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Perspective turn

Ich lade Sie dazu ein, sich in einem mollig warmen Vollbad zu entspannen. Cremiges Wasser mit duftendem Eukalyptus- oder Lavendelöl. Samtig weicher Schaum. Plätschernde Wassertropfen, die von den Fingerspitzen perlen. Jemand hat einmal gesagt: Übersetzen heißt, dafür zu sorgen, dass Original und Übersetzung in ähnlichem Wasser baden. Gleiche Temperatur, gleiches Schaumbad, oder wenn es keines enthält, die gleiche ungetrübte Transparenz.

Welche Berührungsängste hatte ich davor, mein eigenes Buch zu übersetzen, warum finde ich, dass Stéphanie Lux geeignet war, die Übersetzung zu machen und aus welchen Gründen habe ich mich schließlich dafür entschieden, es selbst zu übernehmen? Davon handelt dieser Text.

Aber machen wir es uns zunächst in einer situierten Positionierung gemütlich (auch wenn wir uns nicht alle mit dem gleichen Wasser waschen, stellen wir uns eine liegende Position vor – Wanne verpflichtet).

Die Ethik und Ästhetik der Übersetzung unterscheiden sich je nach Schule, Epoche und Ideologie des Übersetzens.1 Ihre zentralen Fragen sind von fundamentaler Bedeutung, etwa wenn es darum geht, einen religiösen Text zu übersetzen. Für Henri Meschonnic ist Europa ein Kontinent, dessen Kultur nicht nur auf Übersetzungen gründet, sondern auch auf der Auslöschung ihrer Auslöschung.2

Die Herausforderungen des Übersetzens sind eng verknüpft mit der Produktion und Zirkulation von Wissen. Doch jede Epistemologie ist situiert. Mit ihrem Konzept des situierten Wissens, das sie Ende der 1980er Jahre systematisierte, räumte Donna Haraway mit der Grundannahme wissenschaftlicher Objektivität auf. Die Bewusstseinsforscherin widerlegte das Konzept neutralen, objektiven und universellen Wissens und postulierte, Wissen werde von Subjekten produziert, die ein Konstrukt ihrer Epoche, ihrer sozialen Position und ihrer Beziehung zu herrschenden Normen sind.3

Wie wir gesehen haben, ist Übersetzen eine Handlung, die zur Produktion und Zirkulation von Wissen beiträgt. Damit ist auch jede Übersetzung situiert. In diesem Sinne versuchen einige Verlage, darunter w_orten & meer, positionierte Verlagsarbeit zu machen, was die Bereiche Redaktion, Übersetzung und Lektorat gleichermaßen betrifft. Eine Arbeit, die zudem im Bewusstsein für die Performativität von Sprache ausgeführt wird. Siehe dazu den Artikel Etwas ganz Neues – Übersetzungen als Versuch diskriminierungskritisch zu handeln von Ina Pfitzner im Bücher Magazin über ihre Übersetzung von Leonora Mianos Roman „La saison de l’ombre“ (Zeit der Schatten).

Für mein Empfinden sind situiertes Wissen und Können nicht allein von der Identitätsposition abhängig. Zumal jeder Mensch aus einem Geflecht vieler Identitäten besteht.

Als ein französischer Verlag dieses Jahr die Übersetzungsrechte für Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund erwarb, das ich auf Deutsch, also in einer Fremdsprache, geschrieben hatte, schien es im ersten Moment selbstverständlich, dass ich es selbst ins Französische, meine Erstsprache, übersetzen würde.

Gleichzeitig hatte ich jedoch Skrupel, die ich damals gern Berührungsängste genannt hätte, wenn es den Begriff im Französischen gäbe.

Vor mir haben andere Schriftsteller:innen beschlossen, sich nicht selbst in ihre Erstsprache zu übersetzen. So vertraute die britische Autorin Sharon Dodua Otoo die Übersetzung ins Englische ihres 2016 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneten Textes Herr Gröttrup setzt sich hin drei Übersetzer:innen an, die ihn in zwei Versionen übertrugen: Herr Gröttrup Takes a Seat, die britische Version, übersetzt von Katy Derbyshire, und Herr Gröttrup Sits Down, die US-amerikanische Version, co-übersetzt von Patrick Ploschnitzki und Judith Menzl.

Der Gedanke hatte etwas Verführerisches. Würde ich mein Buch ins Quebecer, ins Wallonische oder ins Welschschweizer Französisch übersetzen lassen? Genauso wie das Englische ist das Französische eine plurizentrische Sprache mit mehreren standardisierten Varietäten. Doch im Gegenteil zum Englischen ist sie asymmetrisch plurizentrisch, denn die verschiedenen Varianten haben nicht den gleichen Stellenwert. Weil die Frankreich-französische Norm dominiert, gefiel mir der Gedanke, diese Dominanz auf den Kopf zu stellen, indem ich seine zentrale Stellung antastete.

Eine meiner Berührungsängste bestand tatsächlich weniger in dem Gefühl, nicht den notwendigen Erfahrungshorizont zu besitzen, sondern im Gegenteil, ich stand meinem Text viel zu nah, um die nötige Distanz zu wahren, die jeder Übersetzung gut tut.

Um ein gängiges Vorurteil umzukehren, würde ich etwas provozierend sagen, dass jede:r Autor:in ein:e verfehlte:r Übersetzer:in ist.

Was mich betrifft, so verschaffte mir die Tatsache, dass ich das Buch auf Deutsch schrieb, eine emotionale Distanz, die es mir erlaubte, intime Themen anzuschneiden, die unmittelbar auf Französisch zu denken und zu schreiben in mir vielleicht Gefühle von Scham oder Traurigkeit ausgelöst hätte. Bei dem Wort maman zum Beispiel könnte ich heulen, das Wort Mutti ist ruhiger.

Außerdem fürchtete ich, wenn ich mich selbst übersetzte, würde ich alles umschreiben oder nach Lust und Laune Dinge hinzufügen und andere weglassen. Ich wollte verhindern, dass ich mich langweilte. Nach vorne schauen. Nachdem ich fast drei Jahre in der Geschichte gebadet hatte, scheute ich davor zurück, für die Übersetzung weitere Monate in ihr zu verweilen. Kennen Sie das, wenn die Haut schrumpelig geworden ist, weil Sie zu lange im Wasser geblieben sind?

Das war der Moment, wo ich an meine Kollegin und Freundin Stéphanie Lux dachte.

Steph und ich hatten uns im Rahmen des Goldschmidt-Programms 2004 kennengelernt. Ich habe ihre Arbeit als Übersetzerin verfolgt und weiß, dass sie nicht nur die Temperatur des Wassers misst, sondern auch seinen Gehalt an Kalzium, Magnesium, Kalium, Fluor und den Anteil der Spurenelemente. Aber nicht nur deswegen dachte ich an sie.

Welches situierte Wissen wäre für die Übersetzung meines Buches wünschenswert?

Es ist ein Irrtum zu glauben, ausschließlich trans* Person besäßen die Berechtigung dazu.

Wie ich weiter oben schrieb, besteht jeder Mensch aus einem Geflecht vieler Identitäten. Keine Identitätskategorie ist wichtiger als andere, vielmehr ist es ihre Verflechtung, die das Spezifische eines Menschen und seiner sozialen Positioniertheit ausmacht. Und welche Kategorie sollte hervorgehoben werden, um die Geschichte eines weißen bisexuellen trans* Mannes zu übersetzen, der in gewissen Kontexten in Deutschland bisweilen als Person of Color gelesen wird. Der seit zwanzig Jahren in Berlin lebt und aus einem bildungsbürgertumsfernen4 Umfeld stammt, durch sein Promotionsprojekt jedoch in die akademische Welt eintrat? Intersektional betrachtet ist es diese Verflechtung der verschiedenen Identitätskategorien und der persönlichen Biografie, die jede Erfahrung auf dieser Welt und damit jede Perspektive einzigartig und besonders macht.

Dies beugt im Übrigen auch der Essentialisierung von Identitäten vor – zumal so manche Identität fließend ist.

Als ich Stéphanie Lux fragte, ob sie sich vorstellen könnte, mein Buch zu übersetzen, antwortete sie, sie würde an ihrer Legitimität zweifeln.

Für meine Begriffe war Stéphanie Lux in vielerlei Hinsicht „legitimiert“, um es mit ihren Worten auszudrücken. Erstens kannte sie mich vor der Geschlechtsangleichung, das heißt, sie verfügt über ein gewisses Wissen über meinen Weg und der sich wandelnden Außenwahrnehmung meiner selbst, ja was es heißt, wenn sich jener Körper in einer sozialen Umgebung bewegt, die von binären Geschlechternormen durchdrungen ist. Und schließlich hat mein Buch eben diese Analyse des sozialen Raums zum Gegenstand.

Zweitens habe ich meine Geschlechtsangleichung relativ spät (im Alter von 33 Jahren) begonnen, das heißt ich habe mehrere Jahrzehnte erfahren, wie die Gesellschaft einen (damals noch) weiblich gelesenen Körper betrachtet – anders ausgedrückt habe ich einen Sexismus am eigenen Leib erfahren, den eine weiblich sozialisierte Person wie Stéphanie einordnen kann.

Drittens besitzt Steph meines Erachtens einen gewissen queer-feministischen Theoriehintergrund und damit das notwendige Instrumentarium, um mein Wissen in einem Kontext zu situieren.

Viertens verfügt sie dank ihrer Positionierung als Französin, die seit über einem Jahrzehnt in Berlin lebt, zudem über das situierte Wissen von gewissen Beobachtungen, die ich in meinem Buch thematisiere.

Zuguterletzt gehörte Stéphanie zu meinen Testleser:innen, das heißt, sie weiß einiges über den Entstehungsprozess dieses Buches.

Und außerdem war ich ja da, um ihr beim eigentlichen Übersetzen beiseite zu stehen.

Also warum? Warum habe ich letztlich beschlossen, es selbst zu übernehmen?

Von meinem Übersetzungsstudium an der ausgezeichneten Ecole d’Interprètes Internationaux de Mons in Belgien habe ich eine Berufskrankheit zurückbehalten, die darin besteht, dass ich Übersetzungen ästhetisch analysiere: Ich liebe es, in beide Sprachen einzutauchen – Originaltext und Original-Übersetzung bei der Hand – und ein paar Schwimmzüge zu machen, um ein Gefühl zu bekommen. So bin ich fasziniert von Anne Webers Übersetzungen ihrer eigenen Werke.5Hier fügt sie ein Kleidungsstück oder einen Laib Brot hinzu, dort lässt sie Küsse oder Tränen weg. Ich würde sagen, dass es sich hierbei in Wahrheit um zwei Originale handelt.

Als ich einen ersten Übersetzungsentwurf anfertigte, überkam mich ein starkes Gefühl von Freiheit. Ich war wie ein Fisch in einer riesigen Badewanne, ich konnte meine Perspektive verfeinern, sie subtiler gestalten, in ein neues Licht tauchen und den Text damit voranbringen.

Wie Henri Meschonnic sagte, übersetzen wir nicht nur Sprachen, sondern Texte.6

Tja, und indem ich mein Buch selbst übersetze, kann ich ihm ein neues framing geben. Der Verlag in Deutschland fand, dass es am besten als Sachbuch erscheint – in Frankreich wird es als autobiografischer Roman herauskommen. Ich bin glücklich über die Möglichkeit, es wieder aufleben zu lassen, ihm neuen Wind einzuhauchen, ein neues Leben und eine neue Rahmung. Ein neues eigenständiges Werk.

Zum Schluss noch der Versuch, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Nach dem linguistic turn der Sechziger und Siebziger Jahre – demzufolge jeder Analyse der Welt eine Analyse der Sprache, die sie uns erschließt, vorausgehen sollte – und dem iconic turn der Neunziger Jahre – der diese durch die Analyse der Bilder ergänzt –, wurde unser neues Jahrtausend mit einem perspective turn eröffnet, wie mir scheint. Jede Analyse muss zunächst einer Analyse der Perspektive unterzogen werden, aus welcher heraus sie vorgenommen wird. Was die Wahl der geeigneten Person für eine Übersetzung betrifft, so können wir uns ebenso gut fragen: Welches Solidaritätsnetzwerk wollen wir wählen? Denn die Wahl der Übersetzerin bzw. des Übersetzers hat auch einen Einfluss auf die Zirkulation von Ressourcen.

 

Fußnoten
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© Ali Ghandtschi

Jayrôme C. Robinet, geb. 1977 in Nordfrankreich. Veröffentlichte in Frankreich zwei Bände mit Erzählungen. 2015 erschien mit Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht sein deutschsprachiges Debüt. Das gleichnamige Einpersonenstück feierte im selben Jahr Premiere am Maxim Gorki Theater. 2019 erschien sein Buch Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund. Übersetzt hat er Theaterstücke (Christoph Marthaler, Fritz Kater, Sasha Marianna Salzmann, Händl Klaus), Slam Poetry (Bas Böttcher, Timo Brunke) und Sachbücher (Kate Bornstein, Dossie Easton & Janet W. Hardy) ins Französische. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin, wo er gerade über queere Performance Poetry promoviert.

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