein zu Hause bleibt, während seine Freunde und Verwandten auf verschiedenen Kontinenten unterwegs sind. Auf den ersten Blick also eine glückliche Koinzidenz – schließlich bin ich seit Mitte März 2020 mit meiner Katze in einer Wohnung im Zentrum von São Paulo eingesperrt, während meine Freunde überall auf der Welt verstreut sind. Aber social distancing hat die Menschen mit einer heftigen virtuellen Kontaktfreudigkeit angesteckt, so dass mein Jahr in Handkes Niemandsbucht alles andere als einsam geworden ist. Nur ein dauerhafter Stromausfall könnte mich in die Situation des Erzählers zurück katapultieren...

Nach dem Nobelpreis 2019 fragt mich jeder, ob ich Handkes Werk gegenüber keine Vorbehalte, ja Berührungsängste habe. Es ist interessant, wie stark Medienphänomene die Wahrnehmung der meisten (die ihn weder vorher noch nachher wirklich gelesen haben) verändern kann – etwas, was Peter Handke in seinen Büchern häufig thematisiert. Sein Werk besteht hauptsächlich aus Sprachkritik, und um die Vielschichtigkeit und die vielfältig rhythmischen Nuancen dieser Reflexion in der Übersetzung wiederzugeben, muss man sich davon berühren lassen und wie ein Bildhauer mit dem Sprachmaterial arbeiten. Mit Berührungsängsten kommt man da nicht weiter.

 

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© Gabriela Pelosi

Simone Homem de Mello lebt in São Paulo. Sie ist Autorin (Lyrik, Libretti) und Literaturübersetzerin, mit Schwerpunkt auf der modernen und zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik und dem Werk Peter Handkes. Sie leitet das Studienzentrum für Literaturübersetzung im Museum Casa Guilherme de Almeida (São Paulo) und forscht am Referenzzentrum Haroldo de Campos im Museum Casa das Rosas.