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Mein Sprachbaum

Es war eine Liebesgeschichte, die mich nach Deutschland führte, kein Krieg und keine wirtschaftliche Not. Ich war eine aufstrebende Literaturwissenschaftlerin, die in ihrer jugendlichen Naivität glaubte, dass es genügt, fleißig zu sein, und dann wird schon alles gut gehen, das Gefühl der Fremdheit wird sich legen, man wird mir Professuren anbieten, und ich werde nicht nur über Frauenliteratur forschen, sondern unvergessliche Bestseller schreiben, in welcher Sprache auch immer. Die Wahl der Sprache schien mir das kleinste Problem zu sein, man kann jede Sprache lernen, dachte ich. Doch es kam alles anders. Die Liebesgeschichte endete irgendwann, die Jugend auch, und mit ihr die Naivität, nur das Fremdsein haftete hartnäckig an mir, und es war vor allem mit der Sprache verbunden.

In den ersten Tagen kam mir die Universitätsstadt Münster grau und unwirtlich vor, die Bewohner zurückhaltend und schweigsam. Ich bin an der Adriaküste aufgewachsen, am lauten, gesprächigen Mittelmeer, außerdem lebte ich ein Jahr, bevor ich nach Deutschland kam, in Rom. Das war keine gute Voraussetzung, um in der westfälischen Ebene nicht melancholisch zu werden. Glücklicherweise liegt Münster mit seinen wenig kommunikativen Einwohnern unweit der niederländischen Grenze, von wo man bis zum Meer kaum zwei Stunden braucht. Die glitzernde Wasseroberfläche, die Dünen, die Muscheln, die von den Wellen zu Sand zerrieben werden, waren der Ersatz für jene Sprachmischung, die ich in meinem Kopf pflegte und zu der neben Gesten und Mimik auch die Geräusche der Natur gehörten, und die ich mir wie eine üppige Baumkrone vorstellte. In der salzigen Luft kam es mir jedes Mal so vor, als hörte ich aus dem Wellentosen a capella Chöre heraus, die voller Sehnsucht dalmatinische Lieder singen. In den Niederlanden erwartete außerdem niemand, dass ich Niederländisch beherrschte, ich war dort eine arglose Touristin, keine Ausländerin.

Mein Problem steckte in diesem Wort: Ausländerin. In ihm waren Klassenzugehörigkeit und ethnische Herkunft verwoben, eine Falle, der man damals in Deutschland nur schwer entkommen konnte. Nach der Epoche des Anwerbens von Gastarbeitern, die zwischen den fünfziger und siebziger Jahren aus einem zerstörten und verstörten Land eine erste zaghafte multikulturelle Landschaft formten, entflammte mit der ersten Wirtschaftskrise die Ausländerfeindlichkeit. Eine individuelle Differenzierung innerhalb der Gruppen war nicht vorgesehen, und so hießen alle Zugezogenen aus der Türkei oder aus Jugoslawien Ausländer, egal ob sie wie ich studierten oder ob sie auf dem Bau schufteten. Franzosen oder Amerikaner, Engländer oder Niederländer wurden dagegen mit dem Namen ihrer Länder bezeichnet. Spanier, Griechen und Portugiesen waren auch Ausländer, nur die Italiener bildeten unter den Gastarbeitern eine Ausnahme, und sie erlaubten sich sogar einzelne italienische Wörter in ihr Deutsch zu integrieren, was alle sympathisch fanden, genauso wie ihren Akzent. Meinen Akzent fand dagegen niemand sympathisch, einmal sagte mir jemand wohlwollend, dass ich mich bemühen sollte, meinen Jugo-Gastarbeiterakzent loszuwerden, sonst würde man mich immer als Putzfrau wahrnehmen. Auch wenn ich trotzig antwortete, dass auch eine Putzfrau ein schätzenswerter Mensch sei, wurde ich traurig.

Viele Jahre später beschimpfte mich ein älterer Herr auf dem Parkplatz eines Münsteraner Supermarkts. Ich war mit meinen Kindern unterwegs, und wir unterhielten uns fröhlich und laut auf Kroatisch, als er plötzlich über die Dächer der parkenden Autos rief „Sprechen Sie gefälligst Deutsch mit ihren Kindern, sonst lernen sie es nie!“ Mit dem Instinkt einer Löwin, die ihre Jungen beschützt, brüllte ich zurück: „Meine Kinder sprechen sehr gut Deutsch, aber da sie klug sind, beherrschen sie mehrere Sprachen!“ Der alte Mann murmelte etwas, winkte ab und verschwand. Niedergeschlagen lauschte ich dem Rauschen in meinem inneren Sprachbaum.

Das Bild eines Sprachbaums war in meiner Kindheit entstanden. Nach dem Einmarsch in Prag, mit dem der Prager Frühling endgültig beendet wurde, lud mein Vater eine Familie tschechischer Touristen ein, bei uns zu wohnen, bis sie einen Weg gefunden hatten, in die Schweiz zu gelangen, wo Verwandte auf sie warteten. Sie waren die ersten Flüchtlinge, die ich kennengelernt habe. Es war Ende August 1968, anderswo träumte man von Umstürzen und Revolutionen, und wir zeigten unseren Gästen Strände und Promenaden, Museen und Galerien, Plätze und Hotelterrassen, den Diokletianpalast und die Kathedrale. Am Anfang ihres Flüchtlingsdaseins in Split drehten sich alle Gespräche um Ähnlichkeiten und Unterschiede unserer beiden Sprachen. Mein Vater, ein neugieriger Mensch mit dem Geist eines Naturwissenschaftlers, staunte über diese sprachliche Verwandtschaft. Er wusste zwar, dass auch Russisch dem Kroatischen ähnlich ist, Slowenisch, Mazedonisch, Bulgarisch und Serbisch sowieso, aber dennoch konnte er geradezu kindlich staunen, wenn er über diesen verzweigten allslawischen Sprachenreichtum nachdachte und eine weitere ähnliche Sprache entdeckte. In jenem Spätsommer verbrachten wir Stunden mit dem Vergleichen unserer Sprachen, während die russischen Panzer durch die Tschechoslowakei rollten. Meine Eltern verständigten sich mit ihren Gästen mit Händen und Füßen, mit Gestik und mit Mimik, mit einem kleinen Wörterbuch und mit sehr vielen Ohs und Ahs, die sie ausriefen, wenn sie wieder eine gemeinsame Wortwurzel entdeckt hatten. Wurzeln, die Wörter haben Wurzeln, und alle Sprachen wachsen an einem einzigen, aber verzweigten Baum, so erklärte es uns mein Vater, der selbst gerade erst diese Erkenntnis gewonnen hatte.

Bei meiner Ankunft in Münster konnte ich neben meiner Muttersprache Kroatisch sehr gut Italienisch und Englisch, einigermaßen Russisch, passabel Französisch, aber kaum Deutsch. Ich sah alle Sprachen und sogar Sprachfetzen, die ich irgendwo aufgeschnappt hatte, als unzertrennlich verbunden. Die Wurzeln meines inneren Sprachbaums waren der dalmatinische Dialekt, dicht neben ihm das Kroatische, das wir in der Schule lernten, das Italienische, das ich im abgedunkelten Wohnzimmer einer Bekannten meiner Eltern lernte (wir lasen an nie enden wollenden Nachmittagen Cuore von Edmondo De Amicis, während die anderen Kinder draußen spielten), die zahlreichen Sprachen und Dialekte Jugoslawiens, die man zunächst nur im Radio, später dann im Fernsehen hören konnte, und einige tschechische Sprichwörter, die uns unsere Flüchtlingsgäste 1968 beigebracht hatten, dazu noch all die Sprachen, die ich bis dahin in der Schule und auf Reisen gelernt hatte. In die Rinde meines Sprachbaums war der Zungenbrecher eines dalmatinischen Dichters eingeritzt, der die schwirrende Hitze eines Sommertags mit dem unübersetzbaren Vers i cvrči cvrči cvrčak na čvoru crne smrče getreu wiedergibt. Als Kind hatte ich das kyrillische Alphabet parallel zum lateinischen gelernt, weil im sozialistischen Jugoslawien die Disney-Comics in einem serbischen Verlag erschienen, und das half mir beim Erlernen des Russischen; Französisch lernten wir in der Schule, außerdem war einer meiner Onkel Fußballtrainer in Tunesien, und ich verbrachte einige Monate in seinem Haus in Bizerte; Englisch lernten wir in der Schule, und außerdem waren die Filme in Jugoslawien nicht synchronisiert. In der Schule liebte ich vor allem Latein, bewunderte die Eleganz seiner Grammatik, freute mich, wenn ich die Lateinvokabeln in anderen Sprachen wiedererkannte. Doch mit dem Umzug nach Deutschland verlor der Sprachbaum seine magische Kraft. Ich musste nur noch Deutsch können, wenn ich hier leben wollte. Plötzlich konnte ich auch nicht mehr zurück – in meinem Land herrschte Krieg, außerdem hatte ich Kinder, die Deutsche waren, auch wenn sie eine kroatische Mutter hatten.

Ich hoffte, dass der Fluch der Fremdheit mit besseren Sprachkenntnissen verschwinden würde, aber ich wusste nicht, wie ich Deutsch so perfekt lernen sollte, dass niemand mehr erkannte, dass ich eine Fremde war. 36 Jahre und viele in deutscher Sprache veröffentlichte Bücher später weiß ich: Es ist nicht möglich und zum Glück auch nicht nötig. Mein Akzent ist geblieben, ich rolle erbarmungslos das südslawische r und kann kein ch hauchen, außerdem schleichen sich immer wieder Fehler in mein Deutsch ein, ich lasse ab und zu einen Artikel aus, und manchmal kann ich mich nicht erinnern, welches grammatikalische Geschlecht ein Substantiv hat. Doch die Zeiten ändern sich, in mancher Hinsicht zum Besseren. Heute mutet Münster mit seinen vielen Cafés im Hafen am Dortmund-Ems-Kanal und mit der hübsch ausgebauten Uferpromenade am Aasee mediterran an. Und nicht nur die Stadt, das ganze Land hat sich verändert. Inzwischen sind Migrantinnen und Migranten überall im öffentlichen Diskurs präsent, sie verteidigen das Recht auf Mehrsprachigkeit, auf den Schulhöfen ist der multiethnische Slang cool geworden. Und ich begreife allmählich, dass ich aus meiner Angst vor dem Fremdsein die Sprachperfektion überbewertet hatte, und dass Deutsch viel mehr kann, als nur unfehlbar zu sein.

Dieser Text erschien im Rahmen von Stille Post, ein deutsch-französisches Schreibprojekt über die Kraft der Missverständnisse. Das Literaturprojekt am Literaturhaus Stuttgart wurde gefördert von der Dr. Karl Eisele und Elisabeth Eisele Stiftung und dem Institut français de Stuttgart.

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©Sebastian Wenzel

Alida Bremer, Dr. phil., geboren 1959 in Split/Kroatien. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik in Belgrad, Rom, Münster und Saarbrücken. Alida Bremer arbeitet heute als Freie Autorin und Übersetzerin aus dem Kroatischen. Als Übersetzerin erhielt sie 2018 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der  Kulturen der Welt zusammen mit Ivana Sajko für Liebesroman. Ihr Roman Olivas Garten war 2019 die Wahl Essens für „Eine Stadt liest ein Buch“, 2021 erschien ihr neuer Roman Träume und Kulissen. Alida Bremer ist Mitgründerin des PEN Berlin, sie lebt und arbeitet in Münster.

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