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Das Schaf

Eines Tages verschwand im Dorf Tèdi ein weißer Widder. Rasch kehrten sich die Verdächtigungen einem Mann zu: dem Alten Amadou. Er war der Dieb, es konnte nur er sein. Der Dorfoberste lud ihn vor Gericht, damit ihm der Prozess gemacht würde. Der Ort des Gerichts war der Vorplatz, wo die Versammlungen stattfanden und wo man alle wichtigen Angelegenheiten Tèdis behandelte. Am rechten Handgelenk trug der Angeklagte eine große Armbanduhr, deren Zeiger still standen. Der Dorfoberste fragte ihn:
–  „Hast du auf die Uhr geschaut?“ Der Alte Amadou befragte seine nicht mehr funktionierende Uhr. Er lächelte und sagte:
–  „Ja, ich habe genau geschaut, ja, und es stimmt nicht.“
– „Aber was stimmt nicht?“, fragte ihn der Dorfoberste.
„Ihr wisst es, es stimmt nicht, niemand hat dieses Schaf bei mir gefunden. Vor allem sagt ihr, es sei seit drei Tagen verschwunden. Nun bin ich aber erst vor einer Woche ins Dorf zurückgekommen, nach dem Verschwinden des Schafs.“
–  „Aber, eine Woche, sagst du, eine Woche, doch das Schaf ist vor drei Tagen verschwunden, also …“
– „Also war ich nicht da, denn ich hatte fünf Tage lang nicht geschlafen, ich hatte nur zwei Nächte Schlaf bekommen.“
– „Aber, Alter Amadou, verstehst du, was man dir vorwirft?“, fragte ihn der Dorfoberste. „Warum bist du geladen? Verstehst du es?“
– „Aber, Dorfoberster, ich verstehe doch unsre Sprache, natürlich, ich verstehe unsere Sprache, ich bin nicht taub.“ Im Gerichtsraum gab es Gelächter.
–  „Verstehst du es wirklich, Alter Amadou?“
– „Aber ihr wisst doch, dass ich von einer Biene ins rechte Ohr gestochen wurde, ich also manchmal auf diesem Ohr schlecht höre?“ Wieder vereinzeltes Lachen.
–  „Also hast du nicht alles gehört, was hier gesagt wurde, Alter Amadou, oder?“
– „Natürlich hab ich es gehört und ich sage euch, ich bin es.“
– „Ah, endlich gibst du zu, der Schafdieb zu sein, richtig?“
– „Ja, das habe ich euch eben gesagt.“
– „Kannst du uns erklären wie du vorgegangen bist, du, der hinkt, um das Schaf zu fangen?“
– „Ah, siehst du, seht ihr? Ich hinke. Ich kann nicht rennen.“
– „Und wie hast du es fangen können?“ Der Alte Amadou räusperte sich und brach in Lachen aus.
–  „Warum lachst du?“, fragte ihn Aboulaye Wouro Tou, der Dorfoberste.
–  „Ich habe ja an eine Aussage meines Sohns gedacht …“
– „Alter Amadou, du hast keine Kinder, du hast keines, du hast nie welche gehabt.“
– „Ich habe keine gehabt, aber ich spreche von meinem dritten Sohn.“
– „Aber du hattest nie Kinder.“
– „Das stimmt, deswegen bringt mich der Gedanke an die Reden meines dritten Sohns zum Lachen.“
– Du machst dich über uns lustig, oder, Alter Amadou? Du stiehlst ein Schaf, du hast es gerade zugegeben, und du erlaubst es dir, von den Reden eines Sohnes zu sprechen, den du nie gehabt hast? Wie heißt er?“
– „Wer?“
– „Dein dritter Sohn?“
– „Ah, der Sohn meines großen Bruders, der dritte Sohn meines großen Bruders? Er heißt Amadou wie ich. Er ist ein Schafdieb und er sagt, die Schafe mögen diejenigen, die sie vom Strick entfernen. Ihr versteht, die Schafe mögen diejenigen, die sie vom Strick ihrer Eigentümer entfernen!“ – Die Dorfältesten wechselten Blicke. Einer von ihnen sagte:
–  „Es stimmt, die Kinder seines Bruders sind seine Kinder, also hat er, selbst wenn er nie Kinder gehabt hat, mehrere. Und weil der, von dem er spricht, ein Schafdieb ist, sieht man, woher das Problem kommt. Er hat von seinem Sohn gelernt, wie man ein Schaf stiehlt, selbst wenn man hinkt wie er.“ Der Dorfoberste fragte den Alten Amadou:
–  „Du hast also das Schaf vom Strick seines Eigentümers entfernt, ist es das?“
– „Aber was für ein Schaf?“, verwunderte sich der Alte Amadou.
–  „Das, das du gestohlen hast, den weißen Widder.“
– „Ah, ja, der weiße Widder, den mein Bruder für die Taufe unserer vierten Tochter gekauft hatte, ja, ah, das stimmt, die Schafe sind heute viel zu teuer. Das stimmt.“ Vereinzeltes Lachen. Der Dorfoberste wandte sich an seine Berater.
–  „Wir entscheiden über die Strafe. Er hat zweifellos diesen Widder verkauft, er soll das Geld, das er damit verdient hat, dem Eigentümer zurückgeben. Wir werden ihn nicht beschämen. Der Tod seiner Frau hat ihn ein bisschen verwirrt gemacht, er hat nicht mehr alle beisammen. Seien wir nachsichtig mit ihm.“ Alle hießen die Worte des Dorfobersten gut. Dieser wandte sich dann zum Alten Amadou:
–  „Hast du gehört, was ich gesagt habe? Du musst das Geld, das du beim Verkauf des gestohlenen Schafs verdient hast, zurückgeben. Das ist alles. Hast du das gut verstanden?“
– „Ja, ja, das Geld, ja, das Geld, das ist unser Problem. Man bekommt es nur schwer, und wenn man es hat, wachsen ihm Flügel und es fliegt schnell davon. Man weiß nicht mal, was man gekauft hat, aber man merkt, man hat keinen Cent mehr, nichts. Was das Schaf angeht“, sagte der Alte Amadou, „jetzt, wo ihr die Wahrheit wisst, kann ich da gehen?“

***

Man betrachtet das Missverständnis im Allgemeinen negativ, es kann je nach Kontexten, Problemen Ursache von Konflikten sein. Manche Tragödien, Kriege zum Beispiel, konnten in bereits angespannten Kontexten aus verschiedenen Deutungen einer Nachricht, ja eines einzigen Wortes entstehen. Die menschliche Sprache, alle Formen der Kommunikation, die mit ihr verbunden sind, bringen Missverständnisse hervor. Aber manche Missverständnisse können eine Art Reichtum bilden, sie öffnen ungeahnten Bedeutungen die Tür und bringen dabei eine Art unwillkürlichen Humor hervor. Das daraus entstehende Lachen ist manchmal ein sozialer Schatz, nötig für den Umgang mit Konflikten. Die Geschichte des Schafdiebstahls und eines Angeklagten mit ein paar Hörschwierigkeiten (er hört auf dem rechten Ort schlecht), die ich geschrieben habe, illustriert dies. Das Missverständnis auch als Quelle des Reichtums zu betrachten, heißt, es in der Dynamik der Kommunikation zu situieren und es nicht auf einen seiner Aspekte zu beschränken.

Dieser Text erschien im Rahmen von Stille Post, ein deutsch-französisches Schreibprojekt über die Kraft der Missverständnisse. Das Literaturprojekt am Literaturhaus Stuttgart wurde gefördert von der Dr. Karl Eisele und Elisabeth Eisele Stiftung und dem Institut français de Stuttgart.

 

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©Francesca Mantovani

Sami Tchak (Pseudonym für Sadamba Tcha-Koura) wurde 1960 in Togo geboren. Er erwarb in Togo seine Licence in Philosophie und verteidigte 1993 seine Dissertation in Soziologie an der Universität Sorbonne-Paris V. Seit einigen Jahren widmet er sich dem Schreiben. Für seinen Roman Le continent du Tout et du presque Rien (2021) erhielt er 2022 den Prix Ivoire. Zu seinen weiteren Veröffentlichungen gehören Place des Fêtes (2001 ; dt. Scheiß Leben, 2004) Hermina (2003), La fête des masques (2004), das 2004 mit dem Grand Prix Littéraire d’Afrique Noire ausgezeichnet wurde, Le paradis des Chiots (2006), für das er den Prix Ahmadou Kourouma erhielt. In Ainsi parlait mon père (2018) und Les fables du moineau (2020) kehrt Tchak erzählerisch in sein togoisches Dorf zurück. Seit 1986 lebt Sami Tchak in Frankreich.

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