TALKS Stille Post Bei mir bist du…
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Bei mir bist du…

Ich erinnere mich, ich war vier oder fünf Jahre alt. Mit den Eltern verbrachten wir die Sommerferien in Italien und ich spielte mit einem kleinen italienischen Mädchen meines Alters. Ich erinnere mich, am Strand sagte ich ihr – und ich sehe mich nahe dem Meer, barfuß, und ich höre das Rauschen der Wellen. Selbst wenn ich mir des Bildes nicht sicher bin, bin ich es doch des Tons. Ich sagte, siehst du, das, das ist ein Schuh. Also auf Französisch heißt das „chaussure“. Es war einfach, es gab eine erste Sprache, eine Ursprache, in der „chaussures“ „chaussures“ hießen, und es traf sich gut, dass sich dem das Französische am stärksten annäherte.

Ich wusste dennoch immer, dass es mehrere Sprachen gab. In meiner Familie sprach man Französisch, aber abgesehen von meiner Mutter und ihrem Bruder, die die Sprache in der Schule gelernt hatten, sprachen meine Großmutter und ihre Brüder und mein Vater Französisch mit Akzent, durchsetzt von jiddischen Ausdrücken, wenn sie sich nicht ganz in dieser Sprache ausdrückten. Man sang mir auch Lieder auf Jiddisch vor, die ich wiederum sang. Mein Vater erzählte mir eines Tages, dass ich manchmal in der Metro ohne Unterschied Chansons von Yves Montand anstimmte – den meine Eltern damals sehr bewunderten – und traditionelle jiddische Lieder. Zu der Zeit war das Jiddische eine Familiensprache. Es kam einem nicht in den Sinn, dass man sie weitergeben könnte. Einige Jahre vorher war sie synonym mit Gefahr gewesen, sie hätte die Person, die sie gesprochen hätte, ebenso endgültig bezeichnet wie das Tragen des gelben Sterns. Ein paar Jahre später – die Szene in Italien wie die in der Metro spielen am Ende der Fünfzigerjahre – war der dem Jiddischen aufgedrückte Stempel geblieben, die affektive Verbundenheit auch, wenn auch die seltenen Personen, die es sprechen konnten, es irgendwie heimlich taten, im Schutz ihrer vier Wände. Das erklärt das Unbehagen, das mein Vater empfunden haben musste, wenn er mich auf Jiddisch in der Metro singen hörte, als sei es eine normale Sprache.

Dass Jiddisch normal war, schien mir umso offensichtlicher, als ich im Radio in diesen Jahren gelegentlich ein Lied hören konnte mit dem Titel Bei mir bist du schön. Ich verstand etwas wie Bei mir bist du shein und, da ich kein Deutsch konnte, war ich überzeugt davon, es sei Jiddisch. Sehr viel später, als ich wieder an diese Verwirrung zwischen dem Deutschen und dem Jiddischen dachte – ich muss dazu sagen, meine Großmutter wollte, dass ich Deutsch im Gymnasium lernte, damit ich Jiddisch verstehen könne, ein durchaus ungewöhnliches Vorgehen in den Sechzigerjahren in Familien, die von der Deportation betroffen waren, ich muss auch dazu sagen, ich verstehe noch heute das Jiddische durch das Deutsche, mit Ausnahme einiger Wörter, die ich in der Kindheit gehört habe – als ich sehr viel später an diese Verwirrung dachte, stellte ich einige Recherchen im Internet an. Es gab tatsächlich zwei Versionen dieses Liedes, die eine auf Jiddisch, die andere auf Deutsch. Das Lied stammt aus einem jiddischen Musical vom Anfang der Dreißigerjahre, Would if I could (dessen Geschichte von Einwanderung handelt). Eine englische Jazzversion wurde 1938 durch die Andrew Sisters bekannt, mit Ausnahme dieses Satzes auf Jiddisch, aber eines verdeutschten Jiddisch, der in gewisser Weise als Refrain diente. Das Lied hatte großen Erfolg, auch in Deutschland, unter dem Titel Bei mir bist du schön. Zarah Leander, schwedische Muse des Nationalsozialismus, nahm es im gleichen Jahr auf Schwedisch auf, mit Ausnahme des berühmten Satzes, dieses Mal in Standarddeutsch gesungen. Bis die Nazis entdeckten, dass der Komponist Sholom Secunda und der Librettist Jacob Jacobs beide jüdischer Herkunft waren und das Lied sich in die lange Liste der im Dritten Reich verbotenen Werke einreihte. In Frankreich wurde das Lied auch 1938 aufgenommen, von Leo Marjane, einer Sängerin, die wie so viele andere während der Besatzung auftrat, aber die nach dem Krieg mehr Ärger hatte als manch andere und sich davon nicht erholte. Auf der Aufnahme wird der Ton „ö“ zum Diphtong, man hört eigentlich nicht schön, es hört sich eher an wie Deutsch mit englischem Akzent oder wie Jiddisch. Laut Hélène Hazéra, Spezialistin für das französische Chanson, der gegenüber ich eines Tages die Gelegenheit hatte, diese erstaunliche Geschichte zu erwähnen, bestand Leo Marjane darauf, diesen Satz auf Jiddisch zu singen, auch unter der Besatzung …

Welche Version hatte ich im Radio gehört? Gewiss nicht die von Leo Marjane, die aus dem Rundfunk verbannt war. Ohne Zweifel auch nicht die Originalversion auf Jiddisch. Am wahrscheinlichsten die der Andrew Sisters, auf Englisch gesungen mit Ausnahme der Refrainzeile, artikuliert in einer Sprache zwischen dem Jiddischen und dem Deutschen. Außerdem schilderte das Lied jemanden, der nicht die Landessprache sprach und der seine Liebe einer Frau offenbaren wollte, ein Gefühl, das er nur in seiner Muttersprache ausdrücken konnte, dem Jiddischen, während der Inhalt der Situation in der Landessprache geschildert war – und folglich auf Schwedisch bei Zarah Leander, auf Englisch bei den Andrew Sisters, auf Französisch bei Leo Marjane. Noch ein Alleinstellungsmerkmal: Dieses von einem Mann wegen einer Frau geschriebene Lied wird meistens von Frauen gesungen, jedenfalls in den bekanntesten Fassungen.

Für mich war das Jiddische folglich zulässig, weil es ja im Radio vorkam, und auf Jiddisch in der Metro zu singen war für mich ganz natürlich. Aber man ließ mich sicherlich verstehen, dass es besser wäre, das nicht zu tun. Ich kann mir diese Szene am Meer nicht anders erklären, wo ich anlässlich banaler Schuhe die Vorstellung einer Ursprache entwarf, mit der das Französische übereinstimmte, und so die Zerstreuung der Sprachen und den Turm von Babel abschaffte. Mit dieser Erklärung wollte ich im Grunde genommen ohne Zweifel mich selbst beruhigen. In diesem Magma von durch die Geschichte gezeichneten Sprachen, war es da nicht besser, sich zeitweise einen markierten Weg zu öffnen, eine Straße ohne Gabelung, ohne Risiko von Missverständnissen? Aber wie bei allen scheinbar geraden Straßen, würde sich auch bei dieser die Komplexität des Wirklichen bald zeigen …

Dieser Text erschien im Rahmen von Stille Post, ein deutsch-französisches Schreibprojekt über die Kraft der Missverständnisse. Das Literaturprojekt am Literaturhaus Stuttgart wurde gefördert von der Dr. Karl Eisele und Elisabeth Eisele Stiftung und dem Institut français de Stuttgart.

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©Sebastian Wenzel

Cécile Wajsbrot, geboren 1954 in Paris, studierte in Paris vergleichende Literaturwissenschaften. Sie lebt als Romanautorin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Englischen und Deutschen in Paris und Berlin. Sie schreibt auch Hörspiele, die in Frankreich sowie in Deutschland gesendet werden. Mit ihrem Roman Zerstörung (2020), einer Dystopie, hat sie eine Pentalogie, Haute Mer, abgeschlossen. Ihr Roman Nevermore (2021) wurde in der Übersetzung von Anne Weber 2022 mit dem Übersetzungspreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 

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