TALKS Berührungsängste Flaschengeist und Flaschenpost

Flaschengeist und Flaschenpost

Wenn das Genie mitliest

Als gebürtiger Amerikaner vor fast fünfzehn Jahren in Leipzig angespült, übersetze ich überwiegend Texte lebender deutscher Autor·innen ins Englische. Ich kam in Kontakt mit Studierenden des Deutschen Literaturinstituts (DLL) und mit Ehemaligen, die wie ich nach dem Studium in der Stadt geblieben waren. Nach anfänglichen Annäherungen und Fingerübungen wagte ich es, Ulrike Almut Sandig zu kontaktieren, deren Gedichte ich aus der Studentenanthologie Tippgemeinschaft kannte, aber auch durch die Augenpost, also Gedichte, die auf Bauzäune geklebt oder durch Flyer und Gratispostkarten verbreitet wurden. Das erste Treffen war angenehm, auf Augenhöhe und ich schätzte ihre Anregungen und Änderungsvorschläge.

Obwohl nicht alle meine Autor·innen auch zu Freunden werden, entsteht häufig eine persönliche Verbindung. Die meisten können sehr gut Englisch. In der Regel biete ich ihnen an, meine Übersetzung durchzusehen, bevor ich sie einreiche. Oft erhalte ich dadurch sehr einleuchtende Anmerkungen und Änderungen. Nebenbei bemerkt sind es fast immer Männer, die mich mit ihren Englischkenntnissen beeindrucken wollen. All das führt zu besseren Übersetzungen und hilft allen Beteiligten. Glaube ich zumindest. Und doch kommt manchmal leiser Zweifel hoch.

Schon Werner Heisenberg spricht im Zusammenhang mit der Entdeckung seiner Unschärferelation vom möglichen Einfluss des Beobachters auf den Ausgang eines Experiments. Inzwischen ist dieser sogenannte Observer-Effekt auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften als Begriff etabliert. Auch bei der ‚Versuchsanordnung Lyrik-Übersetzung‘ kann ein solcher Effekt eintreten. Zum Teil führe ich das auf das eklektische Lektüreverhalten meiner Jugend zurück und auf einen Geniekult, den ich mir damals angelesen und nie ganz überwunden habe. Die Romantik mag lange vergessen sein, aber noch immer habe ich beim Übersetzen lebender Autor·innen das Gefühl, dass sie mir über die Schulter schauen.

Beim Stichwort ‚Genie‘ muss ich an das fast gleichklingende englischsprachige Wort denken. Das ruft einen lästigen Ohrwurm aus meiner Jugend in Erinnerung („Genie in a Bottle“). Noch eine weitere Drehung der Flasche bringt mich auf den Gedanken, mit dem Wort „Flaschengeist“ zu spielen. Bekanntermaßen ist es fast unmöglich, den Geist wieder in die Flasche zu bekommen („there is a price to pay“). Was ist aber, wenn man eine neue Flasche findet, eine andere Sprache verwendet?

In ihrer Antrittsvorlesung als Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin hat Olga Martynova eine doppelte Begrifflichkeit von „Flaschenpost“ eingeführt, angelehnt an Paul Celans Zeile „das Gedicht kann eine Flaschenpost sein“, die ihrerseits ein Bild von Mandelstam aufruft: „wenn ich dieses Gedicht lese, fühle ich mich so, als hätte ich eine Flaschenpost gefunden.“ Diese Flaschenpost möchte ich mir selbst aneignen. Etwas wird am Strand angespült und ich beschließe, es wieder auf die Reise zu schicken.

Die Lingua franca unserer Zeit ist Englisch. So kann ich auf ganz viele verschiedene Finder meiner Flaschenpost hoffen. Und weil viele meiner Autor·innen fließend Englisch können, denke ich auch an sie, da sie unweigerlich mitlesen. Wer kann schon ermessen, wie groß der Einfluss ist, den sie auf mich haben, wenn ich sie unbewusst mitadressiere. Diese Berührungsangst habe ich weitgehend überwunden, doch sie lauert immer noch im Hintergrund. Bin ich der Aufgabe gewachsen, die Wünsche des Genies zu erfüllen? Kann ich Lyrik und Prosa überhaupt (nach-)schreiben? Indem meine Autor·innen mitlesen, mitdenken, mitschreiben, wandern sie – ihr Geist – mit in die Flasche, gehen mit auf die Reise ins Ungewisse. Wer weiß schon, von wem die Flasche gefunden wird.

 

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© privat

Bradley Schmidt übersetzt deutschsprachige Lyrik und Prosa und lebt in Leipzig, wo er auch an der dortigen Universität unterrichtet. Zu den von ihm übersetzen Autor·innen gehören u.a. Isabelle Lehn, Ulrike Almut Sandig, Kerstin Preiwuß, Lea Schneider, Steffen Popp, Maren Kames und Lutz Seiler. Seit 2019 ist er Mitherausgeber von No Man’s Land, einer Online-Zeitschrift für die Veröffentlichung neuer deutschsprachiger Literatur in englischer Sprache.

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