TALKS Berührungsängste Wenn es explodiert
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Wenn es explodiert

Ängste hatte ich immer schon viele: vor anderen Menschen, vor lauten Zügen, vor Großstadt und Einsamkeit. Vor dem leeren weißen Blatt. Wahrscheinlich deswegen ist die Übersetzung in meinem Leben einst so wichtig geworden – sie öffnete mir den Großraum Literatur, blieb aber mit dem Gefühl der Nähe und Intimität verbunden. Mit 23 glaubte ich, mich hinter der Autor·in verstecken zu können, übersetzend meine literarische Stimme zu erheben, ohne mich direkt angreifbar zu machen. Die Übersetzung war ein Schutzmantel, unter mit dem ich mich unversehrt in der chaotischen postsowjetischen Welt bewegen konnte. Unter der Oberfläche war es allerdings ziemlich einsam. In einem Land mit schwacher Literatur, unterentwickelter Kritik und gebrochener Übersetzungstradition wird man schnell auf sich selbst und seine Selbstzweifel zurückgeworfen.

Die Berührung des Textes: Eine Kollegin verglich diesen ersten Kontakt mit dem Betreten eines sommerlichen Flusses – sein Wasser wirkt frisch, fast kalt, und man weiß nicht, wie tief er sein wird. Nach wenigen Sekunden gewöhnt man sich aber daran und vertraut sich der Strömung an, auch wenn man auf unsicherem Grund steht. Das Wasser spüren, sich treiben lassen, die Grenzen verwischen und trotzdem bei sich bleiben. Da fließt die Übersetzung mit. Bis man müde wird und wieder raus muss.

Was macht diese Berührung mit mir? (Ich frage bewusst nicht, was meine übersetzerische Arbeit dem Text antun kann - kluge Männer haben mich ja längst als Verräterin abgestempelt und mein Versagen vorausgesagt.) Ja, sie kann Spuren hinterlassen, mich verändern. Sie kann mir Scherzen bereiten. Kaum zu ertragen sind Texte, in denen Tiere leiden, insbesondere Hunde, zumal wenn das Leiden distanziert beschrieben wird. Solche Texte versuche ich zu meiden.

Komplizierter wird es, wenn Hasssprache ins Spiel kommt. Wenn der Antiheld, ein Nazi, von “den Zigeunern” redet, die vernichtet gehören. Ich kenne das Register und weiß, wie es auf Ukrainisch heißt, aber ich muss mir diesen Typen auch vorstellen, seine Unworte durch mich hindurchgehen lassen, damit der Text wahr wird. Das macht mich schmutzig, selbst wenn ich dieses Buch, diese Worte den ukrainischen Rechtsradikalen in die Schnauze werfen will: DAS SEID IHR! Die Wut hilft ein wenig, rettet aber nicht. Mir wird klar: das kann ich also auch – mit der Stimme des Hasses sprechen, vielleicht mache ich es sogar gut.

Es war 2014, bei der Präsentation von Martin Pollacks Der Tote im Bunker, dem Roman über seinen biologischen Nazi-Vater. Im knallvollen großen Saal der Kyjiwer Buchmesse steht ein Typ auf und fragt den Autor, warum er auf seinen Vater nicht stolz sei, der müsse ja ein bedeutender Mensch gewesen sein. Es war das Jahr der Krim-Annexion, die militante Form des Patriotismus war gerade salonfähig geworden. Diese perversen Bedeutungsverschiebungen schnürten mir die Kehle zu: die russische Propaganda spricht von den „Faschisten in Kyjiw“, die ukrainische antwortet mit den „Faschos im Kreml und in Donezk“, und die Paramilizen mit den eintätowierten Wolfsangeln und Reichsadlern werden nach dieser Logik zum Vorposten eines antifaschistischen Kampfes hochstilisiert. Habe ich mit dieser Übersetzung dem ideologischen Wahn in die Hände gespielt? Denn der politisch polarisierte Kontext kann ein Buch in Besitz nehmen, gegen die Intention des Autors und seiner Übersetzerin.

Während der Majdan-Proteste 2013/14 und auch später haben sich die ukrainischen Mainstream-Intellektuellen, darunter nicht wenige Übersetzer·innen, zu politischen Vermittler·innen erklärt, und fühlten sich zur engagierten Kulturübersetzung berufen. Was ist die Ukraine, was will der Majdan, warum darf Russia Today kein Glauben geschenkt werden, wieso sind “wir” die Guten und “sie” die Bösen. Die Versuche, die Situation etwas differenzierter zu betrachten, nicht im Schwarz-Weiß-Schema zu denken und sich wenigstens versuchsweise in die Position der anderen (z.B. denen auf der Krim oder im Donbass) hineinzuversetzen, wurden dagegen rigoros abgebügelt. Es sei nicht die richtige Zeit für Zwischentöne, du bist entweder pro oder contra, und die contras gehören gemobbt und ausgegrenzt.

Der Chor der manipulativen Übersetzer·innen hat sich so gut eingestimmt, dass er eine neue Realität geschaffen hat. In dieser werden mehrere Kriege gleichzeitig geführt: gegen die russische Sprache, die mit der Russischen Föderation gleichgesetzt wird; gegen die Vergangenheit, denn die Bolschewiki und der stalinistische Terror seien schuld an den heutigen Problemen des mittlerweile ärmsten Landes Europas; gegen interne Feinde, die einen Clown zum Präsidenten wählen und nicht den Nationalkonservativen, der auf Armee und Religion setzt. Lost in translation bedeutet in diesem Fall einen Konsul in Hamburg zu haben, der mit deutschen Rechtsradikalen eine Party schmeißt, und einen Botschafter in Berlin, der die akademische Freiheit der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission eingrenzen will, weil sie dem geschichtspolitischen Narrativ des ukrainischen Staates nicht folgt. Es bedeutet einen Riesenskandal um den Verlag, der die Nutzungsrechte für Übersetzungen ukrainischer Autor·innen nach Russland verkauft hat – nach der Intervention des Geheimdienstes wurde gerufen!

Neulich fragte eine junge Kollegin, ob es sinnvoll wäre, ukrainischen Verlagen ein deutsches Jugendbuch zur Übersetzung vorzuschlagen, wenn die Handlung in Berlin-Marzahn spielt und die Held·innen Wladimir und Tatjana heißen. Wie lange werden wir brauchen, um aus diesem Modus der Selbstzensur herauszukommen? Wie viele sind verstummt und haben sich in ihre spezialisierten akademischen Ecken verkrochen? Der Chor antwortet: WAR FIRST! Wenn wir mit Russland in Donbass fertig sind, wird alles andere repariert – Korruption, Armut, Meinungsfreiheit. Und bis dahin wähle ich immer öfter die Aufträge, derer Ergebnisse weniger manipulierbar sind, Kinderbücher etwa. Romantische Vorstellungen von Literatur und Übersetzung (Brücken bauen, Verständigung fördern) habe ich längst aufgegeben. Und ja, ganz schmerzlich vermisse ich die Diskussionen um Political Correctness und Cancel Culture in der Literatur. Nur kleine Aktivist·innengruppen bemühen sich hierzulande um die Sensibilisierung der Sprache, um Differenzierung überhaupt – mit wenig Resonanz. Der Mainstream bekämpft die Bilingualität und will den “inklusiven Nationalismus” rekonstruieren.

In der Übersetzung, an der ich gerade arbeite, gibt es einige Stellen, wo die Autorin xenophob wirkt. Es fällt nicht sofort auf, wenn man flüchtig liest, beim Übersetzen aber - und was ist eine Übersetzung, wenn nicht ein sehr genaues Lesen - stolpere ich über Formulierungen wie “arabische Männer, die ihr arabisches Radio hören und sich Arabisch unterhalten”. Beim Verlag bekomme ich dazu keinen Rat. Mein Verleger wird sich hinter der Autorin verstecken. Und falls es explodiert, wird er mich als seinen Schild hochhalten – ich alleine bin für den Faktencheck, für Stil und Richtigkeit der Übersetzung zuständig. Aber es explodiert wahrscheinlich nur noch in mir. 

 

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© privat

Nelia Vakhovska lebt als Projektmanagerin und Übersetzerin in Kyjiw. Sie übersetze u.a. Martin Pollack, Josef Winkler und Erwin Moser ins Ukrainische.

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