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Sich von außen betrachten und von innen sehen

Über Kannibalen, ehemalige Arbeiter, Übersetzer·innen und Milizen

1822: Vor zweihundert Jahren erlangte Brasilien nach 322 Jahren kolonialer Herrschaft die Unabhängigkeit von Portugal. 1922: Vor hundert Jahren fand in São Paulo die Semana de Arte Moderna – die „Woche der modernen Kunst“ – statt, Ausgangspunkt des brasilianischen Modernismus. 2022: In Brasilien sind die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Gang: Ein Ex-Fabrikarbeiter von Volkswagen, der in zwei Amtsperioden als Präsident dreißig Millionen Menschen vom Hunger befreit hat, tritt gegen einen Ex-Militär an, der als aktueller Präsident das Vorgehen der Milizen deckt, Donald Trump imitiert und ein apologetisches Verhältnis zur Folter pflegt, die zur Zeit der Militärdiktatur (1964-1984) praktiziert wurde. Beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag liegen gegen ihn sechs Anklagen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, darunter – und an erster Stelle – der Aufruf zum Genozid1 veröffentlichen (1928). Darin postulierte er scharfsichtig und ironisch die Souveränität der Künstler·innen der brasilianischen Moderne, die in ihrer Praxis die europäische Kunst verschlingen und in etwas anderes verwandeln, so wie die Tupinambá – jene indigene Ethnie, über deren kannibalistische Praktiken im Europa des 16. Jahrhunderts Berichte zirkulierten – die Tapfersten unter ihren besiegten Feind·innen rituell verschlangen, um sich deren Kraft einzuverleiben.

Die kulturelle Souveränität einer durchmischten  Gesellschaft, die stolz auf ihre Improvisationskunst und ihre Fähigkeit ist, alles mit allem zu verquicken und zu kombinieren, hat sich auf der politischen Ebene nie erfüllt. Der ehemalige Arbeiter, der schon 2018 wieder Präsident der Republik geworden wäre, wurde damals von einem korrupten Richter mit direkten Verbindungen zur CIA aus dem Rennen genommen; an die Regierung kam stattdessen ein Rechtsextremist, der Amazonien als Trainingscamp für die US-Army verfügbar machte und den Import von Waffen aus den Vereinigten Staaten durch Privatpersonen legalisierte, um den Milizen die Ausrüstung zu erleichtern. Damit wir noch vor Ende dieses Textes zur Literaturübersetzung kommen können, übergehen wir an dieser Stelle die kannibaleske Gefräßigkeit innen- und außenpolitischer Kräfte und des von ihnen beförderten neokolonialistischen Neoliberalismus, verantwortlich für den Raubbau an öffentlichen Gütern und am brasilianischen Sozialstaat, seit der parlamentarische Putsch von 2016 den Mitte-Links-Regierungen im Land ein Ende bereitete. Dies ist nur das aktuelle Porträt der fehlenden politischen Souveränität Brasiliens, diese wiederum Motor jener Bewegungen, die für kulturelle Souveränität eintreten, wie es die beiden Avantgarden des 20. Jahrhunderts taten.

Im Laufe des Jahres 2022 ist das hundertjährige Jubiläum der Woche der modernen Kunst ausgiebig gefeiert worden, insbesondere in São Paulo, einer Stadt mit rasantem Wirtschaftswachstum, die seit dem späten 19. Jahrhundert Einwanderer·innen aus der ganzen Welt aufgenommen hat, großteils Europäer·innen auf der Flucht vor Hungersnöten und zwei Weltkriegen. Nicht zufällig war diese multikulturelle Stadt die Bühne zweier literarischer Avantgarden, die in den 1920er und 1950er Jahren zwei der bedeutendsten Beiträge Brasiliens zur Reflexion über Interkulturalität und Literaturübersetzung verantworteten: den von Oswald de Andrade formulierten Anthropophagismus sowie die Transkreation (oder Kunst-Übersetzung), eine innovative Neuausrichtung der Lyrikübersetzung, die den ästhetischen Qualitäten der Literatur gerecht wird. Erdacht wurde letztere von der Noigandres-Gruppe, die die Dichter-Übersetzer Augusto de Campos, Décio Pignatari und Haroldo de Campos 1952 gründeten, Miterfinder der Konkreten Poesie und Verfechter einer „Exportliteratur“. Die Protagonisten dieser beiden brasilianischen Avantgarden – Intellektuelle, die in vielfältigem Bezug zur weißen europäischen Tradition standen und sich als Abkömmlinge der Kolonisatoren mit einer durchmischten Gesellschaft identifizierten, in der die über Jahrhunderte versklavten und an den Rand gedrängten indigenen und afrikanischen Kulturen tiefe Spuren hinterlassen hatten – wurden von ihrem Wagemut dazu geführt, eine dezentrale Position der Nicht-Zugehörigkeit in einen Ort zu verwandeln, der ein Nachdenken über Herrschaft und kulturelle Einverleibung förderte, über Mischung und Heterogeneität, Ursprung und Auslöschen des Ursprungs.

Wenn die brasilianischen Künstler·innen und Intellektuellen der 1920er Jahre nach einem souveränen Verhältnis zur europäischen Tradition suchten und dem indigenen kulturellen Universum lediglich Metaphern und ein gewisses Lokalkolorit für ihre Werke abgewannen, so gehen wir in den 2020er Jahren dazu über, unseren fremden Blick auf die ursprünglichen Völker der beiden Amerikas zu hinterfragen, von denen in Brasilien 305 Ethnien überlebt haben. Erst seit kurzer Zeit findet die Vorstellung größere Verbreitung, dass Amerika oder Brasilien nicht „entdeckt“ wurden, sondern Abya Yala (die Lebendige Erde auf Kuna2) und Pindorama (das Land der Palmen auf Tupi-Guarani) vielmehr von den Europäern besetzt wurden. Diese Bewusstmachung des Offensichtlichen wurde verschärft durch die Auflehnung, mit der ein großer Teil der brasilianischen Bevölkerung auf die Komplizenschaft der aktuellen Regierung reagiert hat, auf deren Haltung zur Brandstiftung in den Wäldern Brasiliens, zum verbrecherischen Eindringen in die indigenen Territorien oder zu aktiven Maßnahmen zur Liquidierung originärer und randständiger Bevölkerungsgruppen. Wahrscheinlich wird dieser Paradigmenwechsel, der auch die Einverleibung eines ethnographischen Blicks in die Übersetzungswissenschaft einschließt, noch erhebliche Wirkung unter denjenigen entfalten, die auf reflektierte Weise Literatur übersetzen.

Die 100-Jahr-Feier der Woche der modernen Kunst in Brasilien hat sich über die Landesgrenzen hinweg ausgedehnt. In Zusammenarbeit mit dem TOLEDO-Programm des Deutschen Übersetzerfonds hat das Literarische Colloquium Berlin die Anthropophagie nach Oswald de Andrade zum Leitprinzip für sein erstes virtuelles Aufenthaltsprogramm  gemacht, das unter dem Titel VOOO – Villa of one’s own von Juni 2022 bis Mai 2023 stattfindet. Kuratiert von Aurélie Maurin, Philipp Albers und mir, riskiert das Projekt unter Mitwirkung eingeladener Schriftsteller·innen und/oder Übersetzer·innen und/oder Wissenschaftler·innen (Daniela Dröscher, Maximilian Gilleßen, Mehdi Moradpour, Lena Müller, Oliver Precht und Senthuran Varatharajah), Autor·innen deutscher Sprache das anthropophagische Dilemma der brasilianischen Moderne zurückzugeben: wie das Andere verschlingen und sich seine Kraft einverleiben, im Bewusstsein seiner Differenz. Das Projekt befragt und hinterfragt, bis zu welchem Punkt die Kulturtechnik der Anthropophagie, wenn sie vom Kolonisierten auf die Kolonisator·innen zurückgeworfen wird, der Umkehrung der Pole und der Verschiebung in Zeit und Raum widersteht. Wie manifestieren sich kulturelle Unterschiede und potentielle Unübersetzbarkeiten in den digital verbundenen Gesellschaften von heute, in einer Welt wesentlich schnellerer und konstanterer migratorischer Verschiebungen? Wie ereignet sich das ästhetische Verschlingen, das die Tradition in Bewegung setzt, die Aneignung eines Kunstgegenstands durch einen anderen Kunstgegenstand, und was sind die möglichen Beziehungen zwischen dem Original und seiner Übersetzung? Eine für 2023 vorgesehene virtuelle Ausstellung wird mögliche (und vielleicht unmögliche) Antworten auf diese und andere damit verknüpfte Fragen skizzieren.

Während dieser Text fertiggestellt wurde, am 2. Oktober 2022, fand der erste Wahlgang der brasilianischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt: Lula, der ehemalige Arbeiter, errang einen kleinen Vorsprung vor dem Kandidaten, der gegenwärtig den Posten des Präsidenten besetzt. Im zweiten Wahlgang Ende Oktober wird sich Brasilien – kritisch oder affirmativ – zu seinem kolonialen Erbe und zu der Frage positionieren, ob das Land dazu bereit ist, weiterhin den Platz der Kolonisierten einzunehmen, oder nicht. Wie es auch ausgehen mag, symbolisch bleiben die Kulturtechnik der Anthropophagie und die Theorie der Transkreation – die heute auf dem Gebiet der Übersetzungswissenschaft mit postkolonialen Theorien verbunden werden – wichtige Bezugspunkte in der Diskussion von Fragen des Übersetzens und der Interkulturalität, vor allem weil sie die Hierarchien zwischen dominanter und peripherer Kultur, „größeren“ und „kleineren“ Sprachen, Original und Übersetzung unterminieren.

Simone Homem de Mello, 5. Oktober 2022

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Simone Homem de Mello ist Autorin und Literaturübersetzerin. Sie lebte von 1993 bis 2010 in Köln und Berlin, wo sie auch als Dramaturgin, Librettistin und Redakteurin arbeitete. Sie schrieb Libretti zu folgenden Opern: Orpheus Kristall (Komposition: Manfred Stahnke, Biennale für Neues Musiktheater, München, 2002), Keine Stille außer der des Windes (Komposition: Sidney Corbett, Bremer Theater, 2007), UBU – eine musikalische Groteske (Komposition: Sidney Corbett, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen, 2012). Ihre portugiesischsprachige Lyrik ist in Périplos (2005), Extravio Marinho (2010), Terminal, à Escrita (2015) sowie in brasilianischen und ausländischen Anthologien gesammelt. Als Literaturübersetzerin widmet sich der modernen und zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik und dem Werk von Peter Handke. Von 2012 bis 2014 leitete sie das Referenzzentrum Haroldo de Campos im Museum Casa das Rosas (São Paulo), wo sie heute als Forscherin tätig ist. Seit 2011 leitet sie das Studienzentrum für Literaturübersetzung im Museum Casa Guilherme de Almeida (São Paulo). Von ihr erschienen zuletzt die Bücher Augusto de Campos – Poesie (zweisprachige Anthologie: Portugiesisch/Deutsch, 2019) und Haroldo de Campos Tradutor e Traduzido (als Mitherausgeberin, 2019).

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