TALKS Berührungsängste Von Angst und Mut beim Übersetzen
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Von Angst und Mut beim Übersetzen

Mir kam nicht einmal der flüchtige Gedanke,
dass ich eine Wahl hätte [...]. Der Zauber,
der mich befallen hatte, würde mich führen,
wohin er wollte.

William Finnegan, Barbarentage


Es lässt sich nicht verhehlen: Von der Tendenz her bin ich ein ängstlicher Mensch. Zögernd, bedächtig, vorsichtig, leicht zu verunsichern. Jederzeit bereit, alles in Frage zu stellen, mir lieber einen Gedanken zu viel zu machen als einen zu wenig. So kenne ich mich, immer schon. Seit ich aber Übersetzerin bin, lebt da noch ein anderes Wesen in mir, das sich ganz gegenteilig verhält. Mein Übersetzerinnen-Ich ist zupackend und wagemutig, es stellt sich jedem neuen Text mit viel Respekt und Hochachtung, aber auch mit einer großen Angstfreiheit und einer oft fast traumwandlerischen Sicherheit, die mir im Alltagsleben gänzlich abgeht. Natürlich hadert es auch oft genug und hält sich keineswegs für unfehlbar – aber es geht doch Risiken ein, es traut sich was. Es ist klar und überlegt, reflektiert sein Tun und kann all seine Entscheidungen erklären, aber es hat auch einen schier untrüglichen Instinkt bei der Textauswahl, etwas wie ein Urvertrauen in sich und in den Text. Dieser Sicherheit, diesem Urvertrauen, das mich selbst immer wieder staunen macht, diesem Mangel an Berührungs- oder überhaupt an Angst beim Übersetzen möchte ich ein wenig genauer auf den Grund gehen. Wo kommt er her, dieser Berührungs-Mut? Was treibt ihn an?

Übersetzen, will mir scheinen, ist im Grunde reine Berührung. Um einen Text in meiner Sprache, mit den Mitteln meiner Sprache neu zu schreiben, ihn, wie Frank Heibert es sagt, zum „Leuchten“ zu bringen1, muss ich mich von ihm berühren lassen, von allem, was er ist und was in ihm ist: Ton, Stil, Stilmittel, Bildwelt, Story, Figuren, Stimmen. Das ist für das Gelingen meiner Arbeit unerlässlich. Ich muss mit dem Text in ein quasi-libidinöses Verhältnis treten, ich muss mich ihm hingeben können und wollen, muss mich ihm öffnen, mich von ihm durchdringen und erfüllen lassen, um ihm schließlich seine neue Sprach-Gestalt zu geben. Es wäre denkbar, dass die Angstfreiheit, das Urvertrauen, der Mut, mit dem mein Übersetzerinnen-Ich zu Werke geht, gewissermaßen daraus entsteht, denn mit Angst ist eine solche Hingabe nicht möglich. Oder ist es umgekehrt? Erspürt mein übersetzerischer Instinkt genau die Texte, denen er sich so tief anvertrauen kann, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, und schöpft daraus seine Sicherheit? Denn löst ein Text doch einmal Angst davor in mir aus, mich derart intensiv auf ihn einzulassen, ist das für mich ein Zeichen, besser die Finger von ihm zu lassen, ihn nicht zu übersetzen. Wie sollte ich einem Text auf Deutsch auch einen überzeugenden Ton, eine überzeugende Stimme geben, wenn ich mich vor ihm fürchte, ihm nicht vertraue, mir selbst in ihm nicht vertraue? Es gibt recht viele solcher Texte, und mein Übersetzerinnen-Ich erkennt sie ebenso instinktiv und zuverlässig, wie es die längst nicht so zahlreichen Texte erkennt, denen es sich ganz überlassen kann.

Aber auf welcher Grundlage kommt es zu diesem Erkennen, was für Kriterien legt es dabei an? Das ist nicht ganz leicht zu ermitteln, denn der übersetzerische Instinkt scheut ein wenig die Reflexion und wirft sofort metaphorische Nebelkerzen: Ein Text muss etwas in mir auslösen, ein Funke muss überspringen, ein Feuer entfacht werden. Er muss mich stilistisch, formal, literarisch faszinieren und fesseln. Geschenkt. Betrachte ich die Bücher, bei denen das in der Vergangenheit geschehen ist, und die, bei denen es aktuell geschieht, dann aber etwas eingehender, sind es häufig solche, bei denen ich, so sagt es mir mein vorsichtig-ängstliches Alltags-Ich, eigentlich Berührungsängste haben müsste, weil sie mir in vieler Hinsicht fern liegen, fremd sind. Was hat mich als Frau von damals Mitte vierzig, die noch nie in ihrem Leben auf einem Surfbrett stand und ihre großen Reisen an einer Hand abzählen kann, dazu gebracht, die Autobiographie eines über sechzigjährigen, leidenschaftlich surfenden und weitgereisten amerikanischen Journalisten zu übersetzen?2 Was qualifiziert mich als weiße Übersetzerin für das Werk einer britischen Schwarzen Aktivistin (und einer der brillantesten Autorinnen, die ich jemals lesen durfte)?3 Beide Bücher könnten unterschiedlicher nicht sein, beide unterscheiden sich auf ihre je sehr spezifische Weise im Innersten von mir als Person, und doch war sich mein übersetzerischer Instinkt bei beiden Texten ganz und gar sicher, er zeigte sich angstfrei und hingabebereit, der nötige Berührungs-Mut, sich auf diese Herausforderungen einzulassen, war sofort da.

Und es geht, wie gesagt, nicht ohne diesen Mut, gerade bei Texten, die mir selbst nicht nahe liegen, denn sie führen ja zu einer Erweiterung nicht nur des Übersetzerinnen-, sondern auch des oft so viel verzagteren Alltags-Ichs: Wenn ich mich beim und im Übersetzen von Texten berühren lasse, verändern sie mich. Ich trage sie dann in mir, diese Texte, ihre Form, ihren Stil, ihren Ton, aber auch und vor allem die Figuren, die in ihnen auftreten und agieren, mitsamt ihren Stimmen in aller Vielfalt, ihren Schicksalen und Erfahrungen, die ich vielleicht selbst nie gemacht habe, von denen ich durch die intensive Arbeit an und mit dem Text nun aber eine Ahnung bekomme, die ihre Spuren, ihren bleibenden Abdruck in mir hinterlassen. Mein Bewusstsein von der Welt jenseits meiner eigenen wird auf diese Weise weit über seine Grenzen hinaus gedehnt, und das ist eine bereichernde und beglückende, aber durchaus auch zweischneidige Erfahrung, denn natürlich trage ich, je nach Text, hinterher auch Stimmen in mir, auf die ich lieber verzichtet hätte, Stimmen, die Dinge äußern und mich übersetzen lassen, die ich in meinem nicht-übersetzerischen Leben niemals sagen, nicht einmal denken würde.

Auch die Frage nach dem „Wer spricht?“ erfordert also Mut bei ihrer Beantwortung – in diesem Fall einen Mut, der oft noch über die eigentliche Textarbeit hinausreichen muss, denn die Entscheidungen, die ich beim Übersetzen treffe (und Übersetzen heißt immer auch: sich entscheiden), sind – wie sollten sie auch? – nicht immer die Entscheidungen, die andere im selben Fall getroffen hätten. Das müssen dann beide aushalten, mein Übersetzerinnen- und mein Alltags-Ich, sie müssen darauf gefasst sein, sich zu erklären, zu debattieren, unberechtigte Kritik zu entkräften und berechtigte anzunehmen, anzuerkennen und in der weiteren Arbeit umzusetzen, ohne darüber den Berührungs-Mut zu verlieren. Das ist ein oft mühsamer, aber wichtiger und letztlich auch höchst fruchtbarer Prozess. Vielleicht schlägt der Instinkt auch gerade deshalb immer wieder bei genau den Texten an, die mir in ihrer Fremdheit eine solche Ich-Erweiterung auf allen Ebenen versprechen – er reagiert wohl auf das, was Olga Radetzkaja den „Eros des Unidentischen“ nennt, die „Verwandlungskraft“ der übersetzenden Zunft, die es allen von uns ermöglicht, auch wirklich alle zu sein.4

Manchmal ist da aber auch noch etwas Weiteres: ein Moment des Wiedererkennens im Anders-Sein. Eine Stimme hinter der Stimmenvielfalt, ein Grundton, eine Nuance, in der das Übersetzerinnen-Ich sich selbst zu erkennen glaubt. So war es bei der Autorin, von der ich in den letzten zehn Jahren die meisten Bücher übersetzt habe: Zadie Smith. Bis heute kann ich mich nur darüber wundern, dass ich, damals zwar schon mit einiger Übersetzungserfahrung, aber in ganz anderen Genres, bei dieser Autorin im Grunde keine Berührungsängste hatte. Lampenfieber, das ja, gehörigen Respekt vor der Herausforderung und auch die Sorge, Fehler zu machen (die ich dann natürlich auch prompt gemacht habe, das bleibt niemals aus), dem bewunderten Text, der bewunderten Autorin nicht zu genügen – aber doch auch wieder dieses Gefühl von Trittsicherheit, die Wahrnehmung: Dich, Stimme, Ton, Text, Dich kenne ich, Du bist mir nah in Deiner Fremdheit, bist schon ein Teil meines Übersetzerinnen-Ichs, meines inneren Lexikons, ich muss Dich nur noch aktivieren. (Und in diesem unscheinbaren „nur“ liegt letztlich die ganze Arbeit, die ganze Welt des Literaturübersetzens.) Dass sich später, im Arbeiten und Weiter-Lesen und auch in der persönlichen Begegnung mit der Autorin, bei aller grundsätzlichen Verschiedenheit noch einige entscheidende lebensweltliche und biographische Ähnlichkeiten zeigten, ergänzte diese Wahrnehmung und verlieh ihr noch mehr Halt und Gewicht, gab aber letztlich nie den Ausschlag. Den gab das Gefühl eines tiefgreifenden Erkennens und Verstehens, das einzig auf der Ebene der Texte lag und sich bis heute immer wieder zeigt, in jedem neuen Text von ihr.

Und vielleicht ist es ja auch das, was all die unterschiedlichen Bücher gemeinsam haben, auf die mein übersetzerischer Instinkt reagiert, bei denen er genügend Sicherheit verspürt, um den erforderlichen Berührungs-Mut aufzubringen und sich mit Haut und Haaren auf sie einzulassen. Vom Quasi-Libidinösen ins Quasi-Mystische: Dass Texte ihre Übersetzung bereits in sich tragen, dass ich sie als Übersetzerin nur heben, bergen muss – wieder so ein unscheinbares „nur“, das Welten enthält. Eine Wahrnehmung fast schon im Sinne Walter Benjamins: „Denn in irgendeinem Grade enthalten alle großen Schriften [...] zwischen den Zeilen ihre virtuelle Übersetzung.“5 Gehört man zu denen, die diese „virtuelle Übersetzung“ (wie eigentümlich, nebenbei, dieses Wort in den heutigen digitalen Zeiten in einem Text von 1923 zu lesen!) bergen können, dann sagt einem das der jeweils ganz persönliche übersetzerische Instinkt, von dem ich fest glaube, dass er bei allen, die hauptberuflich und leidenschaftlich Literatur übersetzen, vorhanden ist. Er verleiht uns die Sicherheit, den Mut, unsere Arbeit tatsächlich zu tun, der erwählten Aufgabe nachzukommen. Uns von unseren Übersetzungsprojekten berühren zu lassen.

Debatten wie die aktuelle, die um die Frage kreisen, ob wirklich alle berechtigt sind, alle anderen zu übersetzen, bringen die Trittsicherheit, das Grundvertrauen, naturgemäß ins Wanken. Der Instinkt allein ist nicht mehr das primäre Auswahlkriterium bei der Entscheidung für einen Text oder, nach vollendeter Arbeit, für eine bestimmte Wortwahl, die man beim Übersetzen getroffen hat. Es gilt, das eigene Tun noch mehr als sonst zu reflektieren, sich noch mehr zu sensibilisieren. Den Berührungs-Mut aktiv um einige sehr berechtigte Berührungsängste zu erweitern.

Aber verloren gehen darf er niemals, dieser Mut. Er ist, scheint mir, das wesentliche Element, das eine Übersetzung zu einer wirklich gelungenen machen kann, das die Figuren, die Stimmen eines Romans mit Leben füllt, den Text, wie eingangs angemerkt, auch in der deutschen Fassung zum Leuchten bringt. Wenn mir mitunter eine Übersetzung begegnet, die gewissermaßen auf dem Papier verharrt, zu wenig Leben ausstrahlt, überhaupt zu wenig strahlt, dann denke ich mir: Da hat wohl der Mut zur Hingabe an den Text gefehlt. Vielleicht lässt sich das sogar vom Kleinen, der einzelnen Übersetzung, aufs Große, die ganze Sprache, übertragen: Denn ohne Mut, ohne Entdeckerfreude, ohne die Lust am Erforschen und Austesten neuer Wege, auch auf die Gefahr hin, dass sie erst einmal in die Irre führen und man auf Hindernisse und Widerstand stößt, wird sich auch eine Sprache nicht dauerhaft und nachhaltig verändern, werden vorhandene Missstände sich kaum je wirklich beseitigen lassen. Bei aller Berechtigung und durchaus auch Produktivität von Berührungsängsten möchte ich, ängstlich veranlagt, wie ich bin, also dafür plädieren: Erhalten wir uns unseren Berührungs-Mut! Er ist und bleibt unverzichtbar für unsere Arbeit. Denn Übersetzen ist reine Berührung.

 

Fußnoten
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© Anja Kapunkt

Tanja Handels lebt und arbeitet in München, wo sie vor allem zeitgenössische Literatur aus Großbritannien, den USA und anderen englischsprachigen Kulturen übersetzt, beispielsweise Werke von Zadie Smith, Bernardine Evaristo, Kopano Matlwa, William Finnegan, Charlotte McConaghy und Nicole Flattery. Außerdem unterrichtet sie angehende Literaturübersetzer·innen an verschiedenen Universitäten und ist Vorsitzende des Münchner Übersetzer-Forums. 2019 wurde sie mit dem Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

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