TALKS Berührungsängste Spengler, His Self & I – De la Soul
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Spengler, His Self & I – De la Soul

Wenn Achille Mbembe von einer "starken Vermehrung der-‘Grenz-Körper’" spricht, so hat er weniger die Pandemie im Sinn, als die "postkoloniale Verfasstheit", die in den früheren Kolonialmächten als Tendenz zur Abschottung und Rückkehr des Nationalismus (und also des Verdrängten) Ausdruck findet. Er nennt dies die "Politik der Feindschaft", eine Politik der "Berührungsängste" in Bezug auf die dunklen Stellen der kolonialen Vergangenheit. Lässt sich im Zeitalter der Pandemie des "social distancing" von einer allgemeinen "Berührungsangst" sprechen? Als Mittel wider die Ausbreitung eines Virus hat diese "soziale Distanz", diese buchstäbliche "Angst, in Berührung (mit Anderen/Fremdkörpern) zu kommen" etwas Paradoxales an sich. Es handelt sich um ein pharmakon: Es schafft die Nähe ab – und somit die Voraussetzung aller Geselligkeit – um die Gesellschaft als Kollektiv zu erhalten. Größtmögliche Einschränkung des Sozialen zum Zweck seiner Erhaltung… Als Barriere-Körper und Grenz-Körper ist das Individuum nur noch eine freischwebende Monade, der eine Stimme aus den Tiefen de la Soul zuflüstert: "It’s just Me, Myself and I".

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Aber bis zum heutigen Tage kann ich weder von Freunden noch Erlebnissen noch Taten noch Freuden und Leiden erzählen, sondern nur vom Ich, Ich, Ich, das in mir eingekapselt ist, wie im Kerker, seiner Haft sich bitterlich bewußt, sich quälte, ohne je eine Beziehung zum Draußen zu finden.

Das Virus, dieser "allgewaltige Regisseur", beschleunigt den "Gang der Weltgeschichte" und bewirkt eine Zuspitzung der globalen Krisen zu ungeahnter Intensität. Ich zitiere Lenin (1870-1924) nicht ohne Hintergedanken, aber weniger als Hommage an einen der Vergangenheit angehörenden Marxismus(-Leninismus), sondern um ihn einem seiner Zeitgenossen gegenüberzustellen, den man gewissermaßen als epistemischen Gegenspieler betrachten könnte, nämlich Oswald Spengler (1880-1936). Ersterer steht in der Tradition einer Gesellschaftskritik, die sich aus der marxistischen Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse speist; der andere, Verfechter der Kulturkritik, ist ein glühender Nationalist und Preuße bis ins (deutsche) Mark, der seinen Untergang des Abendlandes als Beitrag zu den Kriegsanstrengungen verstanden wissen will, als theoretisches Gegenstück zu den "Ideen von 1914". Ursprungswerk einer langen Serie von literarischen Untergangsprophezeiungen und Vorreiter aller "Deutschland bzw. das Abendland schafft sich ab".

Heute, an dem größten Tage der Weltgeschichte, der in mein Leben fällt und zu der Idee, derentwegen ich geboren wurde, in so gewaltigem Zusammenhang steht, 1. August 1914, sitze ich einsam zu Hause. Niemand denkt an mich.

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Ich habe nicht viel mit Oswald Spengler am Hut. Vor 2016 hatte ich nur eine vage Vorstellung von diesem "Denker", der quasi über Nacht mit einem Buch berühmt wurde, das jeder kennt ohne es jemals gelesen zu haben. Bis mir ein Verleger 2016 vorschlägt, Der Mensch und die Technik neu zu übersetzen. Der besagte Verleger interessiert sich für die "Konservative Revolution" in Deutschland. Ich mich eher für die spartakistische Revolution. Ich habe soeben Männerphantasien von Klaus Theweleit übersetzt und bin fasziniert von dieser ereignisreichen Epoche. Die Freikorps, diese ultranationalistischen Milizen, welche die unmittelbar nach dem Krieg in Deutschland ausbrechenden sozialistischen Aufstände im Blut ertränkten und sich später zu den "ersten Soldaten des Dritten Reichs" erklärten, bewegen sich in einer sehr ähnlichen Gedankenwelt wie Spengler, allerdings viel roher und ganz auf die Aktion, die Tat ausgerichtet, wie u.a. die Jünger Brothers oder Ernst von Salomon.

Mein Gott, wie anders, wie viel schöner hätte mein Leben werden können, wenn der große Krieg mich gepackt hätte (…).

Obwohl ich politisch in diametralem Gegensatz zu dem Verleger stehe, geraten wir ins Gespräch und finden zu meinem großen Erstaunen Verbindungspunkte, weniger hinsichtlich unserer Einschätzung der Gegenwart als unseres Ausgangsbefundes: der Moderne. Das Übersetzen der kleinen Schrift Der Mensch und die Technik, publiziert 1931, fast zehn Jahre nach dem zweiten Band von Der Untergang des Abendlandes, erscheint mir als Gelegenheit, in dieses vitalistische Denken einzutauchen, von dem der Geruch des Irrationalismus ausgeht, mich damit vertraut zu machen, es aus erster Hand kennenzulernen, ganz so wie Klaus Theweleit es mit seinen Freikorps getan hat. Das Terrain ist mir nicht unbekannt. Spengler macht reichlich Gebrauch von Antithesen: Das Leben steht dem Tod gegenüber, die Seele dem Geist; der große Mann der Masse; die Gemeinschaft der Gesellschaft; die Kultur der Zivilisation; das Organische dem Mechanischen. Nichts Neues also unter der Dämmerung. Kurz zusammengefasst, jeder Kultur wohnt eine Seele inne. Die Kultur entwickelt sich und wächst bevor ihr Niedergang als Zivilisation anbricht. Die heiße und lebensgesättigte Seele hat sich zum berechnenden und kalten Geist gewandelt. Das Ganze in Zyklen von 1000 Jahren. Die abendländische Kultur, auch prometheische oder faustische genannt, zeichnet sich durch ihre Wissenschaft und ihre Technik aus. Sie erlebt ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert und beginnt ihren Niedergang als Zivilisation um die Wende zum 20. Jahrhundert unter dem zersetzenden Einfluss des kalten Rationalismus. Eben zu dem Zeitpunkt, als Spengler auf den Plan tritt.

Ich war nie jung, nie glücklich. Ich habe immer gewünscht und immer gezögert, bis es zu spät war, nie gewagt und alles bereut.

Spengler, der unaufhörlich seinen "heroischen Realismus" im Munde führt, ist der Ansicht, dass man die Hoffnung dennoch nicht aufgeben und schon gar nicht die Flinte ins Korn werfen solle, denn die Waffen sind für ihn Früchte der technologischen Überlegenheit der faustischen Kultur. Spenglers etwas großmäulige Konzeption des Tragischen liest sich wie folgt: "Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen andern. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeij gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen n i c h t nehmen kann." So endet Der Mensch und die Technik.

Ich habe schon als Kind immer die Idee in mir getragen, ich müßte eine Art Messias werden. Eine neure Sonnenreligion stiften, ein neues Weltreich, ein Zauberland, ein neues Deutschland, eine neue Weltanschauung – das war 9/10 der Inhalt meiner Träume.

Meiner Übersetzung zur Seite gestellt wurde das Nachwort des Spenglerkenners Gilbert Merlio, dem man weder Schönfärberei noch zweifelhafte Faszination vorwerfen kann. Unmittelbar darauf will mich der Verleger mit der Übersetzung seines nachfolgenden Buches betrauen: Jahre der Entscheidung. Ursprünglich im Dezember 1933 erschienen, handelt es sich um die Aktualisierung eines Vortrags, der 1930 vor der Patriotischen Gesellschaft von Hamburg gehalten wurde. Nun aber, da ich weiß, woran ich bin, beschleicht mich ein Unbehagen. Was im vorangegangenen Werk noch hinter dem Feigenblatt der philosophischen Überlegungen verborgen war, tritt nun ganz unverhohlen zutage. Ursprünglich vor der Machtergreifung der NSDAP geschrieben, lautete der Titel des Vortrags, auf dem dieses Buch basiert, Deutschland in Gefahr. Von der gefährdeten Nation führt der Weg zu den Entscheidungen. Die Einleitung gibt den "Takt" vor: "Niemand konnte die nationale Umwälzung dieses Jahres mehr herbeisehnen als ich. […] Der nationale Umsturz von 1933 war etwas Gewaltiges und wird es in den Augen der Zukunft bleiben, durch die elementare, überpersönliche Wucht, mit der er sich vollzog, und durch die seelische Disziplin, mit der er vollzogen wurde."

Wenn ich mein Leben betrachte, ist es ein Gefühl das alles, alles beherrscht hat: Angst vor der Zukunft, Angst vor Verwandten, Angst vor Menschen, vor Schlaf, vor Behörden, v. Gewitter, v. Krieg, Angst, Angst. Ich habe nie den Mut gehabt, das andren zu zeigen. Sie hätten mich auch nicht verstanden. Ich glaube, daß niemand in einer so ungeheuren inneren Vereinsamung lebte […]. Und so begann ich zu lügen, weil ich mich fürchtete, weil ich mich nicht verraten wollte, denn ich wagte es nicht, über mein Inneres zu reden.

Ich habe das Handtuch geworfen. Jenes Dilemma, das abstrakt bleibt, solange man sich nicht mit der Wahl konfrontiert sieht, ob man einen Text übersetzen kann, der im Widerspruch zu den eigenen Meinungen steht, und man der Entscheidung aus dem Weg zu gehen hofft, da die Wahl zwischen dem Fressen und der Moral angesichts der prekären Lage des Übersetzers nun einmal keine leichte ist, jenes Dilemma also war an diesem Punkt keines mehr. Es bedurfte keines "heroischen Realismus" oder besonderer Scharfsinnigkeit, um zu der Einsicht zu gelangen, dass das Übersetzen eines solchen Textes nichts anderes wäre als eine Räuberleiter für die "petite bête qui monte, qui monte".1 Nichts lag mir ferner, als meinen Beitrag zum Revival eines Nationalisten zu leisten. Erst hatte ich meine Befürchtungen überwunden, um mich Spengler anzunähern. Nun zog ich es vor, mich von ihm zu distanzieren.

Aber so sehr man sich auch distanzieren mag, der Gegenstand der Furcht holt einen immer wieder ein. Im Falle von mir und Spengler geschah dies dank seiner nachgelassenen Aufzeichnungen eis heauton, "für ihn selbst". In den posthumen Fragmenten, die erstmals 2007 in Deutschland unter dem Titel Ich beneide jeden, der lebt veröffentlicht wurden – eine Art Anti-Ecce Homo ohne die geringste Spur von Ironie – offenbarte sich mir eine Jammergestalt, meilenweit entfernt vom "Tatmenschen", dem "Geschichtskenner" und dem "Raubtier", das er verkörpern wollte. Dieser von allen möglichen Ängsten zerfressene Denker (Angst, vor die Tür zu gehen, Leute zu treffen, im Umgang mit Frauen), der in Schönheit vergehen wollte, als römischer Soldat, auch dann noch auf seinem Posten ausharrend, wenn hinter ihm der Vulkan losgrollt, als Berater der großen Staatsmänner und der neuen Cäsaren, dieser "Denker" also suchte einen Ausgleich zu seinem inneren Elend, dessen Interpretation er über alles scheute und das er, weil er es nicht ändern konnte, unter einer dicken Schicht aus verfehltem Stolz und Tagträumereien von wiedergefundener Größe begraben hatte. Philosophie des inneren Elends. Wenn diese "Memoiren"– nie vollendet, wie so viele seiner Projekte – ihn mir auch nicht genießbar machten, so ließen sie ihn mir doch zumindest nicht mehr unmenschlich erscheinen, allzu unmenschlich, menschlich genug jedenfalls, um mit den eigenen Ängsten in Berührung zu treten. Das war schonmal kein schlechter Anfang.

Soy un perdedor
I’m a loser baby, so why don’t you kill me?

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Fußnoten
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© privat

Christophe Lucchese. In Italien geboren, im Herzen Deutscher, im Elsass lebend. Studierte Philosophie, übersetzte unter anderem die Schriften von Klaus Theweleit (Männerphantasien, Absolute(ly) Sigmund Freud, Das Lachen der Täter) und Georg Weerth (Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphansky). Hat sich außerdem an Albrecht Koschorke, Horst Bredekamp, Byung-Chul Han, Rosa Luxemburg, Vilém Flusser abgearbeitet. Wenn er nicht übersetzt, gräbt er zu Unrecht in Vergessenheit geratene literarische Schätze aus. Wiegt sich in der Illusion, eines Tages Zettel’s Traum von Arno Schmidt zu übersetzen.

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