TALKS Berührungsängste Jedes Wort eine Entscheidung
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Jedes Wort eine Entscheidung

Ich übersetze in eine Sprache, die, nachdem sie hierher importiert wurde, nun Teile der Welt beherrscht. Ich schreibe heute aus dem Land der Ahnen der Kiikaapoi, der Peoria, der Bodéwadmiakiwen und der Myaamia. Meine Arbeit mit der Sprache finanziert meine physische Anwesenheit an einem Ort, der seinen Bewohner∙innen mehrere Jahrhunderte vor meiner Ankunft gestohlen worden ist, und an den meine Vorfahren, laut familiärer Überlieferung, vor mehreren Jahrhunderten gelangt sind, nachdem sie ihre Heimat in Orten wie Eymru, Éire, Deutschland und Frankreich fliehen mussten. Die Angehörigen jener Völker, die vor der Gründung der Vereinigten Staaten hier waren, sind noch immer hier, und diejenigen aus den Ländern meiner Vorfahren sind sowohl hier als auch dort. Ich wuchs inmitten einer Abfolge von groben Verstößen auf, und ich bin deren Ergebnis. Meine Gedanken über Berührungsängste – über die Angst vor physischem Kontakt – konzentrieren sich deshalb weniger auf diese Ängste selbst als vielmehr auf die aus ihr resultierenden Spannungen.

          Beim Übersetzen bin ich es gewohnt, Seiten mit Text in andere Seiten mit Text zu verwandeln. Eine leere Seite ist kein vertrauter Ort für mich und löst ein gewisses Unbehagen aus. Wenn ich von “Seiten mit Text” spreche, meine ich damit “Erfahrungswelten”.

          In einem Gespräch über Sprache und Kultur mit Wiktor Osiatyński erklärte Noam Chomsky den Gebrauch von Sprache unserer Spezies als ein “sich selbst in Interaktion mit anderen Menschen setzen.” Es werden viele Informationen übertragen, nicht nur der Inhalt dessen, wovon die Rede ist. Seit jenem Gespräch in den 80ern floriert die Soziolinguistik, die Unmöglichkeit der Übersetzung aber lindert sie nicht. Im Jahr 2020 kann diese Interaktion sogar – es sei denn, sie findet auf einer Textseite oder einem Bildschirm statt – einen tödlichen Virus übertragen.

          Während bestimmten Bevölkerungsgruppen sowohl die Bedeutung als auch die Gefahren des zwischenmenschlichen Kontaktes immer schon bewusst waren, hat die Corona-Pandemie sie für viele andere Menschen realer gemacht. Dort, wo ich lebe, verwenden die Massenmedien die Wörter Konsument∙in und Bürger∙in oft als austauschbar – das ist eine Begriffsdehnung, die Übersetzerinnen, die etwas auf sich halten, niemals wagen würden, und ist möglicherweise ein wichtiger Hinweis für die Leser∙innen meiner Worte aus weniger kapitalistisch-konsumgeprägten Gesellschaften. In diesem Frühjahr schienen die Zeitungen und Radiostationen ebenso ausführlich über ökonomische wie über biologische Ängste zu berichten. Und all das wurde noch verstärkt durch Rassendiskriminierung, finanzielle Ungerechtigkeit und die Nichtexistenz eines funktionierenden Gesundheitssystem.

          Wenn ich darüber nachdenke, durch welche Schluchten Übersetzer∙innen navigieren müssen – sei es, um Brücken zu bauen, Kluften sichtbarer zu machen oder beides zugleich – kommt mir das Code-Switching in den Sinn. In einem allgemeineren Gebrauch hat sich der Begriff von den Gefilden der Linguistik in die Mainstreamdebatte über race, Ethnizität und Kultur hineinbewegt. Das Code-Switching ist in vielerlei Hinsicht Teil meiner Arbeit, und es wirft viele Fragen auf. Vielleicht spreche ich nur aus, was sowieso offensichtlich ist; für mich als Übersetzerin, die in die Hegemonialsprache Englisch übersetzt, ist 2020 das Jahr gewesen, in dem ich offensichtliche Dinge ausgesprochen, hinterfragt und ständig wiederholt habe, Dinge, die viele Menschen entweder aus Angst und Erschöpfung ausblenden.

          Für mich hat die Pandemie den Kontakt mit den Autor∙innen verändert, da Lesungen und andere Veranstaltungen virtuell stattfanden. Meine Übersetzerkollegin Tess Lewis und ich kuratierten in diesem Jahr gemeinsam das New Yorker Festival Neue Literatur, und als wir nur einen Monat, bevor es im April losgehen sollte, erfuhren, dass das Festival abgesagt werden musste, verlagerten wir, in einer Zeit, da sich alle zu Hause verschanzten, so viele Lesungen wie möglich ins Internet. Ich fühlte Solidarität mit und Nähe zu Kolleg∙innen in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und in Italien; diese Empfindungen können die Tiefe des persönlichen Austauschs – wenn man gemeinsam durch die Straßen spaziert, durch den Wald streift, gleichzeitig die selbe Umgebung betrachtet, miteinander gestikuliert, die Mahlzeiten gemeinsam einnimmt und die Feinheiten einer konkreten Welt zusammen entdeckt – jedoch nicht ersetzen. Irgendwann erzählten mir Kolleg∙innen davon, dass sie an Texten arbeiteten, deren Verfasser∙innen sie nicht mehr befragen können würden, weil diese gestorben waren und dass deren Texte nun posthum erscheinen würden. Und dann hörte ich vom Tod einer berühmten Kollegin.

          Ich möchte auch die symbolische Bedeutung überwundener Berührungsängste ansprechen, anfängliche Befürchtungen, die man überwunden hat oder noch überwinden muss, um eine anstehende Aufgabe bewältigen zu können. Der umstrittene Charakter des Übersetzens selbst setzt sich oft zusammen aus den latent problematischen Aspekten eines möglichen Ausgangstextes. Alle Übersetzer∙innen, die ich kenne, ringen mit der Genderfrage, vor allem hinsichtlich der Pronomen. Ich habe Bücher übersetzt, in denen es um Religion ging, und musste in einem Fall einen Lektor davon abhalten für die us-amerikanische Ausgabe die Konfessionszugehörigkeit zu ändern, von der ein Autor im Kontext seiner Kindheit schrieb. Der Lektoratsprozess erinnert mich stets an eine weitere Form des Kontakes: an das Taktile. Jahrhundertelang wurden Wörter ausschließlich gesprochen, dann per Hand aufgeschrieben und noch später in variablen Lettern gesetzt, alles Prozesse, die mit manueller Arbeit und einer Art von Begrenzung einhergingen. Pixel sind erst seit kurzem auf der Bildfläche erschienen und machen die Kommunikation sowohl einfacher als auch weniger greifbar. Das Englische verändert sich schnell in dem Bemühen, sich bestimmten historischen –ismen zu stellen: Sexismus, Rassismus, Ableismus, Ageismus, Monolingualismus.

          Das erste, was mir zum Begriff Berührungsangst in den Sinn kommt, ist das Wort Verstoß. Auch das Übersetzen wird hin und wieder als Verstoß angesehen – möglicherweise als ein notwendiger, aber auch als ein problematischer. In diesen Zeiten physischer Isolation, lohnt es, sich daran zu erinnern, dass der Prozess des Übersetzens unbehaglich sein kann, aber doch für das eine oder andere Buch die einzige Möglichkeit bietet, Leser∙innen zu erreichen, die die Originalsprache eines Textes niemals lernen würden.

Ivna Žic »Die Nachkommende«

 

Folgende Beispiele aus Projekten, die ich in den letzten Jahren übersetzt habe, sollen helfen, einige der Herausforderungen zu veranschaulichen. Ich habe sie kategorisiert, möchte aber betonen, dass alle fast immer auch politisch sind:

TYPOGRAPHIE. Ivna Žics Roman Die Nachkommende war für das Festival Neue Literatur ausgewählt worden. Das Buch ist auf Hochdeutsch verfasst, enthält aber hier und da Sätze auf Schweitzerdeutsch und auf Kroatisch. Beim Anfertigen eines Übersetzungsauszugs hatte ich an der US-Verlagsnorm festgehalten, nichtenglischsprachige Begriffe kursiv zu setzen – in diesem Fall die Passagen auf Schweitzerdeutsch und Kroatisch. Ivna wies mich korrekterweise darauf hin, dass das Original durchgehend nicht kursiv war, eine absichtliche Entscheidung, die darauf abzielte die unterschiedlichen Sprachen gleichzustellen. Daraufhin korrigierte ich meine Übersetzung und sollten die Rechte für dieses starke Buch von einem amerikanischen oder britischen Verleger gekauft werden, bin ich gewappnet, Ivnas Argument zu vertreten.

 

BESITZANZEIGENDE PERSPEKTIVEN. In dem selben Buch verzichtet Ivna auf die Verwendung von Possessivpronomen, wenn es um die Erwähnung von Bekanntschaften, Familienmitgliedern und Vorfahren geht; und auch wenn man als Leser∙in davon ausgehen kann, dass es sich bei “Mann” oder “Großmutter” um Bezugspersonen der Erzählerin handelt (also “mein Mann” oder “meine Großmutter”), sagt der Text dies nirgends explizit. Auf Deutsch ist das in der Regel unauffällig, doch auf Englisch waren ein paar kreative Lösungen gefragt, um dieses wichtige Detail zu erhalten.

 

POLITISCHE KORREKTHEIT. Da Dana Grigorceas Roman Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit vor allem in Bukarest spielt, kommen in der Geschichte Zigeuner und Zigeunerinnen vor. Ich habe den Eindruck, dass der Begriff ‘gypsy’ auf Englisch im Moment als anstößiger wahrgenommen wird als vergleichbare Wörter in anderen Sprachen, auch wenn dort ebenfalls gerade eine Veränderung im Gange ist. Es wäre ein grober Verstoß gewesen, den Begriff zu “reinigen”, indem ich “Romani” oder irgendein anderes Wort benutzt hätte, da die Wahl eines anderen, weniger aufgeladenen Begriffes die grundlegenden sozialen Spannungen des Ausgangstextes verleugnet hätte. Ich war dankbar, dass sich die Autorin, die Lektorin und der Verleger einig darin waren, dass in diesem besonderen Fall der politisch korrekte Begriff die falsche Entscheidung gewesen wäre. – Zu erörtern, wie unterschiedlich gegenderte Suffixe auf Englisch und Deutsch funktionieren, spare ich mir für ein anderes Mal auf.

 

GENDER. Ganze Bücher werden darüber geschrieben, wie man in unterschiedlichen Sprachen Genderformen bildet, wie sich die Terminologie verändert und wie die Welt der Sprecher∙innen durch Wörter erst entsteht. [Anmerkung der Übersetzerin: Im englischen Original heißt es hier “how a speaker’s words shape their world”. Die Autorin fährt fort:] (Haben Sie bemerkt, dass ich das Wort ‘they’ im Singular verwendet habe? Hurra, es wird nicht länger von uns erwartet, dass wir schreiben ‘seine Welt’ oder ‘ihre Welt’ oder das fürcherliche ‘seine oder ihre Welt’. Obwohl es diese Option bereits seit mehr als 600 Jahren gibt, wurde ‘they’ 2019 zum Wort des Jahres im Merriam-Webster1, weil die Nachschlagefrequenz um 313 % gestiegen war.”)

Dana Grigorcea »Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit«

 

Im Vorwort von Alexander Kluges “Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter«. 48 Geschichten für Fritz Bauer” ist von einem Kind die Rede, von ‘das Kind’ und von ‘es’ – das ich als ‘a child’ ins Englische übersetzt habe. Das Kind ist fünf Jahre alt, und dank des Neutrums und des sächlichen Pronomens erfahren wir das Geschlecht des Kindes an keiner einzigen Stelle. ‘The child’ zu benutzen funktioniert auf Englisch perfekt, bis ein Satz auftaucht, in dem zahlreiche englischsprachige Lektor∙innen bis vor zwei Jahren noch erwartet hätten, ein gegendertes Pronomen vorzufinden. Üblicherweise kann ein Kind im Englischen nicht ‘it’/’es’ sein, doch den Aktivist∙innen sei Dank, die das Englische aus seiner engen Gender-Dichotomie herausholen, ist es nun für ein Kind – oder für wen auch immer und egal welchen Alters – möglich entweder ‘he’ (‘er’), ‘she’ (‘sie’) oder ‘they’ zu sein. Das genderneutrale Singularpronomen ‘they’ und das nicht binäre Peronalpronomen ‘they’ sind nicht identisch aber mit einander verwandt. Manches davon ist sowohl meinen Kolleg∙innen als auch meinen Auftraggeber∙innen neu, und es ist eine willkommene Möglichkeit für das zeitgenössische Englisch, ein bislang unnötigerweise bestehendes Dilemma aufzulösen.

Alexander Kluge »Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter«

 

Zum Abschluss noch drei Projekte, die ich zwar nicht übersetzt habe, mit denen ich aber näher zu tun hatte. Ich bitte die Unschärfe zu entschuldigen, die Anonymität aller Beteiligten soll hier gewahrt bleiben.

 

WER SCHREIBT WAS UND WIE, TEIL I. Ein us-amerikanischer Verlag erbat ein Gutachten zu einem zeitgenössischen deutschsprachigen Roman, der vor 200 Jahren in der Kolonie eines fremden Imperiums angesiedelt ist. Bei der Hauptfigur, die gleichzeitig der vorrangige Erzähler ist, handelt es sich um einen Teenager, von dem man bis zu einem Wendepunkt in der Geschichte annimmt, dass er indigener Herkunft ist. Das ganze Buch war gründlich recherchiert und sprachlich hervorragend gearbeitet. Ich erstellte pflichtbewusst eine detaillierte Zusammenfassung und schrieb etwas über den potientiellen Markt und das Zielpublikum, darüber, wie das Buch im Gesamtwerk des Autors zu betrachten sei und wie seine sonstigen Bücher von deutschsprachigen Leser∙innen rezipiert worden waren. Ich war selbst überrascht, wie postiv mein Gutachten ausfiel – es war nicht unkritisch, doch der Text hatte mich für sich eingenommen. Am Ende entschied sich der Verlag dagegen, die Rechte für das Buch einzukaufen, und zwar mit der Begründung, sich auf Bücher konzentrieren zu wollen, die sich mit der heutigen Welt auseinandersetzen. Es ging nicht darum, dass das Buch umfangreich und damit zu kostspielig war, oder dass eine Leserschaft einem Buch gegenüber kritisch sein könnte, das auf Deutsch und noch dazu von einem weißen Mann geschrieben worden und in diesem ganz bestimmten Kolonialgebiet angesiedelt war, oder dass sie davor zurückschreckten, ein Buch zu publizieren, in dem fast nur männliche Charaktere vorkamen. Ob diese Überlegungen wohl zur Entscheidung beigetragen hatten?

 

WER SCHREIBT WAS UND WIE, TEIL II. Nimmt man die obige Beschreibung und ersetzt “Teenager von indigener Herkunft” durch “junger europäischer Missionar” erhält man die Zusammenfassung eines anderen Romans, für den ein deutscher Verlag zur Frankfurter Buchmesse im Jahr zuvor eine Übersetzungsprobe angefragt hatte. Die englischsprachigen Rechte für dieses Buch sind noch immer verfügbar, doch ein Verlag, der seinen Sitz in einem der ehemaligen Feindesgebiete eben jenes fremden Imperiums hat, kaufte die Rechte für das Buch ein. Die us-amerikanische Verlagswelt ist nicht gerade für ihre Risikobereitschaft bekannt, vor allem, wenn die Übersetzung einen zusätzlichen Kostenfaktor in der Einnahmen-Überschuss-Rechnung darstellt; wird man, jetzt da ein riesiger Verlag nach dem nächsten (nach dem nächsten nach dem nächsten) mit einem anderen fusioniert, in dieser Hinsicht größere Abenteuer eingehen?

 

WER ÜBERSETZT WAS UND WIE. Ein us-amerikanischer Verlag hatte die Rechte zu einem fesselnden zeitgenössischen Roman auf Deutsch, geschrieben von einer schwarzen Frau, eingekauft, und zwar basierend auf der Übersetzungsprobe einer Übersetzerin, die keine schwarze Frau ist. Würde ich dafür die ideale Übersetzerin sein? Ich weiß es nicht. Das hängt ganz vom Text ab – und von der Autorin und von der Übersetzerin. Kann ein Autor mit einem bestimmten Hintergrund einem Übersetzer mit einem anderen Hintergrund vertrauen, unbequeme Zeilen nicht misszuverstehen (oder sie gar zu tilgen)? Fiele eine solche Konstellation unter kulturelle Aneignung? Vielleicht rangiert jede Übersetzung in einem Spektrum zwischen Aneignung und Ermächtigung. Vielleicht sind dies nur neue Begrifflichkeiten für die weitreichenden Ansätze der Übersetzungstheorie zwischen domestication (Einbürgerung) und foreignization (Verfremdung). Ich bin kein Fan von Dichotomien, doch ich hätte noch so manches Synonym zu bieten, das uns dem Kern dieser Frage näher bringt – abhängig vor allem davon, wer als ‘ich’, ‘du’ und ‘wir’ spricht – und das ist eben genau das, was die Arbeit von uns Übersetzer∙innen ausmacht.

 

Fußnoten
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© Mark Donnelly

Alta L. Price betreibt eine Verlagsberatung, die auf Literatur und Sachbücher über Kunst, Architektur, Design und Kultur spezialisiert ist. Sie ist Trägerin des Gutekunst Prize, und sie übersetzt aus dem Italienischen und Deutschen ins Englische. Ihre Arbeiten wurden bei BBC Radio 4, Words Without Borders, etc. veröffentlicht, und zuletzt erschienen in ihrer Übersetzung Bücher von Martin Mosebach, Dana Grigorcea, Anna Goldenberg, und Alexander Kluge.