TALKS Brasilien ist meine Berührungsangst

Brasilien ist meine Berührungsangst

Ich habe Berührungsängste meinem Land gegenüber. Was als Allüre begann, hat sich spätestens seit 2018, der Wahl Bolsonaros zum Präsidenten, zur Krankheit, zum Syndrom ausgewachsen. Ich bin krank an Brasilien, und an dem von Dummheit, Grobheit und Blutgier Besessenen an der Macht. Der schlechteste Präsident in der Geschichte dieses Landes, der meint, die Diktatur habe einen Fehler begangen, indem sie nur gefoltert hat, wo sie hätte töten müssen, genießt in der Bevölkerung auch weiterhin einen Zustimmungswert von ungefähr 40%. Der Diskurs Bolsonaros und seiner Anhänger richtet sich gegen Menschen nicht-weißer Hautfarbe, gegen die sozial Schwachen und sexuell Ausgegrenzten und verfolgt Künstler wie Kulturschaffende, die in seinen Augen nichts anderes sind als Blutsauger des Systems und mit ihrer entarteten Kunst gegen die Werte der Familie und die guten Sitten verstoßen. Von den Spezialisten der Gewalt, den Militärs, abgesehen, kann Bolsonaro auf die gewaltbereitesten Amateure der Barbarei zählen. Die Pandemie, von Bolsonaros groteskem Agieren befeuert und verschlimmert, ist eigentlich nur die Kirsche auf einem von Anfang an verdorbenen faschistischen Kuchen.

Gepeinigt bis zu dem Punkt, weder übersetzen noch schreiben zu können, unterrichte ich immerhin noch. Hierfür öffnete sich 2020 die digitale Welt als Alternative; zu den Kursteilnehmerinnen (es sind überwiegend Frauen) aus Rio gesellen sich die über Zoom Zugeschalteten aus São Paulo, Recife, Porto Alegre, Maceió, aus New York, aus London und Londrina hinzu. Mehr als je übe ich meine immer harmloser werdende Funktion als “Privatgelehrter“ in Sachen Literatur aus und nehme wahr, dass es einen Fidel Castro braucht, wenn ein Fugencio Batista herrscht, und sehe gleichzeitig, dass die Pandemie mich zwingt, weiter wie Don Quijote auf meinem Koffer zu reiten, während ich unnütze Lanzenstiche gegen eine Regierung führe, die mir als faschistische Windmühle gegenübersteht und ihre Feinde mit diktaturüblichen Denunziationslisten verfolgt.

So sehr ich eine Inselexistenz in sozialer Isolation führe, brauche ich doch die Nähe wenigstens einer weiteren Insel. Diese Insel hat eine 91-jährige Mutter, meine Schwiegermutter, um die man sich kümmern muss – eine Hochbetagte, die mit ansehen muss, dass der höchste Repräsentant der Nation sich einen Dreck um ihr Leben schert. Weihnachten und Silvester 2020/21 verbringe ich allein und köchele auf kleiner Flamme meinen Hass auf den Präsidenten, der aus Brasilien, einem einst weltweit Sympathien auslösenden Land, eine internationale Schande gemacht hat, einen Paria in der Gemeinschaft der Nationen, einen zurückgebliebenen Schurkenstaat, der Abscheu und Hass erweckt.

Die Sufis haben ein Sprichwort, das besagt, dass es in der Wüste kein Schild gibt, auf dem steht, dass man Steine nicht essen darf. Im Brasilien des Bolsonarismus haben inzwischen viele gelernt, Scheiße zu essen. Manche sagen gar, dass sie gut schmeckt. Die Geschichte ist immer noch nicht zu Ende. Die Sehnsucht, das Land zu verlassen, ist groß.

 

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Marcelo Backes, 1973 geboren, lebt als Schriftsteller, Übersetzer und Privatdozent in Rio de Janeiro. Neben vier Romanen und mehreren Essaybänden hat er Werke von Goethe, Schiller und Heine, Schnitzler und Kafka, Broch und Musil, Christoph Ransmayr und Ingo Schulze ins Portugiesische übersetzt. 2015 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung.