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Die Angst treibt mich an

Ich lebe nicht wie andere Kanadier·innen mit zwei Sprachen, sondern mit vier. Ich spreche und schreibe Französisch, Englisch, Deutsch und Spanisch. Natürlich sind nicht alle vier Sprachen gleich. Meine Muttersprache Französisch kommt zuerst, dicht gefolgt von Englisch, ihrer Schwester von einer anderen Mutter sozusagen. Deutsch und Spanisch sind später in mein Leben gekommen: Ich betrachte sie als adoptierte, heterozygote Zwillinge. Oft springe ich zwischen den Sprachen hin und her oder vermische sie. Meine Sprachen in der Balance zu halten, bedeutet eine ständige Anstrengung für mich.

Ich wurde in Eastern Townships geboren, einer Region im Südosten von Quebec, die von Loyalisten gegründet wurde und die nördlich von Vermont liegt. Ich habe einen französischen Vornamen und einen englischen Familiennamen, zuhause aber haben wir Französisch gesprochen. Meine englischen Wurzeln gehen vermutlich auf meinen Urururgroßvater zurück. Der Vater meines Vaters, James, erzählte uns immer von unserem Vorfahr William Stratford, einem Engländer, der bei der Spanischen Marine anheuerte, per Segelschiff in die Staaten gelangte, desertierte, nach Kanada floh, und eine Frau aus Quebec heiratete, so dass die Sprache unserer Familie von da an Französisch war. Es klang wie ausgedacht, aber Großvater hatte die Schule nicht lange genug besucht, um sich so detailliert mit Europa oder Spanien auszukennen, und deshalb glaubten wir ihm.

Ich lernte früh Englisch, da meine Eltern irgendwann entschieden, dass wir St. Patricks, eine irisch-katholische Kirche in Sherbrooke, besuchen würden. Ich muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als ich die Sonntagsschule kennenlernte, eine Einrichtung, die in frankophonen Kirchen nicht existierte. Für mich war das eine Offenbarung, eine, die nichts mit Religion oder Katechismus zu tun hatte, sondern mit Kultur, Kommunikation und Sprache. Die Fünfjährige, die mit dieser aufkeimenden Form einer angelernten Zweisprachigkeit kämpfte, erkannte damals, dass unterschiedliche Sprachen Gedanken auf unterschiedliche Weise ausdrückten und dass diese nicht immer deckungsgleich sind, zumindest nicht vollkommen. Ich hatte gerade gelernt, meine Gedanken und Bedürfnisse zu äußern, hatte gelernt zu verstehen und verstanden zu werden und begegnete nun diesen Menschen, die anders sprachen, und ich entdeckte Wörter, die unbekannt und geheimnisvoll klangen. Ich war erneut mit dem ebenso leidvollen wie wesentlichen Verlangen konfrontiert, kommunizieren zu wollen … und zwar um jeden Preis. Ich war eingeschüchtert, aber auch freudig erregt: In meinem Kopf war Sprache etwas Heiliges und somit Furchteinflößendes … und etwas heiß Begehrtes.

Damals war ich weit davon entfernt zu ahnen, dass ich eines Tages die Texte anderer sowohl auf Englisch als auch auf Französisch nachbilden würde. Ich wusste auch noch nicht, dass ich genau die selben Qualen mit 16 noch einmal durchleben würde, das selbe Verlangen zu verstehen und verstanden zu werden, nämlich in meiner ersten Deutschstunde. Die ganze Highschool über war ich eine Einser-Schülerin gewesen und trotzdem geriet ich in Panik. Die Lehrerin wiederholte ständig Sätze wie “Wie heißen Sie?” und “Wie alt sind Sie?”, Aneinanderreihungen von seltsamen Silben, die klangen wie Fragen, aber woher hätte ich das damals wissen sollen? Zum ersten Mal seit Jahren entschlüsselte ich nichts – tatsächlich gar nichts. Ich war völlig verloren. Als ich an diesem Abend nach Hause kam, brach ich in Tränen aus und war fest davon überzeugt, dass ich niemals in der Lage sein würde, Deutsch zu sprechen. Doch ich nahm den Kampf mit der Angst vor dem Unbekannten auf, genauso wie ich es als Kind getan hatte.

Die Angst trieb mich damals an und ebenso ein paar Jahre später, als ich – versehentlich – in einem Kurs zur Einführung in die Spanische Literatur landete. Ich hatte mich eigentlich für einen Kurs zur Einführung in die Spanische Kultur (der natürlich auf Englisch unterrichtet wurde) einschreiben wollen. Im Jahr zuvor hatte mir meine Spanischlehrerin, beeindruckt von meinen Lernfortschritten, einen Roman von Isabel Allende gegeben. Mühsam arbeitete ich mich durch ein paar Seiten und gab dann auf – ich war mir sicher, dass ich es niemals bis zum Ende des ersten Kapitels schaffen würde. In der ersten Seminarstunde war ich so nervös, dass ich Orangensaft über die Notizen meiner Professorin verschüttete. Trotz meiner Angst vor der spanischen Literatur – und davor, dass meine Professorin mich umbringen würde – überlebte ich das gesamte Semester und war dann in den Winterferien fähig, den gesamten Allende-Roman bis zum Ende zu lesen.

Meine linguistische Reise ist von Angst geprägt, und das gilt im gleichen Maße für meine Erfahrungen als literarische Übersetzerin. Ich übersetze Menschen, die nicht ich sind und Texte, die nicht meine sind. Mein Leben unterscheidet sich naturgemäß von dem meiner Autor·innen. Darum wähle ich sehr sorgfältig aus, wen ich übersetze. Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion oder Hautfarbe spielen keine Rolle bei meiner Entscheidung. Ich muss eine Nähe spüren, ein Hingezogensein, etwas, woran ich mich festhalten kann. Manchmal habe ich das Bedürfnis, meine Autor·innen zu kontaktieren oder sie persönlich zu treffen. Manchmal ist das nicht möglich, weil sie lieber nicht involviert werden möchten oder auch weil sie nicht länger unter uns sind und nicht mehr helfen können. Immer wenn ich einen neuen Vertrag unterschreibe, weiß ich, auf welches Wagnis ich mich einlasse. Da ist immer Angst, aber auch Entschlossenheit, genau wie als Kind, als Teenager, als junge Erwachsene bin ich immer noch unsicher, immer noch dabei zu lernen. Angst hilft mir den Fokus zu wahren. Entschlossenheit hält mich am Ball. Das Übersetzen ist etwas Beängstigendes. Und soll es auch sein. Es ist eine Verantwortung. Es ist eine Berufung. Es ist ein nobles Handwerk.

Copyright des Covers: David Drummond

 

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© privat

Madeleine Stratford ist eine kanadische Dichterin, literarische Übersetzerin und Professorin an der Université du Québec en Outaouais. Ihre Übersetzungen ins Französische und ins Englische sind sowohl in Buchform als in literarischen Zeitschriften und Anthologien in Kanada, den USA und Europa erschienen. Zwei ihrer letzten Übersetzungen waren in der engeren Wahl der literarischen Preise des Generalgouverneurs Kanadas (Elle nage von Marianne Apostolides, La Peuplade, 2016 und Pilleurs de rêves von Cherie Dimaline, Boréal, 2019). Me tall, you small, ihre englische Übertragung des deutschen Bilderbuchs Ich groβ, du klein von Lilli L’Arronge (OwlKids Books, 2017) war in der finalen Auswahl für den Kirkus Prize in der Kategorie „Jugendliteratur“.

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