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Persönliche Botschaft

Es gibt viel über die Vorbehalte zu sagen, die mit dem Übersetzen einhergehen, über die Kulissen dieses Berufes, die man nie offenlegt, und es gibt ebenso viele Ängste, die das Reden darüber auslöst. Denn meistens bewegen sich in den Kulissen noch andere Menschen, und es ist zu befürchten, sich selbst oder ihnen damit zu schaden. Ich möchte gar nicht behaupten, das Thema in seiner Ausführlichkeit zu beleuchten. Mir geht es auch nicht um eine theoretische Betrachtung, sondern darum, eine persönliche Botschaft zu vermitteln. Anhand einiger Erfahrungen aus meiner Berufspraxis als Übersetzerin möchte ich zeigen, wie tiefgreifend mich das Thema beschäftigt.

Beim Wort Berührungsängste muss ich zuerst, im wahrsten Sinne des Wortes, an die Beklemmungen denken, die eine Übersetzung auslösen kann. Damit meine ich nicht die Angst, den Text nicht rechtzeitig zur Abgabe fertigzubekommen. Sondern was es mit mir macht, einen literarischen Text zu übersetzen, der zum Beispiel einen Stalker in einer psychiatrischen Anstalt beschreibt (wie in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre von Clemens Setz), was extrem unerfreuliche Erinnerungen in mir auslöst, oder der die Panikattacken eines Vaters derart realistisch und bis ins kleinste Detail schildert, dass sie sich beim Übersetzen auf mich übertragen (Der Trost runder Dinge von Clemens Setz).

Das ist keine Kleinigkeit. Beim Übersetzen tauche ich immerhin in den Kopf, in die Gedankengänge und Emotionen einer Autorin oder eines Autors ein und sauge alles in mich auf, was beim reinen Lesen von mir abtropfen würde, ohne wirklich Spuren zu hinterlassen (zumindest weniger tiefe als eine Übersetzung hinterlässt). Dann bin ich auf einmal per definitionem damit beschäftigt, Ängste, Psychosen oder Nöte in Worte zu fassen. Fast jede·r würde unterschreiben, dass man aus so mancher Lektüre nicht unbeschadet hervorgeht, was aber ist mit manchen Übersetzungen? Vom Unbehagen, das mich befällt, wenn ich verstörende und negative Gefühle oder Stimmungen in meine Muttersprache übertrage? Natürlich hinterlässt das Spuren. Bilder, die sich in mein Gehirn einbrennen und in manchen Situationen meine Wahrnehmung beeinflussen, sogar von Gegenständen in der Welt, die mich umgibt.

Und dennoch, mehrere Monate im Kopf der Figuren der Erzählungen von Der Trost runder Dinge zu verbringen, und davor ein Jahr in Natalies Kopf, der Heldin von Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, hat sich als weniger beschwerlich erwiesen als ich befürchtet hatte. Zunächst, weil diese Texte auch viele witzige und einfach umwerfend skurrile Bilder enthalten. Und außerdem, das sage ich in der Buchhandlung, in der ich gelegentlich aushelfe, auch Kund·innen, die vor dem „schwierigen“ Thema eines Textes zurückschrecken: ein gutes Buch ist ein gutes Buch. Ich lese (und übersetze) viel lieber ein Meisterwerk, das mich erschüttert, als einen „leichten“ Roman mit flachem EEG. Oft bekunden mir Menschen ihr Mitgefühl angesichts der 1000 Seiten von Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Aber es ist ein sehr gutes Buch und ich hatte ein berauschendes Jahr in seiner Gesellschaft. Es zu übersetzen hat mir weniger abverlangt, als ein anderer Roman, der auf den ersten Blick einfacher ist, den ich aber nur angenommen habe, weil ich einen neuen Vertrag brauchte.

Auf diesen zweiten Aspekt der „Berührungsängste“ möchte ich jetzt zu sprechen kommen. Manchen Texten gegenüber empfindet man eine gewisse Abneigung, einen inneren Widerstand. Um zu verstehen, was eine solche Abneigung impliziert, und wie man damit umgeht, zumindest wie ich bisher damit umgegangen bin, sollten wir den Kontext etwas näher betrachten.

Wir wissen es, aber es sei noch einmal gesagt: das Literaturübersetzen ist eine prekäre Beschäftigung. Und das Jahr 2020 hat den Kulturbetrieb besonders hart getroffen. Wir hatten das Glück, zu Beginn der Krise einigermaßen gut weggekommen zu sein (wer übersetzt, hat keine Einbuße durch abgesagte Veranstaltungen oder Tourneen und kann im Grunde problemlos zu Hause weiterarbeiten). Jedoch geht es der Buchbranche derzeit nicht besonders gut. Ich übersetze ins Französische und in Frankreich mussten die Buchhandlungen im ersten Lockdown komplett und im zweiten eine Zeitlang schließen. Viele Veröffentlichungen wurden verschoben, manche Titel sind unter extrem ungünstigen Bedingungen erschienen.

Nun habe ich kürzlich einen Übersetzungsauftrag abgelehnt (in einer solchen Situation, wie Natalie sagen würde) – zwar nach reiflicher Überlegung, denn wie viele Kolleg·innen kann ich es mir nicht leisten, für längere Zeit keinen Übersetzungsvertrag zu haben, aber ich konnte mich einfach nicht mit dem Thema und dem Humor des Romans identifizieren. Mir schien, als hätte ich für eine gute Übersetzung einen extremen Anpassungsaufwand betreiben müssen und ich fühlte mich nicht bereit dazu, das für diesen Text zu leisten. Es fiel mir nicht leicht (ich hatte zuerst auch ja gesagt), aber ich habe den Auftrag am Ende nicht angenommen.

Ich habe abgelehnt, weil ich vor Jahren schon einmal eine Übersetzung mit denselben Vorbehalten angenommen habe. Und durch dieses Buch habe ich mich durchgequält, denn ich habe mich darin nicht wiedererkannt. Die Geschichte hat mich nicht überzeugt, genauso wenig die Erzählperspektive. Mir wurde das Buch vorgeschlagen, ich brauchte einen neuen Vertrag und habe zugesagt. Ich habe meine Arbeit so gewissenhaft wie möglich erledigt (meine Übersetzung wurde sogar für einen Preis nominiert), aber ich hatte keine besonders gute Zeit. Diese Erfahrung habe ich als Mentorin der Übersetzungswerkstätten ins Französische der letzten drei Jahrgänge des Goldschmidt-Programms (2018-2020) den Teilnehmer·innen mitzugeben versucht: eine Übersetzung anzunehmen, nur um einen Auftrag zu haben, was im Klartext heißt, um davon leben zu können, also wegen des Geldes, ist oft keine besonders gute Idee. Da ist es weitaus besser, sich einen Brotjob zu suchen.

Denn das Literaturübersetzen ist kein Brotjob, und kann es nicht sein. Manchmal kann man davon leben, aber es erfordert ein persönliches Engagement, das über die rein berufliche Tätigkeit hinausgeht und Fragen und Ängste mit sich bringt, die nicht jeder Beruf kennt. So gehört zu den Berührungsängsten beim Übersetzen auch die Frage nach der eigenen Legitimität.

Mich selbst als berechtigt anzusehen, diesen Beruf auszuüben, war nicht leicht. Aber ich habe irgendwann aufgehört, mir diese Frage zu stellen. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, da war dieser Beruf nicht selbstverständlich. Ich bin Germanistin, keine ENS-Absolventin oder staatlich geprüfte Deutsch-Dozentin, noch habe ich einen Master in Literaturübersetzen. Trotzdem kann ich seit etwa 15 Jahren so gut es eben geht vom Übersetzen leben. Ich fühle mich berechtigt, diesen Beruf auszuüben. Ich bin Übersetzerin.

Allerdings stellt sich mir immer häufiger die Frage nach meiner Legitimität als Übersetzerin für bestimmte Texte. Denn es kann passieren, dass man sich für die Übersetzung eines Werkes nicht als geeignet ansieht (oder in der Betrachtung von außen: dass man nicht als geeignet dafür eingeschätzt wird). Um eines vorwegzunehmen: Eine Übersetzung ist nie neutral. Gibt man zwei Übersetzer·innen ein und dasselbe Buch, kommen zwei unterschiedliche Übersetzungen dabei heraus. Wäre dem nicht so, welchen Sinn hätte dann die regelmäßige Neuübersetzung von Klassikern? Hinter jeder Übersetzung steht ein Mensch, der die Wahl der Wörter aus seiner persönlichen Erfahrungswelt heraus trifft (und auch aus der Zeit heraus, in der er lebt). Die Entscheidung für eine Übersetzerin oder einen Übersetzer ist in manchen Fällen, um nicht zu sagen in allen Fällen, eine politische.

Ich habe in den Sozialen Netzwerken einen Artikel von Aude Sécheret geteilt, in dem sie einige Entscheidungen ihrer Übersetzung von Sarah Barmaks Closer ins Französische erklärt, die ihrer Meinung nach nur eine Übersetzerin – also eine Frau (und nicht ihr Übersetzerfreund, der die Übersetzung lektoriert hat) – treffen kann, weil sie die genaue Kenntnis des weiblichen Körpers erfordern, aber auch und vor allem der Tabus und Schamgefühle, die Frauen anerzogen werden und die ihr Kollege und Freund nicht kennen kann. Ich teile die Meinung der Übersetzerin in diesem Punkt. Es erscheint mir wenig angemessen, die Übersetzung eines solchen Buches einem Cis-Mann anzuvertrauen.

Ich selbst habe vor kurzem Stephanie Haerdles Essay Spritzen über die weibliche Ejakulation übersetzt. Bei der Buchpräsentation, die Laura Méritt veranstaltete (Expertin für die weibliche Ejakulation, lesbisch, engagierte Feministin und Betreiberin eines Sex-Shops in ihrer Kreuzberger Wohnung), wurde Stephanie als Erstes gefragt: „Wann hast du denn zum ersten Mal ejakuliert?“ Ich muss dazu sagen, dass Laura und Stephanie sich seit Langem kennen und dass Laura in Stephanies Buch zitiert wird. Dennoch: Muss ich damit rechnen, dass mir dieselbe Frage gestellt wird, wenn meine Übersetzung erscheint? Sollte die Übersetzung dieses Buches eine Frau vornehmen? Eine Frau, die ejakuliert? Oder zumindest eine Person, die vulvarisch ejakuliert?

Ein anderes Beispiel, das eng mit dem besonders heiklen Thema Körper zusammenhängt: letztes Jahr hat mir Jayrôme C. Robinet, Autor und Übersetzer, Freund und Gefährte des Goldschmidt-Programms 2004, aus verschiedenen Gründen die Übersetzung des Erfahrungsberichts seiner Transition Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund angeboten, dessen Rechte gerade von einem französischen Verlag gekauft worden waren. Ich war gerührt, aber genauso erschrocken von dem Gedanken, er könne mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein. Vor allem als Cis-Frau fühlte ich mich nicht dazu berechtigt, seine Geschichte zu übersetzen, denn obwohl ich ihn vor seiner Geschlechtsangleichung kannte, habe ich diese Erfahrung nicht selbst gemacht. Ich teilte ihm meine Vorbehalte mit, denen er wohlwollend begegnete: wenn ich mir die Frage nach meiner Legitimität für diese Übersetzung schon stelle, besäße ich auch das notwendige Feingefühl dafür. Jayrôme hat am Ende beschlossen, seinen Text selbst zu übersetzen und ich bin sehr gespannt darauf. Es wird weit mehr sein als eine Übersetzung.

Ich stelle mir also immer öfter die Frage nach meiner Berechtigung, bestimmte Texte zu übersetzen. Nur mit der Legitimität allein lässt sich keine Miete bezahlen.

Diesen Sommer habe ich mit großer Begeisterung die Übersetzung eines Auszugs aus Jackie Thomaes Roman Brüder angenommen. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die in der DDR geboren wurden und denselben Vater – einen Senegalesen  – aber unterschiedliche Mütter haben (eine aus Leipzig und eine aus Ostberlin). Ich kenne den Alltag von Menschen nicht, die rassistische Diskriminierung erfahren. Aber ich kenne Leipzig gut, wo ein Teil des Romans spielt, und ich lebe in Berlin. Beim Fall der Mauer war ich allerdings erst elf Jahre alt. Der Vater der beiden Romanfiguren kommt in den 1960er Jahren für ein Medizinstudium nach Ostdeutschland, nach Leipzig. Dort habe ich 1999 im Rahmen eines Erasmus-Auslandsjahres Literatur studiert. Ich bin drei Jahre geblieben. Obwohl der zeithistorische Kontext ein anderer ist, habe ich dadurch, dass die Stadt, in der auch ich einmal gelebt habe, eine Rolle spielt, unmittelbar einen Bezug zu der Geschichte gehabt. Diesen Auszug zu übersetzen war eine große Freude. Der Stil der Autorin schien zu mir zu „passen“. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich hoffte, das ganze Buch zu übersetzen, sollten die Rechte eines Tages von einem französischen Verlag gekauft werden. Doch: wäre ich die geeignete Übersetzerin für diesen Roman?

Ich weiß es nicht. Beim Übersetzen lernt man vieles. Übersetzen bedeutet für mich, die Gedanken einer Sprache in eine andere zu übertragen, von einer Kultur in eine andere, sie zu transportieren. Es bedeutet, sich in die Fremde, das Fremdartige zu begeben und verändert in das Vertraute zurückzukehren. Wenn man alles durchlebt haben müsste, was man übersetzt, alle Situationen kennen, im Vorhinein Expertin für alle Themengebiete sein, was könnte man dann noch übersetzen? Ich habe keine Antwort darauf. Mein Berufsalltag ist nicht vor Widersprüchen gefeit. Doch eines ist sicher: Ich würde gern ausschließlich Texte übersetzen, die ich mag. Denn diese kann ich mir am besten zu eigen machen (im positiven Sinne des Wortes). Ich würde mir zudem wünschen, dass man in der Verlagsbranche mehr auf die Übersetzer·innen eingeht. Dass es einen größeren Austausch gibt, auf allen Ebenen. Dass dort ein Bewusstsein über die Risiken einer Übersetzung herrscht. Ich glaube weiterhin, dass man sich diese und andere Fragen stellen muss. Dass man sich selbst infrage stellen muss. Jeden Tag.
 

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© Sophie Jandl

Stéphanie Lux (*1978) lebt in Berlin als Literaturübersetzerin, u.a. von Clemens J. Setz, Michael Köhlmeier, Paula Fürstenberg, Julia von Lucadou, Andrea Maria Schenkel und Jens Harder. 2018 bis 2020 war sie Mentorin der Übersetzungswerkstatt ins Französische des Goldschmidt-Programms für junge Literaturübersetzer·innen. 2020 erhält sie den Nerval-Goethe-Preis für die Übersetzung von Katie, von Christine Wunnicke (éd. Jacqueline Chambon). Seit 2013 arbeitet sie gelegentlich in der Berliner Buchhandlung Anakoluth.

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