TALKS Stille Post Vom Klang der Gärten und Könige
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Vom Klang der Gärten und Könige

Erst als ich zu studieren anfing, habe ich auch ernsthaft damit begonnen, slavische Sprachen zu lernen. Meine Vorstellungen davon, wie sich 'die anderen Sprachen' wohl anhören, hatten sich bereits gebildet, am Englischen und den romanischen Sprachen. Denn obwohl ich in großer geographischer Nähe zur Tschechoslowakei aufgewachsen war, war der Klang slavischer Sprachen in meiner Kindheit abwesend: Wir führten gerade alle zusammen das Stück Eiserner Vorhang auf.

Bei meinen ersten akustischen Begegnungen mit dem Tschechischen und Russischen waren diese Sprachen deshalb für mich wie endlose Ketten scheinbar willkürlich aneinander gereihter Laute. Manchmal, nicht oft, stach aus ihnen ein Internationalismus hervor, an dem man sich für einen Moment festhalten konnte. Zwar sind die germanischen und die slavischen Sprachen miteinander verwandt. Aber dass man es eigentlich mit ein- und demselben Wort zu tun hat, ist selten unmittelbar klar. Das tschechische hrad für Burg zum Beispiel ist ursprünglich dasselbe Wort wie das russische gorod für Stadt und das deutsche Wort Garten. Man erklärte uns, dass dem gemeinsamen Ausgangswort, das sich zu verschiedenen Lautgestalten entwickelt hat und heute unterschiedliche semantische Zuständigkeiten übernimmt, wohl die Beobachtung zugrundeliegt, dass sich aus der schier unendlichen Erstreckung der Welt ein Bereich absondern, ausgliedern und einer speziellen Bestimmung zuführen lässt. Mit besonderen Merkmalen, Zugangsbedingungen, Aufenthaltsregeln. Und mit der Möglichkeit, möchte ich ergänzen, Vorhänge zu installieren und mit ihrer Hilfe alles, was außerhalb dieses abgegrenzten Bereichs vor sich geht, einer stabilen visuellen wie akustischen Verzerrung zu übereignen.

Wir Lernende verglichen also die Klangvorstellungen, die wir uns von den neu erlernten Wörtern machten, mit dem, was wir hörten, und versuchten, das Bekannte ins Unbekannte so einzusortieren, dass sich irgendwie vorstellbare Sätze ergaben. Diese spekulierende Suche nach einem Verstehen war öffnend und produktiv, geradezu unwiderstehlich. Die besten falschen Satzrekonstruktionen wurden damit gefeiert, dass sie zwischen verschiedenen Studierendengruppen und -generationen weitergegeben wurden. Mein all-time-favourite unter den kolportierten Missverständnissen lautet: "Král dubu je pták" – "Der König der Eiche ist ein Vogel". Ein herrlicher Satz. Er ließ sich bestaunen und in Zeichnungen übersetzen, vor allem aber konnte man ihn gut singen, denn er entstammt einer tschechoslowakischen Protesthymne aus den späten 1960er Jahren, Král a klaun, Der König und der Clown. Dieses Lied war dafür mitverantwortlich, dass sein Schöpfer, der Liedermacher und Schriftsteller Karel Kryl, 20 Jahre im deutschen Exil verbringen musste. Denn in Wirklichkeit beginnt Karel Kryls Song mit dem Vers "Král do boje táh" – "Ein König zog in den Krieg", und der Sänger zeigt sich im weiteren Verlauf des Lieds keineswegs als williger Propagandist der kriegerischen Anliegen fiktiver und nicht-fiktiver Könige.

Der Abstand zwischen der Vorstellung von einem Vogel, der gekrönten Haupts auf einer Eiche thront, und der von einem König, der in den Krieg zieht, war damals, Mitte der 1990er Jahre, vor allem vergnüglich. Missverständnis oder nicht, beide Ideen hatten wenig aktuell Beunruhigendes an sich. Vielleicht ist es ein Symptom dessen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben, dass mich beim Lesen von Lenka Horňáková Civades Text Vom Bauch beträchtliche Nervosität befiel, und zwar, als ich eine Stelle erreichte, an der es Laut und Schrift auseinander trieb. An dieser Stelle spricht die Autorin vom Wort „život“, das auf Russisch Bauch heißt und auf Tschechisch Leben, sowie vom russischen Wort für Leben, "žizn'". Lenka Horňáková Civade will dort den Klang der Wörter zugänglich machen und gibt sie dazu entlang der französischen Schrift- und Aussprachekonventionen wieder. In der mir vorliegenden Version des Texts stand deshalb „jivotte“ und „jiznie“. Mir wurde über diesem "j" und "otte" und "nie" heiß und kalt, und noch ehe ich den Text zuende gelesen hatte, schrieb ich schon der Übersetzerin, Annette Bühler-Dietrich. Es sei den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern nicht möglich, teilte ich ihr mit, aus diesen Umschriften abzuleiten, wie sich die Wörter im Russischen und Tschechischen anhören. Da ich Annette Bühler-Dietrich gegenüber nicht zugeben wollte, in welche Unruhe mich die möglichen akustischen Irrwege dieser von mir imaginierten deutschsprachigen Leser·innen versetzten, teilte ich ihr stattdessen mit, dass die Beibehaltung der französischen Umschrift im Deutschen das Bemühen der Autorin um klangliche Transparenz unterlaufe. Obwohl es ein Samstag Mittag war, antwortete mir Annette Bühler-Dietrich sofort, verständnisvoll und freundlich. Und ich war erleichtert, dass sie mich nicht um weitere Vorschläge dazu bat, wie denn auf Deutsch diese gewünschte klangliche Transparenz herzustellen wäre – denn mit diesem ungelösten Problem strich ich bereits um meinen Computer. Wie schreibt man hin, dass ein "sch" oder ein "s" stimmhaft auszusprechen sind, wie lässt sich wiedergeben, dass ein "i" kein deutsches "i" ist, sondern irgend etwas zwischen "i" und "ü" – am besten sagt man "ü" und zieht dabei die Lippen wie beim "i" auseinander – wie sollten also diese Deutschsprachigen erfahren, wie sich russische und tschechische Leben und Bäuche wirklich anhören? Ich wollte die Sache für diesen Tag zur Seite zu legen, aber das Gehirn hatte sich schon hineingebissen.

Am nächsten Tag war ich immer noch beunruhigt. Aus vielerlei naheliegenden Gründen. Aber auch wegen der Frage, warum mir diese klangliche Eindeutigkeit nun so essenziell schien, dass sie mich in stundenlange Nervosität versetzen konnte. In Kriegszeiten gelte es, so war in den letzten Wochen immer wieder zu hören, Missverständnissen so gewissenhaft wie möglich vorzubeugen. Aber ich vermute, meine Unruhe war etwas anders perspektiviert. Sie speiste sich aus dem – sich verselbständigenden – Wunsch, die aktuellen Geschehnisse doch noch irgendwie zu verstehen, sowie aus der Hoffnung, klangliche Klarheit werde dieser Verstehenssuche irgendwann zum Erfolg verhelfen. Diese Hoffnung ist weniger absurd, als sie sich zunächst anhört. Immerhin gründet sich unser Sprechen auf genau dieses Prinzip: Über den Klang wird Verständnis möglich. Im Alltag stimmt das meistens. Es genügt dabei allerdings nicht, den Klängen einer Sprache die richtigen Bedeutungen zuzuordnen. Entscheidend sind ebenso Intonation und Klang einer Stimme. Erst daraus lässt sich zuverlässig ableiten, ob eine Sprecherin den kämpfenden König bewundert, verachtet oder seine Existenz bezweifelt. Wenn ich nur alles richtig höre, so das Versprechen der gesprochenen Sprache, dann werde ich auch verstehen können. Und, so der implizit nächste Schritt, angemessen reagieren. Mein Verstehen ist dann der Auftakt zu Gemeinsamkeit. Nun aber zeigt sich – eine Erfahrung, die sich auch schon im Blick auf die deutsche Geschichte machen ließ –, es gibt Vorgänge, bei denen alles richtig interpretiert ist, jedes Wort korrekt identifiziert, Klang, Gestik, Mimik sind angemessen eingeordnet, aber genau das führt zu vollkommenem, fundamentalem, hilflosem Unverständnis. Die gelingenden Entschlüsselungsvorgänge legen ein blankes Nichtverstehen bloß, das sich verbreitet, vertieft und den ganzen Körper erfasst. In diesem Moment senkt sich ein Vorhang, dessen Material nicht bestimmbar ist. Es ist allerdings eines, dessen Präsenz Schmerzen auslöst.

Der Text von Karel Kryls Der König und der Clown geht übrigens gut verständlich weiter. Der Clown sieht den König und seine Rotte – zu der er gehört – brandschatzend und mordend durchs Land ziehen. Er hört die Leute entsetzt flüstern. Doch dann gelingt es diesem Clown, die Menschen davon zu überzeugen, laut zu werden, aufzustehen. Sie wenden sich gegen den König, und der stirbt, weil ihn aus Angst vor dieser Gegenwehr der Schlag trifft ("Krále (…) trefil šlak"). Zum Schluss heißt es: "a zem žila dále / a neměla krále / klaun na loutnu hrál" – "und die Welt lebte weiter / sie hatte keinen König mehr / der Clown spielte die Laute". Ich habe nachgesehen, ob es im Internet auch russische Übersetzungen von Karel Kryls König und Clown gibt. Tatsächlich zeigten mir die Suchmaschinen Seiten an, und ich konnte auch kleine Übersetzungsfetzen sehen. Aber wenn ich daraufklickte, erschien "Seite nicht gefunden". In Putins Burg lebt der König noch. Man wird weitersuchen müssen.

Dieser Text erschien im Rahmen von Stille Post, ein deutsch-französisches Schreibprojekt über die Kraft der Missverständnisse. Das Literaturprojekt am Literaturhaus Stuttgart wurde gefördert von der Dr. Karl Eisele und Elisabeth Eisele Stiftung und dem Institut français de Stuttgart.

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©Sebastian Wenzel

Anja Utler, geboren 1973 in Schwandorf, lebt nach Jahren in Wien, Regensburg und Prag derzeit in Leipzig. Sie ist Dichterin, Übersetzerin und Essayistin und hat zu Fragen der Lyriktheorie publiziert. Als Übersetzerin publizierte sie zuletzt Bände von Semjon Hanin, Mila Haugová und Anne Carson, als Dichterin den poetischen Monolog kommen sehen. Lobgesang (Edition Korrespondenzen, Wien 2020). In der Wetterwerkstatt Offenbach war 2022 die in Kooperation mit Andrea Grill entwickelte poetische Installation "Hitze | Wärme" zu sehen und zu hören. Anja Utlers Gedichte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt; die Autorin wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Ernst-Meister-Preis für Lyrik 2021.

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