TALKS Wer spricht wie für wen mit welchen Worten?
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Wer spricht wie für wen mit welchen Worten?

Nicht Unterschiede lähmen uns, sondern Schweigen.

Diese Worte Audre Lordes waren bei der Übersetzung von Sister Outsider von Beginn an ein Leitmotiv unseres Austauschs. Sie haben unsere Gespräche über Gemeinsamkeiten bestimmt – wie die Lust am Text und seinen Herausforderungen –, aber auch über unsere Unterschiede in Hinsicht auf die Vertrautheit mit der Autorin und die Wahrnehmung zeitlicher und kultureller Distanz. Hatten wir auch Berührungsängste? Ist die Neugier auf das Unbekannte und die Begegnung damit nicht immer auch von einem mal rational nicht zu fassenden, mal wohlbegründeten Befremden begleitet? Und wie entsteht Kreativität aus der Akzeptanz von Unterschieden nicht nur in textueller Hinsicht? Das haben wir uns im Rückblick auf unsere Teamarbeit gefragt – als zwei Frauen, die sich nicht nur in ihrer beruflichen Schwerpunktsetzung mit literarischen Texten, sondern auch in Alter, Erfahrungshorizont und Identität unterscheiden; als zwei heterosexuelle deutsche Frauen, die die philosophisch und politisch immer noch hochaktuellen Essays einer afroamerikanischen, lesbischen, feministischen Dichterin und Aktivistin übersetzen. Unsere Gedanken zu „Berührungsängsten“ während der Übersetzung von Sister Outsider sind Spiegelfragmente der Erkenntnis, gewonnen aus der Auseinandersetzung mit dem Werk einer Schwarzen Feministin.

 

Eva Bonné
Vergangenes Jahr wurde ich vom Hanser Verlag gefragt, ob ich Interesse hätte, im Rahmen einer Koproduktion Audre Lorde zu übersetzen. Mit Teamarbeit hatte ich kaum Erfahrung, aber ich fand den Vorschlag erst mal gut, Berührungsängste hatte ich keine. Dachte ich.

Die Ängste kamen erst später, als ich Sister Outsider las und mich, was sonst, direkt angesprochen fühlte. Ich bin eine der weißen Feministinnen von der Uni, von denen bei Audre Lorde so oft die Rede ist. Als es darum ging, mein Unbehagen zu überwinden und zu einer konstruktiven Haltung zu finden, hat der Austausch mit Marion sehr geholfen: über den Ausgangstext und die Schuldgefühle, die er bei einer weißen und vielleicht auch bei einer männlichen Leserschaft weckt, über eigene Übersetzungsfehler und über die Autorin selbst, die trotz aller Strenge, die sich im Schriftlichen offenbart, einen bemerkenswerten (und bemerkenswert trockenen, ich empfehle Dagmar Schultz‘ Film »Audre Lorde – the Berlin Years 1984 to 1992«) Sinn für Humor besaß.

Sister Outsider bezieht klar Position – Wir sind auf dem Weg, mit oder ohne weiße Frauen, zitiert Lorde Angela Wilson – und macht doch immer wieder Angebote. Mit ihren schmerzhaften Analysen schont Audre Lorde wirklich niemanden, nicht einmal sich selbst, aber sie behält stets ihre Vision eines Fortschritts im Blick, für den es eine geeinte Frauenbewegung ebenso braucht wie die Solidarität der Männer. Mit deinen Schuldgefühlen kann ich nichts anfangen ist eine ihrer Aussagen, die über den Vorwurf hinausgehen und sich in Handlung ummünzen lassen. Und dass Unterschiede durchaus etwas sind, was sich kreativ nutzbar machen lässt, zeigte sich uns besonders in der Endphase der Übersetzung, als in der Tat die Funken flogen, vor allem, wo es um Lordes kühne Metaphorik und um die formale Gestaltung des Textes ging. „Schwarz“ groß, „weiß“ kursiv? Gendersternchen rein oder raus? Wir waren uns nicht immer sofort einig, doch am Ende kam etwas heraus, das besser war als alles, was jede für sich allein geschafft hätte.

Die Berührungsängste zwischen den Übersetzerinnen waren übrigens schnell ausgeräumt. Zum einen stand, wie Marion schreibt, von Beginn an unser Auftrag im Mittelpunkt; wir beide wollten unbedingt dem Text gerecht werden und zur uns bestmöglichen Übersetzung gelangen. Und die im Laufe der Arbeit entdeckten Gemeinsamkeiten haben sicher nicht geschadet – wir sind Mütter von Töchtern, haben beide einen Hund, rauchen manchmal, obwohl wir es nicht sollten, und kommen aus Westfalen.

 

Marion Kraft
Unterschiede gilt es nicht bloß auszuhalten, erst durch sie entstehen die Gegensätze, zwischen denen unsere Kreativität dialektische Funken schlägt.

Überrascht hat mich meine vage Scheu vor Texten, die mir doch seit vielen Jahren so vertraut sind. Vielleicht, weil ich wusste, wie schwierig nicht nur der sprachliche, sondern vor allem der kulturelle Transfer sein kann – insbesondere, wenn der Text explizit einfordert, Sprache in Handeln für die Verwirklichung positiver Visionen von einer anderen Welt zu verwandeln. Hinzu kam die „Angst“ vor der ersten Begegnung mit Eva. Wir hatten uns zur Zusammenarbeit verpflichtet, ohne einander persönlich zu kennen. Und drittens war da die immer wiederkehrende Frage: Wird „mein“ Text – denn der übersetzte ist ein eigener – dem der Autorin und ihrer Stimme gerecht? Vielleicht wurden diese Berührungsängste auch deshalb so schnell überwunden, weil schon bei unserem ersten Gespräch die Autorin, ihr Werk und der aktuelle Einfluss ihrer poetisch-politischen Gedanken im Mittelpunkt stand. Es war die Initialzündung eines kreativen Funken.

Und natürlich habe ich Angst, denn die Verwandlung von Schweigen in Sprache und Handeln ist immer ein Akt der Selbstoffenbarung, und die scheint gefährlich.

Als Autorin und Literaturwissenschaftlerin, aber auch als Übersetzerin weiß ich: So lange du an dem Text feilst, an jeder Passage, an jedem Satz und oft an jedem Wort, ist er dein Privateigentum. Niemand sieht dir über die Schulter, niemand kommentiert oder kritisiert, und der Papierkorb, auch der virtuelle, ist geduldig. Mit der Veröffentlichung gehört „dein“ Text allen, die ihn lesen. Und die haben unterschiedliche Vorkenntnisse, Erwartungshaltungen, literarische Kriterien, politische Positionen und Erfahrungen. All dies offenbarst du den aufmerksamen Leser·innen auch in Bezug auf dich selbst. Kritik ist unvermeidlich. Doch wenn sie konstruktiv ist, birgt sie die Chance auf kreative Diskurse. Im konkreten Fall begannen diese schon, als der Text noch ausschließlich uns gehörte, ja, als der erste Satz noch nicht einmal geschrieben und ich entschlossen war, mich der Gefahr der Selbstoffenbarung zu stellen.

Für diejenigen von uns, die schreiben, ist es notwendig, nicht nur unsere Inhalte auf ihre Wahrhaftigkeit zu hinterfragen, sondern auch unsere Sprache.

Es gibt die Auffassung, dass Übersetzer·innen ganz individuell und mit jedem Text aufs Neue in die Gedanken- und Erfahrungswelt des/der Autor·in eintauchen und deren/dessen Sprache in die eigene verwandeln. Doch dabei treffen in der Regel zwei ganz verschiedene Welten aufeinander, zwei Sprachen, von denen sich eine die andere aneignen und sie gleichzeitig erhalten und verwandeln muss. Und was, wenn die eigene Sprache gar keine Begriffe für Inhalte des Originals und die Lebenssituation seiner Figuren hat? Was löst das „individuelle Sprachgefühl“ des/der Übersetzer·in, wenn es zu Ungenauigkeiten oder gar Fehlern führt, bei einem diversen Lesepublikum aus? Bei einem Text aus einem verwandten Kulturkreis mag dies dann ein rein linguistisches Problem sein. Doch wenn es um den Transfer unterschiedlicher Erfahrungswelten geht, kann es zum Anlass gesellschaftlicher und literarischer Diskurse werden, die weit über den konkret übersetzten Text hinausgehen. Geht es gar um Rassismuserfahrungen – und die sind der Ausgangspunkt von Sister Outsider –, führen solche Diskurse dann eher vom eigentlichen Gegenstand weg, anstatt Intention und Stimme des Originals gerecht zu werden. Und was bewirkt jedes falsch gewählte Wort bei den Leser·innen? Wie übersetze ich Begriffe, deren Konnotationen im Deutschen und im Englischen nicht kongruent sind? Lasse ich beleidigende Begriffe stehen, weil sie im Original durchaus ihre Bedeutung haben, z.B. in Dialogen, Zitaten oder in historischen Texten, oder gibt es Alternativen? Es existieren unzählige solcher Beispiele. Hatte ich auch deshalb bei der Übersetzung von Sister Outsider anfänglich „Berührungsängste“ mit dem Text? Sicher nicht in Hinsicht auf meine Vertrautheit mit der historischen Dimension und dem Gesamtwerk der Autorin. Wohl aber mit meiner eigenen Muttersprache, die für so vieles keine treffenden Worte hat, einer Sprache, in der es so schwer fällt, genderneutral zu formulieren und der oft die Begriffe für Sexualität außerhalb heterosexueller Normen fehlen. Diesen Aspekt der Sprachsensibilität gilt es immer wieder neu zu diskutieren und zu reflektieren.

Wenn wir es wagen, uns selbst zu sehen, können wir einander sehen.

Dieses Zitat aus Audre Lordes Essay „Auge in Auge: Schwarze Frauen, Hass und Wut“ ist eine Aufforderung an Schwarze Frauen, sich selbst und einander wertzuschätzen und in dieser Akzeptanz des Ichs die tief eingebrannten Erfahrungen eines Jahrhunderte alten Rassismus zu überwinden und kreativ zu nutzen. Was bedeutet das im deutschen Kontext, einerseits für Leser·innen in den Schwarzen Communitys, andererseits für die weiße Mehrheitsgesellschaft? Beruhte meine anfänglich Berührungsangst – nicht mit diesem Text, sondern mit seiner Übertragung – auf einer Scheu vor der Kritik von Menschen, die diese Erfahrungen teilen, oder vor dem white gaze? Oder vor der Herausforderung, auch in der Übertragung die wundervoll poetische Sprache zu erhalten, mit der die Autorin persönlich und politisch, emotional und rational mit den Ursachen der Distanziertheit und der Selbstverleugnung Schwarzer Frauen umgeht? Der Text selbst, seine Aufforderung, Schweigen in Sprache und Handeln zu verwandeln, hat mich letztlich diese Ängste überwinden lassen.  

Meine Wut ist eine Antwort auf rassistische Einstellungen und die daraus resultierenden Taten und Vermessenheiten.

In unserer Zusammenarbeit – und auch in der mit dem Verlag – gab es keinen Anlass zu Wut. Wohl aber zu vielen fruchtbringenden Diskussionen über die Macht der Sprache und ihren sensiblen Gebrauch. Anlass zur Wut im Sinne Audre Lordes hatte ich jedoch während des wochenlangen medialen Hypes um eine Debatte, die uns nach getaner Arbeit mit der unsinnigen Leitfrage Wer darf wen übersetzen? überrollte. Ich hatte nicht zum ersten Mal übersetzt; allein, im Team, auch mit weißen Frauen – was ich nie für erwähnenswert erachtete –, auch Lyrikbände von Audre Lorde und Texte von weißen Autor·innen. Durch die Debatte sah ich mich plötzlich auf meine „Hautfarbe“ reduziert. Die Anfragen häuften sich, meine Meinung war gefragt – nicht als Expertin und Übersetzerin einer Ikone des Schwarzen Feminismus, nicht als Literaturwissenschaftlerin und Autorin, sondern als Schwarze Frau. Ich sollte mich zu einem anderen Team äußern, das bezeichnet wurde als die „renommierte Übersetzerin, […] die schwarze […] und die Türkisch-Deutsche“; ich sollte Streitgespräche führen über Kunstfreiheit und „Identitätspolitik“. Für mich gibt es keine wertfreie Kunst, denn „Freiheit ist immer die Freiheit der Anderen“ (Rosa Luxemburg) und Identitätspolitik die Politik gesellschaftlich dominanter Gruppen (Gayatri Spivak). Um die beanspruchte Deutungshoheit und die nie hinterfragten Privilegien jener Gruppe geht es in dieser Debatte, nicht darum, ob man tot sein muss, um Shakespeare zu übersetzen, oder Schwarz, um James Baldwin oder Audre Lorde zu übertragen. In dieser generalisierenden Art und mit einer solch polemischen Diktion wird diese Frage in den Schwarzen Communitys gar nicht gestellt. Wohl aber stellt sich die Frage des unreflektierten Sprachgebrauchs in einigen – leider auch aktuellen – Übersetzungen.

Ja, es macht mich wütend, wenn aus race oder color „Hautfarbe“ wird;  wenn other – als Bezeichnung für nicht der weißen, binären, heterosexuellen Norm entsprechende Identitäten – mit „etc.“ übersetzt wird, mixed-race mit „Mischling“ – einem Begriff, den ich nur für Hunde verwende – und colored oder People of Color mit „farbig“ oder „Farbige“, oder wenn es keine Anmerkungen zur englischen und deutschen Verwendung des N-Worts in historischen Texten gibt. Solche Fehler sind vermeidbar, wäre da nicht die weit verbreitete „Berührungsangst“ der Verlage gegenüber nicht zum Mainstream gehörenden Expert·innen.

Für den Moment, da ich dies schreibe, liegt frisch aus der Presse das Buch vor mir: Audre Lorde: Sister Outsider. Essays. Aus dem Englischen von Eva Bonné und Marion Kraft – Mit Nachworten von Marion Kraft und Nikita Dhawan. Eine Fundgrube für alle, die lyrische Sprache und Politik nicht zwanghaft trennen und die keine Berührungsängste mit den Ursachen ihrer Privilegien haben; eine Stimme des Schwarzen Feminismus, über deren letzten Gedichtband Adrienne Rich schrieb: „Listen to this rich and raging voice. This voice of oceans, of city concrete, of honey, of fracture“; eine Stimme, zu deren erstem Essayband der Guardian dreißig Jahre später feststellt: „Die Wahrheit ihres Schreibens ist heute notwendiger denn je.“


Die Veröffentlichung dieses Essays ist Teil der Veranstaltung:
»Sister Outsider« – Audre Lorde
Buchpremiere, Screening, Gespräch, Szenische Lesungen, TOLEDO TALKS

22.04.21 ab 18h, im Stream des Literarischen Colloquium Berlin

Zur Veranstaltung auf der LCB-Website

 

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Eva Bonné © privat

Marion Kraft © privat

Eva Bonné (*1970) hat amerikanische und portugiesische Literaturwissenschaften in Hamburg, Lissabon und Berkeley studiert und übersetzt Literatur aus dem Englischen, u.a. von Rachel Cusk, Anne Enright und Claire-Louise Bennett. Sie ist Mitglied im Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. und lebt in Berlin.

Marion Kraft ist Germanistin und Amerikanistin, promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Herausgeberin. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeiten liegt auf Schwarzer feministischer Theorie und Literatur. Als Übersetzerin übertrug sie u.a. die Gedichtsammlung Die Quelle unserer Macht von Audre Lorde ins Deutsche und gemeinsam mit Eva Bonné den Essayband Sister Outsider. Sie lebt in Berlin.

 

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